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Online-Personalvermittlung Die anonymen Stellenwechsler

Für die Traumstelle rekrutiert zu werden, ohne dass der Chef, der Partner und die Schwiegermama etwas davon erfahren: Genau dieses Prinzip hat sich ein Online-Personaldienst auf die Fahnen geschrieben. Anonymes Headhunting - kann das funktionieren?

© dpa Vergrößern Erstmal anonym bleiben: Nur der Weg über den Headhunter macht’s möglich.

Paul ist glücklich. Seit gestern hat er einen neue Stelle - und keiner hat es zuvor gemerkt. Keine neugierigen Kollegen, die die Arbeitssuche beäugen, keine quengelnden Familienangehörigen, die zur Eile drängen oder gute Ratschläge erteilen. Für die Traumstelle rekrutiert zu werden, ohne dass der aktuelle Chef und das eigene Umfeld etwas davon erfahren - genau dieses Prinzip soll fortan dem Personalbeschaffungsdienst Poachee.com aus Berlin zum Erfolg verhelfen. Nutzer des Online-Dienstes können sich von einem potentiellen Arbeitgeber finden lassen, während die eingestellten Profile anonym bleiben.

Der Name des neuen Personaldienstes leitet sich vom englischen Wort „poacher“ ab und lässt sich mit „Abwerber“ oder „Wilderer“ übersetzen. Gewildert wird von Headhuntern im Pool der abwerbewilligen Arbeitnehmer, „Poachees“ genannt. Zehn Jahre war Poachee-Gründer Florian Röllig selbst als Berater für Personallösungen tätig. Er wisse aus eigener Erfahrung, wie schwierig es sei, an die „richtigen“ Leute für bestimmte Stellen heranzukommen. Die meisten hätten bereits einen Job und seien, wenn überhaupt, nur passive Stellensucher. „Da bleibt nur die Lösung Headhunter.“

Neue Konkurrenz für Linkedin und Xing

Mit der Headhunter-Lösung reiht sich das ganz junge Unternehmen Poachee in die lange Reihe der großen und oft schon etablierten sozialen Netzwerke und Online-Personalvermittlungen ein. Konkurrenz bekommt der neue Personaldienst vor allem von Portalen wie Xing aus Deutschland oder Linkedin aus Amerika. Denn auch die werden von Wechselwilligen genutzt. Passive Jobsucher könnten sich dort genauso für Headhunter exponieren, räumt Röllig ein. „Portale wie Xing oder gerade Linkedin sind aber schon sehr viel stärker auf Businessnetzwerke ausgerichtet. Wir schauen auf den gesamten Stellenmarkt“, beschreibt er seine Differenzierungsidee.

Andererseits ist das zunächst reine Hoffnung. Denn beim Blick auf die Größe hinkt der Vergleich des Berliner Start-ups mit den etablierten Plattformen und börsennotierten Unternehmen sehr. Das 2003 gegründete Linkedin beispielsweise gehört mit mehr als 175 Millionen Nutzern zu den international meistgenutzten Websites.

Mehr Privatsphäre

Genau wie Xing ist auch Linkedin zudem nicht auf das reine Rekrutieren, sondern auf die möglichst gute Vernetzung seiner Nutzer ausgelegt. Andererseits muss das nicht unbedingt ein Vorteil sein. Denn wer mit wem wie verlinkt ist, ist für jeden leicht ersichtlich. Beide Portale müssen sich in regelmäßigen Abständen zudem eine mangelnde Sicherheit der Nutzerdaten vorwerfen lassen. So sorgte zuletzt 2012 ein Angriff auf Linkedin für Aufregung, als es einem russischen Hacker gelang, gut 6 Millionen Passwörter angemeldeter Nutzer zu stehlen und im Internet zu veröffentlichen.

Poachee.com versucht in diesem Umfeld, mit weniger Zeitaufwand und mehr Privatsphäre zu punkten. Im Punkt Zeitaufwand lässt sich das sogleich überprüfen: Keine zwei Minuten braucht es, um die „Bewerbung“ zu vervollständigen. Denn auf der Website finden sich lediglich Kurzbewerbungen ohne Lebensläufe. Auch das Einscannen zusätzlicher Dokumente entfällt. „Das Verfahren, auf eingehende Bewerbungsmappen zu warten und dann die Lebensläufe durchzuschauen, ist längst veraltet“, meint Röllig. Aus den anonymisierten Profilen suchen die Rekrutierer die für sie interessantesten Kandidaten heraus und nehmen Kontakt auf. Hierdurch werde sichergestellt, dass sich niemand erklären müsse, wenn er die Stelle wechseln wolle. Arrangements „unter dem sozialen Radar“ nennt Röllig das. Dass sein Dienst deshalb als unseriös oder qualitativ minderwertig wahrgenommen werden könnte, sei nicht zu befürchten. Schließlich sei gerade die Möglichkeit, anonym bleiben zu können, der Anreiz, überhaupt die Initiative zu ergreifen, hofft Röllig: „Als ich Anfang 2012 im Deloitte Shift Index las, dass bis zu 80 Prozent mit ihrem gegenwärtigen Job unzufrieden sind und davon nur ein Bruchteil aktiv auf der Suche nach Veränderung ist, war die Entscheidung für Poachee gefallen.“

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Ein Jahr hat Röllig für die Umsetzung seiner Idee gebraucht. Gut sechs Monate bastelten er und seine Mitarbeiter an der Erstversion der Website. Im September 2012 ging die Testversion online. Wie gut sein Dienst am Ende auf dem umkämpften Markt für wechselwillige Arbeitnehmer funktionieren wird, hängt von der Masse der Abwerbewilligen ab, die sich registrieren. Denn nur wenn die Zahlen stimmen, wird es auch für zahlende Headhunter interessant. Bisher ist Poachee zu 100 Prozent eigenfinanziert.

Die ersten Umsätze sollen sich im Laufe des Jahres einstellen, wenn die ersten Poachees von Headhuntern oder Unternehmen abgeworben werden, die für eine entsprechende Kontaktaufnahme zahlen. Abwerbewillige hingegen zahlen nichts, wenn sie Stellenbeschreibung und Gehaltsvorstellung ins Netz stellen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 13.02.2013, 06:00 Uhr

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