Ute Frieling-Huchzermeyer sieht genau so aus wie auf dem Foto, das in jeder Ausgabe der Zeitschrift „Landlust“ neben ihrem Editorial zu sehen ist. Blonder Kurzhaarschnitt, sportlicher Blazer, Jeans. Unprätentiös. Man sieht ihr nicht an, dass sie eine der erfolgreichsten deutschen Zeitschriften konzipiert hat und führt. Im April hat die „Landlust“, erst seit sieben Jahren auf dem Markt, die Marke von einer Million verkaufter Exemplare überschritten. Das mehr als 200 Seiten starke Heft, das alle zwei Monate erscheint und von den Vorzügen des Landlebens handelt, hat eine höhere Auflage als der „Spiegel“.
Frieling-Huchzermeyer empfängt in einem Besprechungszimmer des Landwirtschaftsverlags in Münster-Hiltrup. Große Fenster erlauben den Blick auf alte Bäume. Eine Wand des Raumes ist gefüllt mit historischen, in Leder gebundenen Ausgaben des „Landwirtschaftlichen Wochenblattes“. Doch das Verlagsgebäude atmet Zukunft: Neben internationalen Engagements ist es die „Landlust“, die dem Unternehmen Wachstum beschert. Die Zahl der Bauernhöfe in Deutschland sinkt und mit ihr die der potentiellen Abonnenten landwirtschaftlicher Fachzeitschriften. Ein knappes Viertel des Umsatzes von 85,5 Millionen Euro steuerte 2011 die „Landlust“ bei. Sie wird überwiegend am Kiosk verkauft; ein Drittel der Leser sind Abonnenten.
Journalismus „eher aus Zufall“
Die Idee, eine Publikumszeitschrift auf den Markt zu bringen, gab es im Verlag schon lange. Vor acht Jahren gründete sich eine Projektgruppe. Ute Frieling-Huchzermeyer wirkte beratend mit. „Eigentlich wollte ich damals kürzertreten und mehr Zeit für meinen eigenen Garten haben“, sagt sie. Auf dem Titelblatt des ersten Heftes saßen ihre Kinder im Kirschbaum. Die Aufgabe packte sie, ihr Chef überredete sie: Von der zweiten Nummer an war sie Chefredakteurin.
Dabei kam die Landwirtstochter „eher aus Zufall“ zum Journalismus, wie sie sagt. Studieren wollte sie ursprünglich Biologie auf Diplom, schwenkte aber wegen der schlechten Berufsaussichten für Biologen auf Landwirtschaft um. Nach dem Examen bewarb sie sich breit - die Zusage für ein Volontariat bei der Zeitschrift „Top Agrar“ kam prompt. Der Chefredakteur dort wurde zu ihrem Mentor. Sie fand schnell Freude an gründlicher Recherche und leserfreundlicher Aufbereitung - an solidem Handwerk, das nicht die Eitelkeit des Autors in den Vordergrund rückt, sondern den Bedürfnissen des Lesers dient.
Themen klassischer Frauenzeitschriften, nur ländlicher
Sie kennt jeden Text einer geplanten Ausgabe, legt die Abfolge der Geschichten im Heft fest und ackert sich durch alle Leserbriefe, bevor sie diese an ihre Redakteurinnen verteilt: „Zum Zwischendurchfreuen“ schreibt sie ihnen an den Rand, wenn es etwas Positives ist. Wie man ein neues Blatt entwirft, konnte ihr niemand beibringen: Ute Frieling-Huchzermeyer verließ sich auf ihre eigene Kreativität und die ihrer Redakteurinnen. So hält sie es bis heute.
Weil das Produkt von vorn bis hinten ihre Handschrift spiegelt, treffen sie auch die Urteile so, die andere Journalisten über die „Landlust“ abgeben: Dass ihre Zeitschrift eine Sehnsucht nach heiler Welt bediene, dabei jedoch eskapistische Tendenzen fördere. Denn nichts von dem, was sich alles Kritisches schreiben ließe zum Leben auf dem Land, kommt in der „Landlust“ vor.
