Als er auf Seite 180 angelangt war, ist sein Sohn geboren worden. Und da wußte er: „Es ist Zeit, meine Dissertation möglichst schnell zu beenden und Geld zu verdienen.“ Was sich amüsant anhört aus dem Munde eines frischgebackenen Doktors der Jurisprudenz, hat einen ernsten Hintergrund. Eine Promotion ist fast immer eine langwierige Angelegenheit. Neugier, Beharrlichkeit sowie die Fähigkeit, auch ohne Zuckerbrot und Peitsche zu arbeiten, müßten Doktoranden mitbringen, so schreiben Barbara Messing und Klaus-Peter Huber in ihrem Buch „Die Doktorarbeit: Vom Start zum Ziel“.
Je nach Branche dauert eine Promotion im Durchschnitt zwischen zwei und fünf Jahren. Jahre, in denen die ehemaligen Kommilitonen schon fleißig Geld scheffeln. Eine Promotion ist teuer. Sie kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Nerven. Da liegt die Frage nahe: Was bringen die beiden Buchstaben vor dem Namen? Zahlen sie sich aus? „Das kann man so pauschal nicht beantworten“, sagt Karl Bosshard, Leiter der Büros Hamburg und Hannover der Managementberatung Kienbaum. „In Großunternehmen spielt die Promotion eine größere Rolle als beispielsweise in einem mittelständischen Einzelhandelsunternehmen.“ Als Faustregel gelte: Je praktischer die angestrebte Tätigkeit, desto weniger mache sich der Doktortitel auf dem Gehaltszettel bemerkbar.
Unternehmensberatungen zahlen bis zu zehn Prozent mehr Gehalt
Besonders im Handel spiele der Titel nur eine untergeordnete Rolle. Wer hingegen einen gutbezahlten Job in der Chemie- oder Pharmaindustrie anpeile, für den sei die Promotion Pflicht. Diese Einschätzung teilt die Chemikerin Kerstin Reitwießner: „Der Doktortitel ist die Eintrittskarte in die Forschungsabteilung von Chemiekonzernen.“ Für Diplomchemiker ohne Promotion hingegen gebe es kaum qualifizierte Jobs. „Denn die Positionen, die noch vor zehn Jahren mit Diplomchemikern besetzt wurden, gehen mittlerweile an Bewerber mit Doktortitel.“ Wie lange die Dissertation dauere, lasse sich im voraus nur schwer kalkulieren. „Alles hängt davon ab, ob und wann die Versuche klappen und was bei ihnen herauskommt.“ Drei bis fünf Jahre müsse man einplanen. Nach Angaben des Verbandes angestellter Akademiker und leitender Angestellter der chemischen Industrie verdienen Doktoren der Chemie im zweiten Beschäftigungsjahr durchschnittlich 54 000 Euro, Absolventen ohne den Titel knapp 8000 Euro weniger.
Aber nicht nur Chemiker profitieren finanziell von ihrer Dissertation. Nach Bosshards Einschätzung lohnt sich der Doktortitel immer dann besonders, wenn sein Träger Repräsentationsaufgaben übernimmt oder starken Kundenkontakt hat. „Unternehmensberatungen zahlen ihren Mitarbeitern bis zu zehn Prozent mehr Gehalt, wenn sie promoviert sind.“ Der Titel steht für Fachkompetenz. Darauf setzen offenbar auch Großkanzleien. So verlangt die international agierende Wirtschaftskanzlei „Gleiss Lutz“ von ihren Rechtsanwälten neben überdurchschnittlichen Examina auch den Doktorhut. „Wer promoviert hat, beweist, daß er komplexe Sachverhalte systematisch erschließen und durchdringen kann“, sagt die Marketingmanagerin Jutta Schönberger. Wer bei Eintritt in die Kanzlei noch keinen Titel hat, könne ihn nach ein oder zwei Berufsjahren nachholen. Das zahlt sich aus. Denn die Einstiegsgehälter bei „Gleiss Lutz“ sind mit 60 000 bis 70 000 Euro fast doppelt so hoch wie das durchschnittliche Anfangsgehalt von Juristen.
