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Arbeiten im Niedriglohnsektor : Für eine Handvoll Euro

„Was darf ich für Sie tun?“ Bild: Edgar Schöpal / F.A.Z.

Jeder Mensch soll mindestens 8,50 Euro je Stunde verdienen, fordern Gewerkschaften und fast alle Parteien. Putzfrauen, Schlachter und Friseure erhalten weniger. Wie lebt es sich mit einem Niedriglohn? Fünf Geschichten.

          Callcenter: 8,40 Euro

          Er sei noch einer von den Besserverdienern, sagt der Mann aus dem Callcenter: Sein Arbeitsvertrag ist alt, er stammt aus einer Zeit, als es gar nicht so übel war, am Telefon Bestellungen für Herrenoberhemden und Bügeleisen aufzunehmen. 8,40 Euro verdient der 46-Jährige die Stunde. Wer dagegen neu unterschreibt bei seinem Arbeitgeber Walter Services, mit 8000 Mitarbeitern ein Riese der Branche, verdient 6,42 Euro. Macht genau 4,80 Euro netto für eine Stunde, hat der Mann ausgerechnet.

          Inge Kloepfer

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit 13 Jahren sitzt er im Callcenter in Niedersachsen. Davor war er erst Zeitsoldat gewesen, dann Student der Sozialarbeit. Das Callcenter sollte nur ein Nebenjob sein. Es wurde ein Brotberuf, der zum Leben nur reicht, weil der Staat Wohngeld zuschießt und er sich Luxusgüter wie ein Auto spart. Sein Studium hat er damals nicht geschafft, schuld seien die Studiengebühren, behauptet er. Andere Arbeitsplätze sind in seiner Gegend dünn gesät. Eigentlich müsste er umziehen, überlegt der Telefonist, aber wohin? Und was tun? Er kann sich nicht aufraffen. Die Arbeit im Callcenter habe sich in 13 Jahren wenig verändert, berichtet er, „aber sie ist viel dichter geworden, und man kontrolliert uns immer strenger“. Immer mehr Aufträge gilt es in der Stunde abzuarbeiten, möglichst flott und freundlich. Tarifverträge gebe es nicht, denn die Branche hat keinen Arbeitgeberverband und die Gewerkschaften wenige Mitglieder in Callcentern. Dafür ist die Fluktuation zu groß.

          Schlachter: 4,80 bis 6,80 Euro

          Den Lohn maß das rumänische Ehepaar gar nicht erst in Euro und Stunden, sondern in Cent und Stück: 0,98 Cent, also nicht einmal einen Euro, verdienten sie beispielsweise für jedes Stück Schweinespeck, das die Frau von der Schwarte trennte. 1,02 Euro war ein ganzes Schwein wert.

          „Darf’s ein bisschen mehr sein?“

          Am Ende eines Arbeitstages, der zehn Stunden oder auch 14 Stunden dauern konnte, hatte jeder etwa 68 Euro brutto verdient. Bis zu 7000 Schweine wanderten in dieser Zeit jeden Tag durch den Schlachthof in Niedersachsen. Er, Jahrgang 1964 und gelernter Schlachter, sie, Jahrgang 1959 und Schneiderin, hatten von Freunden in der rumänischen Heimat Bacau gehört, dass die Deutschen Leute suchten, die kräftig arbeiten können. Und dass sie dafür gut zahlen. Also kamen sie 2008 nach Niedersachsen und zogen in ein Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung mit anderen Fleisch-Arbeitern für 3,50 Euro die Nacht. Ihr Arbeitgeber war erst eine deutsche Firma, die einen festen Stundenlohn zahlte. Dann gehörte der Betrieb einem großen dänischen Unternehmen, das aber einen deutschen Subunternehmer einsetzte. Mit ihm kamen die Cent-Löhne. Vor vier Monaten ging der Betrieb pleite. Die früheren Kollegen am Band kamen aus Bulgarien und Ungarn, Serbien und Polen. Deutsche gab es auch, als Teamleiter.

          Am Fließband zerlegte der Mann Kotelettstränge, die Rumänin säuberte Schweinespeck, sortierte ihn für die verschiedenen Supermärkte und packte ihn in Kisten, bis zu acht übereinander. „Die Arbeit war nicht schlimm“, finden beide. „Alles war immer noch besser als in Rumänien.“ Ohne Auto, ohne eigene Wohnung konnten sie sogar ein bisschen Geld nach Hause schicken und auch mal in Urlaub fahren. Jetzt suchen beide neue Arbeit.

          Floristin: 6,48 Euro

          In der DDR hatte sie es besser, sagt die Floristin. Nicht, weil sie mehr verdiente. Weil Blumen Mangelware waren. Wer seine tristen Räume schmücken wollte, zahlte dafür in Bananen oder Windeln. Jetzt gibt es 10 Nelken zum Spottpreis, ärgert sich die Floristin, und Discounter dominierten den Markt. Dabei wüssten deren Verkäufer nicht mal, wie man Blumen bindet. „Ich binde alles selbst, betüddel jede Rose und spreche sogar mit den Blumen.“ Floristin war und ist ihr Traumberuf - „leider ein besser bezahlter Hausfrauenberuf“.

          „Ist es so recht?“

          Ihr Gehalt blieb 2004 einfach stehen. Damals lief der Tarifvertrag Ost in der Floristik aus, seither verweigern die Arbeitgeber neue Gespräche. So verdient sie 6,48 Euro brutto die Stunde. Anfänger kriegen 5,60 Euro. „Aber nach fünf Jahren haben sie mich eingeholt. Und ich bin 30 Jahre dabei.“ Dennoch sei die Stimmung in ihrer mittelgroßen Kette mit Fachgeschäften und Gartencentern ganz gut. Es gibt sogar einen Betriebsrat.

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