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Michael Gross Zu groß zum Fliegen

 ·  Als Schwimmer hat Michael Gross alles erreicht. Doch was die wenigsten Menschen wissen: Im Leben des „Albatros“ gab es auch viele Niederlagen.

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© Setzer, Claus Vergrößern Stehvermögen: Michael Gross scheut sich nicht, seine Meinung zu sagen. Als Sportler eckte er mit dieser Haltung an, als Unternehmer hilft sie ihm.

Acht Zentimeter. Nur diese winzige Distanz von der Größe eines kleinen Fingers hat Michael Gross von seinem Glück getrennt. Der dreifache Schwimm-Olympiasieger und fünffache Weltmeister, bis heute rank und schlank, misst 2,01 Meter. Piloten dürfen aber nur 1,93 Meter groß sein. Acht Zentimeter lassen sich in der Flugzeugkabine nicht kaschieren, nicht wegbücken. Michael Gross konnte also nicht Pilot werden.

Heute ist er selbständiger Kommunikationsmanager, erfolgreich, verantwortlich für eine eigene Agentur mit zwölf festen und etlichen freien Mitarbeitern. Doch wenn er aus seinem Bürofenster im Frankfurter Gärtnerweg den Weg eines Flugzeugs in den Lüften verfolgt, dann bricht die alte Sehnsucht wieder auf: „Wenn mich jetzt jemand anriefe und sagen würde: ,Du kannst Pilot werden’, ich würde alles stehen- und liegenlassen.“

Zwölf Weltrekorde – und doch nicht immer ein Sieger

Michael Gross kann viel über solche Niederlagen im Leben erzählen. Ausgerechnet er, der Sieger. Man stellt nicht zwölf Weltrekorde auf, wenn man schnell die Flinte ins Korn wirft. Man schleppt sich nicht Jahre zum Training, wenn man sich keine großen Ziele setzt. Für Niederlagen in einem Einzelkämpfersport wie dem Schwimmen ist man selbst verantwortlich. Für die acht Zentimeter aber kann Gross nichts, das schmerzt wahrscheinlich doppelt. Er hat am eigenen Leibe erfahren, dass Niederlagen zum Leben gehören wie der Schweiß zum Training: Verlieren muss jeder.

“Siegen kann jeder“ heißt der Titel seines Buches, das im vergangenen November erschienen ist. Zentrale Botschaften lauten: Persönliche Siege erringen kann wirklich jeder, dazu braucht man keine olympiareifen Leistungen. Siege hängen nicht (immer) vom Besiegen anderer ab. Die Krankenschwester kann von ihrem Erfolg emotional genauso bewegt sein wie der Goldmedaillengewinnerer. Und die Menschen sollten nicht traurig sein, wenn sie die meisten Ziele in ihrem Leben nicht erreichen. Wer seine ursprünglich verfolgten Lebensabsichten nicht umsetzen kann, der sollte nach der Ansicht von Michael Gross neben sich treten, sich neu besinnen, sich neu erfinden.

Das ungeschriebene Lebensthema dieses Michael Gross heißt Leistung. Und wahrscheinlich ist das auch gar nicht anders möglich bei einem Menschen, der um des Siegens willen viele Jahre lang auf viel verzichtet hat. Denn die Natur hat ihn zwar mit einer gewaltigen Armspanne gesegnet, weswegen ihm die amerikanischen Journalisten den Namen „Albatros“ verpassten, den er nie wieder loswurde. Doch auch ein Ausnahmetalent ist auf hartes Training angewiesen.

Siebzehn war er, als sich herausstellte, dass er das Zeug zum Weltklasseschwimmer hatte. Mit 26 Jahren beendete er eine Karriere, die bis heute in Deutschland im Schwimmsport unerreicht ist - drei Mal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze. Dann war Schluss, eine andere Karriere begann. Michael Gross - das ß am Ende des Namens legte er irgendwann ab, weil es im Ausland auf Unkenntnis stieß - erfand sich neu.

Aus dem Schwimmbecken an den Schreibtisch

“Auch ich habe die meisten Ziele in meinem Leben nicht erreicht“, sagt er. Aus dem Traum vom Fliegen wurde nichts. Auch der zweite Lebensentwurf, nämlich Biochemie zu studieren, hätte sich nur schwer verwirklichen lassen. Das Fach sei damals nur in Tübingen angeboten worden, als Numerus clausus waren 1,2 gefordert, doch Gross konnte „nur“ einen Abischnitt von 2,1 bieten.

Zwei Jahre warten wollte er nicht, also entschied er sich für ein geisteswissenschaftliches Studium - Politologie und Medienwissenschaften in seiner Vaterstadt Frankfurt. Michael Gross wurde mit einer Arbeit über „Ästhetik und Öffentlichkeit. Die Publizistik der Weimarer Klassik“ mit „magna cum laude“ promoviert.

Die Beschäftigung mit Medienwissenschaft und der Kontakt des erfolgreichen Sportlers mit so vielen Journalisten weckten auch sein Interesse für den Journalismus: Gross machte Praktika in diversen Redaktionen des Springer-Verlags, auch einmal beim F.A.Z.-Magazin. Bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 und Barcelona 1992 übte er sich als Experte vor der Kamera.

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