Das Magazin enthält viele Themen klassischer Frauenzeitschriften, nur „ländlicher“. Da schwelgt man im Sommer in Rezepten für Biskuittörtchen mit gezuckerten Veilchenblüten. Im Herbst kommen verkannte Gemüse wie Pastinaken und Rosenkohl zu Ehren. Für „Light“-Rezepte ist die „Landlust“ die falsche Adresse. Ein großzügiges Layout und opulente Fotostrecken erhöhen den Genuss. Jedes Heft enthält Anregungen zum Handarbeiten und Wissenswertes zum Pflanzenbau. Berichte über heimische Singvögel, Waldameisen oder Maulwürfe sind ebenso beliebt wie über Haustiere. Nicht zu vergessen der Ausflugstipp, die „Landpartie“.
Ute Frieling-Huchzermeyer wehrt sich gegen den Vorwurf der Schönfärberei. Was sie mit dem Magazin möchte, ist „den Blick schärfen für die Schönheit der uns umgebenden Natur“. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Den Lesern gefällt das, Frieling-Huchzermeyer hat offenkundig einen Nerv getroffen. Zahlreiche Nachahmer haben sich längst angehängt, „Landidee“, „Landgenuss“, „Mein schönes Land“, eine ganz neue Zeitschriftengattung ist entstanden - aber keiner der Konkurrenten ist ähnlich erfolgreich.
Ute Frieling-Huchzermeyer versteht ihre Zeitschrift als einen Ruhepol für Menschen, die einen bewegten Alltag haben: „Wir behandeln Themen aus unserer ursprünglichen Lebenswelt, die wir alle, die wir den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, als Gegengewicht brauchen, um geerdet zu sein.“ Die „Landlust“ will bei der Entspannung helfen: „Wir geben Inspiration zu kreativem Tun im eigenen Umfeld, im Haus oder im Garten.“ So finden sich im Heft Anleitungen zum Bau von Kleingewächshäusern, zum Mauern einer Gartenbank oder zum Zimmern eines Stiefelregals. Mit diesen Themen will Frieling-Huchzermeyer auch Männer ansprechen, die etwa ein Drittel der Leser ausmachen.
„Wenn sich ein passender Mann bewerben würde, hätte ich nichts dagegen“
Dass die Redakteure allesamt Frauen sind, hat sich so ergeben: „Wenn sich ein passender Mann bewerben würde, hätte ich nichts dagegen“, sagt die Chefin. Die Hälfte des interdisziplinär aufgestellten Teams hat bei der „Landlust“ volontiert. Manche haben Gartenbau studiert, einzelne stammen vom Bauernhof, eine Ökotrophologin ist dabei, eine Geographin, aber auch Innenarchitektinnen, Germanistinnen und Kunsthistorikerinnen. Für die gute Stimmung im Team sorgt die Chefin - durch Lob, durch ihre eigene hohe Motivation und dadurch, dass sie Unstimmigkeiten sofort klärt.
Der Nachwuchs liegt Frieling-Huchzermeyer am Herzen: Ihre eigenen Kinder sind mittlerweile 22, 20 und 17 Jahre alt. Ihnen konnte sie sowohl die Geborgenheit der Großfamilie bieten als auch das Aufwachsen auf dem Land - mit viel Auslauf, wenig elektronischer Zerstreuung und reichlich Gelegenheit zum praktischem Tun. Das fehle vielen Kindern heute, sagt sie. Ebenso gehe das Wissen über die Natur verloren. „Müssen unsere Kinder eine Buche von einer Eiche unterscheiden können, einen Buchfink vom Sperling, den Weizen von der Gerste?“, fragt sie in einem ihrer Editorials. „Gefordert ist das längst nicht mehr, erstrebenswert aber immer noch.“ Die Leser schätzen diese behutsam didaktische Haltung, die klare, schnörkellose Sprache, aber auch das „Wir“, das sich als Subjekt in vielen Texten findet: Es bindet sie ein in eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, die das gute, entschleunigte Leben schätzen - oder es zumindest herbeisehnen.
