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Arbeitsplatzverlust Zurück auf Los

03.11.2009 ·  Jessi Walter hat in der Finanzkrise ihren Job verloren. Doch sie hat sich aufgerappelt, ihr eigenes kleines Unternehmen gegründet. Was sie nicht weiß: Laut Statistik sehen ihre nächsten zwei Jahrzehnte düster aus. Denn Langzeitstudien zeigen, dass das alte Gehaltsniveau nach Entlassungen kaum wieder erreicht wird.

Von Corinna Budras
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Mit 21 Jahren hat sie einen Abschluss der Eliteuniversität Harvard in der Tasche, eine Festanstellung bei der Investmentbank Bear Stearns, und auch der Aufstieg zum „Vice President Credit Strategy“ lässt nicht lange auf sich warten: Jessi Walter ist jemand, den die Finanzjournaille ein „Wall-Street-Wunderkind“ nennt. Doch im März 2008 ist plötzlich alles vorbei: Bear Stearns ist pleite und wird an den Wettbewerber J.P. Morgan verschleudert. 26 Jahre ist Jessi Walter alt, als sie ihren Job verliert. Am 2. Juni 2008 hat sie ihren letzten Arbeitstag, danach fällt sie zwei Wochen in eine Schockstarre. Als sie wieder erwacht, beginnt sie, ihr Leben zu ändern.

Die ehemalige Kreditspezialistin macht sich selbständig und stampft ihr eigenes kleines Unternehmen aus dem Boden: „Cupcake Kids“ heißt ihre Kochschule für Kinder, mit der sich die Bankerin einen alten Traum erfüllt. Nur wenige Monate nach dem jähen Ende ihrer rasanten Karriere sitzt die große, schlanke Frau mit dem breiten Lachen schon wieder entspannt in einem Café im New Yorker Szeneviertel Greenwich Village und plaudert von Businessplänen, ihrer Leidenschaft fürs Kochen und dem Mut, sein berufliches Leben noch einmal komplett von vorne zu beginnen.

Was Jessi Walter zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Laut Statistik sehen ihre nächsten zwei Jahrzehnte in finanzieller Hinsicht nicht gerade rosig aus: Wer in Amerika in einer Rezession seinen Job verliert, verdient auf einem neuen Arbeitsplatz im Schnitt 30 Prozent weniger als die glücklichen Kollegen, die ihre Stelle behalten haben. Auch noch lange Zeit später wirken diese Einkommenseinbußen nach: Selbst nach 15 bis 20 Jahren verdient der Betroffene noch bis zu 20 Prozent weniger. Auch gesundheitlich verheißt eine Kündigung nichts Gutes: Für Männer verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit eines plötzlichen Todes direkt nach einer Kündigung.

Erstmals Daten über einen Zeitraum von dreißig Jahren ausgewertet

Das sind die erschütternden Erkenntnisse aus mehreren Studien, die der deutsche Wirtschaftsprofessor Till von Wachter von der New Yorker Columbia-Universität mit verschiedenen Kollegen durchgeführt hat. Gemeinsam mit Jae Song von der amerikanischen Sozialversicherung und Joyce Manchester vom wissenschaftlichen Dienst des amerikanischen Kongresses untersuchte Wachter die langfristigen Einkommensverluste, die durch Kündigungen in der großen, weltumspannenden Rezession Anfang der achtziger Jahre verursacht wurden. Dabei verglichen die Wissenschaftler erstmals umfangreiche Daten der amerikanischen Sozialversicherung über einen Zeitraum von dreißig Jahren zwischen 1974 und 2004.

Im Zentrum der Studie standen Arbeitnehmer, die in einem stabilen Arbeitsverhältnis in einem größeren Unternehmen standen, bevor sie während der Rezession ihre Stelle verloren. Nach Wachters Erkenntnissen taucht dieses Phänomen in allen Bereichen auf und ist deshalb auch für den heutigen Zeitraum relevant. Die Einbußen treffen nahezu jeden unabhängig von der Branche oder dem Geschlecht. Lediglich in den Grafiken haben sich die Wissenschaftler auf die Männer konzentriert, weil sie im Gegensatz zu den Frauen in den achtziger Jahren die klareren Karriereerwartungen hatten.

