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Kolumne „Nine to five“ : Alle wollen zu kurz kommen

Büro-Umzüge lassen auch die Belegschaft nicht kalt: Hier ein Bild vom Umzug der Deutschen Bank in ihre Doppeltürme in Frankfurt im Jahr 2011. Bild: Frank Röth

Das Bürogebäude ist renovierungsbedürftig, ein Umzug steht an. Und die Mitarbeiter dürfen mitreden. Da ist Unfrieden im sonst so harmonischen Team programmiert.

          Die Außenstelle soll umziehen. Das Bürogebäude ist renovierungsbedürftig, erst droht die Baustelle, dann die exorbitante Mieterhöhung. Statt sich als Gentrifizierungsopfer zu fühlen, wird ein neuer Bürostandort gesucht. Das hört sich harmloser an, als es ist. Denn die Mannschaft ist klein, die angebotenen Büroflächen sind es nicht. In ballsaalähnlichen Konferenzräumen mag sich niemand verlieren, abgesehen von der Geldverschwendung. Wohin ziehen wir?

          Ursula  Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Das Mutterhaus agiert mütterlich und lässt seine Angestellten mitreden. Als Ortskundige sollen sie Vorschläge machen. Eine Mammutaufgabe. Natürlich verfolgt jeder der Ausschwärmenden Eigeninteressen. Alle treibt der Anfahrtsweg um. Der kurze Weg ist das langfristige Ziel eines jeden: Gelange ich schnell an meinen Schreibtisch? Der Weg als Ziel. In einer staugeplagten Stadt, deren Verkehr unter dem Dreiklang Feinstaub–Dauerbaustellen-Zuzug zu kollabieren droht, ist das die entscheidende Währung und nicht die Hoffnung auf ein repräsentables Einzelbüro. Was gibt es da nicht alles zu bedenken: Muss ich die U-Bahn wechseln? Fahre ich mit dem Auto? Ergattere ich einen der raren Firmenparkplätze? Solche strategischen Überlegungen laufen klammheimlich ab.

          Wie weit sind Bahnhof, Autobahn und Thai-Imbiss?

          Bei den Bürobesichtigungen gibt man sich natürlich möglichst neutral und objektiv bei der Frage zur Lage. Sind wir für Besucher gut erreichbar? Ist es weit zum Bahnhof oder zur Autobahn? Bei Besichtigung A lobt der Kollege Tiefgarage und Thai-Imbiss, dabei nimmt er meist das Rad und steht auf Hausmannskost. Aber das Büro liegt in seinem Wohnviertel! Juchhu! Sein Lieblingskollege wohnt hingegen weit außerhalb, Büro A fällt bei ihm durch, obwohl er die allzweckasiatische Küche liebt. Aber täglich Nasigoreng wiegt die zusätzliche Stunde Fahrtzeit nicht auf. Pflaumenwein muss auch nicht sein!

          Er preist die Vorzüge von Besichtigung B in höchsten Tönen, denn die besenkammerkleinen Depri-Büros mit unverstelltem Blick auf Beton sind – für ihn jedenfalls – verkehrstechnisch gut erreichbar.

          Dem Home-Office-Mitarbeiter wechselt ständig die Meinung

          Raffiniert werden Argumente angetäuscht, misstrauisch beäugt sich die ansonsten harmonische Bürogemeinschaft. Einzig der Home-Office-Mitarbeiter wechselt seine Meinung wie das Fähnchen im Wind. Denn er hat keine, solange sein Heimwerken nicht gefährdet ist.

          In der Zentrale interessieren Fakten. Der Chef entscheidet sich für einen bezahlbaren Kompromiss, und gut ist. Das war an der Zeit. Die Mitmieter haben das Geisterhaus längst verlassen. Jetzt kann es nur noch besser werden. Zeit, neue Wege zu gehen.

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