In finanziellen Fragen vertrauen die Amerikaner niemandem mehr, schon gar keinem Bankberater. Nur bei Suze Orman werden sie redselig, legen Einkünfte, Ausgaben und Kreditkartenschulden offen – und das ausgerechnet vor einem Millionenpublikum in der nachmittäglichen Talkshow von Oprah Winfrey. „Können wir uns eine Hochzeit mit 150 Gästen leisten ?“, fragen Anastasia und Eric nervös (Kreditkartenschulden: 12.000 Dollar, Ausbildungskredit: 21.000 Dollar). Suze Orman, eine gepflegte Erscheinung im cremefarbenen Jacket mit großen goldenen Ohrringen und schwungvoller Kurzhaarfrisur, offenbart das Offensichtliche: Eine Hochzeit – Kostenpunkt: zwischen 25.000 und 50.000 Dollar – passe derzeit einfach nicht in ihr Budget, sagt sie streng, mit ihren beiden Zeigefingern wedelt sie energisch auf und ab. Ein bisschen Lebensberatung gibt es noch gratis dazu: „Ihr solltet eine ernsthafte Unterhaltung über Eure Schulden führen, bevor ihr heiratet“, warnt sie nüchtern und teilt einem sichtlich verstörten Eric mit, dass seine Verlobte bei der Vorbereitung der Sendung 6000 Dollar Schulden verschweigen wollte.
Die Frage, was sich Amerikaner leisten können, beschäftigt Suze Orman seit fünf Jahren auch in ihrer eigenen Fernsehshow auf dem Wirtschaftssender CNBC. Doch das ist nur ein Teil ihrer Arbeit. Je schlechter die Wirtschaft läuft, desto häufiger taucht sie in den Medien auf: Mal beim internationalen Fernsehsender CNN, mal im Frühstücksfernsehen, mit ihrer eigenen Kolumne oder im Radio. Anfang des Jahres hat sie ihr neuntes Buch veröffentlicht, zur persönlichen Finanzplanung in der Wirtschaftskrise. Wieder ein Bestseller. Das Time Magazine führt sie in der Liste der weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten, und Timothy Geithner ist bereits der dritte Finanzminister, der ihren Rat einholt.
„Reicher als alle Freunde, die Privatunis besuchten“
Dabei tut sie nichts anderes, als den Leuten die Wahrheit über ihre Finanzen zu sagen – und das möglichst schonungslos: „Ich hab eine Neuigkeit für Euch“, sagt sie einem Ehepaar, das seine beiden Töchter auf ein Elitecollege schicken will und Suze um Rat zu den exorbitanten Studiengebühren von 40.000 Dollar pro Jahr und Tochter bittet. Mit ihrer Ablehnung hält sie nicht hinter dem Berg: „Meine Mutter war eine Sekretärin, mein Vater war krank und ich hatte drei Jobs gleichzeitig, um mir mein Studium zu verdienen. Und wisst Ihr was? Inzwischen bin ich reicher als alle meine Freunde, die eine private Uni besuchten.“
Und das ist nur die Kurzfassung ihres bewegten Lebens. In der ersten Hälfte ist Orman ein Mädchen ohne großen Ambitionen, aber mit einer Menge Ballast: Sie wächst in ärmlichen Verhältnissen in Chicago auf. Ein Sprachfehler und Leseschwierigkeiten drücken ihre Schulleistungen und ihre akademische Karriere. „In meiner ganzen Zeit an der Uni hatte ich nie eine bessere Note als eine Drei“, sagt Orman und lacht über die Ironie ihres Lebenswegs, dass ihr im Mai die Ehrendoktorwürde verliehen wird.