In Deutschland sieht die Bilanz nur unwesentlich besser aus

An diesem Befund können soziale Netze scheinbar wenig ändern, denn auch in Deutschland sieht die Bilanz nur unwesentlich besser aus: Trotz des üppigen Arbeitslosengeldes und der nahezu unbegrenzten Arbeitslosenhilfe der achtziger Jahre summieren sich die Einkommensverluste in den 15 Jahren nach der Entlassung hierzulande ebenfalls dauerhaft auf bis zu 15 Prozent. Unterschiede ergeben sich zwar dadurch, dass das Lohnspektrum in Deutschland nicht so groß ist wie in den Vereinigten Staaten, sagt Wachter, der die amerikanische Studie gemeinsam mit seinem Kollegen von der Columbia-Universität Johannes Schmieder und Stefan Bender vom IAB mit Zahlen aus der deutschen Beschäftigungsstatistik neu aufgelegt hat. Allerdings verbringen die Menschen eine längere Zeit in der Arbeitslosigkeit, bevor sie wieder eine neue Stelle finden.

Für diese dramatischen Einschnitte haben Ökonomen verschiedene Erklärungen: So könnten die Arbeitnehmer quasi Opfer ihres „spezifischen Humankapitals“ geworden sein: Wer sich in einem bestimmten Feld spezialisiert hat, wird nach einem Arbeitsplatzverlust Schwierigkeiten haben, einen ähnlichen Job mit gleicher Bezahlung zu finden - besonders im fortgeschrittenen Alter, wenn er nicht mehr so flexibel und mobil ist wie früher. Eine andere Erklärung könnte sein, dass er mit seiner gutbezahlten Stelle besonderes Glück gehabt hat, das sich nicht noch einmal wiederholen lässt. Die Konsequenz: Er fällt auf einen klassischen „Durchschnittsjob“ zurück, der nicht mehr das gleiche Lohnniveau erreicht.

Um sich zu berappeln braucht es Zeit

Je flexibler der gekündigte Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt nach einer neuen Arbeit sucht, desto höher sei die Chance, diesem dauerhaften Verlust zu entgehen, betont Wachter. Doch in jedem Fall benötige er Zeit, um sich zu berappeln. „Diese Phase erinnert stark an den Berufsanfang, bei dem ebenfalls eine lange Durststrecke von harter Arbeit und wenig Verdienst überwunden werden muss.“ Dabei hat es wenig Sinn, Arbeitsplätze mit geringerem Gehalt abzulehnen, um auf eine Stelle auf gleichem Lohnniveau zu vertrauen: Solche Strategien gehen selten auf.

Auch auf die Gesundheit hat ein Arbeitsplatzverlust einen nachhaltigen Effekt: Gemeinsam mit Daniel Sullivan von der amerikanischen Notenbank in Chicago untersuchte Wachter den Einfluss auf die Sterbewahrscheinlichkeit und stieß auch dort auf einen Zusammenhang: Selbst mit einer neuen Stelle liegt die Sterbewahrscheinlichkeit nach einem Arbeitsplatzverlust immer noch 10 bis 15 Prozent höher als im Durchschnitt, was einen Mann von Mitte 40 eineinhalb Jahre seines Lebens kosten kann. Allerdings dürfte nach Auffassung von Wachter auch die schwierige Situation der amerikanischen Krankenversicherung eine große Rolle spielen. „In Europa dürfte es geringere Effekte geben“, sagt er.

Für die ehemalige Kreditspezialistin Jessi Walter scheint die abrupte Kündigung dagegen eher ein Befreiungsschlag gewesen zu sein - obwohl sie ihre Arbeit in der Investmentbank durchaus mochte. Nun arbeite sie zwar in ihrem eigenen kleinen Unternehmen mehr als früher, gibt sie frohgelaunt zu. Besonders jetzt zu Halloween. Außerdem lebt sie noch immer von ihren Ersparnissen. Immerhin: Ihr kleines Unternehmen arbeitet inzwischen profitabel, doch den Gewinn steckt sie in die weitere Expansion ihres Geschäfts. Ob sie jemals an ihr altes sechsstelliges Gehalt aus Bear-Stearns-Tagen herankommen wird? „Wer weiß“, sagt sie und fügt optimistisch hinzu: „Alles ist möglich.“ Jedenfalls sei die Entwicklung ihrer Geschäftsideen eine große Bereicherung, auf die sie nicht mehr verzichten möchte. „Ohne Kündigung hätte ich das nie gewagt.“

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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