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Kolumne „Nine to five“ : Alles Auslegungssache

Wer anderen Menschen gegenüber großzügig ist, hat meist auch selbst mehr zu lachen. Bild: dpa

Wie viel angenehmer wäre das Arbeitsleben, wenn wir alle öfter eine Auge zudrücken würden. Umso schöner, wenn sich selbst der schmallippigste Korinthenkacker großzügig zeigt.

          Es gibt Korinthenkacker, Korrekte und kluge Köpfe, die ihr Berufsleben flexibel und human gestalten. Für sich und andere. So wie neulich die Verkäuferin am Hauptbahnhof. Ein Rucksacktourist betritt die Bäckerei, er ist jung und hat wenig Geld, das ist offenkundig. Höflich bestellt er nach dem ausgiebigen Studium der Preistafel einen kleinen Kaffee. Verlegen fragt er, ob die Verkäuferin ihm die Wasserflasche auffüllen könne.

          Ursula  Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die Frau stemmt die Hände in die Hüften, schüttelt den Kopf und posaunt: „Das kann isch leider nischt, das dürfen wir vom Gesetzgeber nischt. Aber da hinten sind unsere Toiletten. Und was Sie da am Waschbecken mit Ihrer Flasche tun, junger Mann, das weiß ich natürlich nischt.“ Auffordernd zwinkert sie ihm zu und tütet Nussecken ein. Die Operation Kranenburger läuft.

          Großzügigkeit ist der Schmierstoff im Berufsleben. Das wissen auch Krimiautoren und bauen in ihre Handlung den Ermittler ein, der dem Guten illegale Akteneinsicht gewährt. Das geht wie folgt: Der Kommissar breitet vertrauliche Protokolle aus, verlässt demonstrativ den Raum mit der Ansage: „Ich gehe Händewaschen, das dauert etwas länger.“ Laut polternd kehrt er zurück. Die Botschaft hör ich wohl: Man streitet einvernehmlich für die Sache der Gerechtigkeit.

          Wie Porschediebe sahen die kleinen Tierretter nicht aus

          Generös verhält sich auch der Pförtner des Münchener Bürokomplexes. Weit nach seinem Dienstschluss klopfen zwei aufgeregte Kinder an die verriegelte Drehtür: Ihre Katze ist in die Tiefgarage entwischt und miaut kläglich hinterm Drahttor. Der Krisenbericht erweicht des Pförtners Herz; gegen die Vorschriften verlässt er seine Koje, öffnet den Garagenschlund und birgt den verschreckten Kater.

          Augenzeuge wird – ausgerechnet – der Geschäftsführer, der jeden Falschpark-Zentimeter ahndet. Als er des Trios samt Katze gewahr wird, schleicht sich ein Lächeln in seine Schmallippigkeit: „Na, Krüger, ist das Tier wohlauf?! Dass mir das nicht zur Gewohnheit wird, Katzen und Kinder haben hier unten nichts zu suchen!“ Krüger nickt und zieht sich zurück in seine Pförtnerloge.

          Wie Porschediebe sahen die kleinen Tierretter nicht aus. Neugierige Passanten nicken ihm anerkennend zu. Als großzügige Natur geht es ihm um gefühlte Gerechtigkeit. So wie dem Imbissbesitzer, der kurz nach Schließung noch etwas an einen hungrigen Gast verkauft. Oder dem Einzelhändler, der der alten Dame noch den Rabattpreis einräumt, obwohl die Aktion abgelaufen ist. Merke: Die Krügers dieser Welt machen nicht nur das Berufsleben ein kleines bisschen menschlicher.

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