21.01.2008 · Er studierte Ethnologie und war Laienschauspieler. Heute ist Wolfgang Bergmann für alle Theaterproduktionen des ZDF verantwortlich und leitet die Akademie der Künste.
Von Matthias HannemannEr pappte einen kleinen schwarzen Aufkleber an das Fenster des Eckbüros, vorsichtshalber und mitten auf das Glas. So verklebt der Schriftzug „Vorsicht Volkstheater“, wenn man seinen Kaffee süffelt an einem durchschnittlichen grauen Mainzer Fernsehtag, zumindest die gewaltigen Satellitenschüsseln jenseits der Schnellstraße, denn die haben ja rein gar nichts von der Aura eines Theaters, von der Bühne, vom Vorhang, vom traumverlorenen Dunkel jenseits von Raum und Zeit und Text.
Wolfgang Bergmann freilich, Leiter des ZDF-Theaterkanals und Gründungsdirektor der neuen Theaterakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, sieht heute, am ersten Arbeitstag nach dem Skiurlaub, nur den dampfenden Kaffee. Auf dem Schreibtisch hat sich einiges angesammelt: eine Probeaufnahme von Schauspielern vor allem, die für die anstehende Verfilmung von George Taboris „Mein Kampf“ in Frage kommen könnten. Auch über die „Leiden des jungen Werther“ wird man noch einmal sprechen wollen.
Schubert, Strawinsky und Mendelsohn in 15 Stunden
Also greift Bergmann, während er einen Stuhl heranzieht, nach einem Bilderrahmen, in dem eine dünn bekritzelte Karte steckt: „Die Kunst darf nicht alles, aber sie tut es doch“, schrieb George Tabori darauf, kurz vor seinem Tod. Und Bergmann sagt: „Das ist unser Credo hier, ob wir für Arte, 3Sat und das ZDF Inszenierungen mitschneiden, Theaterfilme produzieren oder schlichtweg das Programm unseres Kanals zusammenstellen.“ Es scheint sich gut anzufühlen, für das Öffentlich-Rechtliche das kulturelle Fähnlein schwingen zu dürfen. Ob das nun ein Akt des Widerstands ist oder nicht.
Auf dem Spielplan dieses Tages stehen Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert für Violine und Orchester e-Moll, Rimskij-Korsakows Puschkin-Oper „Der Goldene Hahn“, Schuberts Sinfonie Nr. 8, C-Dur, etwas Ballett nach Strawinsky, eingerichtet von Pina Bausch, etwas Jazz mit Wolfgang Haffner und etwas Kabarett. Das muss ihm ein anderes deutsches Haus erst mal nachmachen. Innerhalb von nur fünfzehn Stunden!
Dabei war das alles nicht zu erwarten, weder mit Blick auf Bergmann, der einmal ein Studium der Ethnologie, Germanistik und Publizistik verfolgt hatte, noch auf das Theater im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, für das Anfang der neunziger Jahre fast das Totenglöckchen geläutet worden wäre.
Kindertraum vom Schornsteinfeger
Zwar hatte Bergmann, 1962 als Sohn eines Wiesbadener Bundesbeamten geboren, schon im Grundschultheater „Das tapfere Schneiderlein“ gegeben und stolzierte als Jugendlicher als Statist über die Bühne, mal in mittelalterlicher Kutte und mal in SA-Uniform, war auch von der alternativen Theaterszene fasziniert. Doch es gab auch genügend andere Ideen. „Als Kind wollte ich Schornsteinfeger werden. Später dann Musiker. Und ziemlich schnell auch Journalist. Ich schrieb viel, machte zum Beispiel die Schülerzeitung, erwog auch ein Klavierstudium.“ Die Eltern legten Bergmann eine Zukunft als Mediziner oder Jurist nahe. Schon der guten Schulnoten wegen. Womöglich auch des guten Bildes, das Bergmann als Schulsprecher abgegeben hatte.
Auch das allerdings zerschlug sich während des Zivildienstes. Es gipfelte im Versuch einer antibürgerlichen Protesthaltung, in zwei langen Auslandsreisen nach Indien und Mittelamerika – und in einem Ethnologie-Studium, „wo ich wichtige analytische Fähigkeiten erlernte, um kulturelle Eigenarten zu erkennen, und etwa eine heftige Dokumentarfilmdebatte miterlebte“. Nebenher spielte er ein wenig Studententheater. Das brachte Bergmann zum ZDF. Ein Mainzer Redakteur, der nebenbei auch Theaterkritiken für die Tagespresse schrieb, kam mit dem Studenten nach einer Aufführung ins Gespräch. Bergmann erzählte ein bisschen, wohl auch von seiner Schreiberei. Und schon saß der Student als freier Mitarbeiter der damaligen „Redaktion Schauspiel“ auf dem Lerchenberg. Vor einer gestandenen Redaktionssekretärin, die ihm zur Einführung ein Videoband mit einer ZDF-Persiflage aufs Auge drückte. „Reines Glück“, sagt Bergmann. Nur das? „Na, vielleicht hilft es, sich zu dem zu bekennen, was einen wirklich interessiert.“
Vom Katzentisch in den Chefsessel
Das Bekenntnis fiel ihm nicht schwer. Bis heute empfindet der Fernsehtheaterdirektor seine Arbeit als „immerwährende Nachhilfestunde in Sachen Theater und Kultur“. Das Studium hingegen gab er auf, sobald die Zusammenarbeit mit Mainz tragfähig schien: „Da war ich schließlich schon Vater von anderthalb Kindern. Und hatte einen Chef, der mir auch in dieser Lage den Rücken stärkte.“
Den Rest besorgte die „Gründerzeitstimmung“, die in den Büros des eben erst gegründeten Kultursenders 3sat herrschte. Bergmann war am „Katzentisch“ der dortigen Redaktion für die Pressearbeit zuständig, versuchte sich zugleich mit zunehmendem Erfolg als Autor für Theaterthemen ins Gespräch zu bringen. „Drüben, beim ZDF, war das schwierig. Hier aber funktionierte es. Es machte einfach Spaß, den Aufbau einer Sache mitzuerleben.“
Als das ZDF Mitte der neunziger Jahre zunächst die „aktuellen Inszenierung“ und danach die „Redaktion Schauspiel“ schloss, richtete man bei 3sat eine erste Fachredaktion ein, deren Leitung Bergmann übernahm. „Subkoordinator Theater und Musik“ für den ZDF-Anteil des neuen Projektes Arte durfte er sich kurz darauf noch dazu nennen. Es lief einfach.
