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Véronique Nichanian Die Frau, die Männer anzieht

 ·  Véronique Nichanian entwirft seit fast einem Vierteljahrhundert die Herrenmode von Hermès - und freut sich, dass die Männer nicht mehr auf ihre Frauen hören.

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Die schönen Männer sind abgetreten, das Publikum klatscht noch, jetzt ist ihr Moment fürs Rampenlicht gekommen. Lieber würde sie hinter den Kulissen bleiben, doch die Menschen wollen auch die Schöpferin des Werkes sehen. Also stakst die zierliche Véronique Nichanian nach dem Ende der Modenschau auf hohen Absätzen hinaus ins gleißende Licht - an diesem Abend in der Halle der ehemaligen Pariser Börse, an deren Decke die Hermès-Designer überdimensionale rote Kleiderbügel gehängt haben. Die 58 Jahre alte Nichanian wird in schlichter schwarzer Hose und weißer Seidenbluse wieder nur einen kurzen Auftritt geben. Majestätisch blickend durch die Reihen schreiten wie ein Karl Lagerfeld ist ihre Sache nicht. Ein paar Schritte wagt Nichanian nach vorne, winkt und lächelt in den Raum hinein, dann ist sie weg.

Nicht alle Modemacher sind selbstverliebte Exzentriker. Nichanian wirkt auf den ersten Blick eher wie ein scheues Mädchen. Doch dieser Eindruck trügt. Im Gespräch ist Schüchternheit überhaupt nicht zu spüren, dagegen kommt eine gefestigte Persönlichkeit zum Vorschein, die ihre Frau gestanden hat. Nach fast einem Vierteljahrhundert Modedesign in der Herrenabteilung von Hermès wäre alles andere auch überraschend. Niemand hat die Männermode eines großen Hauses so lange geprägt wie Véronique Nichanian, schon gar nicht eine andere Frau.

„Mit eiserner Faust“

„Sie führt die Männerabteilung von Hermès mit eisener Faust“, schrieb einmal das Modemagazin „Figaro Madame“. Die Französin, der man ihre 58 Jahre nicht ansieht, weiß dabei wie ein Marathonläufer, dass nur Beständigkeit zum Ziel führt. Sie will nichts überstürzen und verabscheut es, Eintagsfliegen zu schaffen. „Einmal hat mich jemand einen Entschleuniger, einen Ralentisseur du temps, genannt. Das war ein sehr schönes Kompliment. Denn in einer Zeit, in der sich alles schrecklich beschleunigt, möchte ich die erhaltenswerten Dinge verlangsamen, damit man sie länger genießen kann.“

Besucher empfängt sie in ihrem Büro am traditionsreichen Hermès-Hauptsitz in der Rue du Faubourg Saint-Honoré. Sie will nicht viel Aufhebens von sich selbst machen, verrät wenig über ihr Privatleben, sondern spricht lieber über ihre Mode. Wer sie fragt, ob sie dafür die Beschreibung „konservativ“ akzeptieren würde, denn Hermès fällt wohl kaum durch spektakuläre Ausgefallenheit auf, der erhält eine Abfuhr: „Ich glaube, Sie kennen meinen Stil vielleicht nicht“, gibt sie etwas schroff zurück, auch wenn sie „konservativ“ für kein negatives Attribut hält. „Modejournalisten sagen mir, dass ich sehr viel wage, indem ich etwa traditionelle Stoffe wie Kaschmir, Leinen und Baumwolle mit sehr fortgeschrittenen Materialien wie Neopren verbinde. Ich nehme mir da viele Freiheiten. Für mich ist Klassik gelungene Modernität.“

