Home
http://www.faz.net/-gyp-w0ql
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verona Pooth Eine Marke für sich

03.12.2007 ·  Sie schaffte es mit Bohlen, Blubb und Busen zur Ikone der Fernsehindustrie. Verona Pooth ist heute Millionärin, Mutter und sieht sich als Unternehmerin. Ihr wichtigstes Produkt ist sie selbst.

Von Matthias Hannemann
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (1)

Als der Regen fällt, an einem schwarzen Abend in Düsseldorf, rollt dieser Jeep auf das Restaurant zu: ein stämmiger Schutzpanzer namens „Hummer“, wie das amerikanische Militär ihn bei Patrouillenfahrten schätzt und wie ihn längst auch jene Abteilung der Gesellschaft zu Schau stellt, die unterwegs ist auf einem Minenfeld der Eitelkeiten. Natürlich ist er viel zu wuchtig, dieser Wagen, im Ganzen so unverhältnismäßig wie die Versuche eines Reklamebüros, bereits im Vorfeld dieses Gespräches jeden Satz und jedes Bild unter seine Kontrolle zu bringen; nicht viel, und man hätte eine sündhaft teure Visagistin engagieren müssen. Aber vielleicht ist das einfach so, wenn ein Mensch erst zu einer Marke und damit Millionär geworden ist – er sucht nach allen verfügbaren Schutz- und Schmuckpanzern zugleich.

Verona Pooth nimmt so höflich, gelassen und charmant auf einer Sitzbank Platz, als sei die Boulevard-Presse, die von ihr jahrelang nicht lassen konnte, bloß das Opfer einer gewieften Marketingstrategie geworden: schwarze Fingernägel, weiße Bluse, konzentrierter Blick. Keine Spur von der Naivität und jener Fiepsstimme, mit der sie Ende der neunziger Jahre zum Tinnitus der Abendunterhaltung und zur Ikone der Werbebranche avancierte.

Schon in der Grundschule eine Exotin

„Ich fühle mich als Unternehmerin“, sagt sie vielmehr. Und sie sagt es nicht zum ersten Mal. Denn zwar mag Frau Pooth ein wenig ruhiger und erwachsener geworden sein, seit sie vor vier Jahren ein Kind bekam (und gleich ein Buch darüber schrieb: „Der kleine Feldbusch“). Als Unternehmerin aber will sie sich schon begriffen haben, lange bevor überhaupt in einer sagenhaft sprachlosen, Züge einer perfekten Parodie annehmenden Endlosschleife von Bohlen, „Blubb“ und Busen die Rede war. Und als „Superstar“ fraglos ebenfalls.

Eine Marke für sich

„Schon in der Grundschule“, sagt sie, „bin ich morgens wach geworden und hatte tausend Ideen im Kopf.“ Sie war der Exot in der Klasse, wurde „Superstar“ genannt, war schüchtern und albern zugleich, wollte Pippi Langstrumpf sein, war diejenige, die sich eine Katze auf die Sporthose pappte, um bei Bundesjugendspielen aufzufallen, und die als erste „hier!“ schrie, wenn es Modenschauen in der Schule zu organisieren oder mit Freundinnen Klamotten zu nähen galt.

Und sie war nicht zu übersehen: ein bildhübsches Mädchen, das von ihrer bolivianischen Mutter das Temperament und eine Lebensweisheit geerbt hatte: „Halte dich nicht damit auf, deine Schwächen zu korrigieren. Setze auf deine Stärken.“

500 Mark für die ersten Fotos

Das musste man ihr nicht zweimal sagen. Auf der Straße wurde Verona Feldbusch als 15-Jährige von einem Werbe-fotografen angesprochen. 500 Mark für einen Tag Katalogaufnahmen. „Für die Tochter einer Friseur-Meisterin und eines Feinmechanikers war das doch sehr viel Geld und ein Traumjob noch dazu.“ Von dem ersten Honorar kaufte das Mädchen ihrer Mutter einen Mantel.

