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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Michael Gross Zu groß zum Fliegen

 ·  Als Schwimmer hat Michael Gross alles erreicht. Doch was die wenigsten Menschen wissen: Im Leben des „Albatros“ gab es auch viele Niederlagen.

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© Setzer, Claus Stehvermögen: Michael Gross scheut sich nicht, seine Meinung zu sagen. Als Sportler eckte er mit dieser Haltung an, als Unternehmer hilft sie ihm.

Acht Zentimeter. Nur diese winzige Distanz von der Größe eines kleinen Fingers hat Michael Gross von seinem Glück getrennt. Der dreifache Schwimm-Olympiasieger und fünffache Weltmeister, bis heute rank und schlank, misst 2,01 Meter. Piloten dürfen aber nur 1,93 Meter groß sein. Acht Zentimeter lassen sich in der Flugzeugkabine nicht kaschieren, nicht wegbücken. Michael Gross konnte also nicht Pilot werden.

Heute ist er selbständiger Kommunikationsmanager, erfolgreich, verantwortlich für eine eigene Agentur mit zwölf festen und etlichen freien Mitarbeitern. Doch wenn er aus seinem Bürofenster im Frankfurter Gärtnerweg den Weg eines Flugzeugs in den Lüften verfolgt, dann bricht die alte Sehnsucht wieder auf: „Wenn mich jetzt jemand anriefe und sagen würde: ,Du kannst Pilot werden’, ich würde alles stehen- und liegenlassen.“

Zwölf Weltrekorde – und doch nicht immer ein Sieger

Michael Gross kann viel über solche Niederlagen im Leben erzählen. Ausgerechnet er, der Sieger. Man stellt nicht zwölf Weltrekorde auf, wenn man schnell die Flinte ins Korn wirft. Man schleppt sich nicht Jahre zum Training, wenn man sich keine großen Ziele setzt. Für Niederlagen in einem Einzelkämpfersport wie dem Schwimmen ist man selbst verantwortlich. Für die acht Zentimeter aber kann Gross nichts, das schmerzt wahrscheinlich doppelt. Er hat am eigenen Leibe erfahren, dass Niederlagen zum Leben gehören wie der Schweiß zum Training: Verlieren muss jeder.

“Siegen kann jeder“ heißt der Titel seines Buches, das im vergangenen November erschienen ist. Zentrale Botschaften lauten: Persönliche Siege erringen kann wirklich jeder, dazu braucht man keine olympiareifen Leistungen. Siege hängen nicht (immer) vom Besiegen anderer ab. Die Krankenschwester kann von ihrem Erfolg emotional genauso bewegt sein wie der Goldmedaillengewinnerer. Und die Menschen sollten nicht traurig sein, wenn sie die meisten Ziele in ihrem Leben nicht erreichen. Wer seine ursprünglich verfolgten Lebensabsichten nicht umsetzen kann, der sollte nach der Ansicht von Michael Gross neben sich treten, sich neu besinnen, sich neu erfinden.

Das ungeschriebene Lebensthema dieses Michael Gross heißt Leistung. Und wahrscheinlich ist das auch gar nicht anders möglich bei einem Menschen, der um des Siegens willen viele Jahre lang auf viel verzichtet hat. Denn die Natur hat ihn zwar mit einer gewaltigen Armspanne gesegnet, weswegen ihm die amerikanischen Journalisten den Namen „Albatros“ verpassten, den er nie wieder loswurde. Doch auch ein Ausnahmetalent ist auf hartes Training angewiesen.

Siebzehn war er, als sich herausstellte, dass er das Zeug zum Weltklasseschwimmer hatte. Mit 26 Jahren beendete er eine Karriere, die bis heute in Deutschland im Schwimmsport unerreicht ist - drei Mal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze. Dann war Schluss, eine andere Karriere begann. Michael Gross - das ß am Ende des Namens legte er irgendwann ab, weil es im Ausland auf Unkenntnis stieß - erfand sich neu.

