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Nina Hagen Catharina die Große

 ·  Provokateurin vom Dienst oder letzte große Diva: An Nina Hagen scheiden sich die Geister. Eine feste Größe in der Musikwelt ist sie allemal.

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Das „Hotel Savoy“ in Köln bietet den stilechten Rahmen für ein Treffen mit Nina Hagen. Von außen unscheinbar, dominiert innen der bunte Retro-Look der achtziger Jahre. Künstler, die hier übernachten, mag das nostalgische Ambiente an jene Zeiten erinnern, in denen die Rheinmetropole noch Musikhauptstadt war und die Klänge von BAP, Klaus Lage oder Wolf Mahn die westdeutschen Bühnen im Sturm eroberten. Es war die Zeit, in der deutschsprachige Rock- und Popmusik hoffähig und in der Nina Hagen als Mitbegründerin der „Neuen Deutschen Welle“ gefeiert wurde. Die auffällig geschminkte, aber beim Treffen im Savoy eher schüchtern wirkende Sängerin vereint wie keine andere deutsch-deutsche Musikgeschichte in einer Person.

Im Osten Berlins unter dem bürgerlichen Namen Catharina geboren, aber von klein auf nur „Nina“ genannt, stieg die Tochter des Drehbuchautors Hans Hagen und der Musical-Sängerin Eva-Maria Hagen mit 19 Jahren zum Schlagerstar in der DDR auf, weil sie mit dem leicht ironisch angehauchten Sommerhit „Du hast den Farbfilm vergessen“ den Nerv des Publikums traf. Nach ihrer Ausbürgerung, die ihr 1976 im Zuge des Rausschmisses ihres berühmten Ziehvaters Wolf Biermann aus der DDR gelang, wirbelte sie die Musikszene im freien Westen durcheinander. Von der „Nina Hagen Band“ waren Kritiker hingerissen. Gleichzeitig wurde aus der Künstlerin in Punker-Kluft eine Kultfigur. Mit aufmüpfigen Texten avancierte sie zur Mutmacherin für eine wachsende Zahl selbstbestimmter Frauen. Alice Schwarzer stellte die feministische Verwandte daher auf ein Podest mit Liza Minnelli und Patti Smith.

„Mehr zu Hause als jede Lehrerin oder Stewardess“

„Es mag so aussehen, dass mein Leben sehr unruhig verlaufen ist“, sagt die Mutter von Tochter Cosma Shiva und Sohn Otis, die über Jahre zwischen Berlin, Ibiza und Paris pendelte, „aber trotz vieler Tourneen war ich mehr zu Hause als jede Lehrerin oder Stewardess und hatte Zeit für meine Kinder“.

Die finanzielle Unabhängigkeit, um sich im Westen neu zu orientieren, verschaffte ein Vertrag der Plattenfirma CBS mit komfortablen Konditionen. Den hatte ihr Biermann dank seiner langjährigen Drähte zur Musikindustrie vermittelt. Der Lebensgefährte ihrer Mutter, der nach der Scheidung den Platz ihres Vaters einnahm, wurde früh eine wichtige Bezugsperson. In ihrer Autobiographie beschreibt sie den Politbarden als musikalischen Lehrer und väterlichen Freund. „Mit neun Jahren hatte ich mir ein Arsenal von Gitarrengriffen angeeignet und schaute mir bei ihm ab, wie man englische Lieder in singbares Deutsch bringt.“

Tiefen Einblick in die Welt der Musikprofis bekam Nina Hagen in London. In Szenetreffs lernte sie Johnny Rotten von den legendären Sex Pistols kennen. Über den Mitbegründer der Kultband des Punk ergab sich der Kontakt zur Frauenband The Slits - dem weiblichen Pendant der Sex Pistols, bei dem sich die Einsteigerin musikalisch selbst ins Zeug legte und von dessen Aura sie sich inspirieren ließ: „Ein Punk bin ich heute noch“, bekennt die Weltenbummlerin beim Plausch in der Hotellobby, „als Kinder von angepassten, aber desorientierten Eltern schlossen sich damals viele einer Bewegung an, in der es Liebe gab und die sich als Aufschrei nach Veränderung verstand.“

Auch der schrille Chic eines Punks, den Londons Designerin Vivienne Westwood früh zum Modestil erhob, ist Nina Hagens Markenzeichen geblieben. Dass schwarz bemalte Augenhöhlen oder verspielte Accessoires in der Haarmähne bürgerlich gesinnte Gemüter verschrecken, nimmt die Künstlerin allzu gerne in Kauf. Denn ein puppenhaft dekoriertes Schauobjekt, wie sie es nennt, will sie nicht sein.

