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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Werner Kieser Der Hohepriester der Kraft

11.10.2010 ·  Wer Kraft hat, geht leichter durchs Leben, lautet die Lebensmaxime von Werner Kieser. Seit mehr als 40 Jahren versucht er die Welt davon zu überzeugen, dass ein starker Körper auch den Geist stärkt.

Von Holger Paul
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Aus seinem Leben und aus dem, was ihn antreibt, macht Werner Kieser schon lange keinen Hehl mehr. Darin unterscheidet sich der inzwischen 70 Jahre alte Schweizer grundlegend von vielen anderen mittelständischen Unternehmern, die gerne über ihre Produkte, aber nur äußerst spärlich dosiert über ihr Seelenleben reden. Kieser dagegen, der dem Krafttraining mit seiner inzwischen 153 Standorte umfassenden Kette von Fitness-Studios einen neuen Anstrich gegeben hat, lässt die Menschen nicht nur nach seinen streng vorgegebenen Methoden Muskeln aufbauen, er fordert sie auch auf, sich mit seinen Ideen und Philosophien auseinanderzusetzen.

Dabei habe er es anfangs irritierend gefunden, nicht nur als Krafttrainer, sondern auch als Person Interesse zu wecken, sagt Kieser. Aber der pfiffige Unternehmer, der sich in seinem Leben fast alles selbst beigebracht hat oder zumindest die richtigen Mentoren fand, hat erkannt: „Damit eine Idee ankommt, ist es wichtig, wer sie verkündet.“ Denn schließlich sollen die Menschen dafür bezahlen, dass sie in seinen Studios etwas tun, das ihnen im Grunde kaum Spaß macht: pures Krafttraining, ohne irgendeine Ablenkung. „Die Kunden müssen schuften, und sie zahlen dafür. Dafür müssen sie mir zuerst einmal glauben“, lautet eine der wichtigsten Lehren, die Kieser auf seinem langen Weg gemacht hat.

295.000 Kunden in zehn Ländern

Und der eher kleine, freundlich wirkende Mann mit dem breiten Kreuz, dem silbergrauen Stoppelhaar und der markanten schwarzen Nickelbrille hat seit seiner ersten Studioeröffnung im Jahr 1966 viele Menschen von seiner Idee überzeugt, dass richtiges und ständiges Krafttraining das Leben insgesamt erleichtert. Wer stark ist, trägt leichter an sich selbst, lautet eine seiner Maximen - und das gelte bis ins hohe Alter. Knapp 295.000 Kunden in zehn Ländern hat er nach eigenen Angaben derzeit in der Kartei, wobei Deutschland mit weitem Abstand sein wichtigster Markt ist (120 Standorte). Auf mehr Trainingsfleißige kommt nur die mit extrem günstigen Preisen agierende Mc-Fit-Kette sowie der Fitness-First-Konzern, in dessen Studios auch Laufbänder und Bars ihren Platz haben. Bei Kieser sind die Duschen und Spinde so einfach gestaltet wie in Kasernen - nur viel sauberer -, und seine Zielkundschaft sind keine Marathon-Aspiranten, sondern die eher trägen, unsportlichen Zeitgenossen. „Ich ziele auf die Sport-Hasser, die viel vor dem Computer oder der Glotze sitzen. Die brauchen das Krafttraining am meisten“, sagt er.

Zwischen dem ersten Ein-Mann-Studio anno 1966 in Zürich und dem heutigen 115-Millionen-Franken-Betrieb im Franchise-System liegen 44 Jahre, in denen der Zufall und „learning-by-doing“ häufig eine große Rolle gespielt haben. Schon der Start war nicht geplant: Während einer Verletzungspause traf der junge, ambitionierte Boxer Werner Kieser einen spanischen Profikollegen, der ihm entgegen der Vorgabe der Ärzte dazu riet, sich nicht zu schonen, sondern gezielt Krafttraining zu betreiben. Die Methode wirkte, Kieser wurde nicht nur schneller gesund, sondern auch stärker, und damit war sein Interesse an dieser Art der Körperertüchtigung geweckt. Der gelernte Tischler schweißte sich die ersten Trainingsapparate noch selbst aus Alteisen zusammen, und einen ähnlichen Improvisationsgeist bewies er in den Jahren danach auch immer wieder, wenn es darum ging, finanzielle Engpässe zu überwinden, die richtigen Werbemethoden zu finden oder die Kunden auf seine Trainingsideen einzuschwören. „Ich bin kein guter Manager, aber ich wollte immer autonom sein“, sagt er.

Er kokettiert fast mit seinen Fehlern

Generell stellt Kieser gerne die Fehler heraus, die er auf seinem Weg gemacht hat - fast schon ein wenig damit kokettierend. In seiner vor zwei Jahren veröffentlichten Autobiographie beschreibt er fast schon genüsslich, wie er 1981 in Zürich ein zweites Studio eröffnete - und prompt auf zwei junge Franchisenehmer hereinfiel, die in Wahrheit gar keine Eigenmittel hatten, dafür aber „rassige Autos“. Auch die Expansion in Deutschland lief nicht gerade nach einem Masterplan ab: Der Standort des Pilotstudios in Frankfurt - das es heute noch gibt - lag ausgerechnet im verrufenen Bahnhofsviertel, den nächsten Schritt machte das Unternehmen in Hamburg im Jahr 1995 gleich mit zwei Studios. Doch anfangs kamen kaum Kunden, und Kieser kann heute mit einem Lachen erzählen, wie eine alte Dame zur Eröffnung fragte, ob es sich wohl um eine Kunstausstellung handele.

