Callcenter: 8,40 Euro
Er sei noch einer von den Besserverdienern, sagt der Mann aus dem Callcenter: Sein Arbeitsvertrag ist alt, er stammt aus einer Zeit, als es gar nicht so übel war, am Telefon Bestellungen für Herrenoberhemden und Bügeleisen aufzunehmen. 8,40 Euro verdient der 46-Jährige die Stunde. Wer dagegen neu unterschreibt bei seinem Arbeitgeber Walter Services, mit 8000 Mitarbeitern ein Riese der Branche, verdient 6,42 Euro. Macht genau 4,80 Euro netto für eine Stunde, hat der Mann ausgerechnet.
Seit 13 Jahren sitzt er im Callcenter in Niedersachsen. Davor war er erst Zeitsoldat gewesen, dann Student der Sozialarbeit. Das Callcenter sollte nur ein Nebenjob sein. Es wurde ein Brotberuf, der zum Leben nur reicht, weil der Staat Wohngeld zuschießt und er sich Luxusgüter wie ein Auto spart. Sein Studium hat er damals nicht geschafft, schuld seien die Studiengebühren, behauptet er. Andere Arbeitsplätze sind in seiner Gegend dünn gesät. Eigentlich müsste er umziehen, überlegt der Telefonist, aber wohin? Und was tun? Er kann sich nicht aufraffen. Die Arbeit im Callcenter habe sich in 13 Jahren wenig verändert, berichtet er, „aber sie ist viel dichter geworden, und man kontrolliert uns immer strenger“. Immer mehr Aufträge gilt es in der Stunde abzuarbeiten, möglichst flott und freundlich. Tarifverträge gebe es nicht, denn die Branche hat keinen Arbeitgeberverband und die Gewerkschaften wenige Mitglieder in Callcentern. Dafür ist die Fluktuation zu groß.
Schlachter: 4,80 bis 6,80 Euro
Den Lohn maß das rumänische Ehepaar gar nicht erst in Euro und Stunden, sondern in Cent und Stück: 0,98 Cent, also nicht einmal einen Euro, verdienten sie beispielsweise für jedes Stück Schweinespeck, das die Frau von der Schwarte trennte. 1,02 Euro war ein ganzes Schwein wert.
Am Ende eines Arbeitstages, der zehn Stunden oder auch 14 Stunden dauern konnte, hatte jeder etwa 68 Euro brutto verdient. Bis zu 7000 Schweine wanderten in dieser Zeit jeden Tag durch den Schlachthof in Niedersachsen. Er, Jahrgang 1964 und gelernter Schlachter, sie, Jahrgang 1959 und Schneiderin, hatten von Freunden in der rumänischen Heimat Bacau gehört, dass die Deutschen Leute suchten, die kräftig arbeiten können. Und dass sie dafür gut zahlen. Also kamen sie 2008 nach Niedersachsen und zogen in ein Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung mit anderen Fleisch-Arbeitern für 3,50 Euro die Nacht. Ihr Arbeitgeber war erst eine deutsche Firma, die einen festen Stundenlohn zahlte. Dann gehörte der Betrieb einem großen dänischen Unternehmen, das aber einen deutschen Subunternehmer einsetzte. Mit ihm kamen die Cent-Löhne. Vor vier Monaten ging der Betrieb pleite. Die früheren Kollegen am Band kamen aus Bulgarien und Ungarn, Serbien und Polen. Deutsche gab es auch, als Teamleiter.
Am Fließband zerlegte der Mann Kotelettstränge, die Rumänin säuberte Schweinespeck, sortierte ihn für die verschiedenen Supermärkte und packte ihn in Kisten, bis zu acht übereinander. „Die Arbeit war nicht schlimm“, finden beide. „Alles war immer noch besser als in Rumänien.“ Ohne Auto, ohne eigene Wohnung konnten sie sogar ein bisschen Geld nach Hause schicken und auch mal in Urlaub fahren. Jetzt suchen beide neue Arbeit.
