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Sonja Zietlow Das Gesicht des Dschungels

02.07.2007 ·  Sie ist eine der ersten Pilotinnen der Lufthansa – und findet den Job zu langweilig. Als Kandidatin einer Flirtshow landet sie im Fernsehen, und wird mit Trash-Sendungen wie dem „Dschungel-Camp“ eine prägende Figur von RTL.

Von Matthias Hannemann
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Gewitterwolken über dem Wald: Tief, schwarz und regenschwer treiben sie über den Königsforst hinweg. Die wenigen Wanderer, die überhaupt noch zwischen den Bäumen unterwegs sind, sehen angestrengt zu, dass sie Land gewinnen; sie eilen hin zu der rustikalen Gaststätte am Mühlenteich, wo die Gänse stumm den Kopf einziehen. Und auch die weiße Segeltuchhose, so viel steht fest, wird heute kaum noch angemessen zur Geltung kommen können. Das Bergische Land ist nicht Mallorca. Sonja Zietlow freilich stieg eben, am Parkplatz vor der „Forsbacher Mühle“, schon aus dem Wagen, als sei dies der friedlichste Sommertag, ja als schlage irgendwo am Rande Rösraths die Brandung gegen eine Bucht, ganz malerisch und licht. Sie winkte, schulterte eine winzige Tasche, schob sich einen Reif ins blonde Haar, einen reichlich türkisen noch dazu, und trotz aller Wolken bestand sie drauf: „Wir gehen ein Stück.“ Waldspaziergänge seien ihre Art, nach anstrengenden Drehtagen etwas Entspannung zu finden, vorzugsweise mit Hund.

Es hätte klar sein müssen, dass ein aufziehendes Gewitter eine Frau nicht abschreckt, die den Tag als Seeräuber-Braut verbracht hat, für die Kameras schon in Kampfjets kletterte, die zumal als „RTL-Domina“ gehandelt wird, seit etliche Prominente gemeinsam mit ihr, der Fernsehmoderatorin, haarsträubende Grenzerfahrungen in fernen Dschungellagern zu überstehen versuchten: „Macht Dschungel-TV dumm?“, fragte die „Bild“-Zeitung damals. Es ist schwer, sich von diesem Ruf zu lösen. Sonja Zietlow meint, das sei ihr doch schon längst gelungen. Sie stiefelt los, ungeachtet der verschlammten Waldwege. „Ich brauche das jetzt“, sagt sie. Über dem Waldstück dröhnt das Triebwerk eines Passagierfliegers, der im Landeanflug auf Köln eine letzte Schleife zieht.

Wie bestellt. Denn wenn das Leben nichts anderes mit ihr vorgehabt hätte: Es wäre Sonja Zietlow, die im Cockpit der Maschine sitzt, Kreise über Europa dreht und das Fahrwerk ausfährt, Tag für Tag. „Das war mein großer Traum, und das habe ich eine Zeitlang dann ja auch gemacht.“ Wir bleiben stehen, mitten im Wald, und Zietlow will gedanklich weit zurück - bis in die Kindheit, die sie mit einem Mehrfamilienhaus in Bergisch Gladbach verbindet, mit Grillfesten in der Nachbarschaft, mit Tischtennis-Abenden und Wasserbomben, Camping-Urlauben und Tennisstunden und mit einem Zimmer, das sie sich mit ihrer älteren Schwester teilen musste, bis Zietlow schon fast erwachsen war: „Erst wollte ich Schauspielerin werden. Als Siebenjährige war ich ganz gut darin, im Schlafanzug durch die Wohnung zu hüpfen und Otto Waalkes nachzumachen. Doch als Mutter vor der brotlosen Kunst warnte, war da ein neuer Traum: Pilot. Und dabei blieb es.“

