10.06.2009 · Mit Arcandor gibt es den nächsten großen Insolvenzfall in Deutschland. Für Anwälte und Restrukturierungsberater sind derartige Fälle Goldgruben. Viele deutsche Kanzleien bauen dieses Gebiet aus. Der Kuchen reicht für alle.
Von Melanie AmannEs ist schon ein „running gag“ in den Vereinigten Staaten: Um den Insolvenzantrag von General Motors zu stemmen, gebe es nicht mehr genug Rechtsanwälte, lästern die Jura-Blogger. Der Markt für erfahrene Pleiteberater sei völlig leergefegt. Schließlich müssten sie sich auch schon um den ebenfalls insolventen Autobauer Chrysler kümmern. Ganz zu schweigen von der kollabierten Bank Lehman Brothers. So schätzt die Großkanzlei Linklaters, dass sie für ihre Beratung zur Lehman-Insolvenz gut 300 Anwälte in 11 Ländern eingesetzt hat.
Gute Beratung ist nötig für derartige Mammutinsolvenzen, aber sie hat ihren Preis. Nach nur drei Monaten habe die Kanzlei Weil Gotshal & Manges, die Lehman in Amerika abwickelt und auch die GM-Insolvenz vorbereitet hat, eine Rechnung von 55 Millionen Dollar präsentiert, berichtet die „New York Times“. In nahezu jeder Kanzlei mit einem guten Namen für „bankruptcy cases“ müsse sich in diesen Tagen ein Heer von Mitarbeitern durch Berge von GM-Akten wühlen. „An diesem Verfahren werden 10 Millionen Anwälte jeweils 10 Millionen Dollar verdienen“, klagte ein Gewerkschaftsfunktionär vor Jahren, als GM schon einmal die Insolvenz drohte.
Auch andere Wirtschaftszweige verdienen
An den großen Pleiten verdienen auch noch andere Wirtschaftszweige wie Banken, PR- und Unternehmensberatungen, zum Beispiel die Restrukturierungsexperten von Alix Partners, die das Konzept für „New GM“ ausgearbeitet haben. Außerdem müssen die Insolvenzanwälte durch die Lande reisen, unterwegs essen und schlafen und womöglich Büroräume anmieten. Das gibt Fluggesellschaften, Autovermietungen, Restaurants, Hotels und Immobilienbüros Grund zur Freude.
Von der Krise leben auch hierzulande viele Berater. Das zeigt allein der Fall des Autobauers Opel, der vor wenigen Tagen aus der Muttergesellschaft GM herausgelöst wurde: Die Bundesregierung heuerte dafür die Düsseldorfer Berater von Shearman & Sterling an, das Land Hessen setzte auf die Kanzlei Simmons & Simmons, das Opel-Management auf einen Insolvenzrechtler der Kanzlei Wellensiek. Der Gesamtbetriebsrat von Opel leistete sich ebenfalls eigene Berater, und GM Europe beauftragte drei weitere Großkanzleien mit verschiedenen Teilaspekten der Rettungsaktion.
Die Zügel in die Hand nehmen
Zwei Kategorien von Rechtsberatern erleben in der Wirtschaftskrise einen Boom: die Insolvenzverwalter im klassischen Sinne und all jene, die sich mit dem Thema Restrukturierung auskennen. Glaubt man den Zahlen von Creditreform, dann werden sich die etwa 2000 deutschen Insolvenzverwalter in diesem Jahr um mehr als 35.000 Unternehmensinsolvenzen und bis zu 145.000 Privatinsolvenzen kümmern. Zu den Sanierungsfällen zählen Traditionshäuser wie der Porzellanhersteller Rosenthal, der Chiphersteller Qimonda und die Kaufhauskette Sinn Leffers.
