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Ulrich Bez Kurvenfahrt eines Kreativen

06.11.2006 ·  James Bond wäre fast der Dienstwagen abhanden gekommen. Doch das Überleben der Sportwagenmanufaktur Aston Martin scheint gesichert - vor allem dank Ulrich Bez. Trotzdem steht er an einer Weggabelung. Mal wieder.

Von Holger Appel
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Eine Milliarde Dollar wäre nicht schlecht. Es könnten ein paar hundert Millionen mehr oder weniger sein, aber ungefähr dürfte das hinkommen. Das Sümmchen käme Ulrich Bez sehr gelegen, um seinen Arbeitsplatz zu sichern. Die Konzernchefs im fernen Amerika haben nämlich seine Firma zum Verkauf gestellt, und es ist keineswegs ausgemacht, ob sie dabei auf die Befindlichkeiten ihres Spitzenmanagers Rücksicht nehmen. Und wenn er das Geld nicht zusammenbekommt? Dann ist Bez womöglich arbeitslos. Mal wieder. Und mal wieder vermutlich nicht für lange Zeit.

Aber der Reihe nach. Bez ist Chef der britischen Sportwagenmanufaktur Aston Martin. Der automobile Edelausrüster von James Bond gehört zu Ford - und die haben wirtschaftliche Schwierigkeiten, deren Lösung selbst den Geheimdienst Ihrer Majestät vor größere Herausforderungen stellte. Gleichzeitig fühlt sich das im britischen Gaydon residierende Unternehmen im Gestrüpp des Großkonzerns zunehmend eingeengt. Bez sucht deshalb einen strategischen Partner, der das Management, also auch ihn, beteiligt. Gelingt dies, könnte er noch ein paar Jahre seine junge Erfolgsgeschichte fortschreiben und sogar Gesellschafter werden. Zahlt ein anderer Investor mehr, wird Ford vielleicht schwach. Und Bez, unter dessen Ägide Aston Martin aufgeblüht ist und zum ersten Mal seit der Gründung im Jahr 1913 einen nennenswerten Gewinn macht, womöglich Opfer seines eigenen Erfolgs. Über derartige Zukunftsaussichten könnte man schon nervös werden. Bez aber bleibt, zumindest nach außen, mit der Erfahrung aus 62 Lebensjahren und so manchem Schockerlebnis in seiner Karriere cool. "Ich habe noch viele Pläne und Ideen. Solange ich Mitarbeiter begeistern kann, will ich nicht aufs Boot oder wandern gehen", sagt er. Ruhestand, das wäre nichts für ihn.

Zwischen Bocholt und Seoul

Daß er auch die nächsten Jahre irgend etwas mit dem Automobil zu tun haben wird, darf als ausgemacht gelten. Der passionierte Rennfahrer, der einst auf dem Hockenheimring, als er mit den zu breiten Straßenschuhen Bremse und Gaspedal gleichzeitig trat, abflog und sich lebensgefährlich verletzte, hat sein ganzes Berufsleben mit Autos verbracht - bis auf eine kurze, schlagartig zu Ende gegangene Episode im Maschinenbau. Bez suchte gerade nach Jahren in Südkorea bei Daewoo eine neue Aufgabe in Europa. Da trug ihm der Flender-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Lederer den Spitzenjob bei dem mittelständischen Getriebehersteller in Bocholt an. "Zu einem Automobilzulieferer wollte ich nicht. Wenn du ganze Autos gemacht hast, willst du nicht plötzlich Teile verkaufen." Maschinenbau, da dürfe man sich nicht täuschen, sei eine völlig andere Welt als die Autoindustrie, mit lauter Personen, die einen nicht kennen. Aber immerhin sei das eine interessante Aufgabe in einer soliden Firma gewesen. "Da habe ich mir gesagt: Das machst du." Abgehalten hat ihn auch nicht, daß damit die räumliche Trennung von seiner Frau und den Kindern verbunden war. Vom pulsierenden Seoul ins beschauliche Bocholt, das wollte sie nicht. Die Familie ist in eine deutsche Großstadt gezogen, und Bez pendelte am Wochenende dorthin. Das tut er noch heute.

Genau ein Jahr später war die Liaison wieder beendet, aus heiterem Himmel, wie Bez - noch immer nicht ganz die Umstände verstehend - sagt. Am Samstag sei er noch bei Lederer eingeladen gewesen. Am Montag stand ein gewöhnlicher Termin auf dem Plan, da habe Lederer plötzlich gesagt: "Ich kann nicht mehr mit Ihnen arbeiten, Sie sind beurlaubt." In diesem Moment schieße einem nur ein Gedanke durch den Kopf: Wie kommt man hier gut raus, mit ordentlicher Abfindung und ohne daß einen der nunmehr ehemalige Arbeitgeber öffentlich in die Pfanne haut? Ausflüchte oder unnötige Debatten haben in solch einem Moment keinen Sinn, sagt Bez. "Wenn es regnet, dann regnet es." Heute fühle sich die Zeit an, als sei er ein Jahr auf der Insel oder im Busch gewesen.

Karrierestart bei Porsche

Seine früheren Stationen, Porsche, BMW, wieder Porsche, dann Daewoo, hat er in besserer Erinnerung. Den jungen studierten Luftfahrtingenieur verschlug es zum Stuttgarter Sportwagenhersteller, weil es in der Region mit Luftfahrt nicht soweit her war und er Porsche durch ein Praktikum kannte. Bei Porsche haben sie ihm recht bald eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen. "Ich hatte keine Ahnung von Autos und war plötzlich verantwortlich für Crash-Strukturen", erinnert sich Bez. Trotzdem hat er das Gefühl gehabt, daß andere mehr zu sagen hatten, obwohl er mehr "draufhatte". Das habe vor allem am fehlenden Doktortitel gelegen, woraufhin er beschloß, sich promovieren zu lassen. Präzision hat er auch damals schon großgeschrieben: Jeden Abend ist er um 18 Uhr nach Hause gegangen, hat bis 24 Uhr gearbeitet - ein Jahr lang, dann legte er die gedruckte Arbeit vor.

