Home
http://www.faz.net/-gyp-72nj7
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Viviane Reding Die unbequeme Kommissarin

 ·  Einst trampte sie mit Rucksack und Gitarre durch Europa. Heute sitzt Viviane Reding in der EU-Kommission - und will Europa eine Frauenquote verordnen.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (10)
© Wolfgang Eilmes Viviane Reding genießt das Rampenlicht.

Nein, eine Frau der leisen Töne ist Viviane Reding wirklich nicht. Wie sie da steht, die EU-Justizkommissarin, Stahlhelm-Frisur, Kinn vor, Blick geradeaus, volle Farbmontur. Neben ihr ein älterer Franzose, Binnenmarktkommissar Michel Barnier. Es geht um die Manipulation des Libor-Zinses. Barnier sagt: „Die laufenden Ermittlungen zu Manipulationen beim Libor haben ein weiteres Beispiel für skandalöses Verhalten von Banken ans Licht gebracht. Ich will sicherstellen, dass die von uns vorgeschlagenen Gesetzesakte zum Marktmissbrauch solche Auswüchse untersagen. Daher habe ich diesen Punkt mit dem Europäischen Parlament erörtert.“ Reding sagt: „Banker sind Bankster.“

Wenn der rumänische Sozialist Victor Ponta und der ungarische Konservative Viktor Orbán es mit der Demokratie nicht so genau nehmen, spricht Reding von „Notverordnungsputschen“. Wenn der französische Präsident Nicolas Sarkozy illegale Roma-Lager räumen lassen will, sagt Reding: „Ich hatte geglaubt, Europa müsse so eine Situation nach dem Zweiten Weltkrieg nicht noch einmal erleben.“ Wenn die deutsche Bundeskanzlerin und der französische Präsident die Zukunft des Euro im Alleingang entscheiden wollen, wenn der Suchmaschinenanbieter Google den Datenschutz neu interpretiert, Unternehmen Frauen Führungsposten verweigern und Telekomkonzerne hohe Roaming-Preise verlangen, immer dann grätscht Reding dazwischen. Sie ist die Politikerin unter den Diplomaten in Brüssel.

Diplomatie den Diplomaten

Wenn andere dem Ball nachschauen, geht die 61 Jahre alte Luxemburgerin an die Grenze des Erlaubten, dahin, wo der Schlamm spritzt. Danach erklärt sie im Plauderton charmant und schelmisch lächelnd: „Diplomatie den Diplomaten. Wenn ich mich nicht laut und deutlich äußern würde, dann würde sich auch nichts ändern.“ Sie sei eben immer geradeheraus, hat der ehemalige Kommissionspräsident und Landsmann Redings, Jacques Santer, einmal über sie gesagt. Eben ein echtes Kind der Arbeiterstadt Esch an der Alzette, mitten im luxemburgischen Stahlrevier.

Es waren Flüche, die ihr Leben geprägt haben, erzählt Reding heute. Flüche auf Italienisch. Ins Gesicht geworfen von Zuwanderern in ihrer Heimatstadt. Flüche auf Luxemburgisch, auf Deutsch, zurückgeworfen von ihr und den anderen Alteingesessenen. Laut und geradeheraus. „Und dann, wenn es eskaliert ist: Basta la Pasta“, sagt Reding. „Dann hat uns die italienische Mama an den Küchentisch beordert, und es wurde bei Pasta, Tomatensoße und Wasser Frieden geschlossen.“ Da hat sie begriffen, wie man sich zusammenrauft - auf der Straße, Europa im Kleinen.

Wie Obelix in den Zaubertrank

Überhaupt: der Küchentisch. Als kleines Mädchen in der Küche der Großmutter. Da saß sie und hörte von den Erfahrungen der Familie im Zweiten Weltkrieg, hörte vom Schicksal der Menschen des Fleckens Luxemburg, eingequetscht zwischen Deutschland und Frankreich. „Ich bin in Europa hineingefallen wie Obelix in den Zaubertrank“, sagt sie. Der kurze Weg von Luxemburg nach Brüssel war dennoch weit. Dass sie einmal im Europaparlament sitzen und später auch noch in die Kommission einziehen würde, war nicht geplant - auch nicht, nachdem sie nach der Schule zwei Monate mit Rucksack, Schlafsack und Gitarre durch Europa getrampt war. In die Politik aber zog es Reding bald nach dem Studium der Humanwissenschaften an der Pariser Sorbonne. Ein Studium in Deutschland hatte der Familienrat ausgeschlossen, nachdem die deutsche Wehrmacht Luxemburg im Zweiten Weltkrieg als Durchgangsstation besetzt hatte.

Sie wollte in die Politik, also wurde sie 1978 Journalistin beim „Luxemburger Wort“. Diese Kombination ist für Deutsche schwer nachvollziehbar. Doch in Luxemburg verläuft die Trennlinie zwischen Politik und Journalismus nicht so klar wie hierzulande. Im Gegenteil: Der Journalismus war für Reding das Vehikel zum politischen Erfolg. „Ich musste schließlich erst einmal bekannt werden.“ Ein Jahr später schon wurde sie für die Christdemokraten ins Luxemburger Parlament gewählt. Zehn Jahre später zog sie ins Europäische Parlament ein.

Immer laut, immer präsent

Leise war Reding auch dort nie, die Haare zum Angriff geföhnt, Kinn vor, Blick geradeaus, buntes Kostüm. Schrill, erinnern sich die einen. Ehrgeizig, sagen die anderen. So richtig aber wollte sie niemand wahrnehmen. Das ist hart für jemanden, der gerne „ich“ sagt. Auch in ihrer Heimat galt es als Überraschung, als Kommissionspräsident Romano Prodi sie 1999 zur Kulturkommissarin berief. Der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker hatte Prodi vier Kandidaten für den Kommissionsposten vorgeschlagen. Prodi wählte Reding, weil er so den Frauenanteil in der Kommission erhöhen konnte.

Viel bewegt hat Reding nicht in den ersten Jahren in Brüssel. Zuständig für Sport und Kultur, sorgte sie nur einmal für Aufregung, als sie das Ablösesystem für Fußballer kippen wollte, um diese aus der Abhängigkeit von den Vereinen zu befreien. Der große Reding-Moment kam erst fünf Jahre später, als sie Telekomkommissarin in der ersten Kommission von José Manuel Barroso war: die Regulierung der Roaming-Preise. Als Reding die hohen Preise für Auslandstelefonate erstmals kritisierte, unterschätzten viele in der Telekombranche den „schrillen Vogel“ mit der Chanel-Handtasche. Es dauerte kein halbes Jahr, bis Reding die Senkung der Preise ankündigte. Sie siegte auf ganzer Linie. Die Umstände passten: Die EU-Kommission wollte den Bürgern nach den gescheiterten Referenden zur EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden beweisen, dass die europäische Gemeinschaft etwas Gutes für sie ist. Außerdem hatte Reding einen starken Sprecher, der ihre Politik geschickt verkaufte. So geschickt, dass mancher in ihm schon den eigentlichen Kommissar sah.

Durchbruch dank Roaming

Reding ficht das nicht an, zumindest heute nicht mehr. „Eine starke Kommissarin kann starke Mitarbeiter neben sich nicht nur ertragen, sie braucht sie.“ Eine starke Kommissarin muss sich auch nicht in den Details ihrer Vorschläge auskennen. „Ich mache nicht gerne Theorie, ich packe an - da bin ich sehr luxemburgisch.“ Und sie ist eine starke Kommissarin, seit der Roamingverordnung. Immer laut. Immer ich. Immer ganz vorne in der ersten Reihe.

Barroso schicke sie gerne vor, um die Stimmung zu testen, heißt es in Redings Umfeld. Etwa als Reding ankündigte, wegen der Menschenrechtslage in der Ukraine keine Spiele der Fußball-Europameisterschaft dort zu besuchen und sich die Kommission wenig später dieser Haltung anschloss. In der Kommission selbst klingt das freilich anders. Barroso sei nicht immer begeistert von der Schnellfeuerwaffe Reding, und das nicht nur, wenn sie die Ausweisung der Roma in Frankreich mit der Behandlung der Juden in Nazideutschland vergleicht und damit einen Eklat auslöst.

