Die E-Mail ist kurz und die Freude so groß, dass sie aus jeder Zeile spricht. Er habe fürchterlich viel Dopamin im Leib, schreibt der Absender und schickt „romanschlusseuphorische Grüße“. Simon Borowiak hat gerade sein jüngstes Werk beendet, und so jagt das Glückshormon ihm durch die Adern. Pünktlich ist er mit „Du sollst eventuell nicht töten“ fertig geworden.
Er habe jetzt mal ein unbeschwertes Buch über einen verpfuschten Totschlag schreiben wollen, sagt der Autor bei einem Treffen in Bad Malente und kichert in sich hinein. Da steckt er noch mitten in der Arbeit. Borowiak steht an der Promenade des Sees. Es ist ein hässlich grauer Tag und viel zu nass für den erhofften Spaziergang entlang des Ufers. So strebt er, beileibe kein Hüne, verdammt strammen Schritts zum Raucherraum eines Cafés.
Dort sitzt er dann, den schwarzen Kaffee vor sich und eines dieser filterlosen Zigarillos, die ständig ausgehen, zwischen den Fingern und erzählt von seinem jüngsten Werk. Abgesehen vom Schreiben steht auch noch der Malkessel des Schriftstellers zurzeit voll unter Dampf. Das neue Buch braucht schließlich ein Cover, und dessen Gestaltung will Borowiak nicht allein dem Verlag überlassen. So malt und zeichnet er nebenbei noch Entwürfe. Eigentlich hat der Arzt ihm dringend Entspannung verordnet, aber Lockerlassen zählt eindeutig nicht zu Borowiaks Stärken.
Für ihn als Autor wäre das auch eher hinderlich, denn der Wahl-Hamburger ist vom satirischen Fach. Das erfordert eine spezielle Art der Wahrnehmung, die letztlich allein durch Daueranspannung möglich ist. „Mit Gemütlichkeit kann man keine Kunst machen, und Verständnis ist etwas für Therapeuten“, beschreibt er die für seine Disziplin nötige Grundhaltung. Der gnadenlose Blick kostet Kraft. „Ein Satirikerjahr sind fünf Menschenjahre.“
Als Redakteurin bei der „Titanic“
Borowiak ist lange genug im Geschäft, um das sagen zu können. Seine Karriere begann vor 25 Jahren bei der Frankfurter Satirezeitschrift „Titanic“. Dort hatte er sich noch während seines Jurastudiums beworben, nachdem ihm zufällig eine Jahresausgabe des Blatts in die Hände gefallen war. „Als ich das las, war es, als ob eine Tür aufginge, so wollte ich schreiben, darauf hatte ich Lust“, erinnert er sich.
Borowiak bekam eine Redakteursstelle – und galt bald als Fräuleinwunder der deutschen Satireszene. Denn der heute Sechsundvierzigjährige, der eine weite Jacke zum jungenhaften Gesicht und eine schwarze Strickmütze auf rotem Haar trägt, hieß damals noch Simone und war eine Frau in den Zwanzigern, die sich ihre publizistischen Sporen im Jahr 1992 mit dem Buch „Frau Rettich, die Cerni und ich“ verdiente.
Simone Borowiak: Dieser Name steht in jenen Jahren für die Ausnahme von der Regel, für eine Frau mit Männerhumor, in deren Texten Feinsinn und Grobheit kein Widerspruch sind, die über einen eigenen, elaborierten Code verfügt, der mit der Sprache der Bildungsbürger jedoch wenig gemein hat. Borowiak schreibt und reimt so hemmungslos albern wie gewandt geistreich. Mal ist ihr Ton lakonisch wie im Kurzgedicht „Selbsterkenntnis“:
„Mein Maul ist ein Löwe,
mein Herz ein Kaninchen.
Von fern bin ich Zora,
von nahem: Sabinchen“
Dann wieder pöbelt sie im Stil eines tumben hessischen Ignoranten. Das tut sie vor allem in jenen Nachrufen, die unter dem Titel „Hessen nimmt Abschied von . . .“ erscheinen – und vielleicht am besten im Abgesang auf den Sänger Freddie Mercury. Der hatte zwei Tage vor seinem Tod gestanden, schwer krank zu sein, und wenige Stunden darauf, HIV positiv zu sein. Bei Borowiak liest sich das so:
„Am Samstag fragt man:
Fred, wie geht’s?
Am Sonntag sagt er: Isch hab’ Ehds.
Am Montag kommt er aus dem
Haus: Im Eischesarg.