„Für mich ist Pippi Langstrumpf modisches Vorbild“

Eher hält sie es mit der frechen Göre, die es mit Phantasie und Respektlosigkeit zum Kinderidol brachte: „Für mich ist Pippi Langstrumpf ein modisches Vorbild“, sagt sie, „ihr Stil drückt Lebensfreude aus, begeistert Menschen und steht nicht in der Gefahr, von kommerziellen Trends vereinnahmt zu werden.“ Für Fans sind solche Schrullen ein fester Bestandteil der Persönlichkeit: „Nina ist ein bisschen verrückt, aber sympathisch und clever“, heißt es in Internetforen.

Beschwingt vom Lebensgefühl in London, kehrte Nina Hagen 1977 nach Berlin zurück, um endlich ihr eigenes Projekt zu stemmen. Mit Hinweis auf den heißbegehrten Plattenvertrag fiel es ihr leicht, Musiker für eine neue Band zu gewinnen, die unter ihrem Namen vermarktet werden sollte. Zumindest die Akteure des Rock-Kabaretts Lokomotive Kreuzberg ließen sich auf das Abenteuer ein. Ihr Pakt mit einer DDR-Dissidentin war jedoch politisch pikant, weil sie sich der marxistisch orientierten DKP verpflichtet fühlten. „Die Jungs mussten sich entscheiden - für mich oder ihre Partei“, erinnert sich die Gründerin grinsend.

Die Truppe duldete keine Extratouren

Die Aussicht auf das lukrative Geschäft mit CBS zerstreute die politischen Bedenken. Doch die ideologischen Gräben zwischen der Frontfrau und dem Rest der Hagen-Band brachen mit wachsendem kommerziellen Erfolg des Debütalbums wieder auf. Titel wie „TV Glotzer“, „Rangehen“ oder „Unbeschreiblich weiblich“ wurden zu Verkaufsschlagern. Auf die Punk-Diva, die mit vier Oktaven Stimmumfang locker Opernstars übertönen kann, reagierten Kritiker verzückt. Der „Melody Maker“ stellte gar die rhetorische Frage, ob Nina Hagen „Deutschlands bedeutendster Beitrag zur Popgeschichte seit Bertolt Brecht“ sei.

Doch der Aufstieg schürte den Frust im Rest der Truppe, der sich als musikalisches Kollektiv verstand und keine Extratouren duldete. Schon vor Erscheinen des Albums mit dem eindeutigen Titel „Unbehagen“ war die Gemeinschaft zerrüttet, eine Trennung beschlossene Sache. Nina Hagen trauert den Mitstreitern hinterher, die unter dem Namen Spliff Karriere machten: „Wenn die Band nicht an Neid, Ungerechtigkeit und Missgunst gestorben wäre, wären wir heute die beste Rockgruppe der Welt.“

Der Glaube bewahrte sie vor dem Absturz

Um diesen Tiefschlag wegzustecken, kam das Angebot von Herman Brood wie gerufen. Der holländische Rockmusiker, der mit seiner Formation Wild Romance die heimische Klubszene aufmischte, holte Nina Hagen nach Amsterdam, um mit ihr den Musikfilm „Cha Cha“ zu drehen. Eine Liaison mit Brood, über die Boulevardblätter spekulierten, gab es nach ihren Worten nur in diesem Film. Im wahren Leben verliebte sie sich in den Gitarristen Ferdinand Karmelk, der später Vater ihrer Tochter Cosma Shiva wurde.

Die Verbindung zu Brood, der sich vor Jahren das Leben nahm, wurde für sie zur verhängnisvollen Affäre. „Bei ihm spielten Rauschmittel jeder Art eine ebenso tragende wie tragische Rolle“, beschreibt sie die Versuchung im Drogenmekka. Als sensible Natur, die schon zu DDR-Zeiten Erfahrungen mit LSD machte, drohte sie im Sumpf von Amsterdam durch regelmäßigen Kokainkonsum unterzugehen.