Der Doktortitel wird je nach Branche unterschiedlich bewertet
Für Richter und Staatsanwälte hat eine Dissertation nur untergeordnete Bedeutung. Entscheidend sind vielmehr die Noten in den beiden juristischen Staatsexamina. Der Doktortitel ist für den Staatsdienst lediglich eine Zusatzqualifikation, mehr jedoch nicht. Auch wer als Jurist bei der Deutschen Bank arbeiten möchte, muß nicht unbedingt promoviert haben. „Für uns ist bei allen Hochschulabsolventen die Gesamtpersönlichkeit ausschlaggebend“, sagt Patrik Fischer, Pressesprecher der Deutschen Bank. Zielgerichtete Auslandsaufenthalte und andere bankspezifische Erfahrungen seien äußerst vorteilhaft. „Natürlich ist auch eine Promotion höchst willkommen, wenn ein besonderer fachlicher Bezug besteht.“ Monokausal für die Vergütungsfrage sei der Titel jedoch nicht. Vielmehr stünde immer das Individuum im Vordergrund. Zu bedenken sei auch, daß die Deutsche Bank international agiere. „Rund 60 Prozent der Belegschaft ist im Ausland. Dort hat ein Doktortitel sowieso einen anderen Stellenwert.“ Auch für Reiner Wolf, Sprecher für Personalthemen bei der Allianz, ist die Frage nach dem Nutzen einer Promotion nicht pauschal zu beantworten. „Wir betrachten bei Bewerbern das Gesamtbild der Persönlichkeit. Ein Kandidat mit Doktortitel hat nicht automatisch bessere Chancen als ein Bewerber ohne den Namenszusatz.“ Auch die Führungsetage sei bei der Allianz durchaus nicht nur Titelträgern vorbehalten. Genauso ist es bei der Deutschen Bank. Von den zehn Mitgliedern des erweiterten Vorstandes sind nur drei promoviert.
Ganz besonders schwierig ist die Frage nach dem Nutzen einer Promotion in geisteswissenschaftlichen Fächern wie Theologie, Politikwissenschaften oder Germanistik zu beantworten. „Einen finanziellen Vorteil haben Theologen mit Doktortitel wohl kaum“, meint die katholische Theologin und Journalistin Barbara Tambour. Denn promovierte Priester, Lehrer oder Pastoralreferenten bekommen keinen Cent mehr Gehalt. Auch größere Karrierechancen könnten sich Theologen mit Titel kaum ausrechnen. „Ausnahmen bilden jedoch die akademische theologische Erwachsenenbildung und die Universität.“ Außerdem trügen die meisten Bischöfe einen Doktortitel. Dennoch: Persönlich hat die Forschung der Theologin Tambour eine ganze Menge gebracht. „Die analytische Schärfe, die ich mir während der Promotion erarbeitet habe, ist äußerst nützlich für meinen Beruf als Journalistin.“ Außerdem: Wer erst einmal den langen Schlauch einer Promotion durchgestanden habe, für den sei jedes andere journalistische Projekt überschaubar und damit zu bewältigen.
Der Doktor schmückt den Namen, der MBA die Personalakte
Auch für den Politikwissenschaftler Gerd Strohmeier stand das Interesse an seinem Fach im Vordergrund, als er sich entschloß zu promovieren. In einer Rekordzeit von eineinhalb Jahren hatte er den Doktortitel in der Tasche. Im Durchschnitt brauchen Politikwissenschaftler zwischen drei und vier Jahren für ihre wissenschaftliche Arbeit. Und weil ihm die Wissenschaft so viel Spaß machte, hat er gleich noch eine Habilitation angehängt. Mit seinen 29 Jahren forscht und lehrt er mittlerweile als Privatdozent an der Universität Passau. „Da der Magister artium auf dem Arbeitsmarkt keinen allzu hohen Stellenwert besitzt, setzen einige auf eine Promotion als Zusatzqualifikation.“ Insgesamt lasse sich jedoch nur ein kleiner Prozentsatz der Politikwissenschaftler auf das Wagnis Promotion ein.
