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Torsten Albig Bankenretter fürs Kieler Rathaus

30.03.2009 ·  Unter der Woche hat er mit dem Finanzminister die Krise bekämpft, am Wochenende Wahlkampf geführt. Mit Erfolg. Im Juni wird Torsten Albig Oberbürgermeister von Kiel.

Von Manfred Schäfers
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Wenn jemand in St. Petersburg anfängt, über Kiel zu schwärmen, dann stimmt etwas nicht. Torsten Albig lobt das reiche Kulturleben in der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins, rühmt Oper und Schauspiel, verteidigt die im Krieg mächtig zerstörte Stadt. Es ist die Zeit der weißen Nächte im „Venedig des Nordens“, als der Sprecher des Bundesfinanzministers, der Peer Steinbrück zum Gipfeltreffen mit dessen Kollegen begleitet, in Russland zu erkennen gibt, wohin es ihn später einmal ziehen könnte, wenn es die Umstände denn erlauben. Doch das erschließt sich dem Beobachter erst im Nachhinein.

In Kiel hatte der gebürtige Bremer als Kämmerer gewirkt, bis ihn Steinbrück nach der Bundestagswahl als seinen Sprecher nach Berlin holte. In seinem letzten Interview, das er in Kiel gibt, wirft er seinen Hut in den Ring. Damals, es muss Anfang 2006 gewesen sein, verspricht er: Für einen Job käme er von überall in der Welt wieder nach Kiel. Ohne dass er es aussprechen muss, war klar, es konnte ihm nur um das Amt des Oberbürgermeisters gehen. Dass es so kommen sollte, war alles andere als selbstverständlich. Wie er selbst sagt, macht man sich als Kämmerer nicht nur Freunde, da man viele Wünsche ablehnen muss, weil das Geld fehlt. Doch allzu groß konnten die Verletzungen dann doch nicht gewesen sein, oder die Zeit hat die Wunden schnell geheilt. So fragen ihn die Spitzen der Kieler Sozialdemokraten Weihnachten 2007, ob er sich vorstellen könne anzutreten. Nach kurzer Bedenkzeit greift Albig zu. Doch muss er sich dem Votum der Mitglieder stellen, das er jedoch deutlich gewinnt.

Der Wochenendwahlkämpfer siegt überraschend

Der anschließende Wahlkampf ist hart. Unter der Woche muss er mit dem Minister Banken retten, die Konjunktur stützen und aufpassen, dass der Haushalt nicht dauerhaft aus dem Ruder läuft. Nur wenige Wochen macht er nichts anderes, als potentielle Wähler zu umwerben. Dafür opfert er seinen Jahresurlaub. Völlig überraschend gewinnt er Mitte März dann schon im ersten Wahlgang gegen die populäre Amtsinhaberin. Viele konservative Wähler sind offenbar zu Hause geblieben, selbst bürgerliche Viertel gewinnt der SPD-Kandidat: Im ersten Anlauf kommt er auf 52 Prozent. „Kiel ist rot, und die Schwarzen waren sich zu sicher“, sagt er. Er habe mit einem Erfolg im zweiten Wahlgang gerechnet.

Nun kehrt er dorthin zurück, wo die Familie ohnehin wohnt, das Ehepaar hat eine elf Jahre alte Tochter und einen sechzehn Jahre alten Sohn. Seit Anfang 2006 pendelt Albig an nahezu jedem Wochenende. Damit wird spätestens Mitte Juni Schluss sein. Dann tritt der Sozialdemokrat seine neue Aufgabe an. Dann ist Kieler Woche, das Hoch im Norden kann sich nicht schöner zeigen. Doch vorher will er möglichst lange im Bundesfinanzministerium seinen Aufgaben nachkommen. „Wie jeder andere Mensch brauche ich mein Gehalt, um die Miete bezahlen zu können“, berichtet er in seiner typischen schnörkellosen Art, die gut zu seiner neuen Wirkungsstätte passt. Wie er selbst sagt, hat Kiel einen spröden Charme.

Der Alltag im Finanzamt - kein Modell für die Ewigkeit

Albig ist ein sachlicher Typ, häufig genug kurz angebunden, zugleich ehrgeizig, zielstrebig, entschieden im Auftritt. Sein Weg ist gleichwohl nicht gerade, vielmehr ist der Wechsel bei ihm die Konstante. Immer wieder profitiert er von früheren Erfahrungen. Er beginnt als Trainee bei der Commerzbank, dann tritt er in den höheren Dienst der Steuerverwaltung des Landes Schleswig-Holstein ein. In den ersten eineinhalb Jahren durchläuft er alle Stationen, das heißt also: Finanzamt, Finanzdirektion, Landesfinanzministerium. Davon profitiert er noch heute, wenn es um Details im Steuerrecht geht. Ein Aha-Erlebnis hat er am ersten Tag, als er im Finanzamt anfängt. Um 5 Uhr steht er auf, ist nach längerer Anfahrt um 7 Uhr im Büro – als Letzter. „O je, o je, das jetzt dein Leben lang“, denkt er. Dann bekommt er als Erstes ein Schreiben, wann er sein 25. und sein 40. Dienstjubiläum feiern werde. Er ist skeptisch: „Das ist aber schon sehr vorgeplant, ob das klappen wird?“

Dass Albig selber unsicher sein kann, will man ihm nicht glauben. Doch auch er durchläuft solche Phasen. „Weil kein anderer es machen wollte“, wird er stellvertretender Leiter der Landesfinanzschule. „Jeden Morgen musste ich mich vor die Klasse stellen. Und jeden Abend hatte ich Angst, dass die mich etwas fragen, was ich nicht weiß. Was mach’ ich denn dann?“ Er habe Blut und Wasser geschwitzt. „Das war eine Höllenarbeit, aber es trainiert sehr.“ Letztlich merkt man ihm diese Schule noch heute an, wenn er auf dem Podium der Bundespressekonferenz sitzt. Dort ist er einer der Souveränsten. Doch auch da habe er anfangs seine Schwierigkeiten gehabt. Das habe sich erst geändert, als er diesen Auftritt als eine Art Spiel mit den Journalisten angesehen habe. Als er vergangenes Jahr die SPD-interne Kandidatenkür bestehen musste, half es ihm, dass er gewohnt ist, frei zu reden. Gleichwohl, als es ernst wurde und er sich vor der entscheidenden Abstimmung noch einmal präsentieren musste, war er wieder aufgeregt. Er musste da durch, und es klappte viel besser als gedacht.

