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Pharma : „Wir sind auch ein bißchen der Kummerkasten der Leute“

Schubladendenken hilft Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Alltag zwischen Schubladenziehen und Beratungsgesprächen: Im Arbeitsleben eines Apothekers ist Fingerspitzengefühl in jeglicher Hinsicht vonnöten, besonders beim Bereitschaftsdienst.

          Nicht jeder der 30 bis 35 Kunden, die den Notdienst in Anspruch nehmen, ist tatsächlich in Not. So wie der Mann, der nachts um vier Uhr an der Ladentür der Falken-Apotheke schellte und nach Süßstoff fragte: Der sei ihm nämlich für seinen heißgeliebten Tee ausgegangen.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Thomas Ottes erinnert sich schmunzelnd daran. Aber zum Lachen findet es der Frankfurter Apotheker nicht wirklich, daß manche Städter den Bereitschaftsdienst „wie einen verkaufsoffenen Sonntag empfinden“.

          „Unruhig ist es Freitag nachts“

          Vorstellig werden oft Kunden, die nicht vorgesorgt haben. Ihnen ist der Hustensaft ausgegangen, und sie finden keinen Schlaf. Oder sie lösen nachts ein Rezept ein, das drei Tage alt ist. Der Blick auf den rosa Zettel erfreut dann nicht gerade des Apothekers Herz. Bizarr auch der Mann, der nach einem 2,10 Euro teuren Blutverdünnungsmittel verlangte. Zusätzlich waren 2,50 Euro Nachtzuschlag fällig. „Dann hole ich es lieber morgen“, erklärte er kurzerhand und zog in die Nacht. Unruhig ist es Freitag nachts.

          „Da fahren die Kids in die Disco und haben danach Kopfschmerzen.“ Thomas Ottes erhebt sich dann von seiner Schlafcouch, auf die er sich in der Regel zwischen zwei und drei Uhr gelegt hat. „Unser Beruf hat eben viel mit Dienstleistung zu tun.“ Und natürlich gibt es auch 20 bis 30 Prozent unaufschiebbare Anfragen an der Nachtklappe. Dann kommen Patienten mit starken Allergieschüben, denen der Notarzt zur Erstversorgung zwar eine Cortisonspritze gegeben hat, die Tabletten aber müssen die Kranken selber holen. Auch akute Blasenentzündungen oder Kleinkinder mit Mittelohrentzündung, die sich dramatisch zuspitzt, gehören zu den ernsten Fällen.

          Sehr verschultes Studium

          „Mit Menschen umgehen, mit Kunden und Mitarbeitern, das war ein Grund dafür, warum ich Apotheker geworden bin. Außerdem wollte ich immer selbständig sein. Und Chemie habe ich immer schon gerne gehabt. Das ist wichtig, das Grundstudium ist sehr chemielastig“, sagt der Vierundvierzigjährige, der gemeinsam mit seiner Frau Barbara Braun-Ottes die Apotheke im Frankfurter Nordwesten leitet. Ottes stammt aus dem Rheingau, der Großvater war Winzer. „Da habe ich mich schon gefragt, machste Winzer?“ Ein Onkel hatte eine Apotheke, dort hat er nach dem Abitur geholfen. Seither stand sein Entschluß fest.

          Genau wie seine spätere Frau hat er in Frankfurt studiert, einer von 23 deutschen Hochschulen, die das Fach Pharmazie anbieten. „Das Studium ist sehr verschult. Das hängt mit dem Laborpraktikum zusammen. Ohne diese Scheine kommt man nicht ins nächste Semester.“ Pharmaziestudenten müssen viel auswendig lernen. „Wenn es zum Beispiel um die Übersäuerung des Magens geht, kann man sich vorstellen, wo ein Wirkstoff angreift. Die Informationen sind dann nicht abstrakt. Sie bauen aufeinander auf und lassen sich gut verinnerlichen. Antacida, gegen die Säure, heißen zum Beispiel diese Mittel.“

          Praktikumsjahr nach acht Semestern

          Sein Gedächtnis ist gut im Training: Im Geschäft sind etwa 8500 Artikel vorrätig, die in 25000 verschiedenen Packungen stecken. Sie reichen von Aesculo, einem Läuseshampoo mit Kokosöl, bis zu Zantic, einem Magenmittel, und stecken in den leise surrenden Laden von 18 deckenhohen Nußbaumschränken. „Der Schubladenzieher, das ist das klassische Bild, das viele vom Apotheker haben.“

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