Vom drohenden Absturz bewahrte sie ihr fester Glaube an Gott. Danach wagte sie den musikalischen Neuanfang in den Vereinigten Staaten, wo sie sich - dank der Starthilfe von Frank-Zappa-Manager Bennett Glotzer - in Los Angeles etablierte. Stars wie Madonna oder die Red Hot Chilli Peppers sprechen mit großem Respekt über die wohl heute noch beste, aber wirtschaftlich nur mäßig erfolgreiche Rocksängerin in diesem Lande. Über Geld redet sie nicht gern. Zum großen Reichtum hat es nicht gereicht, sagt sie. Auch fühlt sie sich in der Heimat nicht gebührend anerkannt. Verletzt und enttäuscht reagiert sie im Rückblick auf den Umstand, dass erst kürzlich der politisch umstrittene Rap-Sänger Bushido mit einem der begehrten Bambi-Preise bedacht wurde.

Vielleicht liegt es daran, dass Hagen viele mit ihrer Unberechenbarkeit irritiert. Stilistisch wie inhaltlich haben sich ihre jüngsten Werke radikal gewandelt. Auf den Alben „Personal Jesus“ oder „Volksbeat“, mit denen sie durch Europa tourt, knüpft sie an die Wurzeln der amerikanischen Gospelmusik an. Mit Gott ist Nina Hagen, die mit 12 Jahren die Bibel las und sich 2009 von der evangelisch-reformierten Kirche taufen ließ, fest verbunden. Es scheint, als sei die Sinnsucherin, die ihre Botschaften längst auch in Kirchen verkündet, endlich angekommen.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit...

...dem Griff zur Bibel und einer Tasse starkem Bohnenkaffee mit viel heißer Milch und Honig.

Die Zeit vergesse ich,...

...weil ich ohnehin auf einer Reise durch die Zeit bin. Ich bin ein Kind der Ewigkeit.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will,...

...muss sich dazu berufen fühlen, Sendungsbewusstsein mitbringen, die Menschen und sich selbst lieben.

Erfolge feiere ich...

...gerne mit allen Menschen, mit denen ich für gemeinsame Erfolge kämpfe, und mit meinem Publikum.

Es bringt mich auf die Palme,...

...wenn auf der Welt Ungerechtigkeiten passieren und Lügen als Wahrheit verbreitet werden.

Mit 18 Jahren wollte ich...

...mit Musik die weite Welt erobern.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal...

...in einer Talkshow mit Angela Merkel so laut schreien. Ansonsten brauche ich nichts mehr zu bereuen, weil ich durch meinen Glauben Vergebung gefunden habe.

Geld macht mich...

...sehr nachdenklich: Ich denke, das internationale Finanzsystem muss dringend reformiert werden.

Rat suche ich ...

...im Gespräch mit Gott, in der Bibel und bei meinem Pastor Kalle.

Familie und Beruf sind...

...zwei Bereiche, die zusammengehören. Ich wohne mit meiner Mutter und Tochter unter einem Dach.

Den Kindern rate ich,...

...mehr den Kopfhörer aufzusetzen und nicht nur das Handy ans Ohr zu pressen. Auch vom Verzehr von Schweinefleisch rate ich ab.

Mein Weg führt mich...

...oft durch die ganze Welt, wo ich mit Musik und meiner Stimme die frohe Botschaft Gottes zum Klingen bringe.

Zur Person

Catharina Hagen kommt am 11. März 1955 in Berlin (Ost) zur Welt.

Die Tochter des Drehbuchautors Hans und der Schauspielerin Eva-Maria Hagen wird 1974 zur besten Nachwuchssängerin der DDR gekürt.

Mit der Ausbürgerung von Ziehvater Wolf Biermann 1976 geht sie in den Westen und erhält einen Vertrag der Plattenfirma CBS.

Die bibelfeste Christin lässt sich 2009 von der evangelischen Gemeinde in Schüttorf taufen.

Sie ist Mutter von Schauspielerin Cosma Shiva und Musiker Otis.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft.

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