Streit mit dem Minister macht ihm Spaß

Steinbrück wird ihn nur ungern ziehen lassen. Albig ist mehr als ein Sprecher, er ist ein enger Berater des Spitzenpolitikers. „Es macht richtig Spaß, mit ihm zu streiten, weil er das kann und weil er das will“, sagte Albig über ihn. Dass er unter dessen Vorgängern Hans Eichel und Oskar Lafontaine (beide SPD) schon einmal im Bundesfinanzministerium war, gibt ihm eine Perspektive, die andere Sprecher nicht haben.

Doch zurück zu den Anfängen: 1994 wechselt Albig als Finanzreferent zur schleswig-holsteinischen Landesvertretung nach Bonn. 1996 holt ihn der damalige SPD-Vorsitzende Lafontaine in seinen Planungsstab in die Parteizentrale. „Ohne ihn hätte die SPD die Wahl 1998 nie gewonnen, er hat sie regierungsfähig gemacht.“ So redet er heute noch positiv über seinen damaligen Chef, der heute in der SPD nicht mehr viele Fürsprecher hat. Nach dem Regierungswechsel folgt er Lafontaine ins Finanzministerium. Mit ihm kommt es zu dem denkwürdigen Auftritt, als der Saarländer den Haushalt für das Jahr 1999 der Öffentlichkeit vorstellt, aber bei nahezu jeder Nachfrage passen muss, so dass Albig aus dem Hintergrund souffliert. Kurz darauf schmeißt Lafontaine hin, ziemlich genau vor zehn Jahren. Eichel kommt, der Sprecher bleibt. Eine schöne Zeit für beide beginnt: Die Steuern werden gesenkt, die Defizite schrumpfen. „Die Probleme begannen, als ich ging“, sagt Albig mit einem Augenzwinkern. Im Jahr 2001 geht der Jurist als Sprecher zur Dresdner Bank, damals immerhin die Nummer zwei unter den großen deutschen Privatbanken. „Die Arbeit im Ministerium begann zur Routine zu werden, ich konnte mich nicht mein Leben lang zwischen denselben Leitplanken bewegen“, begründet er seinen damaligen Wechsel. Doch auch der finanzielle Aspekt war dem nicht abträglich. „Ich habe im zweiten Halbjahr mehr Steuern gezahlt, als ich im ersten verdient habe.“ Doch es kommt anders als gedacht. Die Bank mit dem grünen Werbeband wird von der Allianz geschluckt. Seine erste Pressekonferenz hat dies zum Thema. Für einen Sprecher, der eigenverantwortlich arbeiten und politische Kommunikation machen will, ist kein Platz mehr.

„Ständig etwas gefunden, was in dem Moment passte“

Zum ersten Mal sucht Albig daraufhin aktiv eine andere Stelle. Er stößt auf die Ausschreibung, in der ein Kämmerer in Kiel gesucht wird. „Es war nicht einfach, sich in der SPD-Fraktion durchzusetzen, die Mehrheit wollte eine Frau – und das bin ich nun ganz eindeutig nicht.“ Gleichwohl klappt es. Der Vertrag läuft bis 2008, doch in der traditionellen Hochburg der Sozialdemokraten kommt es zum Machtwechsel. „Die Gefahr war, dass ich am Ende von Schwarz-Grün mit Pauken und Trompeten abgewählt worden wäre.“ Da erscheint eine Rückkehr ins Finanzministerium reizvoll. Steinbrück sucht einen Sprecher. Albig treibt den Preis hoch. Die meisten Sprecher sind Referatsleiter, er wird Unterabteilungsleiter, später sogar Abteilungsleiter, erreicht also die Ebene direkt unter dem Staatssekretär.

„Ich bin nie morgens aufgestanden und habe überlegt, wo will ich abends sein“, betont er. „Geplant war nichts. Ich habe ständig etwas gefunden, was in dem Moment passte. Ob das jetzt der letzte Punkt im Leben ist, muss man sehen.“

Zur Person:

- Torsten Albig wird am 25. Mai 1963 in Bremen geboren. Nach der Schulausbildung studiert er in Bielefeld Rechtswissenschaft. Zwischen 1992 und 1996 ist er nach einem Trainee bei der Commerzbank als Steuerjurist in Kiel und Bonn tätig.

- 1996 wechselt er zum Parteivorstand der SPD und koordiniert als Referent im Planungsstab des Parteivorsitzenden die Finanzpolitik der SPD. Nach dem Wahlsieg 1998 wird er Sprecher von Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine und später von Hans Eichel. 2001 wird er Konzernsprecher der Dresdner Bank AG in Frankfurt.

- 2002 wechselt Albig als Stadtrat nach Kiel. Vier Jahre geht er erneut ins Bundesfinanzministerium. Am 15. März 2009 wird er mit 52,1 Prozent im ersten Wahlgang zum Kieler Oberbürgermeister gewählt

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Jahrgang 1961, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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