Floristin: 6,48 Euro
In der DDR hatte sie es besser, sagt die Floristin. Nicht, weil sie mehr verdiente. Weil Blumen Mangelware waren. Wer seine tristen Räume schmücken wollte, zahlte dafür in Bananen oder Windeln. Jetzt gibt es 10 Nelken zum Spottpreis, ärgert sich die Floristin, und Discounter dominierten den Markt. Dabei wüssten deren Verkäufer nicht mal, wie man Blumen bindet. „Ich binde alles selbst, betüddel jede Rose und spreche sogar mit den Blumen.“ Floristin war und ist ihr Traumberuf - „leider ein besser bezahlter Hausfrauenberuf“.
Ihr Gehalt blieb 2004 einfach stehen. Damals lief der Tarifvertrag Ost in der Floristik aus, seither verweigern die Arbeitgeber neue Gespräche. So verdient sie 6,48 Euro brutto die Stunde. Anfänger kriegen 5,60 Euro. „Aber nach fünf Jahren haben sie mich eingeholt. Und ich bin 30 Jahre dabei.“ Dennoch sei die Stimmung in ihrer mittelgroßen Kette mit Fachgeschäften und Gartencentern ganz gut. Es gibt sogar einen Betriebsrat.
Seit der Ausbildung 1980 hat die Floristin stets voll gearbeitet, aber die 48-Jährige ahnt: Die Rente wird nicht reichen. Doch für Riester fehlt das Geld. „Früher sagte mein Mann immer: Wenn die Kinder aus dem Haus sind, sparen wir.“ Aber der Jüngere (23) wohnt bis heute bei ihnen. Als Mechatroniker kann er sich in Potsdam keine Wohnung leisten. Zum Glück macht der Ältere (28) Karriere im Handel. Und der Ehemann ist Beamter. „Sonst wäre ich längst Aufstockerin. So können wir uns wenigstens noch Urlaube gönnen.“
Putzfrau: 6,78
Einen großen Vorteil hat dieser Arbeitsplatz: „Es ist immer schön warm“, sagt die Putzfrau, die ihr Arbeitgeber offiziell „Mitarbeiter Cleaning“ nennt. Die Frau arbeitet in einem echten Südseeparadies, und das mitten in Brandenburg: Tropical Islands ist ihr Arbeitsplatz, ein Freizeitpark über 66 000 Quadratmetern im Landkreis Dahme-Spreewald, nach Auskunft der Betreiber die größte freistehende Halle der Welt.
Früher wurden in dem Riesenhangar Fracht-Luftschiffe gebaut, heute planschen hier jeden Tag bis zu 6000 Menschen in der künstlichen „Südsee“ oder in der „Bali-Lagune“, und wandern 1,4 Kilometer durch „Lodges“ und „Tropendörfer“ im Stil von Borneo, Samoa oder Thailand. Jeden Tag im Jahr, rund um die Uhr ist Tropical Islands geöffnet, also wird auch zu acht Personen in drei 8-Stunden-Schichten rund um die Uhr geputzt, das ganze Jahr. Die Putzfrauen arbeiten immer sieben Tage am Stück, danach sind zwei Tage frei, und Ausgleichstage gibt es für die durchgearbeiteten Feiertage auch.
Seit vier Jahren putzt die 57 Jahre alte Frau hier für 6,87 Euro die Stunde. Leben kann sie davon, weil sie alleinstehend ist und ein Haus geerbt hat, aber auch Grundeigentum kostet natürlich Geld. Eigentlich gibt es im Reinigungsgewerbe einen Mindestlohn, Tropical Islands ist aber eben keine Reinigungsfirma, auch wenn die Kunden das Gelände sauber verlassen. Aber sie reinigen sich selbst. Die Putzfrau entsorgt ihren Müll und reinigt die Gänge durch den „Regenwald“, die „Lodges“ oder die Toiletten. Für sie gilt der Manteltarifvertrag der Gaststätten-Gewerkschaft NGG.
