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Simon Borowiak : Schreiben aus Notwehr

April, April: Simon Borowiak fühlte sich lange Zeit im falschen Leben. Bild: Anna Mutter / F.A.Z.

Simon Borowiak war einst eine Frau und galt als Fräuleinwunder der Satireszene. Seitdem er als Mann durchs Leben geht, hat er mehr Energie für seine Arbeit.

          Die E-Mail ist kurz und die Freude so groß, dass sie aus jeder Zeile spricht. Er habe fürchterlich viel Dopamin im Leib, schreibt der Absender und schickt „romanschlusseuphorische Grüße“. Simon Borowiak hat gerade sein jüngstes Werk beendet, und so jagt das Glückshormon ihm durch die Adern. Pünktlich ist er mit „Du sollst eventuell nicht töten“ fertig geworden.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Er habe jetzt mal ein unbeschwertes Buch über einen verpfuschten Totschlag schreiben wollen, sagt der Autor bei einem Treffen in Bad Malente und kichert in sich hinein. Da steckt er noch mitten in der Arbeit. Borowiak steht an der Promenade des Sees. Es ist ein hässlich grauer Tag und viel zu nass für den erhofften Spaziergang entlang des Ufers. So strebt er, beileibe kein Hüne, verdammt strammen Schritts zum Raucherraum eines Cafés.

          Dort sitzt er dann, den schwarzen Kaffee vor sich und eines dieser filterlosen Zigarillos, die ständig ausgehen, zwischen den Fingern und erzählt von seinem jüngsten Werk. Abgesehen vom Schreiben steht auch noch der Malkessel des Schriftstellers zurzeit voll unter Dampf. Das neue Buch braucht schließlich ein Cover, und dessen Gestaltung will Borowiak nicht allein dem Verlag überlassen. So malt und zeichnet er nebenbei noch Entwürfe. Eigentlich hat der Arzt ihm dringend Entspannung verordnet, aber Lockerlassen zählt eindeutig nicht zu Borowiaks Stärken.

          Für ihn als Autor wäre das auch eher hinderlich, denn der Wahl-Hamburger ist vom satirischen Fach. Das erfordert eine spezielle Art der Wahrnehmung, die letztlich allein durch Daueranspannung möglich ist. „Mit Gemütlichkeit kann man keine Kunst machen, und Verständnis ist etwas für Therapeuten“, beschreibt er die für seine Disziplin nötige Grundhaltung. Der gnadenlose Blick kostet Kraft. „Ein Satirikerjahr sind fünf Menschenjahre.“

          Als Redakteurin bei der „Titanic“

          Borowiak ist lange genug im Geschäft, um das sagen zu können. Seine Karriere begann vor 25 Jahren bei der Frankfurter Satirezeitschrift „Titanic“. Dort hatte er sich noch während seines Jurastudiums beworben, nachdem ihm zufällig eine Jahresausgabe des Blatts in die Hände gefallen war. „Als ich das las, war es, als ob eine Tür aufginge, so wollte ich schreiben, darauf hatte ich Lust“, erinnert er sich.

          Borowiak bekam eine Redakteursstelle – und galt bald als Fräuleinwunder der deutschen Satireszene. Denn der heute Sechsundvierzigjährige, der eine weite Jacke zum jungenhaften Gesicht und eine schwarze Strickmütze auf rotem Haar trägt, hieß damals noch Simone und war eine Frau in den Zwanzigern, die sich ihre publizistischen Sporen im Jahr 1992 mit dem Buch „Frau Rettich, die Cerni und ich“ verdiente.

          Simone Borowiak: Dieser Name steht in jenen Jahren für die Ausnahme von der Regel, für eine Frau mit Männerhumor, in deren Texten Feinsinn und Grobheit kein Widerspruch sind, die über einen eigenen, elaborierten Code verfügt, der mit der Sprache der Bildungsbürger jedoch wenig gemein hat. Borowiak schreibt und reimt so hemmungslos albern wie gewandt geistreich. Mal ist ihr Ton lakonisch wie im Kurzgedicht „Selbsterkenntnis“:

          „Mein Maul ist ein Löwe,

          mein Herz ein Kaninchen.

          Von fern bin ich Zora,

          von nahem: Sabinchen“

          Dann wieder pöbelt sie im Stil eines tumben hessischen Ignoranten. Das tut sie vor allem in jenen Nachrufen, die unter dem Titel „Hessen nimmt Abschied von . . .“ erscheinen – und vielleicht am besten im Abgesang auf den Sänger Freddie Mercury. Der hatte zwei Tage vor seinem Tod gestanden, schwer krank zu sein, und wenige Stunden darauf, HIV positiv zu sein. Bei Borowiak liest sich das so:

          „Am Samstag fragt man:

          Fred, wie geht’s?

          Am Sonntag sagt er: Isch hab’ Ehds.

          Am Montag kommt er aus dem

          Haus: Im Eischesarg.

          Die Füß voraus.“

          Die Autorin zeigte, dass von Frauen im humoristischen Genre durchaus etwas zu erwarten ist. So schreibt der Dichter und Titanic-Mitgründer Robert Gernhardt im Vorwort zu Borowiaks Erzählband „Ein Zug durch die Gemeinde“ aus dem Jahr 1994 über die Klage, dass es „weit und breit keine Wilhelmine Busch, keine Karla Valentin, nicht einmal eine Eugenie Roth“ gebe. „Und sollte es ein schlecht unterrichteter Mann immer noch wagen, der deutschen Frau als solcher die Komikfähigkeit an sich abzusprechen, so muss er mit der tödlichen Fangfrage rechnen: ,Habt ihr Macker etwa einen Simon Borowiak aufzuweisen?‘“

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