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Kolumne „Nine to five“ : Schöner Schein

Nicht nur das mit dem Vogel und dem Wurm: Im Büro gibt es viele Sprichwörter. Manchmal zu viele. Bild: dpa

„Der frühe Vogel fängt den Wurm“: Sprichwörter und Redensarten gibt es viele im Bürokontext. Aber manchmal können sie ganz schön nerven.

          Die neue Kollegin war jung, stilsicher gekleidet und lächelte viel. Alles in allem eine durchaus positive Erscheinung, wie das Team fand – zumindest am ersten Tag. Ihren Dienst hatte sie ganz beflissen schon um sieben Uhr morgens angetreten, was Müller, ihren Chef, zu der gutgemeinten Bemerkung veranlasste, dass „hier eigentlich keiner vor acht erscheint“. Doch die Neue konterte mit einem schnellen: „Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Da war Müller still.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Am zweiten Tag fühlte er sich genötigt, das neue Ordner-Ablagesystem der Kollegin gebührend zu loben. Und wie schnell sie es umgesetzt hatte! „Ordnung ist eben das halbe Leben“, sagte die Neue und schob dann auch noch hinterher: „Ohne Fleiß kein Preis. Ich sag immer: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Müller zog eine Augenbraue hoch.

          „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“

          Am dritten Tag traf Müller die Neue im Fahrradkeller. „Ach, Sie fahren auch mit dem Rad zur Arbeit?“, fragte er freundlich. „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“, antwortete die Kollegin. „Ach, manchmal fällt es mir ganz schön schwer, mich morgens aufzuraffen“, gab Müller offen zu. Und prompt sagte die Neue: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Müller gab auf und ging zum Lift.

          Später erschien die Neue in Müllers Büro. Empörung lag auf ihrem Gesicht. „Das schlägt dem Fass den Boden aus“, begann sie ihre Rede. „Ich will nun wirklich nicht aus einer Mücke einen Elefanten machen. Aber die Gretchenfrage ist doch, wie man mit einer neuen Mitarbeiterin umgeht. Und da, sage ich Ihnen, da hat Herr Schmidt heute wirklich den Vogel abgeschossen. Erst lässt er mich von Pontius zu Pilatus laufen mit seinem Protokoll, zu dem er unbedingt noch seinen Senf geben musste. Dann redet er hinter meinem Rücken und glaubt, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Und dann lässt er auch noch den ganzen Tag in unserem Büro das Fenster sperrangelweit offen. Das zieht wie Hechtsuppe! Dabei weiß er doch auch: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Aber alter Schwede! Der hat wirklich ein Brett vor dem Kopf. Der Rubikon ist jedenfalls überschritten. Ich kündige!“ Das Schreiben hatte sie schon fertig und hielt es Müller zur Unterschrift entgegen.

          Müller nahm den Brief, signierte, seufzte, dachte kurz nach und sagte dann mit einigem Genuss: „Ich dachte immer: Neue Besen kehren gut. Aber es ist wohl doch nicht alles Gold, was glänzt.“

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