50.000 Dollar Startkredit vom Stammkunden
Nach der Uni tingelt sie zunächst mit einem Wohnwagen durch Kalifornien und verdient dann als Kellnerin 400 Dollar im Monat. Ihre Träume sind im Vergleich zum Erreichten eher bescheiden: Sie will ihr eigenes Restaurant eröffnen, doch das scheint unmöglich. Bis ihr treuster Kunde Fred davon erfährt. 50.000 Dollar sammelt er von ihren Stammkunden ein und überreicht ihr ein Bündel Schecks mit einer Notiz: „Zurück zu zahlen in zehn Jahren, wenn Du kannst. Ohne Zinsen.“ Orman ist überwältigt und hilflos zugleich. Fred rät, das Geld beim Finanzinstitut Merrill Lynch zu investieren, bis sie das notwendige Startkapital zusammen hat. Das Geld weckt ihren Ehrgeiz. Sie beginnt, das Wall Street Journal zu lesen und tapeziert sich die Wände mit den Kursseiten, die sie nach der Arbeit stundenlang anstarrt. „Meine Freunde dachten, ich sei verrückt geworden.“ Währenddessen setzt ihr Anlageberater Randy alles auf eine Karte und kauft hochriskante Aktienoptionen. Wäre von nun an alles gut gegangen, wäre Suze Orman heute wahrscheinlich stolze Besitzerin eines eigenen Cafés. Aber das Investment ging schief, innerhalb von drei Monaten verlor sie ihr gesamtes Geld. Doch die Leidenschaft blieb. „Innerhalb dieser drei Monate war etwas lebendig geworden“, sagt sie.
Statt aus Verzweiflung alles hinzuschmeißen, wirft sie sich in ihre beste Kleidung – eine rot-weiße Hose, weiße Cowboystiefel und ein blaues Seidenhemd – und bewirbt sich um einen Job als Aktienhändlerin. Ausgerechnet bei Merrill Lynch. Dort ist man entsetzt über ihre Aufmachung. „Ich sah aus wie eine amerikanische Flagge“, räumt sie ein. Der Niederlassungsleiter teilt ihr mit, dass er Frauen nur „barfuß und schwanger“ schätze. Um die Frauenquote zu erhöhen, gibt er ihr trotzdem den Job, allerdings mit der Erwartung, dass sie nach sechs Monaten aufgibt. Die sechs Monate vergehen, Orman bleibt. Inzwischen hat sie ihren Arbeitgeber auf Rückzahlung ihrer Investition verklagt. Beide Seiten stimmen einem Vergleich zu, die Bank erstattet ihr die 50.000 Dollar nebst Zinsen.
„Eine Orman gibt niemals auf“
Warum sie nach dem Verlust ihrer Anlage ausgerechnet bei Merrill Lynch arbeiten wollte? „Eine Orman gibt niemals auf, so bin ich erzogen worden“, sagt sie heute. Als sie 13 Jahre alt war, erlitt ihr Vater durch ein Feuer erhebliche Verbrennungen, die ihn für den Rest seines Lebens zeichnen sollten. Kein einziges Mal beschwerte er sich darüber. „Wie hätte ich dann in dieser Situation aufgeben können?“ fragt Orman. „Jedes Mal, wenn etwas schief geht, nehme ich es buchstäblich als einen Test Gottes, der sehen möchte, wie sehr ich etwas wirklich möchte.“
Die erste Zeit als Aktienhändlerin ist hart für die ehemalige Kellnerin, die nun mit 30 Jahren eine völlig neue Karriere beginnt. Sie hat große Schwierigkeiten, sich in der Männerwelt zurecht zu finden. Die Mittagszeit verbringt sie alleine in der Fast-Food-Kette Taco Bell. Auch später fühlt sie sich lange Zeit von den Kollegen nicht ernst genommen. Obwohl sie mit ihrem zweiten Buch Ende der neunziger Jahre ein ganzes Jahr lang die Bestsellerlisten dominiert, wird sie von der seriösen Wirtschaftspresse kaum erwähnt. Inzwischen ist diese Herablassung einer gewissen Ehrfurcht gewichen. Die Medien nennen sie „Finanzguru“. ‚Du hast viel erreicht, Kindchen‘, räumten Kollegen nun anerkennend ein, erzählt sie und lacht laut auf. „Ich bin fast 58 Jahre alt und sie nennen mich immer noch Kindchen.“
Paradiesvogel im trockenen Finanzgeschäft