Wenn sie von den Amtsgerichten bestellt werden, nehmen die Verwalter selbst die Zügel des insolventen Unternehmens in die Hand und verhandeln eigenständig mit den Gläubigern, Anteilseignern, Betriebsräten oder Geschäftspartnern. Traditionell findet man Insolvenzverwalter weniger in Großkanzleien, sondern eher in kleineren, spezialisierten Büros. Aber langsam wachsen auch die Kanzleien für Sanierungsrecht. Sozietäten wie Kübler oder Pluta zählen etwa gut 50 Insolvenzverwalter und insgesamt fast 200 Mitarbeiter. Das Wachstum spiegelt sich auch in der Zahl der Verfahren wider. Das Branchenblatt „Indat Report“ erstellt jedes Jahr ein Ranking der Insolvenzverwalter anhand ihrer Mandate. Im Jahr 2008 zählte die Kanzlei auf dem Spitzenplatz, Brinkmann & Partner, 225 neue Fälle.
Fokus auf die Sanierung gerichtet
„Zur Zeit der Konkursordnung galt dieses Rechtsgebiet manchen noch als etwas unfein“, sagt der Insolvenzverwalter Sven-Holger Undritz, Partner der Kanzlei White & Case, die sich als eine der wenigen Großkanzleien mehrere Insolvenzverwalter leistet. „Wenige wollten etwas mit Pleiten zu tun haben.“ Die neue Insolvenzordnung von 2002 habe den Fokus dann aber stärker auf die Sanierung gerichtet. „Deshalb hat sich das Image etwas gebessert. Und in diesen Tagen ist das Thema ganz hoch im Kurs.“
Das gilt vor allem, seit das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen am Boden liegt. Die Kanzleien beschäftigen allerdings nicht mehr Insolvenzverwalter, sie setzen vielmehr auf das Geschäft mit der Restrukturierung. Hinter dem Begriff kann sich alles Mögliche verbergen - „er ist eine ziemliche Worthülse“, sagt Undritz. Nicht nur Insolvenzrechtsexperten kommen hier zum Einsatz, oft satteln gestandene Anwälte um und nutzen ihre Kenntnisse im Gesellschaftsrecht, Bank- und Finanzrecht, Steuerrecht oder Arbeitsrecht für Sanierungsfälle. Kleine Restrukturierungsabteilungen hatten die meisten Kanzleien schon vor der Krise. Früher wurden sie oft belächelt oder als Zuarbeiter gesehen. Heute schieben die Kanzleien sie ins Rampenlicht, Neuzugänge können sie sich aussuchen. Auch Investmentbanken bauen Restrukturierungsabteilungen auf.
Da der Gesetzgeber in der Krise den Überschuldungsbegriff der Insolvenzordnung gelockert hat und frühere Insolvenzkandidaten jetzt länger alleine vor sich hinwursteln dürfen, wächst auch deren Beratungsbedarf. Eine Restrukturierungsberatung durch Anwälte kann etwa darauf zielen, einen Schuldenberg abzubauen. Anderswo sollen die Berater den juristischen Weg zu niedrigeren Kosten weisen - Stichwort Personalabbau oder Standortschließung -, den Verkauf von Geschäftsteilen begleiten oder Unternehmen auf neuen Geschäftsfelder begleiten.
„Anders als die Insolvenzverwalter stehen die Anwälte hier nicht selbst in der unternehmerischen Verantwortung“, sagt Sven-Holger Undritz. „Sie sind weiterhin die Dienstleister des Mandanten.“ Aber ob Insolvenzverwalter oder Restrukturierungsberater, in beiden Fällen sei wirtschaftlicher Sachverstand unentbehrlich. „Außerdem muss man damit zurechtkommen, die Anlaufstelle für alle Fragen zu sein“, sagt der Anwalt. „Die Geschäftsführer, die Arbeitnehmervertreter, die Lieferanten, die Banken - alle stellen Forderungen.“
Richtig, aber...
Sven Kaiser (SvenKaiser)
- 10.06.2009, 14:23 Uhr
Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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