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Véronique Nichanian Die Frau, die Männer anzieht

Véronique Nichanian entwirft seit fast einem Vierteljahrhundert die Herrenmode von Hermès - und freut sich, dass die Männer nicht mehr auf ihre Frauen hören.

© Michael von Aulock Vergrößern Kaschmir mit Neopren: Véronique Nichanian hat ihren Stil zu dem von Hermès gemacht.

Die schönen Männer sind abgetreten, das Publikum klatscht noch, jetzt ist ihr Moment fürs Rampenlicht gekommen. Lieber würde sie hinter den Kulissen bleiben, doch die Menschen wollen auch die Schöpferin des Werkes sehen. Also stakst die zierliche Véronique Nichanian nach dem Ende der Modenschau auf hohen Absätzen hinaus ins gleißende Licht - an diesem Abend in der Halle der ehemaligen Pariser Börse, an deren Decke die Hermès-Designer überdimensionale rote Kleiderbügel gehängt haben. Die 58 Jahre alte Nichanian wird in schlichter schwarzer Hose und weißer Seidenbluse wieder nur einen kurzen Auftritt geben. Majestätisch blickend durch die Reihen schreiten wie ein Karl Lagerfeld ist ihre Sache nicht. Ein paar Schritte wagt Nichanian nach vorne, winkt und lächelt in den Raum hinein, dann ist sie weg.

Nicht alle Modemacher sind selbstverliebte Exzentriker. Nichanian wirkt auf den ersten Blick eher wie ein scheues Mädchen. Doch dieser Eindruck trügt. Im Gespräch ist Schüchternheit überhaupt nicht zu spüren, dagegen kommt eine gefestigte Persönlichkeit zum Vorschein, die ihre Frau gestanden hat. Nach fast einem Vierteljahrhundert Modedesign in der Herrenabteilung von Hermès wäre alles andere auch überraschend. Niemand hat die Männermode eines großen Hauses so lange geprägt wie Véronique Nichanian, schon gar nicht eine andere Frau.

„Mit eiserner Faust“

„Sie führt die Männerabteilung von Hermès mit eisener Faust“, schrieb einmal das Modemagazin „Figaro Madame“. Die Französin, der man ihre 58 Jahre nicht ansieht, weiß dabei wie ein Marathonläufer, dass nur Beständigkeit zum Ziel führt. Sie will nichts überstürzen und verabscheut es, Eintagsfliegen zu schaffen. „Einmal hat mich jemand einen Entschleuniger, einen Ralentisseur du temps, genannt. Das war ein sehr schönes Kompliment. Denn in einer Zeit, in der sich alles schrecklich beschleunigt, möchte ich die erhaltenswerten Dinge verlangsamen, damit man sie länger genießen kann.“

Besucher empfängt sie in ihrem Büro am traditionsreichen Hermès-Hauptsitz in der Rue du Faubourg Saint-Honoré. Sie will nicht viel Aufhebens von sich selbst machen, verrät wenig über ihr Privatleben, sondern spricht lieber über ihre Mode. Wer sie fragt, ob sie dafür die Beschreibung „konservativ“ akzeptieren würde, denn Hermès fällt wohl kaum durch spektakuläre Ausgefallenheit auf, der erhält eine Abfuhr: „Ich glaube, Sie kennen meinen Stil vielleicht nicht“, gibt sie etwas schroff zurück, auch wenn sie „konservativ“ für kein negatives Attribut hält. „Modejournalisten sagen mir, dass ich sehr viel wage, indem ich etwa traditionelle Stoffe wie Kaschmir, Leinen und Baumwolle mit sehr fortgeschrittenen Materialien wie Neopren verbinde. Ich nehme mir da viele Freiheiten. Für mich ist Klassik gelungene Modernität.“

Die Stoffe sind das Alpha und Omega ihres Arbeitens

Die Begeisterung für alles Modische setzte bei ihr schon in Kindheitsjahren ein. Nach dem Abitur absolvierte die gebürtige Pariserin die französische Modeschule Ecole de la Chambre Syndicale de la Couture Parisienne. Bald darauf fiel sie dem italienischen Designer Nino Cerruti auf, der sie sogleich für die Männermode verpflichtete. Sie dachte „Okay, vielleicht mache ich das zwei oder drei Jahre“. Es wurden mehr als dreißig Jahre daraus. Noch heute sammelt sie in einer Schachtel im Büro unablässig kleine Männerporträts. Zu ihren regelmäßigen Museumsstationen gehört etwa im Louvre Tizians Porträt eines „Mannes mit Handschuh“. Dieses ebenso konzentrierte wie kreative Talent entdeckte 1988 dann auch Jean-Louis Dumas und lockte Nichanian für die Herrenlinie in sein traditionsreiches Haus Hermès. Seit 2009 ist sie dort nicht nur für die Bekleidung, sondern auch für alle Accessoires im Männerbereich zuständig.

Das Alpha und Omega ihres Arbeitens sind die Stoffe. Sie kombiniert etwa nach außen gekehrte Shetland-Wolle mit Kaschmir für die Innenseite. „Neben europäischen arbeite ich besonders gerne mit japanischen Webern.“ Sie sucht Stoffe, die wasserdicht und widerstandsfähig sind und gleichzeitig weich auf der Haut aufliegen. „Ich habe einen Horror vor großen Logos. Dagegen möchte ich, dass die Werte von Hermès sich beim Tragen erfühlen lassen.“ Auch vielseitig soll ihre Mode sein. Manche Stücke lassen sich einfach umdrehen und mit der anderen Seite nach außen tragen.

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