Eine Ausbildung schien nicht notwendig zu sein. Verona träumte, als das Fotogeschäft zum fremdbestimmten Alltag zu werden drohte, vielmehr von einer Karriere auf dem Laufsteg – oder als Modedesignerin: „Wahre Leidenschaft“, sagt sie, „führt doch immer irgendwie zum Erfolg. Es ist aber auch mit sehr viel Disziplin verbunden. Und man darf nicht lange überlegen: Schnelles Handeln ist gefragt. Genau das unterscheidet meist die Erfolgreichen von den Erfolglosen.“

Nach vorn: Gemeinsam mit einer Freundin eröffnete die junge Frau in Hamburg das kleine Modeatelier „Immerschön“, um täglich Stoffbahnen aus dem Kaufhaus zu ausgefallenen Kleidern zu vernähen. Der ganz große Wurf gelang zwar nicht, so sehr dank glücklicher Fügungen auch einige Pop-Stars beliefert werden konnten. „Für zwei so junge Frauen wie uns, die fast ohne Startkapital angefangen hatten, war das natürlich trotzdem ein Erfolg.“ Den Vertreter der „Bild“-Zeitung, der 1993 von der frisch zur „Miss Germany“ gekürten Jungunternehmerin ein Bikini-Foto nebst Deutschlandfahne machen wollte, überredete sie zu einem Bild am Schreibtisch des Ateliers. Ein Schlüsselerlebnis.

„Frau Bohlen“ für wenige Wochen

„Man kann lernen, sehr schnell die Grenzen zu definieren.“ Sie ist stolz darauf, bis heute zwar für erotische Aufnahmen, nie aber für Nackt-Bilder posiert zu haben, sich zwar in Szene setzen zu können, in den Skandal-Spalten aber eisern durch Abwesenheit zu glänzen, mit den Medien zu spielen, sie aber zugleich, wie das noch aus diesen Jahren stammende Engagement für die „SOS Kinderdörfer“ zeigt, auch für gute Dinge einzuspannen – erst recht auf die Marketingstudentin, die eine Diplomarbeit über ihren Weg zur Marke aufnahm. „Es war nichts Naives darin“, sagt sie, „als junger Mensch das Leben als ein Abenteuer aufzufassen.“

Doch wie war das mit Dieter Bohlen, mit der Blitz-Ehe im Sommer 1996, die nach wenigen Wochen mit ernsten, aber öffentlichkeitswirksamen Vorwürfen gegen den Musikproduzenten endete? Triumphierte hier nicht auch das Kalkül einer Frau, die ihre Mitarbeiter, in der Ikonographie offenkundig revolutionär bewandert, mit dem Spitznamen „El Commandante“ belegten? „Unsinn“, sagt Verona Pooth, die sich damals auch im Musikgeschäft zu tummeln, eigenhändig Tourneen zu organisieren wagte. „Aber verständlich, dass die Medien das so gesehen haben. Ich habe in meiner ersten und zweiten Ehe den Namen meines Ehemanns angenommen und auf einen Ehevertrag verzichtet. Da bin ich sehr bodenständig und konservativ.“

„Aus einem Tag oft zwei gemacht“

Auch wenn die auf der Mattscheibe dauerplappernde Schöne streckenweise auf ein abseitiges Stargast-Dasein reduziert wurde: Die Fernseh- und Medienkarriere, die unmittelbar nach dem Eklat mit der Moderation der Erotik-Show „Peep“ begann, ist bis heute, da sie als „Engel im Einsatz“ ist, nicht abgeschlossen. Noch ist sie präsent, ihr Name fast jedem Deutschen geläufig, und man kann fast sicher sein: Sie wird alles daransetzen, auch weiterhin im Gespräch zu bleiben.