Zwanzig Minuten bleibt der Bildschirm schwarz
Und es lief vor allem alles, zumindest im Nachhinein,auf einen richtigen kleinen Theaterkanal zu. In dem Augenblick, da digitale Programmplätze zur Verfügung standen, konnte eine Idee des Regisseurs und Intendanten August Everding verwirklicht werden. Der hätte zur Expo in Hannover gerne Monitore aufgestellt, auf denen Besucher Schmuckstücke aus dem Theaterarchiv des deutschen Fernsehens hätten erleben sollen: ein interaktives Spiel mit dem kulturellen Gedächtnis. „Jetzt hatten wir auf einmal die Möglichkeit, derartige kulturelle Schätze auf einen zusätzlichen Sender zu heben. Wir steckten unseren ‚Claim‘ ab, bevor ihn andere etwa mit Börsennachrichten besetzen konnten.“
Innerhalb weniger Monate entstand im Dezember 1999 der „Theaterkanal“. Ohne dass es in einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Die wenigen freilich, die den „Theaterkanal“ im Programmangebot ihres Digital-Receivers fanden – er wird in den Fernsehprogrammen zumeist verschwiegen –, sollen selbst die Übertragung von Jelineks „Sportstück“ erduldet haben – bei der die Mattscheibe für zwanzig Minuten pechschwarz blieb.
Nicht alle Regisseure sind zu Kompromissen bereit, wenn das Fernsehen anrückte, um eine Inszenierung der Inszenierung zu drehen. „Hier gelten nun einmal die Gesetze der Bühne, nicht des Fernsehens“, sagt Bergmann, „aber darauf lassen sich mittlerweile immer mehr Theaterleute bewusst ein. Auch die Schauspieler, die für ein lächerliches Honorar dazu beitrugen, dass wir Theaterfilme drehen und zuweilen aus der reinen Dokumentation ausbrechen können.“ Gemeinsam, meint er, entdecke man das „Theater des 21. Jahrhunderts“. Multimedial.
Für die Schnittestelle zwischen Theater und Medien ausbilden
Er muss es wohl schon deshalb sagen, weil auch ihm in Baden-Württemberg der Wind entgegenblies, seitdem die Gründung der Theaterakademie des Landes voranschritt – und bekannt wurde, dass Bergmann von November 2007 an zusätzlich zu seiner Aufgabe beim Fernsehen als Leiter dieser „Akademie für darstellende Kunst“ wirken würde: „Wir wollen dort vom kommenden Wintersemester an nicht nur für das klassische Theater ausbilden, sondern auch darüber hinausdenken. Ich habe immer schon an der Schnittstelle von Theater und Medien gearbeitet.“ Und das mit der Doppelbelastung, sagt er, „das kenne ich doch aus all den Jahren zwischen ZDF, 3Sat und Arte“.
Für Notfälle, könnte man meinen, haben ihn Freunde schon vor Jahren gut ausgerüstet. Im hintersten Winkel seines Büros steht ein abgeschabter Lederkoffer. „Mein Anti-Mobbing-Koffer“, sagt Bergmann, laut lachend, „den bekam ich einmal zum Geburtstag.“ Er zerrt ihn auf den Tisch. Er macht ihn auf. Und es liegen drin: ein Paar Ellenbogenschützer, ein Päckchen Vaseline, eine Packung Vitamin B sowie reichlich Valium. Aber alle Packungen sind noch eingeschweißt, und es sieht nicht so aus, als würde sich das in der nächsten Zeit ändern.
Zur Person:
- Wolfgang Bergmann wurde 1962 in Wiesbaden geboren und studierte in Mainz Ethnologie, Publizistik und Germanistik.
- Er war freier Mitarbeiter der ZDF-Redaktion „Schauspiel“, Pressereferent und Theater-Redakteur bei 3sat, schließlich Leiter der Öffentlichkeitsarbeit sowie ab 1997 Leiter der „Programmgruppe Theater“.
- 1999 wurde der ZDF-Theaterkanal gegründet, den Bergmann seit 2001 leitet.
- Seit November ist er Gründungsdirektor der Theaterakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg.