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Thomas Reiter In Armstrongs Fußstapfen

30.07.2007 ·  Er sah als Junge die erste Mondlandung im Fernsehen und wollte Astronaut werden. Ein Vierteljahrhundert und unzählige Tests später flog Thomas Reiter tatsächlich zum ersten Mal ins All. Sein Traum: ein Fuß auf dem Mars.

Von Holger Appel
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Als Neil Armstrong im Juli 1969 den ersten Fuß auf den Mond setzt, beschließt der kleine Thomas, Astronaut zu werden. So weit, so gewöhnlich. Schließlich will fast jeder elfjährige Junge Lokomotivführer, Feuerwehrmann, Pilot oder Astronaut werden. Nur: Thomas Reiter hat es geschafft. Er ist heute neben Ulf Merbold der bekannteste deutsche Astronaut. Zwei Mal schon war er im Orbit, fast ein Jahr seines Lebens hat er im Weltraum verbracht. Nun sitzt er im European Astronaut Center der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, einer eher unspektakulären Gebäudeansammlung in der Nähe des Flughafens Köln/Bonn, und erzählt in seiner lockeren Art, wie man sich samt ein paar Tonnen Hochtechnologie in den Weltraum schießt.

Von großer Show, wie sie etwa die Amerikaner in ihren Space-Centern betreiben, ist hier nichts zu spüren. Dabei haben es der freundliche Mann und die nüchternen Gebäude um ihn herum in sich. Hier wird gerade die Reise des europäischen Weltraumlabors Columbus vorbereitet. „Vorsicht! Höchstgeschwindigkeit 28 000 km/h“, warnt ein Schild an dessen Tür. Im Inneren der rasenden Kapsel werden bald Reiters Kollegen in rund 400 Kilometer Höhe im 90-Minuten-Takt die Erde umkreisen und biologische, chemische, physikalische und materialwissenschaftliche Experimente durchführen. Dabei werden sie auch auf die akribische Vorarbeit und praktische Erfahrung ihres weltraumerprobten Mitstreiters zählen können. Seit seiner jüngsten Rückkehr aus dem All ist Reiter mit der Auswertung der Forschungsergebnisse und mit Vortragsreisen beschäftigt, aber eben auch mit der Vorbereitung der neuesten europäischen Mission. „Obwohl wir auf der Erde viel simulieren, ist es doch schwer, sich die Arbeit im Weltraum vorzustellen. Man hat das Gefühl, in der Schwerelosigkeit immer einen Arm und ein Bein zu wenig zu haben, weil man sich selbst und die Geräte festhalten muss, gleichzeitig aber auch noch seine Aufgaben ausführen muss“, sagt er. Am 6. Dezember 2007 soll Columbus ins All starten, an die Internationale Raumstation ISS andocken und damit einen Meilenstein in der europäischen Raumfahrt setzen.

Üben mit dem VW-Motor

„Damals durfte ich bei den Nachbarn die Mondlandung mitverfolgen. Die hatten schon einen Farbfernseher“, erinnert sich Reiter an den Sommer 1969. Wegen Armstrong durfte er bis tief in die Nacht hinein aufbleiben. „Da ist ein Kindheitstraum entstanden, den ich in der Folge auch mit Leben füllte.“ Reiter bastelte Raketen, die mal besser, mal schlechter flogen – beides sehr zum Leidwesen der Nachbarn. Später wollte er ein richtiges Flugzeug bauen, kaufte sich dazu für 100 DM einen funktionsuntüchtigen VW-Motor und zerlegte denselben. Zum Laufen hat er das Ding allerdings nicht gebracht, „zum Glück“, wie er heute meint. Seine Eltern scheinen die Aktivitäten des Juniors wenig gestört zu haben, schließlich waren sie selbst lieber in der Luft als am Boden. Die Mutter sei noch hochschwanger mit dem Segelflugzeug aufgestiegen. „Wir waren jedes Wochenende auf dem Flugplatz“, erinnert sich Reiter. Mit 14 Jahren ist er selbst ins Cockpit gestiegen und hat das Spiel mit dem Aufwind begonnen. Die ersten Gehversuche mit der Technik und die Erfahrungen in der Fliegerei bestärkten ihn in seinem Berufswunsch.

