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Kolumne „Nine to five“ : Pendeln mit Morgenmuffeln

Pendeln ist Geschmacksache. Das Ausmaß des Smalltalks im Zug ebenfalls. Bild: dpa

Morgendliche Fahrten ins Büro können so entspannt sein: Kaffee, Zeitung, ein bisschen Ruhe. Und die Mitreisenden?

          Toni Kunze liebte die morgendlichen Fahrten ins Büro. Am Bahnsteig stand er immer am gleichen Fleck vor dem Raucherbereich – nicht weil er rauchte, sondern weil er wusste, dass er dann exakt vor der Tür stand, wenn der Zug hielt. Nachdem er eingestiegen war, hielt er sich rechts und setzte sich drei Reihen von der Tür entfernt auf den Platz am Fenster. Dann stellte er die Rückenlehne nach hinten, schlürfte am Kaffee, den er im Thermobecher mitgebracht hatte, und lud sich die neueste Ausgabe seiner Tageszeitung aufs Tablet. Kunze liebte diesen Moment der Ruhe nach dem Stress, wenn er morgens seine beiden Söhne vor der Arbeit im Kindergarten abliefern musste.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Meier nahm oft den gleichen Zug. Sie kannten sich aus der Schulzeit und begegneten sich häufig am Bahnsteig. Ein bisschen Smalltalk – das mochten beide. Meier hatte ein feines Gespür für Kunzes Morgenritual. Sobald sie eingestiegen waren, gingen sie getrennte Wege. Kunze bog nach rechts ab, Meier nach links. Nie wäre Meier auf die Idee gekommen, sich neben Kunze zu setzen und das Gespräch fortzusetzen; sowieso stülpte er viel lieber seine Kopfhörer über. Manchmal trafen sich die beiden beim Aussteigen wieder. Dann freuten sie sich, gingen zusammen den Bahnsteig entlang und wünschten sich einen schönen Arbeitstag.

          Eines Tages aber fing Fink neu in Kunzes Firma an. Auch Fink hatte den gleichen Arbeitsweg und war ein richtig netter Kerl. Als Kunze und Meier ihn am Bahnsteig trafen, stieg er mühelos in den Smalltalk ein. Bloß, ach! Das Morgenritual verstand Fink überhaupt nicht. „Kommt, dort vorn ist ein Viererplatz“, rief er den Kollegen nach dem Einstieg fröhlich zu und eilte dorthin. Kunze und Meier trotteten höflichkeitshalber hinterher, rollten aber hinter seinem Rücken die Augen.

          Lieber Feierabendbier

          Ein paar Tage ging das so, dann hielt Kunze es nicht mehr aus. Absichtlich kam er auf den letzten Drücker zum Bahnsteig und stieg heimlich in den ersten Waggon. Zwar wusste er nicht, wo die Tür hielt, doch immerhin bekam er einen Fensterplatz, konnte Kaffee schlürfen und Zeitung lesen. „Wo ist denn der Toni?“, fragte Fink derweil überrascht im hinteren Zugteil. „Ist der krank?“ „Nee, genervt“, sagte Meier. „Der will morgens seine Ruhe. Der hat zwei kleine Jungs zu Hause, der schafft vor der Arbeit weder Kaffee noch Zeitung.“ Fink zog die Augenbrauen hoch. „Wie peinlich“, rief er. „Das wusste ich gar nicht. Und du?“ „Ich“, sagte Meier, und nahm allen Mut zusammen, „finde es auch ganz schön, morgens im Zug ein bisschen Musik zu hören. Aber weißt du was: Wir verabreden uns manchmal für die Rückfahrt. Wir haben sogar eine Whatsapp-Gruppe dafür. Ich füg dich mal hinzu.“

          An diesem Abend sah man Kunze, Fink und Meier fröhlich in einem Viererabteil zusammensitzen. Fink hatte für alle ein Feierabendbier besorgt. „Ab morgen steige ich ganz vorne ein“, versprach er. „Prost, ihr Morgenmuffel!“

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