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Veröffentlicht: 10.09.2012, 08:10 Uhr

Viviane Reding Die unbequeme Kommissarin

Einst trampte sie mit Rucksack und Gitarre durch Europa. Heute sitzt Viviane Reding in der EU-Kommission - und will Europa eine Frauenquote verordnen.

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© Wolfgang Eilmes Viviane Reding genießt das Rampenlicht.

Nein, eine Frau der leisen Töne ist Viviane Reding wirklich nicht. Wie sie da steht, die EU-Justizkommissarin, Stahlhelm-Frisur, Kinn vor, Blick geradeaus, volle Farbmontur. Neben ihr ein älterer Franzose, Binnenmarktkommissar Michel Barnier. Es geht um die Manipulation des Libor-Zinses. Barnier sagt: „Die laufenden Ermittlungen zu Manipulationen beim Libor haben ein weiteres Beispiel für skandalöses Verhalten von Banken ans Licht gebracht. Ich will sicherstellen, dass die von uns vorgeschlagenen Gesetzesakte zum Marktmissbrauch solche Auswüchse untersagen. Daher habe ich diesen Punkt mit dem Europäischen Parlament erörtert.“ Reding sagt: „Banker sind Bankster.“

Hendrik  Kafsack Folgen:

Wenn der rumänische Sozialist Victor Ponta und der ungarische Konservative Viktor Orbán es mit der Demokratie nicht so genau nehmen, spricht Reding von „Notverordnungsputschen“. Wenn der französische Präsident Nicolas Sarkozy illegale Roma-Lager räumen lassen will, sagt Reding: „Ich hatte geglaubt, Europa müsse so eine Situation nach dem Zweiten Weltkrieg nicht noch einmal erleben.“ Wenn die deutsche Bundeskanzlerin und der französische Präsident die Zukunft des Euro im Alleingang entscheiden wollen, wenn der Suchmaschinenanbieter Google den Datenschutz neu interpretiert, Unternehmen Frauen Führungsposten verweigern und Telekomkonzerne hohe Roaming-Preise verlangen, immer dann grätscht Reding dazwischen. Sie ist die Politikerin unter den Diplomaten in Brüssel.

Diplomatie den Diplomaten

Wenn andere dem Ball nachschauen, geht die 61 Jahre alte Luxemburgerin an die Grenze des Erlaubten, dahin, wo der Schlamm spritzt. Danach erklärt sie im Plauderton charmant und schelmisch lächelnd: „Diplomatie den Diplomaten. Wenn ich mich nicht laut und deutlich äußern würde, dann würde sich auch nichts ändern.“ Sie sei eben immer geradeheraus, hat der ehemalige Kommissionspräsident und Landsmann Redings, Jacques Santer, einmal über sie gesagt. Eben ein echtes Kind der Arbeiterstadt Esch an der Alzette, mitten im luxemburgischen Stahlrevier.

Es waren Flüche, die ihr Leben geprägt haben, erzählt Reding heute. Flüche auf Italienisch. Ins Gesicht geworfen von Zuwanderern in ihrer Heimatstadt. Flüche auf Luxemburgisch, auf Deutsch, zurückgeworfen von ihr und den anderen Alteingesessenen. Laut und geradeheraus. „Und dann, wenn es eskaliert ist: Basta la Pasta“, sagt Reding. „Dann hat uns die italienische Mama an den Küchentisch beordert, und es wurde bei Pasta, Tomatensoße und Wasser Frieden geschlossen.“ Da hat sie begriffen, wie man sich zusammenrauft - auf der Straße, Europa im Kleinen.

Wie Obelix in den Zaubertrank

Überhaupt: der Küchentisch. Als kleines Mädchen in der Küche der Großmutter. Da saß sie und hörte von den Erfahrungen der Familie im Zweiten Weltkrieg, hörte vom Schicksal der Menschen des Fleckens Luxemburg, eingequetscht zwischen Deutschland und Frankreich. „Ich bin in Europa hineingefallen wie Obelix in den Zaubertrank“, sagt sie. Der kurze Weg von Luxemburg nach Brüssel war dennoch weit. Dass sie einmal im Europaparlament sitzen und später auch noch in die Kommission einziehen würde, war nicht geplant - auch nicht, nachdem sie nach der Schule zwei Monate mit Rucksack, Schlafsack und Gitarre durch Europa getrampt war. In die Politik aber zog es Reding bald nach dem Studium der Humanwissenschaften an der Pariser Sorbonne. Ein Studium in Deutschland hatte der Familienrat ausgeschlossen, nachdem die deutsche Wehrmacht Luxemburg im Zweiten Weltkrieg als Durchgangsstation besetzt hatte.

Viviane Reding - die Justizkommissarin der Europäischen Kommission und Befürtworterin einer Frauenquote ist gelernte Journalistin. Über ihren Karriereweg spricht sie mit Hendrik Kafsack. © Wolfgang Eilmes Vergrößern Viviane Reding arbeitete zunächst als Journalistin, bevor sie in die Politik ging.

Sie wollte in die Politik, also wurde sie 1978 Journalistin beim „Luxemburger Wort“. Diese Kombination ist für Deutsche schwer nachvollziehbar. Doch in Luxemburg verläuft die Trennlinie zwischen Politik und Journalismus nicht so klar wie hierzulande. Im Gegenteil: Der Journalismus war für Reding das Vehikel zum politischen Erfolg. „Ich musste schließlich erst einmal bekannt werden.“ Ein Jahr später schon wurde sie für die Christdemokraten ins Luxemburger Parlament gewählt. Zehn Jahre später zog sie ins Europäische Parlament ein.

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