Generell lacht Kieser gerne über sich selbst - aber davon sollte sich niemand täuschen lassen. Denn bei allen Zufällen, die sein Leben prägten, besaß der in einem kleinen Bergbauerndorf geborene „Self made man“ stets auch einen untrüglichen Sinn dafür, welche Hindernisse er für die Verbreitung seiner Idee aus dem Weg räumen musste und wie viel Disziplin und Härte dafür nötig sein würden. Das fing bei sich selbst an: Schon früh unterwarf sich der Unternehmer Werner Kieser der strikten Methodik des Rationalisierungsfachmanns Gustav Grossmann, ein paar Jahre später kamen die Führungsstrategien von Wolfgang Mewes als Leitbild dazu - beide verehrt er noch heute. Mit deren Handlungsanweisungen disziplinierte er sein Tun so wie es seine Kraftgeräte mit seinem Körper machten. Bis heute ist Diversifikation ein Unwort in Kiesers Welt, seine Studios und sein Unternehmen funktionieren - wenngleich mit immer ausgefeilteren Methoden und Geräten - nach denselben Grundsätzen, die schon zu Beginn galten. „Bei uns wird einfach nur trainiert“, sagt er dazu knapp. „Wem als Unternehmer eine gute Idee zu langweilig wird, der verzettelt sich schnell. Und man muss sehr reich sein, um sich das leisten zu können.“ Für ausschweifende Erklärungen über moderne Unternehmensführung hat Kieser nur ein Lächeln übrig. Die Kunst des Unternehmens sei es schlicht, „mehr Geld hereinzuholen, als auszugeben“, sagt er - und lacht dazu.

Kampf mit den Orthopäden

In seinen Studios gelingt ihm das im Großen, aber nicht im Ganzen. Etwa ein Drittel der Standorte sei sehr profitabel, ein weiteres Drittel laufe angemessen, ein Drittel bleibe jedoch hinter den Erwartungen zurück, räumt er ein. Und auch die Expansion in neue Länder hat sich längst nicht so schnell und flächendeckend durchführen lassen, wie er es gerne gesehen hätte. Aber Widerstand stachelt Werner Kieser seit jeher an. „Die Konfrontation belebt mich, ich brauche das“, sagt er.

Das gilt auch für seinen lang anhaltenden Kampf mit den Orthopäden, die seiner Aussage, 80 Prozent aller Rückenleiden könnten allein mit Krafttraining behoben werden, heftig widersprachen. Kieser mache den Menschen falsche Hoffnungen, hieß es - als Antwort darauf gründete der Schweizer eine eigene Forschungsabteilung, ließ von namhaften Wissenschaftlern umfangreiche Studien mit Rückenpatienten erstellen und konterte damit all seine Kritiker aus, die kein eigenes, besseres Datenmaterial besaßen. „Die Deutschen lassen sich ihre Rückenleiden jährlich fast 50 Milliarden Euro kosten. Diese Zahl lässt sich locker auf 10 Milliarden runterbringen“, verkündet er herausfordernd auf seinen Broschüren. Fragt man ihn, warum das klamme deutsche Gesundheitssystem dies nicht annehme, erwidert Kieser lapidar, dass seine Idee Tausende Stellen in den Krankenkassen, Hospitälern oder Arztpraxen einsparen würde - daran habe das System kein Interesse.

Mit 67 Jahren noch ein Master-Studium abgeschlossen

Etwa die Hälfte seiner Zeit verbringt Werner Kieser heute in seiner Funktion als Verwaltungsratsvorsitzender der Kieser Training AG, die andere Hälfte widmet er seinen Interessen in der Kunst und Philosophie - mit 67 Jahren schloss Kieser noch ein Master-Studium der Philosophie auf Englisch ab - oder seinem alten BMW-Motorrad mit Beiwagen. Als Unternehmer steht er allerdings noch einmal vor einer großen Herausforderung. Der Vertrag mit dem Generalfranchisenehmer in der Schweiz läuft Ende 2010 aus, und die bestehenden Studios werden unter einem anderen Namen fortgeführt. Kieser muss also sein Stammland neu erobern und will die Zahl der Standorte von bisher 19 deutlich erhöhen. „Das fordert mich heraus“, sagt er.

Und wenn ihm doch irgendwann einmal die Kraft ausgehe - zumindest sein Gehör hat schon merklich nachgelassen -, dann werde seine 20 Jahre jüngere Frau Gabriela, eine Medizinerin und Mitentwicklerin des Kieser-Trainings, das Unternehmen fortführen, deutet er an. „Die Kette und die Idee werden mich überleben“, ist der Schweizer Kraftmann sicher.

Zur Person

Werner Kieser wird 1940 im kleinen Schweizer Dorf Bergdietikon im Kanton Aargau geboren. Eine Boxverletzung bringt ihn mit 18 Jahren zum Krafttraining.

Mit 26 Jahren eröffnet er sein erstes Fitnessstudio in Zürich mit Trainingsgeräten, die er mit Material vom Schrottplatz zusammenschweißt.

Die Begegnung mit dem Amerikaner Arthur Jones, Erfinder der Nautilus-Kraftmaschinen, gibt Kieser entscheidende Impulse.

Heute hat Kieser-Training 153 Standorte in zehn Ländern. Die Anteile der AG gehören Kieser und seiner Frau Gabriela, mit der er in dritter Ehe seit 30 Jahren verheiratet ist.

Lesen Sie auch: Ich über mich: Werner Kieser

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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