Die Stoffe sind das Alpha und Omega ihres Arbeitens

Die Begeisterung für alles Modische setzte bei ihr schon in Kindheitsjahren ein. Nach dem Abitur absolvierte die gebürtige Pariserin die französische Modeschule Ecole de la Chambre Syndicale de la Couture Parisienne. Bald darauf fiel sie dem italienischen Designer Nino Cerruti auf, der sie sogleich für die Männermode verpflichtete. Sie dachte „Okay, vielleicht mache ich das zwei oder drei Jahre“. Es wurden mehr als dreißig Jahre daraus. Noch heute sammelt sie in einer Schachtel im Büro unablässig kleine Männerporträts. Zu ihren regelmäßigen Museumsstationen gehört etwa im Louvre Tizians Porträt eines „Mannes mit Handschuh“. Dieses ebenso konzentrierte wie kreative Talent entdeckte 1988 dann auch Jean-Louis Dumas und lockte Nichanian für die Herrenlinie in sein traditionsreiches Haus Hermès. Seit 2009 ist sie dort nicht nur für die Bekleidung, sondern auch für alle Accessoires im Männerbereich zuständig.

Das Alpha und Omega ihres Arbeitens sind die Stoffe. Sie kombiniert etwa nach außen gekehrte Shetland-Wolle mit Kaschmir für die Innenseite. „Neben europäischen arbeite ich besonders gerne mit japanischen Webern.“ Sie sucht Stoffe, die wasserdicht und widerstandsfähig sind und gleichzeitig weich auf der Haut aufliegen. „Ich habe einen Horror vor großen Logos. Dagegen möchte ich, dass die Werte von Hermès sich beim Tragen erfühlen lassen.“ Auch vielseitig soll ihre Mode sein. Manche Stücke lassen sich einfach umdrehen und mit der anderen Seite nach außen tragen.

Mehr Umsatz mit Herren- als mit Damenmode

Das Konzept geht auf. Heute macht Hermès mehr Umsatz mit der Herrenmode als mit der Ware für die Damen. Der Konzern gibt keine genauen Auskünfte, doch der gesamte Bekleidungsbereich plus Accessoires und Schuhen erzielte zwischen Januar und September Erlöse von 528 Millionen Euro. Dazu gehören rund 60 000 Hemden, deren Design auf Nichanian zurückgeht. Sie ist auf diesen Aufstieg „sehr stolz - ohne falsche Bescheidenheit“, wie sie sagt, denn sie hat ihn wesentlich geprägt.

Zufrieden registriert Nichanian dabei, dass immer mehr Männer heute ihren eigenen Geschmack entwickeln und nicht mehr einfach den Rat der Frauen befolgen. Das gilt auch für ihre eigene Familie. Die kinderlose Französin lebt in zweiter Ehe mit einem Mann zusammen, der eine fünfzehnjährige Tochter mitbrachte. In der Stilberatung hält sie sich bei ihm zurück. Ihr Gatte, ein Geschäftsmann in der Industrie, der in der Freizeit Motorrad fährt, „braucht nicht trainiert zu werden“. Sie räumt allerdings ein, dass sie ihn oft beschenke.

Den schnell aufkommenden Vorwurf, sie mache Mode nur für Reiche, weist sie zurück. „Ich lehne diese Segmentierung ab - die Reichen und die anderen. Wir haben durchaus Kunden, die nicht reich sind. Etwa achtzehnjährige Jungs, die gespart haben, um sich einen Kaschmirpulli oder ein paar Schuhe zu kaufen. Diese tragen sie dann sehr lange“, betont Nichanian. Als Tochter armenischer Einwanderer stammt sie aus keiner wohlhabenden Familie. „Wenn ich etwas unbedingt wollte, dann habe ich darauf gespart.“

Heute ist das weniger erforderlich, doch sie legt sich nicht einfach eine neue Handtasche zu, wenn die alte abgewetzt ist. Ihr eigenes Stück - von Hermès, versteht sich - habe sie seit Jahren. „Ich ließ sie mehrmals reparieren; die Griffe wurden beispielsweise ausgetauscht.“ Hier kommt nach eigenen Worten ihre „ökologische Seite“ zum Vorschein. „Ich hasse dieses ungezügelte Konsumieren. Dinge, die gut gemacht sind, schmeiße ich einfach nicht weg.“