Das Gesicht des Dschungels

In der Welt von Tom Cruise

Das Mädchen liebte Videorekorder. Und Spielekonsolen, schon der Knöpfe wegen, die man da drücken konnte, um etwa einem Maulwurf auf den Kopf zu schlagen. Eine Spielekonsole wiederum schien so unterschiedlich von den Hebeln eines Flugzeug-Cockpits nicht zu sein. Kaum junge Frau, entdeckte sie noch weitere Argumente für den angepeilten Traumjob: „Piloten waren cool, so wie es uns ,Top gun‘ zeigte. Sie kamen weit herum in der Welt. Sie steuerten riesige Geräte. Und sie sahen dabei verdammt gut aus.“ Gut denkbar, dass auch die neue Partnerin ihres Vaters ein Stück weit für die Berufswahl verantwortlich war: Die Argentinierin arbeitete bei einem Flugunternehmen, wenn auch nicht als Pilotin. „Damit“, sagt Zietlow aber, die bei ihrer Mutter aufwuchs, „hatte das nichts zu tun. Der Traum vom Fliegen war älter.“

Als sie nach dem Abitur die Bewerbung zur Lufthansa schickte und den dreitägigen Test bestand, wurde sie prompt angenommen und zur Ausbildung nach Amerika geschickt - als eine der ersten und wenigen Frauen für den Pilotensessel. Dass dies so reibungslos klappte wie erträumt, lag nicht allein daran, dass ihr die Schwester bei den Bewerbungsunterlagen geholfen hatte: „Ich war schon immer selbstbewusst, aufmüpfig und renitent.“ Erfahrungen zahlen sich aus. Einen Plan B für die Berufswahl? „Den gab es nicht.“

Im Wald zieht ein älteres Paar an ihr vorbei. Der Mann sagt freundlich „Guten Tag“, so wie es sich auf Wanderwegen gehört. Sonja Zietlow nickt zurück und grüßt ebenfalls, bevor sie weiterredet. Sie scheint überhaupt, verglichen mit dem Eindruck, den sie manchmal im Fernsehen macht, eine sehr höfliche und normale Frau zu sein, eine Prominente, die nicht rund um die Uhr prominent sein möchte und den ganzen bunten Medienrummel im Privaten nach Möglichkeit meidet.

Bademodenmodell im Kaufhaus

Ganz lästig war ihr das Lampenlicht allerdings nie. Noch bevor sie die Bewerbungsunterlagen für die Lufthansa in den Briefkasten steckte, „Männer müssen die Zeit schließlich auch erst einmal mit anderen Dingen verbringen, mit Bundeswehr und Zivildienst“, verbrachte Zietlow so viel Zeit wie möglich als Animateurin im „Club Med“. Ein bei aller Dauer-Urlaubsatmosphäre unerwartet „knallharter Job“ als Hostess, Bespaßerin und Aerobic-Lehrerin, bei dem sie weniger das Unterhaltungsgeschäft,als „vielmehr Toleranz“ gelernt habe.

Aus dem Ferienjob in Hotelparadiesen mit Perlenwährung, Achter-Tischen und Musical-Show entwickelte sich ein weiteres Standbein: Einer der Choreographen, der für den „Club Med“ arbeitete, ein Italiener namens Mateo, organisierte in Deutschland Mode-shows etwa in Kaufhäusern, und da griff er allzu gerne, um Sport- und Badesachen zu präsentieren, auf eine schöne junge Blonde aus dem Hotel zurück, auch wenn die zur Unzeit immer wieder „die Klappe nicht halten konnte“ und bei Foto-Shootings schnell genervt war.

So ging das fast zwei Jahre lang. Mit beiden Jobs verdiente sie kein schlechtes Geld. Ziemlich genau zwei mal zwei Jahre waren es dann noch einmal, die sie nach einer Ausbildung in Bremen und Phoenix im Dienst der Lufthansa verbrachte, welche sie schon der internationalen Atmosphäre und der kleinen Schulflugzeuge wegen schätzte (auf einer Waldkreuzung beginnt Zietlow auf einmal den Irrkurs ihres Prüfungsfluges mit ausgebreiteten Armen nachzustellen, minutenlang und mit etlichen Umdrehungen). Ein begehrter und gut bezahlter Job, bei dem sie obendrein die Henne im Hahnenkorb geben konnte. Wenn die damals nicht einmal Fünfundzwanzigjährige ihre Boeing 737 quer durch Europa steuerte, fühlte sie sich nicht schlecht.

