19.07.2010 · Brotlose Kunst ist sein Ding nicht. Thomas Schmidt-Ott hat Musik und Marketing zusammengeführt und verantwortet heute das gehobene Kulturprogramm auf Kreuzfahrten.
Von Katja GelinskySchon als Student unternahm er Kreuzfahrten. Den Amazonas hinauf, rund um die Arabische Halbinsel, Australien und Hawaii. „Ich habe vermutlich mehr Zeit auf Kreuzfahrtschiffen verbracht als an der Uni.“ Thomas Schmidt-Ott grinst. Damals waren die Schiffe noch schwimmende Altenheime: „Mumienschlepper“ hieß das in der Branche. Zur Zerstreuung des betagten Publikums gab Schmidt-Ott gemeinsam mit drei Kumpeln von der Universität klassische Konzerte auf hoher See. Ein kurioses Hobby in exotischer Umgebung, das sich als außerordentlich inspirierend erweisen sollte, selbst in wissenschaftlicher Hinsicht. „Achtzig Prozent meiner Doktorarbeit sind an Bord von Kreuzfahrtschiffen entstanden.“ Wieder ging es um Musik und Wirtschaft. Schmidt-Ott promovierte über amerikanisches und deutsches Orchestermarketing.
Konzertiert er heutzutage mit seiner Band „Yellow Cello“ auf hoher See, erlebt das Publikum einen Musiker, Wissenschaftler, Unternehmer und Produzenten, der Kunst, Unterhaltung, Forschung und Finanzen verschmilzt – und zwar äußerst erfolgreich. Beim Kreuzfahrtanbieter TUI Cruises verantwortet Schmidt-Ott das Unterhaltungsprogramm. Das ist derzeit sein Hauptprojekt, gewachsen auf dem Nährboden etlicher ungewöhnlicher Shows, Konzerte, Aufführungen und Vorstellungen, die Schmidt-Ott jahrelang mit seinem Partner, dem Konzertmeister, Regisseur und Dramaturgen Wolfram Korr konzipiert und organisiert hat. Bei einigen seiner außergewöhnlichsten Events gehörte Schmidt-Ott selbst mit zu den Akteuren. Für einen Musikfilm sprang er mit dem Cello vor dem Bauch gemeinsam mit einem Streichquartett aus 6000 Meter Höhe, um auf der Hawaii-Insel Maui Konzerte zu geben. „Culturtainment“ nennt Schmidt-Ott diese Mischung aus Kultur und Unterhaltung. Vor rund zehn Jahren gründete er zusammen mit Korr „Soko Arts, Events & Entertainment“. Die geschäftstüchtigen Musiker planten Kulturprogramme für die Politik, organisierten Kunden- und Sponsoringevents für Unternehmen und konzipierten Projekte mit Theatern. Mittlerweile gehört „Soko“ als Abteilung Entertainment & Stage Productions zum TUI-Konzern.
Die Doktorarbeit an Bord geschrieben
Bis zum nächsten Frühjahr muss das Unterhaltungsprogramm für ein neues Kreuzfahrtschiff stehen. „Für andere Projekte bleibt da nicht mehr viel Zeit“, bedauert Schmidt-Ott. So musste er auch seine Habilitationsschrift auf Seite 350 unterbrechen. „Es kamen gleich drei Kreuzfahrten dazwischen.“ Die Arbeit soll wissenschaftlich unterfüttern, was er täglich praktiziert: „Audience Development“, eine Kombination von Kunden-Management mit Kulturpädagogik und Kommunikation. Schmidt-Ott gehört zu den deutschen Pionieren des in den Vereinigten Staaten entwickelten Forschungszweigs. Gemeinsam mit Klaus Siebhaar, Professor für Kultur- und Medienmanagement, gründete er 2005 das Zentrum für Audience Development an der Freien Universität Berlin. In Blockseminaren vermittelt Schmidt-Ott Studenten die Kunst, das Publikum für Kultur zu gewinnen.
Wie das selbst in strukturschwachen Regionen gelingen kann, demonstriert der Kulturmanager mit den Brandenburgischen Sommerkonzerten. Als Vorsitzender des gleichnamigen Vereins kümmert Schmidt-Ott sich um die Finanzierung des Musikfestivals, also vor allem um Sponsoren. Denn die Ausgaben in Höhe von 600.000 Euro werden komplett privat finanziert.
Kultur ohne Publikum ist Hobby
Als Schüler wollte Schmidt-Ott Zirkusdirektor, Kapitän oder Intendant werden. Nun, mit fast 45 Jahren, ist er alles zusammen. Für die Kreuzfahrten konzipiert Schmidt-Ott Zirkus- und Varieténummern, Konzerte, Kabarett und Comedy, Theater und Tanz. Der Produzent schwärmt von einem ungarischen Sandmaler und einer Tuchartistin. So opulent wie sein Programm ist zuweilen auch sein Vokabular. „Unvorstellbar schön“ sei die Nummer der Tuchakrobatin; „wie eine Engelserscheinung“. Aber dann ist auch wieder von „Wertschöpfungskette“ und „Erfolgsparametern“ die Rede. Für Schmidt-Ott gehören künstlerisches und wirtschaftliches Denken zusammen. „Kultur muss ihr Publikum erreichen, sonst ist es Hobby.“ Genüsslich plaziert er noch eine Spitze gegen jene, für die marktwirtschaftliches Denken und die Öffnung von Hochkultur für neue Publikumsschichten Verrat an der Kunst gleichkommt. Es sei endlich an der Zeit, „über amerikanische Verhältnisse“ nachzudenken.
