14.03.2006 · Fordern oder fördern, je nach Bedarf: Das britische Unternehmen Interact nutzt die Techniken des Theaters, um das Personal großer Unternehmen zu schulen. Mitmachen statt Vorträgen lauschen ist die Devise.
Von Henrike RoßbachDer Chef hängt am Telefon, lacht polternd mit seinem Gesprächspartner, verabredet sich zum Mittagessen und bespricht noch kurz seine jüngste Golfpartie. Zwischendurch winkt er ungeduldig eine junge Frau herein, die verunsichert und schüchtern in der Tür steht. Sie weiß nicht, wohin mit sich, bleibt vor seinem Schreibtisch stehen, die Schultern eingezogen, während er sich ungeniert im Sessel zurücklehnt und noch ein paar Witze reißt.
Erst dann legt er auf und wendet sich der Frau zu. Das jährliche Mitarbeitergespräch steht an. „Sie können mit mir über alles reden“, sagt er mit einem nicht freundlich gemeinten Grinsen im Gesicht, um dann aber jede Vorlage von ihr zu nutzen, um über sich zu sprechen. Zwischendurch versäumt er es nicht, noch ein paar Giftpfeile abzuschießen - lächelnd, versteht sich.
„Wie finden wir ihn?“ fragt Ian Jessup nach der Szene und schaut gut gelaunt durch die Reihen derer, die an diesem Tag zum „Interact Demonstration Day“ nach Köln gekommen sind. „Ich kenne ihn“, sagt eine Frau in der ersten Reihe trocken. Ihr Namensschild verrät, daß sie für eine deutsche Großbank arbeitet. Gelächter. „Er gehört gefeuert“, wirft die junge Frau von der Unternehmensberatung ein. „Ich dachte, sie sagt ,geheuert'“, witzelt Jessup mit Bezug auf ihren Arbeitgeber.
Charismatiker mit Ironie
Er trägt ein dunkles Hemd in einem dunklen Anzug und sieht mit seinen kleinen dunklen Augen und dem graumelierten Haar ein bißchen aus wie Robert de Niro. Vor allem, wenn er seine Stirn in Falten legt. Er ist witzig, ein Charismatiker mit komischem Talent und Ironie in Haltung und Sprache. Er ist der perfekte Trainer.
Als Ian Jessup und Derek Hollis Interact im Mai 1996 gründeten, hatten sie nur sich selbst, einen Pool von rund 30 freiberuflichen Schauspielern und eine Idee. Sie wollten die Techniken des Theaters nutzen, um das Personal großer Konzerne zu schulen. Experimentell und interaktiv sollte ihre Art der Personalentwicklung sein. Schauspieler sollten die Mitarbeiter in Rollenspielen herausfordern oder unterstützen, je nach Bedarf. Sie wollten anders sein als das klassische Firmentheater, das man auch in Deutschland kennt.
Sie wollten nicht nur selbstgeschriebene Stücke vorführen, in denen es um zentrale Firmenprobleme geht. Sie wollten die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum überschreiten. Eine Art Mitmachtheater für Führungskräfte schwebte ihnen vor. „Ich habe von meinem Schlafzimmer aus gearbeitet, er von seinem“, sagt Jessup heute. Im ersten Jahr lagen Interact Buchungen für nur zehn Tage vor. Jessup, eigentlich Regisseur, verdiente nichts mit Interact und arbeitete deshalb nebenbei weiter als freiberuflicher Autor. Im zweiten Jahr kam er auf ein Jahresgehalt von 7000 Pfund, im dritten waren es 10.000.
Spenden für Theaterkompanien
Heute ist Interact nach eigenen Angaben auf seinem Gebiet führend in Großbritannien. 40 Prozent der Kunden sind öffentliche Einrichtungen, 60 Prozent kommen aus der Privatwirtschaft. Die Liste ist lang und voller klangvoller Namen: BP Amoco, Cable & Wireless, Barclays Bank, BBC, Accenture, British Airways, Disney Corporation, Ford Motor Company, Electrolux, Glaxo Smith Kline, Marks & Spencer, Price Waterhouse Coopers.