Aus dem Schwimmbecken an den Schreibtisch

“Auch ich habe die meisten Ziele in meinem Leben nicht erreicht“, sagt er. Aus dem Traum vom Fliegen wurde nichts. Auch der zweite Lebensentwurf, nämlich Biochemie zu studieren, hätte sich nur schwer verwirklichen lassen. Das Fach sei damals nur in Tübingen angeboten worden, als Numerus clausus waren 1,2 gefordert, doch Gross konnte „nur“ einen Abischnitt von 2,1 bieten.

Zwei Jahre warten wollte er nicht, also entschied er sich für ein geisteswissenschaftliches Studium - Politologie und Medienwissenschaften in seiner Vaterstadt Frankfurt. Michael Gross wurde mit einer Arbeit über „Ästhetik und Öffentlichkeit. Die Publizistik der Weimarer Klassik“ mit „magna cum laude“ promoviert.

Die Beschäftigung mit Medienwissenschaft und der Kontakt des erfolgreichen Sportlers mit so vielen Journalisten weckten auch sein Interesse für den Journalismus: Gross machte Praktika in diversen Redaktionen des Springer-Verlags, auch einmal beim F.A.Z.-Magazin. Bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 und Barcelona 1992 übte er sich als Experte vor der Kamera.

Doch Michael Gross war nicht nur immer ein kritischer Kopf, sondern auch ein selbstkritischer: „Ich schreibe zwar nach wie vor sehr gern und eigentlich handwerklich ganz ordentlich, aber andere können es einfach besser.“ Und im Fernsehen gerate man als Sportler schnell in eine Zwickmühle: „Wenn man sich auf eine Expertenebene begibt, können einem die Zuschauer bald nicht mehr folgen. Wenn man aber im fachlichen Niveau heruntergeht, wird man seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht.“

Sich als Chef möglichst überflüssig machen

Und heute? Ist der Siebenundvierzigjährige ein guter Chef? Er sagt: „Ich bin jemand, der die Mitarbeiter auffordert, Verantwortung zu übernehmen, und sie so zu fördern versucht, dass sie es auch können.“ Dabei hilft dem Unternehmer sicherlich, dass er nebenher an der Frankfurt School of Finance and Management Personalführung und Unternehmenskultur unterrichtet. Den Studenten dort vermittelt er unter anderem, dass für eine Karriere dreierlei Voraussetzung ist: Bereitschaft, Fähigkeit, Gelegenheit. In seiner Agentur setzt Michael Gross darauf, sich als Chef möglichst überflüssig zu machen.

Ganz aktuell hat Gross seine inhabergeführte Agentur Peakom mit der Frankfurter Agentur PSM&W zusammengeführt. Sie übernimmt von April an von Peakom den Bereich „Brand Communication“, auf Deutsch: Markenkommunikation. Gross wird sich als Geschäftsführer von Peakom und als Senior Advisor von PSM&W auf „Change Communication“ konzentrieren, also auf die interne wie externe kommunikative Begleitung von Veränderungsprozessen in Unternehmen. Er und die beiden PSM&W-Geschäftsführer Claudio Montanini und Saskia Winkelmann kennen sich „schon ewig“. Montanini beschreibt seinen Kameraden aus Kindergartenzeiten als „zielstrebig, ehrgeizig, zuverlässig und strukturiert“.

Arbeit geht vor Ehre

Etwa 70 Prozent seiner Aufträge sind bei Michael Gross bislang durch Empfehlungen zustande gekommen. Bei der Akquise verbiegt er sich nicht: „Ich nehme für mich in Anspruch, wirklich authentisch zu sein. Man sollte nie etwas gegen sein Herz tun.“ In solcher Kompromisslosigkeit erkennt man den Michael Gross von früher wieder. Den Aktiven, der kein Blatt vor den Mund nahm, wenn er Funktionäre unprofessionell fand (was oft der Fall war). Den Spitzensportler, der nicht einsah, warum er Details aus seinem Privatleben preisgeben sollte, nur weil er ein Super-Schwimmer war. Der trotz seiner einmaligen Karriere nie ein Star zum Anfassen wurde und es auch nicht werden wollte. Und der, als er 1982 zum Sportler des Jahres gewählt wurde, sich die Ehrung nicht persönlich abholte.