“Keine Ahnung, was ich morgen tue“

Wie lange also kann ein Mann einen Anzug tragen? „Das kommt darauf an, ob er zugenommen hat“, sagt sie lachend. „Nein, im Ernst, vier, fünf, auch zehn Jahre. Mein Mann trägt manche schon zwölf Jahre, und sie sehen immer noch tadellos aus.“ Hier ist sie ganz die Stimme von Hermès. Konzernchef Patrick Thomas hebt beim Interview schon mal gerne seine Schuhe über den Tisch, um zu fragen: „Sieht man ihnen an, dass sie zwölf Jahre alt sind?“ Die Modemacherin Nichanian bittet Stammkunden mitunter, eine Lederjacke mitzubringen, die sie vor zehn oder vor zwanzig Jahren gekauft haben. „Mich interessiert, wie sich die Jacke gehalten hat.“

Dass sie sich auch selbst bei Hermès fast ein Vierteljahrhundert gehalten hat, ist eine Seltenheit in der Branche. Angebote der Konkurrenz lehnte sie immer ab. In frühen Jahren fragte sie sich nach neuen Entwürfen öfter mal: „Passt das zu Hermès?“ Doch von dieser Denkweise befreite sie sich nach einigen Saisons. Was sie heute kreiert, ist zum Hermès-Stil geworden. „Das Haus ist sehr glücklich mit mir, und ich bin glücklich mit ihm“, sagt sie. Auf einen Verbleib will sie sich dennoch nicht festlegen. „Keine Ahnung, was ich morgen tue. Ich bin kein Mensch, der solche Sicherheiten hat.“ Einmal Mode für Damen zu machen, schließt die Französin nicht aus, doch sie fügt gleich hinzu, dass sie in der Herrenmode noch viel zu sagen habe. Denn es ärgert sie, dass die Männer in der Modewelt lange Zeit wie Waisenkinder behandelt wurden.

Daher tourt Nichanian weiter um den Erdball, besucht Stoffmessen, Werkstätten, Modenschauen, Kunstausstellungen und Museen, die sie nach eigenen Angaben besonders anregen. Auch die Musiker Prince, David Bowie und Jimi Hendrix gab sie schon als Quelle der Inspiration an. Für Eric Clapton entwarf sie einmal einen ledernen Gitarrenkoffer. Ob sie sich der wachsenden Kundschaft aus den immer reicheren Schwellenländern Asiens anpasse? „Andere Marken tun das, wir nicht“, meint sie. „Wir haben Boutiquen in China eröffnet, doch wir kreieren weltweit nur eine Hermès-Kollektion. Diese bleibt hundert Prozent französisch.“

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... der Sonne.

Die Zeit vergesse ich, ...

... wenn ich in einer Ausstellung oder im Museum bin oder wenn ich ein neues Gebäude oder einen Garten entdecke.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... muss viel arbeiten und Mut zur eigenen Kreativität haben.

Erfolge feiere ich ...

... mit meinen Freunden.

 Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn ich merke, dass ich nicht genügend Zeit habe, um etwas fertig zu machen. Ich bin Perfektionistin.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... genau den Job machen, den ich heute habe.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... - ich würde alles noch mal so machen. Ich bereue nichts.

Geld macht mich ...

... frei.

Rat suche ich, ...

... um mich zu entspannen.

Familie und Beruf sind ...

... die Pfeiler meines Lebens.

Den Kindern rate ich, ...

... fleißig und mit Leidenschaft bei der Sache zu sein.

Mein Weg führt mich ...

... hoffentlich an einen Punkt, wo ich in mir ruhen kann.

Zur Person

  • Véronique Nichanian kommt am 3. Mai 1954 in Paris zur Welt. Sie macht ihr Abitur und absolviert danach die französische Modeschule Ecole de la Chambre Syndicale de la Couture Parisienne.
  • Von der Schule weg heuert sie der italienische Designer Nino Cerruti an, um der Männermode neue Impulse zu geben.
  • 1988 überzeugt sie der Hermès-Chef, zu seinem traditionsreichen Haus zu wechseln, um dort die Herrenlinie zu verantworten.
  • Mit ihrem Mann und ihrer Stieftochter lebt sie in Paris.
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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Paris.

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