So geht das weiter, Zeile um Zeile. Neben zehn fest angestellten Mitarbeitern arbeiten über 1000 Schauspieler und Autoren freiberuflich für Interact. 2005 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 1,5 Millionen Pfund (knapp 2,2 Millionen Euro), dieses Jahr sollen es zwei Millionen Pfund (rund 2,9 Millionen Euro) werden. Der Gewinn liege bei fünf bis zehn Prozent des Umsatzes, sagt Jessup. Geld, das Interact Theaterkompanien spendet. „Da kommt schließlich das Können her“, sagt Jessup. 60.000 bis 100.000 Pfund (etwa 87.400 bis 145.700 Euro) gehen Jahr für Jahr an bis zu fünf ausgewählte Theater.
Den deutschen Markt erobern
Die einzigen Regeln: Für das Haus muß der Geldsegen einen Unterschied machen, er darf nicht in einem vorhandenen Riesenbudget untergehen, und die Theatermacher müssen mit der Spende etwas Besonderes realisieren. Nun will Interact den deutschen Markt erobern. Vor eineinhalb Jahren taten die Theatermänner den ersten Schritt von der Insel auf den Kontinent. Danone, Allianz und RWE zählten zu den deutschen Pionierkunden. Zum Kölner Schnuppertag sind unter anderem Vertreter von Hugo Boss gekommen, von RWE, Metro, Bosch und Siemens Hausgeräte.
Um Mitarbeiter für den Auslandseinsatz in fremden Welten zu schulen, um die richtigen aus der Bewerbungsflut zu fischen, um internationale Mitarbeiter miteinander vertraut zu machen - für solche Situationen können sich die Unternehmen einen Interact-Einsatz vorstellen. Und: Die anwesenden Manager wollen im Kunstlicht des Konferenzraums probieren, was Jessup für den Tag vorgegeben hat: in den dunklen, unerforschten Ecken ihrer persönlichen Management-Kiste wühlen, auf der Suche nach Werkzeugen, die sie viel zu selten hervorholen.
Der liebenswerte Chaot
„Deutschland hat eine andere Kultur des Lernens als Großbritannien“, sagt Jessup später. In Deutschland werde zwar viel Geld für Personaltraining ausgegeben - allerdings für technisches, schulisches Training. Es gebe eine ausgeprägte Expertenkultur, eine Vorliebe für Leute, die sagen, was zu tun ist. Eine der Interact-Regeln aber ist es, daß es kein „richtig“ und „falsch“ gibt. Die Teilnehmer müssen selbst herausfinden, was für sie richtig ist. „Wenn sie es ausprobieren, dann lieben sie es.“
Auch in Köln werden aus Zuschauern Teilnehmer. Interact führt die Anwesenden durch eine Art Patchwork-Programm mit Schnappschüssen aus allem, was die Engländer anbieten. Eine Teilnehmerin übernimmt die Rolle einer Angestellten, die zum Jahresgespräch antritt, und beurteilt hinterher die von Schauspielern verkörperten Chef-Typen. Typ eins: der liebenswerte Chaot. Typ zwei: die distanzlos Freundliche. Typ drei: der Kühl-Arrogante.
Selbstgefälliger Kundenvergrauler
Die nächste Teilnehmerin schlüpft in ebendiese Chef-Rolle, während ein Schauspieler einen schwierigen Angestellten mimt. Typ: selbstgefälliger Kundenvergrauler. Dreimal konfrontiert der Schauspieler sie mit der Szene, und jedesmal bekommt die junge Frau es besser hin, ihren „Angestellten“ durch das Gespräch zu steuern. Später präsentieren vier Schauspieler in einer kurzen Episode die Absurdität strikter Hierarchien. Oder ein Schauspieler spielt, wie ein Teilnehmer einen Manager gespielt hat - damit dieser sich selbst sehen kann.
In Deutschland seien sie die einzigen, die Theater und Wirtschaft auf diese Weise vereinen, sagt Jessup. „Wenn wir Deutschland knacken, haben wir ein Monopol.“ Den Erfolg in Großbritannien erklärt sich der Interact-Chef auch damit, daß die Insel eine Dienstleistungszone geworden ist, weitgehend ohne verarbeitende Industrie. Wer dagegen Autos baut, der ist schwerer davon zu überzeugen, daß Kreativität, emotionale Intelligenz und Kommunikation die Gewinne steigen lassen. Das Theater soll dabei helfen. Denn: „Das ist die Schönheit des Theaters, es bringt dich dazu zu begreifen.“