Thomas Reiter: In Armstrongs Fußstapfen

Doch der Weg war weit. „Ich wusste natürlich, dass in Europa realistischerweise kaum eine Chance bestand, Astronaut zu werden“, sagt Reiter. Russen und Amerikaner machten das Geschäft unter sich aus. Er hat also eine Karriere eingeschlagen, die nach irdischen Maßstäben alles andere als gewöhnlich ist. Reiter ging zur Luftwaffe, studierte Luft- und Raumfahrttechnik, wurde zum Kampfpiloten ausgebildet und jagte mit Tornados und Alpha-Jets durch die Lüfte. Eines Tages aber hob Ulf Merbold Richtung Weltall ab, und da dachte Reiter: „Mensch, es geht doch.“ Aber wie? Gut, wenn man einen Vorgesetzten hat, der um die Träume seines Schützlings weiß. Reiter kam von einem Flug zurück in die Staffel, da bat ihn sein Kommandeur zu sich. „Ich dachte, o je, was habe ich möglicherweise ausgefressen?“ Der Kommandeur aber sprach Worte, die Reiter die Tür zu einer neuen Welt öffnen sollten: „Es findet ein Auswahlprogramm für Astronauten statt. Haben Sie Interesse, sich zu bewerben?“

Reiter tat es, so wie ungefähr 22 000 weitere Kandidaten auch, das war 1986. Das Auswahlverfahren zog sich zunächst über ein Jahr mit der Einreichung eines Lebenslaufs, medizinischer Fragebögen und wissenschaftlicher Publikationen – „von denen ich nicht besonders viele hatte“, wie Reiter unumwunden zugibt. Doch, wie man heute weiß, war das kein Hinderungsgrund. In der zweiten Auswahlrunde schloss sich ein psychologisches Verfahren an. „Da wurden wir in Gruppen zu 20 Mann mehrere Tage durchgejagt. Ein Test nach dem anderen. Und jeden Tag wurden welche nach Hause geschickt“, sagt Reiter. Zwölf Kandidaten kamen in die Endrunde und durften sich einem Gremium aus Fachleuten vorstellen. Reiter wurde als deutscher Astronaut ausgewählt. Doch Raumfahrt zur ISS ist keine deutsche, sondern eine europäische Angelegenheit, und so durchlief er das ganze Auswahlverfahren nochmals in europäischer Konkurrenz. Aus der Endrunde mit 20 Bewerbern wurden schließlich sechs ausgewählt, einer von ihnen Thomas Reiter.

Seefahrer im Weltraum

Von da an hieß es mehr oder weniger Abschied nehmen von der Familie, ohne deren Unterstützung „ich das alles nie geschafft hätte“. Das ist in seinem Fall mehr als eine Worthülse, denn Weltraumflüge sind zeitaufwendig. Allein die Vorbereitung auf die ISS-Mission dauerte drei Jahre, in denen er vor allem zwischen Russland und den Vereinigten Staaten pendelte. An Weihnachten habe er mal ein paar Tage frei gehabt, sagt Reiter, ohne sich zu beklagen: „Der Job hat eben seine Besonderheiten.“ Man dürfe das nicht mit einer Arbeitsstelle in einem Büro vergleichen, sondern eher mit einer, in der die Abwesenheit eines Familienmitglieds eine gewisse Normalität habe: „Wir wohnen in Norddeutschland. Da gibt es viele Familien, in denen ein Mitglied in der Seeschifffahrt tätig ist.“