Ihr erstes Buch bringt ihr 1995 den großen Durchbruch. Die quirlige Blondine mischt die graue Finanzbranche mit Hilfe des Verkaufssenders QVC auf. Orman entpuppt sich als Verkaufstalent in eigener Sache. Als der Ansturm so groß wird, dass die Telefonleitungen zusammenbrechen, werden die Verlage aufmerksam. Schon für ihr zweites Buch liefern sie sich eine Bieterkampf; das höchste Honorargebot liegt bei einer Millionen Dollar. „Diese Angebote haben mich ganz krank gemacht“, erinnert sie sich. „Ich hatte doch gar keine Ahnung, wie man schreibt.“
Mit ihrer Karriere geht es steil bergauf, das großzügige Darlehen ist längst zurück gezahlt. In der trockenen Branche der Finanzberater ist sie ein schillernder Paradiesvogel. Offen schwärmt sie über ihre homosexuelle Beziehung mit der ehemaligen Marketingspezialistin Kathy Travis. In ihrer Show am Samstagabend zur besten Sendezeit offenbart sie einen gewagten Geschmack zu extravaganten Jackets, mal in schwarzem Leder, mal mit Leopardenmuster. Ihre energische, extrovertierte Art mag Liebhaber der diskreten Analyse abschrecken, aber ihre Anhänger verehren sie für ihre klare Sprache. „Bist Du verrückt geworden“, herrscht sie den 32 Jahre alten Paolo an, der sich eine Eintrittskarte für ein Britney-Spears-Konzert für 3000 Dollar kaufen möchte. In den Zeiten der Rezession lässt Orman ohnehin die wenigsten Anschaffungen durchgehen: Jede Woche eine Brokkoli-Käse-Suppe im Schnellrestaurant? Abgelehnt. Eine Bustour zum Grand Canyon? Auf keinen Fall. Bei einem Anruf redet sie sich mit energischen Gesten so sehr in Rage, dass sie schließlich ihr Wasserglas umwirft. Dabei stößt sie niemanden vollständig vor dem Kopf, nennt ihre Anrufer mal Freund oder Sweetheart und schenkt der Kamera ihr strahlendes Lächeln.
Die Finanzkrise hat auch sie nicht kommen gesehen
Bei all der Show lassen sie die finanziellen Sorgen ihrer Landsleute nicht kalt. „Ich wünschte, ich hätte im Oktober 2007 allen gesagt: Verkauft Eure Aktien. Aber ich habe diese Krise nicht vorhergesehen“, sagt sie selbstkritisch. Niemals hätte sie gedacht, dass die SEC, die Banken und AIG Finanzinstrumente entwickelt könnten, die nichts anderes als große Lügen seien, nur um das große Geld zu machen. „Ich bin darüber immer noch geschockt“, sagt sie. Sie rechnet damit, dass es noch fünf Jahre dauern wird, bis sich die Wirtschaft erholen wird.
Was sie dann machen wird? Das steht noch in den Sternen. Eines Tages möchte sie mit ihrer Lebenspartnerin nach Europa reisen und fremde Sprachen lernen. „Man lernt im Ausland viele Dinge über sich selber“, sagt sie. Sicher ist derzeit nur, dass sie sich trotz ihrer Leidenschaft für ihre Arbeit eines Tages endgültig zur Ruhe setzen wird. Auf ihrer vollen Internetseite wird dann in der Mitte ein Hinweis prangen: „Bin fischen.“
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Zur Person:
- Suze Orman wird im Juni 1951 in Chicago geboren.
- Nach dem Ende ihres Studiums verdient sie sieben Jahre lang ihr Geld als Kellnerin in einem Café in Kalifornien.
- Mit 29 Jahren ändert sich ihr Leben dramatisch, als ihr Stamm kunden einen Kredit über 50.000 Dollar geben, damit sie ein Restaurant eröffnen kann. Sie legt ihr Geld bei Merrill Lynch an, aber verliert schon nach drei Monaten alles.
- Aus Ärger bewirbt sie sich dort auf eine Stelle und beginnt damit ihre Karriere in der Finanzbranche. Seitdem veröffentlichte sie neun Bücher. Seit fünf Jahren hat sie eine eigene Fernsehshow.
Können und Glück
Markus Eichner (Bogeyfox)
- 04.05.2009, 20:13 Uhr
