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Veröffentlicht: 19.06.2017, 06:42 Uhr

Kolumne „Nine to five“ Die Briten gehen, Englisch bleibt

Nun ist es soweit, nun verhandeln die Briten mit der EU über den Austritt. Was bedeutet das eigentlich für Englisch als wichtigste Sprache in der Berufswelt?

von
© Nedden Braucht’s bald noch Englischkurse für den Erfolg im Berufsleben? Oder ist das mit dem Brexit passé?

Fremdsprachen stehen weit oben auf der Liste der Qualifikationen, die Arbeitgeber in Stellenanzeigen fordern. Wer exzellent Englisch spricht, hat als Bewerber einen Vorteil – dachte er jedenfalls bisher. Nun darf er sich von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verunsichert fühlen. In einem der derzeit beliebten Seitenhiebe gegen die Briten sagte Juncker dem Englischen einen schleichenden Bedeutungsverlust voraus, zumindest auf dem Heimatkontinent. Bei einer Konferenz in Florenz war das, Juncker wählte für seine Rede demonstrativ Französisch. Denn: „Englisch verliert langsam, aber sicher an Bedeutung in Europa.“ Das Publikum lachte vergnügt.

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Ja, die Briten sollen sehen, was sie von ihrem Plan haben, die EU zu verlassen. Die jüngste Wahl wird am Brexit wohl nichts ändern. Und der Club der Übrigbleibenden schießt beleidigt zurück – wie Kinder auf dem Spielplatz, denen ein Kamerad wegläuft, weil er des Spiels müde geworden ist. Zum Abschied bekommt er die lange Nase gedreht. Konzentrieren wir uns also künftig auf Französisch und drängen das Englische in den Hintergrund unseres Gedächtnisses, auch in der Berufswelt?

Die lange Nase ist übertrieben

Gemach. Junckers lange Nase dürfte sich als übertrieben herausstellen. Sicher, ohne die Mitgliedschaft Großbritanniens hätte Englisch nicht Französisch als dominante Sprache in der EU verdrängt. Aber es ist in den europäischen Institutionen inzwischen zu weit verbreitet. Auch EZB-Präsident Mario Draghi spricht bei seinen Auftritten Englisch, obwohl Britannien der Eurozone gar nicht angehört. Nicht zu vergessen, bleibt Irland – mit Irisch und Englisch als seinen offiziellen EU-Sprachen – in der Union (Malta mit Maltesisch und Englisch auch). Global ist Englisch eh unbestritten das erste Verständigungsmittel, ob in der Geschäftswelt oder der Wissenschaft – was mehr mit der Weltmacht Amerika zu tun hat als mit ihrem alten Mutterland Britannien. Wer in der Arbeitswelt unterwegs ist, bleibt mit Englisch bestens bedient.

Und jene, die noch studieren? Kein Philologe muss umschwenken. Romanisten können sich am Zauber einer ganzen Sprachfamilie erfreuen, die sich aus dem Lateinischen entwickelt hat: von Portugiesisch im Westen über Spanisch, Französisch und Italienisch bis Rumänisch im Osten. Diesen faszinierenden Vergleich bietet die Anglistik nicht. Aber sie bietet die reiche Literatur (und Linguistik) in einer Sprache, die noch lange dominieren wird.

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Übrigens: Englisch wird zwar meist als germanische Sprache gesehen, aber das ist die halbe Wahrheit. Seit die Normannen 1066 in Hastings gewannen, ist derart viel Französisch in den Wortschatz gedrungen, dass Englisch eigentlich ein germanisch-romanischer Mix ist. Das müsste doch auch Juncker überzeugen.

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