Michael Gross war damals erst achtzehn Jahre alt. Die Fernsehbilder von damals haben bei denen, die sie sahen, ein negatives Bild von dem jungen Mann aus Frankfurt geprägt. In Wirklichkeit war die Sache so: Die Veranstaltung fand an einem Freitagabend vor lauter feingemachten Menschen im Berliner Kongresszentrum statt. Am nächsten Morgen begann die deutsche Mannschaftsmeisterschaft. Gross sah nicht ein, dass er wegen einer Fahrt nach Berlin um die Früchte eines halbjährigen Trainings gebracht werden sollte.

Bis heute immer an der Sache orientiert

Ein Kommunikationsprofi, wie er heute ist, hätte einem jungen Sportler in vergleichbarer Lage wahrscheinlich geraten: „Sprich ein fröhliches Grußwort in eine Kamera, bedanke dich tausendmal für diese Ehre der Auszeichnung und mache den Leuten auf freundliche Weise klar, dass dir der Wettkampf morgen so am Herzen liegt.“ Michael Gross ließ sich aber breitschlagen, für ein Schaltgespräch in ein Fernsehstudio nach Köln zu fahren. Dort saß er dann im Trainingsanzug den Herren in Smokings und den Damen in Roben gegenüber: „Das Ganze wurde eine total verunglückte Veranstaltung, bei der ich arrogant oder flapsig rüberkam.“

Gewiss, so etwas würde er heute nicht mehr machen. Aber diplomatisch oder gar charmant begegnet Michael Gross seinen Gesprächspartnern auch heute nicht unbedingt. Stattdessen wirkt er hellwach, ganz geradeaus, an der Sache orientiert und bereit, sein Bestes zu geben. Oder sagen wir es so: Michael Gross gibt sich nicht die Mühe, gewinnend zu wirken. Sieger müssen das vielleicht auch nicht.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... einem Hallo bei meinen Mitarbeitern.

Die Zeit vergesse ich ...

... auf dem Snowboard im Tiefschnee.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will ...

... sollte die Motive und Motivationen von Menschen verstehen.

Erfolge feiere ich ...

... mit Freunden.

Es bringt mich auf die Palme ...

... wenn ein Mensch keine Ziele hat.

Mit 18 Jahren wollte ich...

... Pilot werden - und sonst gar nichts.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... so früh meinen Traum vom Fliegen aufgeben.

Geld macht mich ...

... unabhängig und nachdenklich.

Rat suche ich ...

... bei meiner Frau.

Familie und Beruf sind ...

... beide so schön, dass mein Leben erfüllend ist.

Den Kindern rate ich ...

Probiert, was ihr wirklich wollt, und macht es dann richtig.

Mein Weg führt mich ...

... wenn ich will, weiter, als ich jemals erhofft habe.

 

Zur Person

Michael Gross wird am 17. Juni 1964 in Frankfurt am Main geboren.

Ein Jahrzehnt lang schwimmt der Spitzensportler von Sieg zu Sieg. 1984 und 1988 holt er Gold in Los Angeles und Seoul.

Weil er zu groß ist, kann er nicht Pilot werden. Er studiert Geisteswissenschaften. Gross wird mit einer Dissertation über die Publizistik der Weimarer Klassik promoviert.

Er versucht sich im Journalismus, glaubt aber, dass andere dies besser können. Heute arbeitet er als selbständiger Kommunikationsmanager in Frankfurt.

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Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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