Wie Musik und Marketing erfolgreich miteinander verzahnt werden können, erlebte der Entertainmentmanager in den neunziger Jahren an einer der ersten Adressen in den Vereinigten Staaten: Bei Ernest Fleischmann, dem kürzlich verstorbenen Manager des Los Angeles Philharmonic Orchestra. Den prägendsten Einfluss auf Schmidt-Ott sollte jedoch Kent Nagano haben. Als der amerikanische Dirigent 2000 die künstlerische Leitung des Deutschen Symphonieorchesters in Berlin übernahm, war Schmidt-Ott sein Orchesterdirektor. Vier Jahre arbeitete er mit dem Stardirigenten zusammen, bis Schmidt-Ott Chefmanager von Orchester und Chor des Bayerischen Rundfunks wurde. Begeistert berichtet er, wie Nagano „dramaturgische Kompromisslosigkeit“ mit dem Ziel verbindet, neues Publikum für seine Konzerte zu gewinnen. „Er betreibt beides mit einer solchen Intensität und Disziplin, das ist einmalig.“ Schmidt-Ott liefert damit zugleich Stichworte, die sein eigenes Schaffen charakterisieren. Der Kunst der Kulturvermittlung und -gestaltung widmet er sich mit Leidenschaft, aber ohne Verbissenheit. Sein Erfolg ist auch Reflex eigener Begeisterungsfähigkeit. Wegen seines enthusiastischen Tatendrangs wirkt Schmidt-Ott fast jungenhaft – trotz grauer Haare. „Ich bin total glücklich über diese tolle Phase meines Lebens“, sagt er überschwänglich und strahlt über das ganze Gesicht.
Musikbotschafter des Bundespräsidenten
Musik spielte schon in Schmidt-Otts Elternhaus in Trier eine wichtige Rolle. Aber schon dort galt, dass ein Künstler sich ernähren können müsse. Mit sechs Jahren begann Schmidt-Ott Cello zu spielen. Die Mutter, eine Textildesignerin, legte Wert darauf, dass der Sohn weiter Unterricht nahm, als er lieber auf den Fußballplatz wollte. Schmidt-Ott studierte dann sogar – aus freien Stücken – Cello, noch während er zur Schule ging. Am liebsten wäre er damals Orchestermusiker geworden. Aber der Vater, ein Fußbodenfabrikant, widersprach. „Ich habe sehr liebevolle, aber auch sehr durchsetzungsfähige Eltern“, sagt Schmidt-Ott. Also absolvierte er zunächst eine Banklehre. Spaß machte ihm vor allem das Wertpapiergeschäft. „Die Börse ist heute noch mein Hobby.“ Überhaupt interessierten ihn bald vor allem die wirtschaftlichen Aspekte des Kulturbetriebes. Also studierte er in Berlin neben Musik- und Theater- auch Wirtschaftswissenschaften. Schon sein erstes größeres Gründungsprojekt bot die charakteristische Mischung aus idealistischem Pioniergeist, musikalischem Können und Gespür für das, was ankommt. In der Nacht des Mauerfalls beschlossen Schmidt-Ott und ein Cellist von „drüben“, das erste gesamtdeutsche Orchester – die Kammerphilharmonie Berlin – zu gründen. Schnell wurde auch die Politik auf das Ost-West-Ensemble aufmerksam. Als Musikbotschafter reisten Schmidt-Ott und die Kammerphilharmonie mit dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und dessen Amtsnachfolger Roman Herzog durch die Lande.
„Irgendwann komplett an Bord“
Einziger Wermutstropfen: Es bleibt wenig Zeit für die Familie. Seine Frau Petra, die er als „phantastische Familienmanagerin“ preist, sieht er wochentags meist erst nach 22 Uhr. Die vier Kinder im Alter von ein bis zehn Jahren liegen dann natürlich schon im Bett. Auch in den Sommerferien sehen sie ihren Vater nicht oft. Schmidt-Ott ist mit seinem Cello-Quartett unterwegs – in den Gewässern Alaskas und in der kanadischen Arktis. Danach will er den Nordpol musikalisch erobern. Im Thermofrack bei minus 30 Grad wollen der Entertainmentmanager, ein Professor für innere Medizin und Mitglieder der Münchner Philharmoniker in Schnee und Eis konzertieren. Eine Fortsetzung des Projekts „Cello on Ice“. Umgeben von Pinguinen, Robben und Seeelefanten, gab das Quartett bereits ein Konzert in der Antarktis.
Reisemüde ist der Musiker und Manager trotz seiner zahlreichen Touren nicht. Im Gegenteil: „Der Tag wird kommen, da werde ich die Entscheidung treffen, für den Rest meines Lebens an Bord zu gehen.“ Zunächst soll es aber nur eine Kreuzfahrt mit der Familie sein. Urlaub auf dem Schiff hat der Kreuzfahrtprofi nämlich noch nie gemacht.
Zur Person:
- Thomas Schmidt-Ott wird am 28. Juli 1965 geboren. 1989 gründet er die Kammerphilharmonie Berlin und die Classical Cruises Entertainment Berlin GbR.
- Später arbeitet er als Kulturreferent des Berliner Senats, Orchesterdirektor des Deutschen Symphonieorchesters Berlin und Chefmanager der Klangkörper des Bayerischen Rundfunks.
- 2008 gründet er die Soko Arts, Events & Entertainment GmbH und produziert seit 2009 für TUI Cruises das Programm „Mein Schiff“.
- Thomas Schmidt-Ott lebt mit seiner Familie in Berlin.