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Anwaltsberuf : 55 gute Gründe

Klischee pur: Solche Hämmerchen gibt es nur noch in amerikanischen Filmen. Bild: dapd

Über kaum eine Berufsgruppe kursieren so viele Klischees wie über Rechtsanwälte. Zeit also, eine Lanze zu brechen. Der Schriftsteller Georg M. Oswald verteidigt seinen Berufsstand.

          Anwälte, das sind die Typen, die Reichen in beliebiger Anzahl zur Verfügung stehen. Jeder, der sie sich leisten kann, ist in der Lage, Ansprüche durchzusetzen, die ihm nicht zustehen. Was sie eigentlich tun, weiß keiner so genau, aber der Aktenkoffer gibt zumindest einen Hinweis: Wenn man sie loslässt, produzieren sie Berge von Papier und stoßen ebenso schwerverständliche wie weitreichende Drohungen aus, die jeden Gegner früher oder später erledigen.“

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Es dürfte nicht wenige Menschen geben, die diese Einschätzung teilen, die Georg M. Oswald in seinem Buch „55 Gründe, Rechtsanwalt zu werden“ beschreibt. Jedenfalls haben es Anwälte schwer auf dem Wohnungsmarkt, weil jeder Vermieter, der noch bei Sinnen ist, sich lieber eine andere solvente Berufsgruppe sucht. Und zwar eine, die nicht bei jeder kleineren Schönheitsreparatur eine Prozesslawine ins Rollen bringt. In einem von Nichtjuristen dominierten Arbeitsumfeld sind sie schnell als Erbsenzähler, Bedenkenträger und Ausbremser verschrien. Umgekehrt ist erstaunlich, wie häufig der juristische Laie selbst den meist untrüglichen gesunden Menschenverstand ausschaltet, wenn es auch nur annähernd um juristische Sachverhalte geht. Dann wird die gesamtgesellschaftlich relevante Frage: „Was ist legitim?“ schnell auf die vage und oft weniger spannende Frage „Was ist legal?“ reduziert.

          “Kaum ein anderer Beruf wird in den Medien so häufig dargestellt, interpretiert, persifliert, karikiert“, schreibt Oswald in seinem Buch, das im Murmann-Verlag erschienen ist. „Wir alle haben Hunderte Spielfilme, Serien und Gerichtsshows gesehen, bevor wir zum ersten Mal einem echten Anwalt begegnen.“ Dabei gibt es nach Auffassung des Rechtsanwalts Oswald viele Gründe, diesen Beruf zu ergreifen. Sechs Jahre lang hat er in dieser Zeitung jeden Samstag die Kolumne „Wie war Dein Tag, Schatz?“ verfasst. Wegen des großen Zuspruchs unserer Leser und in Erinnerung an frühere Zeiten hat er sie noch einmal zum Leben erweckt.

          All diese Geheimnisse!

          Für Oswald jedenfalls ist der Anwaltsberuf mit vielen Vorzügen versehen. Auf Partys sind Advokaten gerngesehene Ratgeber, die gut reden und Gesetze machen können. Sie sind kollegial, tragen Verantwortung und Krawatten. Sie sind pünktlich, werden stets gebraucht und sind für einen da, wenn es niemand mehr sonst ist. Allein in der Gefängniszelle, die hochschwangere Frau zu Hause, zählt nur noch der Verteidiger. Zumindest, wenn man bereit ist, in der größten Not die Honorarvereinbarung zu unterschreiben.

          Zu den schönsten Vorteilen dieses Berufsstands gehören die Geheimnisse, die man erfährt und nicht weitererzählen darf. Rechtsanwälte dürfen Sätze sagen wie: „Ich kann Sie nur verteidigen, wenn Sie mir sagen, wie es wirklich gewesen ist.“ Zumindest im Film. Doch Oswald wäre kein echter Anwalt, hätte er nicht den inneren Drang, die unbestreitbaren Vorzüge zu relativieren. „Wo auch immer die Meinung herkommt, ein Verteidiger müsse den wahren Tathergang von seinem Mandanten erfahren, sie ist falsch“, stellt er klar. „Solange im Strafprozess unklar ist, von wem eine Tat begangen wurde, geht es nur um eine Frage: Bestehen angesichts der Beweislage vernünftige Zweifel daran, dass der Angeklagte der Täter ist?“ Hier ist Mut zur Lücke gefragt. Es gebe deshalb Verteidiger, die ihren Mandanten raten: „Erzählen Sie mir nichts, wonach ich Sie nicht gefragt habe.“ Denn solange sie von bestimmten Umständen nichts wissen, kommen sie nicht in die Not, etwas verschweigen zu müssen.

          Sicherlich, zu den unverschweigbaren Nachteilen des Berufsstandes gehören die Arbeitszeiten, die besonders - aber nicht nur - in internationalen Großkanzleien mitunter absurde Ausmaße annehmen. „Es wird Ihnen gesagt, den Partnern sei es grundsätzlich egal, wann Sie Ihre Arbeit erledigen“, schreibt Oswald. „Sie lernen sehr bald, diesen Satz richtig zu interpretieren. Er bedeutet jedenfalls nicht, dass Sie sich nachmittags auch mal freinehmen könnten. Sie kommen am besten vor Ihrem Chef und gehen nach ihm. Zwischen 8 Uhr morgens und 19 Uhr abends sollten Sie sich also besser nichts anderes vornehmen. Natürlich kann es auch mal länger werden. Dennoch wird man Ihnen sagen, es komme nicht darauf an, wie lange Sie an Ihrem Arbeitsplatz, bei Mandanten oder im Gericht sitzen. Aber glauben Sie es nicht, denn es stimmt nicht. Allein schon es glauben zu wollen ließe Zweifel an Ihrer Einstellung zu. Es wird alles davon abhängen, ob Sie diese Form zu existieren zu Ihrer eigenen machen können.“

          Das mag ernüchternd klingen, doch schließlich geht es in diesem Beruf um nichts weniger als Gerechtigkeit. Ob dieser Genüge getan werde, hänge in jedem Fall von neuem von den Menschen ab, die an dem Verfahren zu ihrer Herstellung beteiligt seien, schreibt Oswald. „Wem es gefällt, sich mit Haut und Haar in dieses Getümmel zu werfen, wird seine Wahl, Rechtsanwalt zu werden, nicht bereuen.“

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