30.01.2012 · Wie fühlt es sich an, in der dritten Liga Fußball zu spielen, wenn der große Bruder beim FC Bayern ist? Ganz normal, sagt Tobias Schweinsteiger.
Von Elisabeth SchlammerlDas Ambiente ist eines Schweinsteigers nicht würdig. Das Stadion ist alt, sehr alt. Neu sind nur die Schalensitze, die Vortribüne und die Loungemöbel in einem der Räume der Geschäftsstelle. Reservierte Parkplätze gibt es nicht, die Spieler müssen in dem Wohngebiet des Regensburger Stadtteils Prüfening eine Lücke für ihre Autos suchen. Deshalb bilden sie Fahrgemeinschaften oder kommen mit dem Motorroller. Wenn das neue Stadion steht, wird alles schöner, komfortabler. Dann gibt es auch Parkplätze für die Mannschaft und moderne Umkleidekabinen. Aber das dauert noch ein paar Jahre. Ob Schweinsteiger dann noch Fußball spielt, ist fraglich.
Der eine Schweinsteiger jedenfalls - der ältere und weniger berühmte. Tobias Schweinsteiger ist Kapitän von Jahn Regensburg. Seine Mannschaft reist meist mit dem Bus oder Zug zu den Auswärtsspielen nach Sandhausen und Babelsberg, wo die Stadien wie bessere Schulsportanlagen aussehen. Schweinsteigers Marktwert wird derzeit auf 600.000 Euro geschätzt.
Über einen guten Drittligaspieler wird nur geredet, wenn er jung, überaus talentiert und deshalb von den großen Klubs gejagt wird. Tobias Schweinsteiger ist 29 Jahre alt und höchstens noch für einen mittelmäßigen Zweitligaverein interessant. Trotzdem ist er weithin bekannt. Das liegt an dem anderen Schweinsteiger, dem jüngeren und berühmten vom FC Bayern München. Bastian Schweinsteiger ist Nationalspieler und zweiter Kapitän beim besten deutschen Fußballklub, er stand im Finale der Europameisterschaft 2008 sowie im Halbfinale der Weltmeisterschaften 2006 und 2010. Der FC Bayern hat ein modernes Trainingszentrum und eine neue Arena. Zu den Auswärtsspielen fliegt die Mannschaft mit einer Chartermaschine. Bastian Schweinsteiger ist rund 35 Millionen Euro wert.
Da könnte man glatt neidisch werden. Die Frage, wie es ist, im Schatten des jüngeren, berühmteren Bruders zu stehen, hört er oft. „Es ist für viele Leute unverständlich, dass für mich die Situation ganz normal ist. Ich bin zufrieden mit dem, was ich jetzt bin, was ich erreicht habe„, sagt Tobias Schweinsteiger. Er hat viel erreicht, für seine Verhältnisse. „Ich habe ja erst mit 22 angefangen, richtig Fußball zu spielen. Da war Basti schon Nationalspieler.“ Er weiß aber, dass es wahrscheinlich nicht viel anders gelaufen wäre, hätte er einst die gleiche Entscheidung getroffen wie sein Bruder.
Die Wege der beiden verliefen daheim in Oberaudorf, einer Gemeinde mit rund 5000 Einwohnern an der Grenze zu Österreich, lange parallel, wie es für Brüder, die nur gut zwei Jahre trennen, üblich ist. "Der Basti hat eigentlich immer das gemacht, was ich gemacht habe." Zuerst Fußball, dann Skifahren, oder vielleicht war es auch umgekehrt. Tobias weiß das nicht mehr so genau. Er weiß aber noch, dass der kleine Bruder schnell alles so gut konnte wie er und irgendwann sogar besser. Zumindest Fußballspielen. Bastian spielte immer bei den Älteren mit. Davon, sagt Tobias, habe der kleine Bruder lange gezehrt. „Man muss sich mehr anstrengen, wenn man immer der Jüngste ist und mithalten will.“
Das sportliche Talent liegt in der Familie. Vater Alfred betrieb einst auch beide Sportarten mit großem Engagement, fuhr als Erwachsener noch Skirennen und spielte gleichzeitig Fußball in der Bayernliga. Bei seinen Söhnen klappte das nicht mehr, sie mussten sich entscheiden. Bastian wählte früh den Fußball, in seinem letzten Skirennen lieferte er aber noch einen Beweis seines Könnens ab, als er einen gewissen Felix Neureuther, heute einer der besten Skirennläufer, besiegte.