Die Lufthansa freilich geriet ausgerechnet jetzt in eine der schwersten Krisen ihrer Geschichte. Sie bot ihren Piloten an, unbezahlten Sonderurlaub zu nehmen. Sonja Zietlow griff zu, dachte zunächst an einige weitere Monate im „Club Med“, um die beginnende Routine des Pilotenalltages noch einmal durchbrechen zu können. Und landete bei der Sat.1-Sendung „Herz ist Trumpf“, der „Gameshow zum Verlieben“ - als Kandidatin, die unter den Herren an den herzförmigen Pulten mächtig Unruhe stiftete. Zwar trat sie die gewonnene Reise am Ende nicht an; dem stand offenkundig ein Bayer entgegen, mit dem zumindest diese Herztrumpf-Gewinnerin nicht ohne weiteres verschmuste Urlaubstage verbringen wollte.

Warteschleife mit Plüschmaus

Das Fernsehen allerdings mochte Sonja Zietlows Gesicht. Und so verbrachte die Pilotin in Warteschleife ihre Tage auf einmal gemeinsam mit einer Plüschmaus, als Moderatorin der Kindersendung „Bim Bam Bino“ im Kabelkanal. Von da an, sagt Sonja Zietlow im Wald, sei sie nicht mehr geflogen, sosehr sie anfangs die Möglichkeit, zur Lufthansa zurückkehren zu können, immer noch als Rücktrittsversicherung betrachtet habe.
Wann auch? Beim Fernsehen ergab sich alles irgendwie von selbst, und zwar auf Projektbasis, wie das so ist in einer Branche, bei der alle Beteiligten wissen, so Zietlow, dass es über Nacht vorbei sein kann mit der Karriere, in der ernste Menschen zu lustigen Clowns werden können, in der man zuweilen ausblenden muss, was andere über einen denken und reden mögen, und in der es auf vieles ankomme, nur leider eben nicht immer auf Talent: „Hugo“, „Cult“, „Pack die Zahnbürste ein“, die Talkshow „Sonja“, schließlich Sendungen wie „Der Schwächste fliegt“, das Dschungelcamp oder „Die 10 ...“. Sonja Zietlow ist heute eines der prägenden Gesichter von RTL.
„Spaßig“, sagt Sonja Zietlow aber im Forst bei Rösrath, wo eine „Arbeitswohnung“ steht, von der aus Flughafen wie Studios gleichermaßen schnell erreichbar sind, „ist dieser Job nicht immer.“ Über dem Königsforst ziehen sich da die Wolken zusammen. Ein Wolkenbruch. Heftiger Donner. Unter dem schützenden Holz einer überdachten Sitzgruppe sagt sie, nachdem die Flucht vor dem Sturm gelungen ist: „Dem Fernsehen kann man nicht wirklich trauen. Wirklich verstehen kann man uns Fernsehleute nur, wenn man mit uns befreundet ist.“

Zur Person:

- Sonja Zietlow wird 1968 in Bonn geboren und wächst in Bergisch Gladbach auf

- Nach dem Abitur 1987 jobbt sie im „Club Méditerranée“ in Sardinien, Mexiko und Florida und arbeitet als Fotomodell und Mannequin

- 1989 besteht sie die Aufnahmeprüfung bei der Lufthansa und arbeitet nach der aufwendigen Ausbildung in Bremen und Phoenix, Arizona, von 1991 bis 1993 als Pilotin - bis sie als Kandidatin einer Talkshow für das Fernsehen entdeckt wird

-Sonja Zietlow ist heute eine der Star-Moderatorinnen von RTL und lebt mit ihrem Mann vorwiegend im Süden von München. Seit gestern moderiert sie die neue Spielshow „Entern oder Kentern“.

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