1994 war zunächst Merbold mit einem weiteren Raumflug dran, dann, 1995, durfte Reiter seine erste Reise ins All antreten – zur russischen Raumstation Mir. Viereinhalb Monate sollte der Aufenthalt dauern, doch wegen Versorgungsschwierigkeiten mit der russischen Trägerrakete musste der Rücktransport verschoben werden. Also blieb Reiter eineinhalb Monate länger im All, was er als recht unproblematisch darstellt. „Der russische Flugdirektor hatte uns schon vor dem Einsteigen darauf vorbereitet, dass sich der Rückflug verzögern könne. So ist das eben.“ Allerdings: Ein halbes Jahr in der engen Raumstation, „das ist, obwohl die Zeit sprichwörtlich wie im Fluge vergeht, doch ganz schön lang“, gesteht er zu. Und laut ist es in den Raumstationen, daran hat sich auch in Zeiten der moderneren und komfortableren ISS wenig geändert. Das liegt vor allem an den vielen Lüftern, die das Kohlendioxid herausfiltern und den Sauerstoff verteilen. Allein im russischen Modul an der ISS arbeiten 70 Ventilatoren. „Die verursachen 72 Dezibel, das ist etwa so viel wie lauter Straßenlärm“, beschreibt Reiter. Rund um die Uhr, versteht sich. Das Leben im All sei faszinierend, aber kein Zuckerschlecken.

Nächstes Ziel: Mond oder Mars

Wer glaubt, derart außerirdische Besonderheiten schlügen sich in ebensolcher Bezahlung nieder, irrt. Berühmt wird man in diesem Beruf, reich nicht. „Der finanzielle Aspekt darf nicht im Vordergrund stehen. Aber man verdient besser als ein Pilot der Luftwaffe. Und die Familie kann ich auch ganz gut ernähren – ich bin jedenfalls zufrieden“, sagt er. Ob er jemals Angst hatte, eines Tages könne ihn sein Weg nicht mehr auf die Erde zurückführen? „Wenn man zu Hause mit der Sorge lebt, irgendwann könnte ein Anruf mit schlechten Nachrichten kommen, dann kann das natürlich sehr belastend sein“, weiß er um die Gedanken seiner Angehörigen. „Wenn man Teil des Betriebs ist, macht man sich diese Gedanken nicht. Schließlich weiß ich, wie gut unsere Ausbildung ist und wie intensiv wir uns auf Notsituationen vorbereiten. Nein, Angst habe ich keine Sekunde gehabt.“

Auch Fragen nach der Zukunft beantwortet er anders als der übliche abhängig Beschäftigte. Zum Beispiel diese: Gibt es für Astronauten die Rente mit 67? Reiter lacht, mit derlei habe er sich noch überhaupt nicht beschäftigt. „Aller guten Dinge sind drei. Ich würde gerne noch einmal ins All fliegen“, sagt er vielmehr. Das müsste er in den kommenden zehn Jahren schaffen, denn mit Mitte bis Ende 50 ist für Astronauten aus medizinischen Gründen in der Regel Schluss. Ginge es nach ihm, führte ihn seine dritte Mission auf den Mars. Doch so weit wird die bemannte Raumfahrt in seiner aktiven Zeit wohl nicht kommen. Deshalb hat er sich ein näheres Ziel gesetzt: „Ich möchte erleben, wie ein europäischer Astronaut einen Fuß auf den Mond setzt“, sagt Reiter – und wäre wohl kaum traurig, wenn er derjenige wäre, der im wahren Sinne des Wortes in Armstrongs Fußstapfen träte.

Zur Person:

- Thomas Reiter wird am 23. Mai 1958 in Frankfurt am Main geboren, ist verheiratet und hat zwei Söhne
- Nach dem Abitur studiert er Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg und absolviert die Empire Test Pilots School in Boscombe Down, England
- Es folgen die Ausbildung zum Jet-Piloten in Amerika und die Stationierung im Jagdbombergeschwader 43 in Oldenburg
- Im März 1995 wird er zum Bordingenieur für die Mission Euromir 95 nominiert, die mit 179Tagen bis dahin längste bemannte Weltraummission der ESA
- Vom 4. Juli bis zum 22. Dezember 2006 nimmt er an der ersten europäischen Langzeitmission zur Internationalen Raumstation ISS teil.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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