Und jetzt die Frauenquote

Im Europaparlament wirft man ihr schlicht Populismus vor. Sie mache großes Aufheben um die Frauenquote, weil sie wisse, dass das gut ankomme, heißt es. Ansonsten seien ihr die Frauenrechte aber reichlich gleichgültig. Reding will eine Frauenquote für Aufsichtsräte einführen, mindestens 40Prozent der Kontrolleure in europäischen Unternehmen sollen vom Jahr 2020 an weiblich sein. Sie sagt, sie kümmere sich eben um Themen, die dem Volk auf der Seele lägen. Das sei die Aufgabe des Politikers. Dicke Bretter sollen andere bohren. Sie macht Politik. Für den Bürger, nahe am Bürger. „Ich habe mich auch als EU-Kommissarin noch bei jeder Europawahl aufstellen und wählen lassen“, sagt sie. Das erdet. Wie die Gespräche mit den drei Söhnen, 21, 24 und 28 Jahre alt. Daheim am Küchentisch, da ist er wieder. „Politik macht man nicht im Büro.“

„Wir müssen aus dem Elfenbeinturm, die Kommission muss politischer werden.“ Das klingt schon beinahe wie eine Bewerbungsrede für höhere Aufgaben. Reding als erste Präsidentin der Europäischen Kommission nach dem Ende der zweiten Amtszeit Barrosos? Reding sind solche Gerüchte sichtlich angenehm. Böse Zungen sagen, sie streue sie selbst. Aber erst, so wiegelt die Luxemburgerin ab, wolle sie dem Amt des EU-Justizkommissars ihren Stempel aufdrücken. Frauenquote, Datenschutz und neue Regeln für Internetgeschäfte. Das sind ihre Projekte für die kommende Zeit. Dass sie sich nicht durchsetzt, ist kaum vorstellbar. Eine starke Kommissarin weiß eben, was sie durchsetzen kann, und wenn doch nicht, muss es ja keiner merken. „Basta la Pasta.“

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit...

...der Lektüre der wichtigsten Tageszeitungen aus Luxemburg, Deutschland und Frankreich und einer starken Tasse Kaffee.

Die Zeit vergesse ich,...

...wenn ich keine Zeit habe.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will,...

...sollte eine Vision, Überzeugungskraft und Mut mitbringen.

Erfolge feiere ich...

...mit meinem Team, der Reding-Brigade!

Es bringt mich auf die Palme,...

...wenn amerikanische Politiker glauben, Europa in Sachen Staatsfinanzen belehren zu können - statt einmal den eigenen Schuldenberg (100 Prozent des BIP!) in Angriff zu nehmen.

Mit 18 Jahren wollte ich...

...die ganze Welt verändern.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal...

- je ne regrette rien.

Geld macht mich...

...„sparerisch“ - das Prinzip der luxemburgischen Hausfrau.

Rat suche ich...

...bei alten Freunden und jungen Leuten.

Familie und Beruf sind...

...zwei Seiten einer Medaille.

Den Kindern rate ich,...

... just do it.

Mein Weg führt mich...

...dahin, wo ich hin will. Denn: Wer nicht weiß, wo er hin will, darf sich nicht wundern, wenn er woanders ankommt.

 

Zur Person

  • Viviane Reding wird am 27. April 1951 in Luxemburg geboren.
  • Sie studiert Humanwissenschaften an der Sorbonne in Paris und beginnt nach der Promotion als Journalistin beim „Luxemburger Wort“. Dort arbeitet sie von 1978 bis 1999.
  • Seit knapp dreizehn Jahren ist Reding EU-Kommissarin. Bekannt wurde sie, als sie gegen den Widerstand von Telefonkonzernen hohe Roaminggebühren deckelte. Derzeit setzt sie sich für mehr Frauen in Führungspositionen ein.
  • Reding ist geschieden und Mutter dreier Söhne.
  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

Jüngste Beiträge