Dabei lohnt sich eine Dissertation in den Sozialwissenschaften auch finanziell. Das haben die Berufsforscher Jürgen Enders und Lutz Bornmann herausgefunden. Schon wenige Jahre nach dem Berufseinstieg erreichten Titelträger ein deutlich höheres Einkommensniveau als nichtpromovierte Kollegen. „Das deutlich geringere Arbeitslosigkeitsrisiko der Promovierten und die große Beschäftigungsunsicherheit der Nichtpromovierten schlagen sich offensichtlich auch in relativ ausgeprägten Einkommensunterschieden nieder“, schreiben sie in ihrem Buch „Karriere mit Doktortitel“. Für Nora Eirich, die an ihrer Dissertation im Fach Neuere Deutsche Literaturwissenschaft arbeitet, stehen finanzielle Erwägungen hingegen im Hintergrund. Die Germanistin promoviert vor allem aus Interesse an ihrem Studienfach. Aber auch ein bißchen, um den Fluch zu brechen, der über ihrer Familie zu liegen scheint. „Mein Vater hat dreimal eine Doktorarbeit geschrieben. Immer wieder ist ihm kurz vor Schluß der Doktorvater weggestorben.“ Sie kann sich vorstellen, später einmal als Dozentin zu wirken. Für Geisteswissenschaftler seien aber Praktika und Berufserfahrungen oft wesentlich hilfreicher, um den Berufseinstieg zu schaffen. Deshalb promovierten auch nur wenige ihrer Kommilitonen. Nach einer Studie von Enders und Bornmann starten promovierte Germanisten im Vergleich zu ihren nichtpromovierten Fachkollegen, die bereits seit einigen Jahren im Beruf sind, mit einem niedrigeren Einkommen. Auch wenn sie sich Berufserfahrung angeeignet haben, verdienen sie im Durchschnitt genauso viel wie Universitätsabsolventen ohne Promotion. Jedoch eroberten Germanisten mit Doktortitel eher die Chefsessel. Zwei bis drei Jahre nach der Promotion sind sie häufiger in Führungspositionen anzutreffen.
MBA macht dem Doktortitel Konkurrenz
Zwar ist der Nutzen des Doktortitels von Branche zu Branche unterschiedlich, im Durchschnitt lohnt er sich jedoch auch finanziell. Das ist das Ergebnis der „High Potentials Studie 2004“ der Managementberatung Kienbaum. Während das Einstiegsgehalt von überdurchschnittlich guten Absolventen ohne Promotion bei durchschnittlich knapp 43 500 Euro liege, hätten ihre Kollegen mit Titel im Schnitt 3000 Euro mehr am Ende des Jahres auf ihrem Konto. Besonders im Handel und im Produzierenden Gewerbe zahle sich ein Titel in barer Münze aus. Ebenso wie bei Führungskräften in der obersten Etage. Nach Angaben des Informationsdienstes der deutschen Wirtschaft in Köln verdienen Chefs ohne Abitur und Studium im Mittel jährlich 104 000 Euro. Mit Doktorhut gibt es 32 000 Euro mehr.
Dabei bekommt der Doktortitel nach der Kienbaum-Studie immer stärker Konkurrenz vom Master of Business and Administration (MBA). Schon jetzt bevorzugten alle Branchen einen MBA als Zusatzqualifikation gegenüber der Promotion. Auf dem Gehaltszettel macht sich der Doktortitel trotzdem noch etwas positiver bemerkbar als der MBA. Der Unterschied schwindet jedoch zunehmend. „Der Doktor schmückt den Namen, der MBA die Personalakte“, sagt Bosshard. Beide Qualifikationen seien jedoch gute Wege, um sich aus der Menge herauszuheben.