Tobias blieb beim Skifahren. Nach der mittleren Reife begann er wie viele Spitzenathleten aus dem Wintersport bei der Bundespolizeischule in Bad Endorf eine Ausbildung. Er war auf der Piste vielseitig begabt. Gut in der Abfahrt, gut im Riesenslalom, gut im Slalom. Aber vielleicht nicht gut genug, um ganz nach oben zu kommen, um es im Weltcup auf das Siegerpodest zu schaffen. Damals dachte er: „Ich kann zwar einigermaßen davon leben, aber was ist in vier, fünf Jahren?“ Er wollte nicht mit Mitte 20 wieder neu anfangen, deshalb beendete auch er seine Skikarriere und plante, das Abitur nachzuholen. Zuerst aber schloss er die Ausbildung in Bad Endorf ab. Nebenbei kickte er bei Falke Markt Schwaben in der Bayernliga. Es klappte auf Anhieb gut, trotz der längeren Pause. Tobias Schweinsteiger sagt, dass ihm das vielseitige Skitraining bei seiner neuen Karriere geholfen habe. „Früher war ich einer der Langsameren. Jetzt bin ich bei den Schnellsten dabei und springe auch höher als die meisten anderen.“
Er bekam ein Angebot von Jahn Regensburg. Tobias Schweinsteiger verwarf die Idee mit dem Abitur, begann dafür ein Fernstudium, Sportmanagement in Düsseldorf. Aufgrund seiner abgeschlossenen Berufsausbildung reichte dafür die mittlere Reife. „Ich dachte, ich muss was für den Kopf machen.“ Regensburg spielte damals in der zweiten Bundesliga. Doch Schweinsteiger war noch nicht gut genug für diese Spielklasse. Erst ging es wieder zurück in die Bayernliga zum FC Ismaning, ehe er eine zweite Chance beim VfB Lübeck in der Regionalliga bekam. Er erzielte in seinem ersten Jahr elf Tore und wurde zum ersten Mal öffentlich wahrgenommen - als Bruder von Schweinsteiger. Die Kollegen nannten ihn „Schweini 2“. Sein Vater hatte damals die Idee, das zu vermarkten. Neben der „Schweini“-Kollektion des jüngeren Bruders konnte man nun auch Fanartikel mit dem Schriftzug „Schweini 2“ im Internet bestellen. Zwei Jahre später spielte Tobias Schweinsteiger in der zweiten Liga, bei Eintracht Braunschweig. Er kam Bastian ein bisschen näher, aber er blieb auch bei den Niedersachsen stets der Bruder des Bayern-Profis.
Sportlich hatte er es für einen Quereinsteiger doch noch weit gebracht. Aber es gab einen Moment, da war das nicht mehr wichtig. „Ich weiß jetzt, dass es schlimmere Sachen gibt als eine falsche Schiedsrichterentscheidung.“ Auf dem Weg zum Training lief plötzlich an einer Ampel ein Kind bei Rot hinter einem Transporter auf die Straße direkt vor sein Auto. Tobias Schweinsteiger konnte nicht mehr ausweichen, das Mädchen starb einen Tag später im Krankenhaus. Eine große Boulevardzeitung schrieb: „Schweinis Bruder fuhr Kind (13) tot.“
Juristisch traf ihn keine Schuld, aber das nützte erst einmal nichts. Er rief seine Mutter daheim in Oberaudorf an, die setzte sich noch am gleichen Tag ins Flugzeug. Am Abend klingelte es, und ein Notfallseelsorger stand vor der Tür. Der betreute Tobias Schweinsteiger viele Wochen. Der damals Vierundzwanzigjährige konnte den schrecklichen Unfall zwar nicht vergessen, aber er lernte, damit umzugehen. Fußballspielen half ihm dabei. Nach ein paar Tagen stieg er wieder ins Auto, nahm zum Training aber einen anderen Weg. Heute, sagt er, denke er nur noch selten an diesen Tag im September 2006. Aber er fährt mittags, wenn er Schulkinder am Straßenrand stehen sieht, seitdem besonders langsam, besonders vorsichtig.