Nie länger aus dem Beruf ausgestiegen
Dabei bewegt sich Ute Frieling-Huchzermeyer selbst eher im Laufschritt: Mit der Geburt des ersten Kindes zog sie auf den Hof ihres Mannes in der Nähe von Bad Oeynhausen, seither pendelt sie mit dem Auto die 120 Kilometer nach Münster. Wie viele erfolgreiche Frauen hat sie zwar für die Kinder ihre Arbeitszeit reduziert, ist aber nie länger aus dem Beruf ausgestiegen. Während sie stillte, hatte sie die Kinder im Büro bei sich. Zwei- bis dreimal in der Woche war sie in der Redaktion, vor Redaktionsschluss öfter - auch dies hält sie bis heute so.
Moderne Kommunikationstechnik, die vielen Frauen hilft, den Spagat zwischen Beruf und Familie zu meistern, nutzt sie kaum. Sie nimmt Texte auf Papier mit nach Hause und schreibt ihre eigenen dort. „Kreativität braucht Ruhe“, sagt sie. Die zweimonatliche Erscheinungsweise des Heftes erlaubt diese Arbeitsweise. Zwar gäbe das Anzeigenaufkommen ein monatliches Erscheinen her. „Aber wir wollen, dass unsere Zeitschrift wirklich gelesen wird. Das ist die beste Leser-Blatt-Bindung.“ Ihre Inhalte im Internet zu verschenken kommt der Chefredakteurin nicht in den Sinn. Dort findet man nur Anleitungen und einen Shop für Accessoires. Sie selbst entspannt beim morgendlichen Laufen und bei der Gartenarbeit. Der Wechsel der Jahreszeiten begleitet sie somit beruflich wie privat. „Ich freue mich immer, wenn es wieder Frühling ist.“
Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...
... Ruhe und starkem Kaffee frühmorgens auf dem Sofa, einer anschließenden Laufrunde mit Gang durch den Garten und abschließender Kaltdusche.
Die Zeit vergesse ich, ...
... wenn ich an einer Geschichte schraube oder im Garten wühle.
Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...
... muss aufmerksam sein, selbstkritisch, sachorientiert. Und die Bereitschaft mitbringen, sich für das bessere Ergebnis erneut ins Zeug zu legen.
Erfolge feiere ich ...
... selten, dafür regelmäßig Zwischenetappen mit einem leckeren Essen gemeinsam mit meinem Mann oder der Familie.
Es bringt mich auf die Palme, ...
... wenn Selbstdarstellern mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als den stillen Leistungsträgern im Hintergrund. Wenn sich weltfremde Theoretiker über fachkundige Praktiker hinwegsetzen.
Mit 18 Jahren wollte ich ...
... die Welt verbessern.
Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...
... auf eine Kinderpause nach den Geburten verzichten.
Geld macht mich ...
... unabhängig.
Rat suche ich ...
... dort, wo ich das Gespür und die jeweilige Kompetenz sehe; häufig bei meinem Mann und inzwischen auch bei unseren großen Kindern.
Familie und Beruf sind ...
... die Säulen des Lebens.
Den Kindern rate ich, ...
... ohne Lateiner zu sein, carpe diem - nutze den Tag!
Mein Weg führt mich ...
... immer wieder in den Garten.
Zur Person
- Ute Frieling-Huchzermeyer wird am 5. Mai 1958 geboren. Sie wächst auf einem Bauernhof im Osnabrücker Land auf.
- Sie studiert Landwirtschaft in Osnabrück. Nach dem Abschluss als Diplom-Agraringenieurin beginnt sie ein Volontariat im Landwirtschaftsverlag in Münster bei der Fachzeitschrift „Top Agrar“. Sie wird erst Redakteurin, dann Ressortleiterin.
- Als der Landwirtschaftsverlag im Jahr 2004 eine Projektgruppe zur Entwicklung einer Publikumszeitschrift einsetzt, ist sie dabei. Seit 2005 ist sie Chefredakteurin der „Landlust.“
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Hubert Appenrodt (HubertAppenrodt)
- 25.09.2012, 14:38 Uhr
