Home
http://www.faz.net/-gyl-72tod
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Präsident des Branchenverbandes VDB „Wir sind nicht die Deutsche Bahn“

 ·  Die Bahntechnikhersteller suchen neue Ingenieure - und scheitern an ihrem angestaubten Image. Oft würden sie gar mit den Verspätungen und Ärgernissen bei der Deutschen Bahn assoziiert, sagt VDB-Präsident Michael Clausecker im Interview.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Herr Clausecker, Deutschland gehört zu den wichtigsten Standorten der Bahnindustrie auf der ganzen Welt. Aber inzwischen muss sich die Branche um den Nachwuchs sorgen. Wie kommt das?

Das ist kein Problem der Bahnindustrie alleine. In Deutschland fehlen über alle Branchen hinweg rund 30.000 Ingenieure. Um jeden jungen Ingenieur buhlen gleich mehrere Industriezweige - zum Beispiel die Automobilindustrie, die Luft-und Raumfahrtindustrie, der Maschinen- und Schiffsbau sowie die IT-Industrie. Selbst die Bundeswehr wirbt derzeit mit großem medialen Aufwand um Ingenieure.

Und da fällt die Bahnindustrie durchs Raster der Absolventen?

In der Öffentlichkeit als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden, ist für die Bahnindustrie eine Herausforderung und macht die Rekrutierung nicht eben leicht. Wir werden bei den Studierenden immer wieder falsch wahrgenommen, insbesondere auch bei Studenten der Ingenieurwissenschaften. Die Branche gilt zu Unrecht als etwas angestaubt. Studenten assoziieren mit der Bahnindustrie Verspätungen, hohe Preise und Zugprobleme. Sie sind in Gedanken sogar des öfteren bei der Deutschen Bahn. Wir müssen aber klar machen, dass Deutsche Bahn und Bahntechnikhersteller zwei verschiedene Paar Schuhe sind. De facto können junge Ingenieure in der Bahnindustrie schnell Verantwortung übernehmen, schneller als in vielen anderen Branchen.

Wie hoch ist Ihr Personaldefizit?

Der Bedarf an Nachwuchsingenieuren in den Unternehmen der Bahnindustrie liegt nach unseren Schätzungen bundesweit bei mindestens 1500 Absolventen. Hinzu kommen in etwa gleicher Größenordnung qualifizierte Techniker. In einer Umfrage haben drei Viertel der Bahntechnikhersteller in Deutschland angegeben, Probleme insbesondere bei der Rekrutierung von Ingenieuren gehabt zu haben.

Wo ist der Mangel besonders groß?

Gesucht werden vor allem Absolventen der Fachrichtungen Maschinenbau und Elektrotechnik. Aber auch Fahrzeug- und Verkehrstechniker, Mechatroniker, Wirtschaftsingenieure, Verkehrsingenieure und Fertigungstechniker werden benötigt.

Was wollen Sie gegen das Nachwuchsproblem tun?

Die Bahnindustrie geht in die Offensive. Ab dem Frühjahr 2013 planen wir eine breit angelegte mediale und hochschulbezogene Kommunikationskampagne. Wir wollen Studenten und jungen Absolventen die Bahnindustrie als attraktiven und zukunftsträchtigen Arbeitgeber präsentieren und den Grauschleier über dem Image der Branche lüften. Schon heute tritt die Branche auch gemeinsam auf. So hat der VDB das zentrale Karriereportal www.karriere.bahnindustrie.info ins Leben gerufen. Angesichts gut gefüllter Auftragsbücher reichen Bemühungen wie diese jedoch längst nicht mehr aus, um den Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern zu decken.

Aber der Mangel an Ingenieuren dürfte sich in den kommenden Jahren eher weiter verschärfen ...

... das ist richtig. Schon heute ist der Bedarf 1,8-mal höher als die Zahl der Absolventen in Deutschland. Umso wichtiger ist es für uns, die Branche ins rechte Licht zu rücken: Für junge Ingenieure bieten wir sichere und zukunftsweisende Positionen. Hier können sie schnell Verantwortung übernehmen und am umweltfreundlichen Schienenverkehr der Zukunft mitarbeiten.

Viele Fachleute setzen ihre Hoffnungen auf ausländische Bewerber. Teilen Sie die Hoffnungen?

Tatsache ist, dass die Unternehmen der Bahnindustrie in Deutschland ihren Ingenieurbedarf nicht mehr allein mit deutschen Absolventen decken können. Sie sind heute angewiesen auf Ingenieure aus dem Ausland mit Deutsch- oder Englischkenntnissen. So können Bahntechnikhersteller derzeit auch viele junge Absolventen aus Spanien gewinnen.

Bewerbermangel auch bei den Betreibern

Nicht nur die Bahnindustrie plagen Personalsorgen, auch die Betreiber leiden unter einem Bewerbermangel. „Immer mehr Menschen fahren in Deutschland mit Bus und Bahn, und so suchen wir in einigen Bereichen inzwischen händeringend geeignetes Personal“, sagt der Präsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), Jürgen Fenske. Zwischen 2012 und 2015 müssen rund 21000 freie Stellen neu besetzt werden. Der größte Bedarf entsteht beim Fahrpersonal. Aber auch 1500 Akademiker, vor allem im technischen Bereich, werden dringend gesucht. Insgesamt sind derzeit im Deutschland rund 400.000 Menschen im oder für den Öffentlichen Personennahverkehr, kurz ÖPNV, tätig.

Die Fragen stellte Thiemo Heeg.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen