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Nach der Abschaffung Studiengebühren sind gerecht

Studiengebühren sind in Deutschland zunächst gescheitert. Dabei wären sie eigentlich sozial gerecht, würde man sie nachgelagert und einkommensabhängig erheben. Bloß ist ein solches Modell in der deutschen Diskussion quasi nicht vorhanden. Ein Debattenbeitrag.

© dpa Vergrößern Studentendemo gegen Studiengebühren: Wird hierzulande einfach bloß über die falschen Gebührenmodelle diskutiert?

In Porträts über die neue Bundesbildungsministerin Johanna Wanka darf eine Information nicht fehlen: Die CDU-Politikerin ist eine Verfechterin von Studiengebühren. Sie hat sogar vorhergesagt, dass es im Jahr 2017 überall in Deutschland (wieder) Studienbeiträge geben wird. Diese Prognose erscheint gewagt in einer Zeit, in der die Gebühren flächendeckend wieder abgeschafft werden. Weniger gewagt wäre derzeit die Vorhersage, dass es in ein, zwei Jahren in Deutschland keine finanziellen Beiträge der Studenten zum öffentlichen Hochschulstudium mehr geben wird.

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In Niedersachsen, wo Wanka bis zur Wahlniederlage der Union Ende Januar Wissenschaftsministerin war, hat die künftige Regierung aus SPD und Grünen gerade die Abschaffung der Studiengebühren in den Koalitionsvertrag geschrieben. Als letztes Bundesland mit Studienbeiträgen ist dann nur noch Bayern übrig. Doch auch dort verhandelt die CSU mit ihrem Regierungspartner FDP schon über die Abschaffung. Damit sind Studiengebühren in Deutschland zunächst gescheitert - dabei wurden sie erst seit 2006 nach und nach in den meisten westdeutschen Bundesländern eingeführt.

Die reine Steuerfinanzierung ist mit Misstrauen zu betrachten

Wanka argumentiert, dass den Ländern wegen der Notwendigkeit ausgeglichener Haushalte (Stichwort Schuldenbremse) und angesichts steigender Studentenzahlen bald gar nichts anderes übrigbleiben werde, als die Studenten an den Kosten ihres Studiums zu beteiligen. Das sehen viele Hochschulvertreter, zum Beispiel der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, genauso.

Bisher ist es so, dass bei Wegfall der Gebühreneinnahmen die Bundesländer für finanzielle Kompensation sorgen. Doch stellt sich zum einen die Frage, inwieweit sie das in ein paar Jahren noch können. Zum anderen ist eine reine Steuerfinanzierung des Studiums auch aus grundsätzlichen Erwägungen mit Misstrauen zu betrachten. Politiker und Hochschulleitungen entscheiden dann allein, wohin das Geld fließt. Ob sie dabei immer das Wohl der Studenten im Blick haben, ist fraglich, denn auch in der Bildung ist politischer Kuhhandel üblich. Gebühren hingegen wandern mit den Studenten, sie werden nach ihren Präferenzen verteilt. Studiengänge, die viele Studenten anziehen, werden automatisch besser ausgestattet.

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Eigenes Geld für Bildung bezahlen, das mögen viele Deutsche nicht. Politiker, die gebührenfreie Kindergärten und Hochschulen versprechen, positionieren sich im Wahlkampf vorne. Gebildete Menschen nützten schließlich der ganzen Gesellschaft, argumentieren die Gebührengegner. Allerdings nutzt die Bildung vor allem den Gebildeten selbst, muss man ergänzen. Für die Gebührengegner ist das der Moment, mit dem Totschlagargument zu kommen, Studiengebühren seien sozial ungerecht, weil sie Kinder aus weniger begüterten Elternhäusern vom Studium abhielten. Dabei verschweigen sie, dass es prinzipiell unsozial ist, keine Gebühren zu erheben. Ein Hochschulstudium ist nicht nur, aber eben auch finanziell eine lohnende Investition: Akademiker verdienen im Durchschnitt besser als Nichtakademiker. An den Kosten dieser Investition sollten sie beteiligt werden - zumindest mit ein paar hundert Euro je Semester, wie bisher in Deutschland. Eigentlich müsste ihr Beitrag viel höher ausfallen.

Den meisten Studierenden ist es schon während des Studiums möglich, Gebühren zu zahlen. Den anderen ist zumutbar, einen Kredit aufzunehmen, den es zu moderaten Konditionen gibt. Will man gänzlich ausschließen, dass selbst ein Kredit Menschen aus weniger begüterten Elternhäusern vom Gang an die Hochschule abhält, dann sollten die Universitäten die Beiträge nachgelagert erheben. Dieses Modell, das in Australien erfolgreich praktiziert wird, ist in Fachkreisen schon lange in aller Munde. In der deutschen Öffentlichkeit wird es seltsamerweise kaum diskutiert.

Nicht während des Studiums zahlen, sondern danach

Bei der nachgelagerten Erhebung zahlt man nicht während des Studiums, sondern danach - freilich nur, wenn man genug verdient. An privaten Hochschulen, die hohe Gebühren verlangen (müssen), funktioniert dieser „umgekehrte Generationenvertrag“ prima. Die Studenten verpflichten sich, später ihre Einkommensteuerbescheide an die Hochschulen zu schicken; Ausfälle gibt es kaum.

Die nachgelagerte Erhebung ermöglicht eine große Freiheit in der Wahl des Faches und des späteren Berufes. So kann man sich für ein Orchideenfach entscheiden, man kann später in Teilzeit oder für eine Nichtregierungsorganisation arbeiten, ohne eine Gebührenlast befürchten zu müssen. Die Erfahrungen der privaten Hochschulen zeigen zudem, dass diejenigen, die genug verdienen, um die Beiträge zu zahlen, kein Problem darin sehen, die anderen mitzufinanzieren. Denn auch sie hätten sich für ein Orchideenfach oder die Nichtregierungsorganisation entscheiden können.

Zweierlei bleibt nun zu hoffen: dass die neue Bundesbildungsministerin doch recht hat und die Studiengebühren bald wieder auf der Tagesordnung auftauchen. Und dass dann die Möglichkeit der nachgelagerten Erhebung in das öffentliche Bewusstsein rückt. Denn dann haben die Gebührengegner gar keine Argumente mehr.

Schreiben Sie uns!

Sind Studiengebühren tatsächlich sozial gerecht, wenn man sie nur richtig gestaltet? Oder ist ihr Scheitern in Deutschland eigentlich das beste Argument gegen die Erhebung solcher Gebühren? Nutzen Sie unsere Leserkommentarspalte und diskutieren Sie mit!

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 18.02.2013, 17:40 Uhr

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