http://www.faz.net/-gyl-7s8yq

Kolumne „Nine to five“ : Nicht im Dienst!

Nur einmal würde Frau Dr. Müller gerne grillen, ohne dabei über Krampfadern sprechen zu müssen. Bild: dpa

Hallo, nicht im Dienst! Weder Dr. Müller, die am Büffett nahe des Carpaccio zu Krampfadern konsultiert wird, noch Dipl.-Ing. Meier, dem auf der Grillparty kein Kotelett serviert wird, sondern der Bauplan des neuen Eigenheims.

          Ach, der Meier kommt am Samstag auch? Gut zu wissen. Freudig kommentiert der Freund die Gästeliste der kleinen Grillparty. Und er bereitet sich vor, rückt aber nicht mit Kotelett oder Krautsalat an, sondern mit einer Papierrolle, die er umständlich entrollt. Denn Meier ist Architekt, und unser Freund baut an und nutzt die Gunst der Stunde, den armen Fachmann in ein umständliches Gespräch über Bauvorschriften, niedergerissene Wände und günstige Designkacheln zu verwickeln. Architekt Meier vergeht der Appetit, er muss fachlich ran, spontan, kostenlos und ungewollt.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die ärmsten Partygäste sind seit jeher die Ärzte, kein Zipperlein, keine lebensbedrohliche Krankheit, die nicht vor ihnen ausgepackt wird. Motto: Rascher und billiger kommen wir nicht an eine zweite Meinung. Kaum hat sich herumgesprochen, dass Frau Dr. med. Müller als Internistin praktiziert, wird sie am Büfett umlagert. Kein Leiden, das nicht auf den Tisch käme, zwischen Blutwurst-Carpaccio und Schinkenröllchen muss sie sich im Detail über Chancen und Risiken der Krampfaderbeseitigung auslassen. Die Dame ist durchaus hart im Nehmen. Aber eben nicht im Dienst.

          Cool ist auch der befreundete Anwalt, von Berufs wegen abgebrüht. Er ist derlei Kummer gewohnt. Nachdem er sich jahrelang über Zeitgenossen geärgert hat, die sich an ihn ranwanzen, um gratis rechtlichen Rat einzuholen, steckt er stets Visitenkarten ein, teilt die großzügig aus und verweist auf seine Kanzlei: „Meine Sekretärin gibt euch gern einen Termin.“ Das sei Notwehr, behauptet er. Diese Abwehrstrategie verfolgt er, seitdem ihm bis dahin unbekannte Gäste auf einer privaten Geburtstagseinladung einen prall gefüllten Aktenordner unter die Nase gehalten haben mit dem Satz: „Ich hab’ hier mal was für Sie vorbereitet ...“ Seitdem bremst der Jurist die tolldreisten Sparmodelle der Selbstoptimierer aus. Extrovertierte Zeitgenossen drängt es übrigens gern in die Nähe von Journalisten, dann fällt der Schlüsselsatz: Darüber müsst ihr mal was schreiben! Unbedingt. Aber nicht heute Abend.

          Weitere Themen

          Handys raus – oder alles mit rein?

          Digitale Helfer in der Uni : Handys raus – oder alles mit rein?

          Haben Smartphones, Laptops und Tablets etwas in Vorlesungen und Meetings zu suchen? Die Professoren Miloš Vec und Jürgen Handke sind darüber diametral anderer Meinung. Die F.A.Z. hat sie an einen Tisch geholt – und es gab Streit.

          Drei Sekunden Blickkontakt

          Knigge für Flüchtlinge : Drei Sekunden Blickkontakt

          Umgangsformen sind im Beruf wichtig, aber von Land zu Land unterschiedlich. In Seminaren lernen Flüchtlinge, was hier wichtig ist und dass nicht alles strenger ist

          Starthelfer für Flüchtlinge

          Gründerserie : Starthelfer für Flüchtlinge

          Das Start-up Social Bee vermittelt Flüchtlinge an Unternehmen und kümmert sich um das gesamte Drumherum: vom Sprachkurs bis zum Kontakt mit den Behörden. Eine provokative Werbekampagne machte das Start-up schnell bekannt.

          Topmeldungen

          Merkel im Bundestag : Ein Satz wie Blei

          Wenn es um Migration geht, bemüht die Kanzlerin stets die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Dabei treibt sie nicht nur Multilateralismus, sondern Wiedergutmachung. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Kritiker. Ein Kommentar.
          Er als erster in stillem Protest auf dem Taksim-Platz, aber er stand nicht lang allein:  Erdem Gündüz gehört zu den vierzehn Verhafteten.

          Brief aus Istanbul : Warum sind wir nicht die Besten?

          Spitzenreiter bei den Gefängnissen, unter ferner liefen bei den Universitäten: Präsident Erdogan versteht seine Türkei nicht mehr. Mit Geld kann er den Braindrain des Landes sicher nicht aufhalten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.