In dieses Geschäft, sagt Verona Pooth, sei sie glücklicherweise ganz langsam hineingewachsen „wie ein zartes Blümchen“, habe hart zu arbeiten gewusst, wenig geschlafen, „aus einem Tag jahrelang oft zwei gemacht“ und jede Chance zu nutzen versucht: „Dabei war es sicher von Vorteil, von anderen vorschnell unterschätzt zu werden. Die deutsche TV-Landschaft wurde damals ausschließlich mit Personen besetzt, die eine Sprachausbildung hatten und einen journalistischen Background. Meine scheinbar naive Art füllte eine neu entstandene Marktlücke.“

Vertragsverhandlungen mit ihr gelten als schwierig und nervenaufreibend, Werbeaufnahmen als unberechenbar. Wer sich auf sie einlässt, muss mit ihrer Kontrollwut rechnen, kann allerdings auch, wenn alles stimmt, auf ihr intuitives Bauchgefühl setzen – wie damals, als sie die Idee hatte, sich in einem Werbespot mit dem Spinat („Blubb“) zu unterhalten, oder als sie Ohrenwürmer prägte wie den Telegate-Slogan „Da werden Sie geholfen“.

Beruf? Marktlücken schließen!

Acht millionenschwere Werbeverträge bewältigte sie 2001 gleichzeitig, nicht für Luxusartikel, sondern für Alltagsware wie Spinat, Marmelade, Autos, Shampoo und eine Telefonauskunft. Das verpflichtete und machte den roten Teppich noch stärker zu einem „Bestandteil des Jobs“ – von den Versuchen, „keine Marionette zu sein, sondern auch im Geschäftlichen wie Privaten immer die Kontrolle zu behalten“, ins Schauspielgeschäft einzusteigen oder nach und nach deutsche Kaufhäuser etwa mit eigenen Kollektionen und Kosmetika zu beliefern, gar nicht erst zu reden. Das Lieblingswort ihres 2003 geborenen Kindes, hört man, soll „trabajo“ sein, auf spanisch: Arbeit.

Was sie ihm wohl antwortet, wenn er nach dem Beruf zu fragen beginnt? Sie mache ein Praktikum bei der „Bild“-Zeitung, antwortete sie früher. „Eine Marktlücke schließen“, antwortete sie später, „nämlich Männer glücklich zu machen.“ In Düsseldorf, während die Stühle des Restaurants für den Gala-abend eines Ärztekongresses zurechtgerückt werden, sagt sie bloß, Vorstandsvorsitzende einer AG und „durch und durch Unternehmerin“ zu sein, eben noch die Zusammenarbeit mit dem Einkaufsender „Homeshopping Europe“ vereinbart zu haben; die Sendungen werden im Februar beginnen, 25 Produkte unter ihrem Namen im Angebot sein. Draußen, im Regen, fährt ihr Kutscher den „Hummer“ vor. Verona Pooth verabschiedet sich, stattet dem Koch, einem glühenden Fan, wie die Kellnerin ihr flüsterte, noch einen kreislaufgefährdenden Überraschungsbesuch ab. Und dann entschwindet sie. Ins Private. Hinter den Schutzpanzer.

Zur Person:

- Verona Pooth wurde 1968 in Bolivien unter dem Namen Feldbusch geboren. Die Familie zog bald nach Hamburg, die Heimatstadt ihres Vaters.

- Mit 15 Jahren machte sie erste Werbeaufnahmen, wurde später „Miss Hamburg“, „Miss Germany“, „Miss Intercontinental World“, „Miss American Dream“. Mit dem Titel „Ritmo de la Noche" spielte sie 1990 eine Goldene Schallplatte ein.

- Ihre Heirat mit Dieter Bohlen endete 1996 nach vier Wochen in einem Eklat und machte sie zu einer der bekanntesten Prominenten. Heute ist sie mit dem Unternehmer Franjo Pooth verheiratet.

- Verona Pooth ist Vorstandsvorsitzende der „Veronas Dreams AG“.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel