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Praxisnahe Ausbildung Gute Lehrer braucht das Land

 ·  Zu oft werden die Falschen Lehrer. Das liegt auch daran, dass viele Studenten erst spät richtige Praxiserfahrungen sammeln. Es geht auch anders. Vier Beispiele.

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© Peter von Tresckow

Mehr Praxis als im Studium vorgesehen

Als Ari Nam nach fünf Jahren ihr Studium der Zahnmedizin abbrach, war sie 26 Jahre alt und ratlos, wie es weitergehen sollte. Sie besorgte sich das Verzeichnis der Frankfurter Universität und strich alle Studiengänge, die nicht in Frage kamen. Unter den wenigen, die übrig blieben, waren Amerikanistik und Germanistik. Sie entschied sich für ein Studium auf Lehramt im Gymnasium. „Da hat man danach gleich einen Beruf“, dachte sie. Einen inneren Wunsch, Lehrerin zu werden, verspürte sie nicht. Nam, deren Eltern vor Jahrzehnten aus Südkorea nach Deutschland gekommen waren, hatte in Frankfurt zwar eine problemlose Gymnasialzeit mit einem guten Abitur abgeschlossen. Doch habe es unter ihren Lehrern keine Vorbilder gegeben.

Ihr Studium war ähnlich strukturiert wie an vielen deutsche Unis: viel Theorie, wenig Praxis. Nach dem zweiten und vierten Semester machte Nam ein Praktikum von je einem Monat. Sie unterrichtete kaum, sondern analysierte Unterricht, den andere hielten. Davon, was Schule bedeute, habe sie höchstens „einen Geschmack“ bekommen, sagt die 31-Jährige.

Normalerweise wären die beiden Praktika die einzigen bis zum Referendariat gewesen. Doch Nam konnte nach dem Hauptstudium ein Semester Englisch am Gymnasium und an einer Berufsschule unterrichten. Vor allem die Berufsschule war eine entscheidende Erfahrung - denn die Schüler hielten Englisch für unwichtig. Da wich Nam vom Lehrplan ab und wählte Themen, für die sich die Schüler interessierten. „Die sind gut mitgegangen.“

Nun, nach acht Monaten Referendariat, weiß Nam sicher, dass ihr das Lehren Freude bereitet. „Der Umgang mit den Schülern gibt mir sehr viel, er ist inspirierend.“ Auch sei der Beruf ungeheuer vielfältig. Viel hält sie von dem Grundsatz, dass Beziehung vor Erziehung kommt. Eine gute Lehrkraft müsse Freude im Umgang mit Menschen haben. „Das ist eine innere Einstellung, die man nicht im Studium lernen kann.“ Die Ausbildung an der Hochschule trägt nach ihrer Ansicht zu wenig zu der Erkenntnis bei, dass Lehrer nicht Fächer, sondern Schüler unterrichteten. Man lerne sehr viel Fachliches, aber zu wenig über die Praxis des Unterrichtens. „Man müsste die Hochschule viel mehr mit der Praxis verzahnen.“ Sonst ergriffen zu viele Menschen diesen wichtigen Beruf, die dafür nicht geeignet seien.

Fachlich sehr gefordert

Wie es ist, Lehrerin zu sein, erfuhr Sandra-Maria Müller nach dem ersten Semester. Und sie war sicher: „Das ist es, was ich machen will.“ Damals absolvierte sie ihr erstes Pflichtpraktikum von drei Wochen. Sie durfte schon ein wenig unterrichten, was ihr bereits in der ersten Stunde „echt Spaß“ machte. „Wenn ich in der Schule bin, dann weiß ich, wofür ich das mache“, sagt die 21- Jährige, die im vierten Semester Mathematik und Physik an der School of Education der TU München studiert - nach Ansicht vieler Fachleute eine der besten Lehrerausbildungsstätten in Deutschland; allerdings kann man dort nur Mathematik und Naturwissenschaften studieren.

Im Wesentlichen schaute Müller aber nur zu und analysierte mit Dozenten, was sie beobachtet hatte. Nun im vierten Semester geht sie einmal in der Woche in eine der Partnerschulen der TUM School und darf unterrichten. Es sei gut, immer in derselben Klasse zu sein, sagt sie. Das Unterrichten werde immer normaler. Überrascht hat sie festgestellt, dass sie „ein bisschen streng“ ist. Privat sei sie eher locker. „Ich will ernst genommen werden. Da muss man schon Autorität ausstrahlen.“ Sie sei aber keine von den Lehrkräften, die Schüler ausfragten und es genössen, wenn sie nichts wüssten.

Müller erinnert sich noch gut an ihren Mathematiklehrer, dem es reichte, wenn sie und wenige andere seinem Unterricht folgen konnten. „Ich will es besser machen“, sagt sie entschlossen. Sie findet, dass Lehrer „verpflichtet“ sind, den Stoff gut rüberzubringen. Das gelte umso mehr, als die Schülerschaft immer heterogener werde.

Für das Studium an der TU findet sie lobende Worte. Ihr gefällt, dass die Lehramtsstudenten mit der School of Education eine eigene Fakultät haben - dass die Lehrerausbildung nicht, wie so oft, über die Hochschule verteilt ist. „Da fühle ich mich gut aufgehoben.“ Doch das Studium ist schwierig: Nicht selten sitzt Müller gemeinsam mit angehenden Mathematikern und Physikern in derselben Vorlesung. „Das ist fachlich schon sehr anspruchsvoll. Wir müssen sehr viel leisten - dabei wollen wir nicht in die Forschung“, sagt die junge Frau, die ein bayerisches Abitur mit der Note 2,1 in der Tasche hat und in Mathe und Physik zu den Besten in der Klasse gehörte.

Zuerst gelehrt, dann studiert

Von Teach First hörte Jan Schulte Holthausen im Radio. Die Organisation vermittelt junge Akademiker als Hilfslehrkräfte in Schulen in sozialen Brennpunkten. Seine Mutter hörte denselben Radiobeitrag und fragte ihren Sohn mal wieder, ob er nicht Lehrer werden wolle. Der hatte das bis dahin hartnäckig verneint. „Ich dachte, ich kann nicht mit Kindern und Jugendlichen umgehen“, erklärt er. Doch nun kam er ins Nachdenken: Die Idee von Teach First, Kinder aus sozial schwachen Familien zu unterstützen, befand er als moralisch sinnvoll. Er bewarb sich. „Es war ein Experiment.“

Zwei Jahre lang arbeitete er in Dortmund an einer Gesamtschule, zwei Jahre, die seine Berufswünsche umkrempelten. Hatte Schulte Holthausen nach einem sehr guten Magisterabschluss in Philosophie und Germanistik und einem Volontariat eine Journalisten- oder Hochschullaufbahn im Sinn gehabt, so ist er heute entschlossen, Lehrer zu werden. Nach Teach First und einem halben Jahr als Vertretungslehrer hat er gerade sein erstes Semester im Studiengang Master of Education an der Universität Bochum hinter sich.

An der Dortmunder Gesamtschule stellte er fest, dass ihm das Lehren lag. „Ich hätte vorher nie gedacht, dass ich so viel Geduld aufbringen würde.“ Geholfen habe ihm, dass er während des Studiums viel Theater gespielt habe. „Auch ein Lehrer muss verschiedene Rollen draufhaben.“ Außerdem müsse man Zuversicht und eine gewisse Lässigkeit mitbringen. „Und man muss moralisch und charakterlich gefestigt sein und einen gewissen Abstand zu sich selbst haben.“ Sonst sei man zu angreifbar, denn in der Schule gehe es ständig bergauf und bergab.

Schulte Holthausen beschreibt sich als sehr strengen Lehrer, der viel Wert auf Disziplin und Regeln lege. „Es ist aber wichtig, die Balance zu finden und Schüler nicht zu demütigen.“ Von vielen Schülern sei er gemocht worden. „Zum Geburtstag und zum Abschied gab es viele nette Briefchen.“

Nun sitzt der 34-Jährige wieder in Vorlesungen und hat anders als seine Kommilitonen schon zweieinhalb Jahre Schulpraxis hinter sich. Und er ist oft irritiert. „Man wird berieselt und schreibt mit, doch mit der Wirklichkeit in der Schule hat vieles wenig zu tun.“ Da würden Fähigkeiten von Schülern in der dritten Klasse beschrieben, die die meisten noch nicht in der zehnten Klasse hätten. „Wie man mit dem Wissen umgehen muss, wie man es anwenden kann - das kommt viel zu kurz.“