Präzision und Disziplin liebt und lebt Bez bis heute, was sein Umfeld bisweilen als kleinlich und nervenaufreibend empfindet. "Ich meine keine Disziplin im militärischen Sinn, sondern eine im Blick auf die gesetzten Ziele. Es ist leicht, sich ablenken zu lassen", warnt er. So kam er auch zu Aston Martin. Bill Ford gab ihm eine Stunde Zeit, sein ein halbes Jahr lang ausgefeiltes Konzept zu präsentieren. Er bekam den Job. Hinzu kommt sein Auge für Details. Ob er eine Spezialuhr von Jaeger-LeCoultre für Aston Martin anfertigen läßt oder eine fehlende Abdeckung an einem Lichtschalter in der Produktionshalle und die sich dadurch an der Wand häufenden Fingerspuren bemängelt, Bez paßt auf. "Ich strebe nach Perfektion, bin mir aber bewußt, daß Perfektion der Tod der Innovation ist. Prozesse und Regeln garantieren nicht, daß alles richtig läuft. Man muß Grenzen testen, im organisierten Chaos arbeiten."

"Mach irgendwas für 10 Millionen"

Geschenkt, das hat er gelernt, bekommt man nichts, nicht mal, wenn man von Porsche kommt. "Als ich von Porsche zu BMW ging, dachte ich, ich bin dort der große Macher." Aber eigentlich habe das dort niemanden interessiert. Nur der Doktortitel habe was gezählt. Ansonsten habe er sich bei den Bayern alles neu erarbeiten müssen. Dann kam allerdings der spannende Auftrag: Geh raus aus der Entwicklung, mach eine Free Spinning Entity. Das Budget beträgt 10 Millionen DM. Nimm dir ein paar Mitarbeiter und mach irgendwas, irgendwo, lautete die Aufgabe. zwölf Stunden Bedenkzeit gab ihm der Vorstand um Eberhard von Kuenheim, von dem Bez bis heute in höchsten Tönen schwärmt. Der Hintergedanke war, Verkrustungen in der Entwicklung aufzubrechen. Bez und seine Truppe probierten neue Arbeitszeitmodelle, waren Sonntag im Werk und Montag auf der Skipiste, wenn es paßte. Schon damals entdeckte er seine Vorliebe für kleine, schlagkräftige Systeme. "Kein Mensch hat gedacht, wir machen ein Auto." Entstanden ist daraus der legendäre BMW Z1 Roadster.

Zurück zu Porsche, schaffte er es bis in den Vorstand. Den Posten mußte er aber schon nach drei Jahren wieder verlassen. Die Umstände sind bis heute nicht ganz erhellt. Für den Motorsport war er zuständig, da lief es nicht besonders gut. Womöglich lag es auch daran, daß er einen viertürigen Sportwagen auf die Räder stellen wollte, der die Pläne des auch bei Porsche mächtigen damaligen Audi-Chefs Ferdinand Piëch zum Bau des großen Audi A8 beeinträchtigt hätte. Bez war eineinhalb Jahre arbeitslos, erledigte ein paar Beraterjobs, bis ihn der Vorsitzende von Daewoo zum Gespräch einlud. "Der hat dann in drei Minuten entschieden, ich bin sein Mann."

Er zog nach Südkorea, wo damals der betagte Opel Kadett in Lizenz gebaut wurde. Bez stellte den Daewoo Matiz auf die Räder, "eines der erfolgreichsten Kleinwagenkonzepte der vergangenen Jahre", wie er meint. Spannend war die Zeit, aber anstrengend. "In den fünf Jahren in Südkorea war ich 360 Tage im Flugzeug." Manchmal ging es für einen Tag nach Europa. 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche habe er gearbeitet. "Wenn wir fair waren, haben wir uns sonntags erst um 10 Uhr getroffen", sagt er. Und mit diesem Pensum sei er nicht mal morgens der erste oder abends der letzte im Büro gewesen. "Die Ingenieure und das Management waren einfach immer da", erinnert er sich. Auch die Mitarbeiter in der Produktion hauen rein. 2200 Stunden im Jahr, verglichen mit 1600 in Europa. Nach fünf Jahren sei er "ausgebrannt" gewesen, und es habe eine Entscheidung angestanden. Entweder für immer in Südkorea bleiben oder noch mal Neues anfangen. "Ich wollte meinen Lebensabend nicht in Südkorea beschließen", sagt Bez und machte sich auf den Weg zurück nach Europa.

Dort ist er nun abermals an einer beruflichen Weggabelung angekommen. Wie lange wird er noch bei Aston Martin bleiben? "Ich habe nach dem eher emotionslosen Korea bei Aston Martin eine ideale Kombination aus Ratio, Kreativität und Leidenschaft gefunden. Das Feuer wurde neu entfacht", sagt er. Auch die Mitarbeiter stehen hinter ihm. Wenn Bez an Bord bleibe, sei ihnen um die Zukunft des Unternehmens nicht bange, sagen sie. Die Entscheidung aber liegt nicht in ihrer Hand.

Quelle: F.A.Z., 28.10.2006, Nr. 251 / Seite C3
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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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