Am Tag der Beerdigung wurde er im Spiel gegen Karlsruhe eingewechselt, eine Woche später schoss er gegen den TSV 1860 München zwei Tore, das war sein bestes Zweitligaspiel. Am Ende der Saison stieg Braunschweig ab - und Schweinsteiger kehrte noch einmal nach Lübeck zurück. Doch der Verein musste Insolvenz anmelden. Danach führte ihn sein Weg nach Süden, zur Spielvereinigung Unterhaching. Er war froh, wieder in der Heimat zu sein, oder fast in der Heimat. Wegen Differenzen mit dem damaligen Trainer Klaus Augenthaler musste er sich aber bald wieder einen neuen Verein suchen. Angebote gab es ein paar, auch ganz lukrative. Aber Schweinsteiger geht es nicht in erster Linie ums Geld. Höchstens zwei Stunden, so die Vorgabe für seinen Manager Robert Schneider, dürfe der neue Klub von Rosenheim, wo er sich mittlerweile zu Hause fühlt, entfernt sein. Regensburg passte in dieses Anforderungsprofil.
Das Verhältnis der Brüder hat sich in all den Jahren kaum verändert. Sie telefonieren regelmäßig. Und wenn Tobias Zeit hat, nicht gerade selbst spielt, sitzt er gerne beim FC Bayern im Stadion. Früher, als er noch für Unterhaching stürmte, saß öfters mal Bastian auf der Tribüne des Sportparks. Er musste dann Autogramme geben und für Fotos posieren. Was Tobias auf dem Platz machte, war plötzlich nicht mehr so interessant.
Gestört habe ihn das nie, sagt Tobias Schweinsteiger. Er kommt gar nicht auf die Idee, sich mit Bastian zu vergleichen. „Ich habe mein eigenes Leben“, sagt er. Ein anderes, ruhigeres und manchmal angenehmeres. In der Öffentlichkeit interessiert sich niemand für seine Frisur, für seine Klamotten, für seine Freundin. Aber fast alle für seinen Bruder.
Tobias Schweinsteiger kommt 1982 in Rosenheim zur Welt. Als Kind spielt er Fußball bei seinem Heimatklub Oberaudorf und fährt Skirennen. Später schafft er den Sprung in den Nachwuchskader des Deutschen Skiverbands. Mit 20 Jahren beendet er seine Skikarriere und schließt seine Ausbildung zum Polizeimeister ab.
2004 unterschreibt er einen Vertrag beim VfB Lübeck in der Regionalliga und ist damit im bezahlten Fußball angekommen. Nach verschiedenen weiteren Stationen spielt er heute in Regensburg.
Ich über mich
Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...
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Mit 18 Jahren wollte ich ...
... im Ski-Weltcup starten.
Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...
... so oft wegen Kleinigkeiten sauer sein.
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... unabhängiger, aber nicht besser.
Rat suche ich ...
... bei meiner Familie und Freunden.
Familie und Beruf sind ...
... zwei Dinge, die aber bei mir zusammengehören.
Den Kindern rate ich ...
... zusammenzuhalten.
Mein Weg führt mich ...
... immer wieder nach Hause.
Meine Hochachtung vor Herrn Tobias Schweinsteiger
Eckart Härter (Leser3000)
- 31.01.2012, 17:49 Uhr