Die Füß voraus.“
Die Autorin zeigte, dass von Frauen im humoristischen Genre durchaus etwas zu erwarten ist. So schreibt der Dichter und Titanic-Mitgründer Robert Gernhardt im Vorwort zu Borowiaks Erzählband „Ein Zug durch die Gemeinde“ aus dem Jahr 1994 über die Klage, dass es „weit und breit keine Wilhelmine Busch, keine Karla Valentin, nicht einmal eine Eugenie Roth“ gebe. „Und sollte es ein schlecht unterrichteter Mann immer noch wagen, der deutschen Frau als solcher die Komikfähigkeit an sich abzusprechen, so muss er mit der tödlichen Fangfrage rechnen: ,Habt ihr Macker etwa einen Simon Borowiak aufzuweisen?‘“
Unbehagen am eigenen Leib
Die Antwort darauf hat sich längst erübrigt: Denn mit 40 Jahren hatte Borowiak eine „geschlechtsangleichende Operation“. Damit lag ein jahrzehntelanger Leidensweg hinter ihm, der in der Pubertät begonnen hatte. „Ich habe mich im falschen Leben gefühlt und jeden Morgen darauf gewartet, dass jemand zu mir sagt: Simon, April, April.“
Der erlösende Ruf blieb aus. Das Unbehagen am eigenen Leib aber erwies sich nicht als Laune der Adoleszenz, sondern wuchs bis zur Unerträglichkeit. Borowiak litt an Panikattacken, Schweißausbrüchen und einem übersensiblen Magen, er fiel in Depressionen, trank zu viel. Bei der Titanic hatte er gekündigt, um frei zu schreiben. Nach dem Erfolg von „Frau Rettich“, für deren Verfilmung er das Drehbuch schrieb, flüchtete er ins Ausland – vor sich selbst. „Vor der Erkenntnis, in der falschen Verpackung zu stecken, habe ich mich gedrückt, das ist so grausig.“
Im Jahr 2000 stellte er sich ihr dann doch. In einer Psychiatrie in Aachen wollte er sich die Zustimmung für entsprechende Maßnahmen holen. Der Schritt führte ihn an den Rand des Abgrunds – seelisch und finanziell. Denn bis er das ärztliche Schriftstück schließlich in Hamburg erhielt, vergingen vier Jahre, in denen die Autorin Borowiak, die zu allem Übel nicht gegen Arbeitsunfähigkeit versichert war, zeitweise in einer geschlossenen Abteilung verschwand.
„Das hat mir fast das Genick gebrochen.“ Borowiak schüttelt sich bei dem Gedanken und muss wieder sein Zigarillo anzünden. Mit dem Thema Psychiatrie ist der Schriftsteller noch nicht fertig. Das kann man spüren, und darüber täuscht kein Witz hinweg. Aber er ist auch im persönlichen Gespräch ein unterhaltsamer Erzähler, der von Larmoyanz nichts hält, und der sich und seine Zuhörer rechtzeitig durch schmerzliche Erinnerungen kalauert, bevor es zu traurig wird. „Am Ende rettet mir meine Satire immer wieder den Arsch“, stellt er fest. Im Moment des Leidens schon den komischen Aspekt zu sehen, hilft. Ebenso sind Kraftausdrücke ein gutes Mittel gegen Sentimentales.
Bei einem Thema bleibt es allerdings wirkungslos. Dass er nicht, wie erträumt, Pianist werden konnte, das tue immer noch weh, gesteht Borowiak. Während seiner Gymnasialzeit hatte er nach dem Schulunterricht an einem Förderprogramm teilgenommen, das begabte Schüler auf eine Karriere als Musiker vorbereitete. Am Ende versagten die Nerven. „Manchmal denke ich, wenn ich in der richtigen Verpackung zur Welt gekommen wäre, wäre ich jetzt Profimusiker.“
Lange hat er gebraucht, um sich wie ein Schriftsteller und nicht mehr wie ein gescheiterter Musiker zu fühlen. Schreiben, sagt er, sei für ihn manchmal reine Notwehr. Das gilt vor allem für das 1995 erschienene Bändchen „Baroness Bibi“. Diesen „Schundroman für die gebildeten Stände“ habe er nur geschrieben, um sich aus der Depression zu retten. In „Alk. Fast ein medizinisches Sachbuch“ hat Borowiak dann seine Misere durch den Prozess des Schreibens geordnet. Mit diesem Werk meldete er sich 2006 zurück, unter dem Namen Simon Borowiak. Darin hat er Erfahrungen aus seiner Alkoholsucht mit Fachwissen verbunden. Das Ergebnis ist so informativ wie komisch und unglaublich, wenn man weiß, dass der Verfasser während des Schreibens wieder im Suff abstürzte.
„Wer wem wen“
Ein Jahr später lief er dann mit dem kleinen Erzählwerk „Wer wem wen“ zur Höchstform auf. Dem seelisch stark versehrten Protagonisten Cromwell stellt er als besten Freund einen Ich-Erzähler zur Seite, der sich psychisch permanent im Ausnahmezustand befindet und auf diese Weise eine höchst eigene Sichtweise der Ereignisse liefert. Nicht zufällig wirkt dieser wie ein dunkler Bruder Goldstücks, der Ich-Erzählerin aus „Frau Rettich“.
Cromwell und sein Freund stehen auch in „Du sollst eventuell nicht töten“ wieder im Mittelpunkt. Das Buch erscheint im Herbst und ist Borowiaks fünftes in sechs Jahren. „Seit das Trans-Thema durch ist, läuft es mit dem Schreiben wie am Schnürchen.“
Simon Borowiak wird 1964 in Frankfurt als Simone Borowiak geboren.
Die Schülerin eines katholischen Mädchengymnasiums bereitet sich auf eine Karriere als Pianistin vor, scheitert aber.
Borowiak studiert Jura, bricht dies 1986 zugunsten einer Redakteursstelle beim Satireblatt „Titanic“ ab und bleibt dort sechs Jahre.
1992 erscheint „Frau Rettich, die Cerni und ich“. Es folgen zahlreiche weitere Veröffentlichungen, seit 2006 unter dem Vornamen Simon. Der Autor lebt in Hamburg.