Rechtsanwaltsgehilfin, jetzt Lehrerin

Lehrerin wollte Katrin Hummel schon in der zweiten Klasse werden - doch dann kam die Pubertät. Nach dem Realschulabschluss in Magdeburg wollte sie von zu Hause weg und selbständig werden. So begann sie mit sechzehn Jahren in Hannover eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten. Mit neunzehn fragte sie sich allerdings: „Und das soll ich nun bis zur Rente machen?“

Da kam ihr der frühere Traumberuf in den Sinn; allerdings brauchte sie dafür das Abitur. Doch sie fand einen schnellen Weg: In Niedersachsen können Menschen ohne Abitur, aber mit abgeschlossener Ausbildung und Berufserfahrung die „Immaturenprüfung“ ablegen. Dazu besuchen sie berufsbegleitend acht Monate lang einen Vorbereitungskurs, der in vier schriftliche und zwei mündliche Prüfungen mündet. Geprüft wird auch das Fach, das man später studieren möchte. In Hummels Fall war das Deutsch.

Mit der „fachbezogenene Hochschulzugangsberechtigung“ begann sie, an der Uni Hildesheim Deutsch und Theologie auf Grund- und Hauptschullehramt zu studieren. „Eine Grundschullehrerin hat besonders viel Gestaltungsspielraum“, sagt sie. Doch kann sie sich auch gut vorstellen, an der Hauptschule zu unterrichten. „Auch daraus kann man viel machen.“

Ihre bisherigen Praxiserfahrungen seien „durchweg positiv“ gewesen, sagt die 27 Jahre alte Master-Studentin. Dass sie schon viel Erfahrung in der Schule sammeln konnte, ist Teil des „Hildesheimer Modells“. Gleich im ersten und zweiten Semester verbringen die Studierenden einen Tag in der Woche in einer Schule. Sie beobachten Lehrer und Schüler im Unterricht, besprechen mit den Lehrern, was sie beobachtet haben, und arbeiten anschließend alles an der Hochschule theoretisch auf. Und sie unterrichten ein paar Stunden. Nach dem zweiten Semester absolvieren die Studenten ein zweiwöchiges Schulpraktikum, nach dem dritten Semester ein vierwöchiges. Die nächsten Praktika finden dann erst wieder im Master-Studium statt. Dann gehen die Studenten wieder einen Tag in der Woche in die Schule und vertiefen die von ihnen gewählten Fächer.

Ein Studium mit weniger Praxis hätte Hummel nicht gerne gewählt. Sie bemängelt sogar, dass es zwischen dem vierten Semester und dem Bachelor-Abschluss keine Praktika gab. Praxis sei mit das Wichtigste im Studium. „Es ist nicht für jeden das Richtige, vor einer Klasse zu stehen. Wie soll ein Student das früh genug merken, wenn er nicht unterrichtet.“ Auf zweierlei fühlt sie sich freilich nicht gut vorbereitet: auf die Inklusion - das gemeinsame Unterrichten von Menschen mit und ohne Behinderung - und auf das Unterrichten in sozialen Brennpunkten. „Ich war immer an Bilderbuchschulen.“

Mehr Praxis
  • An der Lehrerausbildung wird heftig kritisiert, dass sie oft das fünfte Rad am Wagen der Fachwissenschaften ist. Manche Universitäten haben reagiert und Schools of Education gegründet, die Fachwissenschaft, Unterrichtspraxis und Pädagogik miteinander verzahnen, zum Beispiel in München, Bochum, Berlin, Erfurt und Wuppertal.
  • Auch in Frankfurt (Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung) und in Leipzig (Bildungscampus Sachsen) beschreitet man gerade diesen Weg.
  • An manchen Hochschulen bemüht man sich um mehr Praxisbezug. In Hildesheim gehen zum Beispiel die Studierenden schon im ersten Semester für einen Tag in der Woche in die Schule. Bald soll es im Master-Studium ein ganzes Praxissemester geben.
  • An der LMU München und nun auch an der Uni Würzburg gibt es im Rahmen des Projektes „Lehrwerkstatt“ die Möglichkeit, ein Intensivpraktikum zu absolvieren (www.lehrwerkstatt-unterricht.de). -In die Praxis eintauchen können angehende Lehrer auch über „Studenten machen Schule“ (www.studenten-machen-schule.de).
  • Das Stipendienprogramm „Horizonte“ der Hertie-Stiftung unterstützt Lehramtsstudenten mit Einwanderungshintergrund (www.horizonte.ghst.de).
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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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