Ursprünglich hatte die Putzfrau eine Lehre zur Textilfacharbeiterin gemacht. Es folgten 15 Jahre in einer Firma, die Melkmaschinen herstellte, dann ein Unternehmen, das Nummernschilder produzierte. Zwischendurch war sie immer wieder arbeitslos, und seit vier Jahren ist sie nun bei Tropical Islands. „Hartz IV kommt für mich nicht in Frage, ich muss unter Menschen.“ Und ihr Arbeitgeber macht ihr immerhin keine Vorgaben, wie viel sie in der Stunde schaffen muss.
Friseurin: 5,90 Euro
Irgendwann platzt es aus ihr heraus. „Ich kann es kaum erwarten, dass auch unsere Branche endlich einen Mindestlohn hat“, sagt die Friseurin. Sie wurde in ihrem Betrieb schon ausgebildet, nach der Gesellenprüfung vor zwei Jahren wurde sie übernommen. Damals war die Friseurin glücklich: das erste richtige Gehalt, und gleich eine feste Stelle in ihrem Traumberuf. Seither färbt, wäscht, schneidet und föhnt sie für den in Berlin gängigen Bruttolohn von 880 Euro im Monat. „Zum Leben ist das eigentlich zu wenig“, seufzt sie. 37 Wochenstunden arbeitet sie, plus unbezahlte Überstunden, wenn der Salon voll ist und es nach getaner Arbeit ans Aufräumen geht. Zu den Betreibern des Salons hat sie ein gutes Verhältnis, das sie nicht durch Gehaltsdebatten belasten will. Die Friseurin fühlt sich nicht ausgenutzt, weil sie ahnt, dass allzu viel auch bei ihren Vorgesetzten nicht hängen bleibt. „Und die Arbeit macht ja unheimlich Spaß.“ Von ihrem Lohn kann sie nicht wirklich leben - und das ist ihr unangenehm. Netto bleiben ihr weniger als 5 Euro die Stunde, im Monat knapp 700 Euro. Die Eltern schießen ihr ein bisschen Geld zu. „Das geht dann schon irgendwie“, sagt die kleine, rundliche Person und wirft ihre dunklen Haare zurück. „Aber soll das ewig so bleiben?“ Sie jedenfalls findet es ungerecht.
Nicht überall sieht es für Friseure so düster aus wie in Berlin, wo diese Friseurin lebt. Kollegen in Nordrhein-Westfalen oder Bayern verdienen deutlich mehr. Hessen liegt mit 8,49 Euro die Stunde bundesweit an der Spitze. Aber ihre Heimat, den Freund und die Familie will die Friseurin nicht verlassen. „Im Westen ist ja das Leben teurer“, weiß sie. Langsam verstünden die Schulabgänger, dass die Chancen im Haar-Geschäft mau sind. „Wir finden kaum Azubis“, sagt die Frau. Wer sich vorstelle, sei oft nicht zu gebrauchen: unzuverlässig, desinteressiert, mit schlechten Noten. Für die Friseurin bleibt der Mindestlohn die beste Lösung. Mit 8,50 Euro die Stunde, hofft sie jedenfalls, würde sich der Beruf lohnen. Dann könnte sie auch den Meister machen.
Das ist der Beweis.....
gerd hodina (hodger)
- 17.03.2013, 11:59 Uhr
Neid auf den Kopf gestellt...
Theo Edte (Wolantex)
- 17.03.2013, 11:36 Uhr
Kommensalen
Jonas Müller-Hübenthal (Dr_Dolittle)
- 17.03.2013, 09:37 Uhr
Schamgefühl
Rüdiger Kern (rukern)
- 16.03.2013, 22:54 Uhr
Arbeit oder Hobby?
Claudia Otlo (claudia.o)
- 16.03.2013, 19:45 Uhr
