Wer von Siegfried Dietrich empfangen wird, der lernt, dass ein beruflicher Aufstieg auch eine räumliche Dimension hat. Wo der Sportmanager einst im Kellergeschoss eines Geschäftshauses im Frankfurter Nordwesten seine Karriere begann, hat er sich im Lauf der Jahre in die Penthouse-Etage emporgearbeitet. Eine gute Adresse mit Blick auf die Bürotürme der Bankenstadt - und eine schöne Metapher, die perfekt passt zur Geschichte vom Selfmademan. Nun sitzt er im obersten Stockwerk hinter seinem Schreibtisch und wippt genüsslich auf dem Sessel. „Ich wollte doch schon immer hoch hinaus“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Dietrichs gute Laune ist an diesem Vormittag nicht zu schlagen. Wahrscheinlich wird sich an dem Gemütszustand auch in den nächsten Wochen nichts gravierend ändern. Bevor das zweite Sommermärchen überhaupt begonnen hat, kann er sich schon als Gewinner fühlen.
Dietrichs Welt ist der Fußball. Doch er ist kein Hoeneß, Allofs oder Bierhoff. Der meist im smarten Schwarzton gekleidete Mittfünfziger hat eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. „Ich habe mir jeden Cent selbst erarbeitet, mir wurde nichts geschenkt“, sagt er. Dietrich setzte auf Frauenfußball, als sich noch niemand vorstellen konnte, dass eine Weltmeisterschaft in dieser Sportart einmal zu einem medienträchtigen Großereignis werden könnte. Alle Spiele des Ende Juni beginnenden Turniers werden live im Fernsehen übertragen, Konzerne engagieren sich als Sponsoren, Spielerinnen haben Werbeverträge abgeschlossen. Der Deutsche Fußball-Verband (DFB) will das Turnier zu einer riesigen Show aufblasen. Wie die Veranstaltung am Ende wird, bleibt abzuwarten. Doch diese Frage stellt sich der agile Dietrich nicht. Für ihn ist nur wichtig, was bisher erreicht wurde. „Als ich damals mit dem Frauenfußball begann, wurde ich von vielen belächelt und für verrückt erklärt. Heute klopfen mir einige von denen auf die Schulter“, sagt er.
Eiskunstlauf-Galas mit Kati Witt
„Der Siggi“, wie er in der Branche heißt, hat sich seinen Markt selbst geschaffen. Als er Anfang der neunziger Jahre durch Zufall Kontakt in die Szene bekommt, ist der Frauenfußball völlig unbedeutend. Es ist die Zeit, als Nationalspielerinnen für einen Europameisterschaftstitel als Prämie vom Verband ein Kaffeeservice erhalten und abfällig als „Mannsweiber“ bezeichnet werden. Der alte Muff hängt damals noch in den Vereinsheimen. Die Altherrenriege des DFB hatte 1955 den Klubs verboten, Frauenabteilungen zu gründen. „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand“, lautete die Begründung. Als die Funktionäre 1970 das Frauenfußballverbot aufheben, bleiben die Vorbehalte.
Dietrich erkennt das Potential. „Ich habe mich nie auf eingetretenen Pfaden bewegt, sondern mir lieber meinen eigenen Weg gebahnt“, sagt er. Der sportbegeisterte Waldorfschüler und Sohn eines Theologieprofessors findet endlich, was er all die Jahre gesucht hat: ein neues Feld, das er von Grund auf nach den eigenen Ideen bestellen kann. Mit Fußball hat er bis dahin nichts zu tun gehabt. Mit Kati Witt promotete er jahrelang Eiskunstlauf-Galas fürs Fernsehen, zudem veranstaltete er Jugendweltranglisten-Turniere im Tennis. Er hat nie Management, Betriebswirtschaft oder Marketing studiert. Aber er kann Menschen überzeugen und Sport auf unterhaltsame Art inszenieren.
„Gesucht wegen Menschenhandels“
Ursprünglich startet Dietrich als Physiotherapeut in sein Berufsleben. Er gilt schon damals als ehrgeizig, drängt in den Spitzensport, therapiert zuerst Weltklasseathleten beim Eiskunstlauf. Doch schon als junger Mann sind ihm diese Grenzen zu eng. Mehr fasziniert ihn die große bunte Sportwelt, er kommt in die Vereinigten Staaten, behandelt bei Turnieren Tennisstars wie Gabriela Sabatini und Boris Becker. Er sieht, wie Ion Tiriac im Hintergrund die Strippen zieht und steigt dann selbst ein ins Sportbusiness. „Ich wollte immer mehr erreichen, als ich gerade hatte, und immer neue Menschen kennenlernen, die mich inspirierten.“
Dietrich entwickelt ein Geschäftsmodell für den Frauenfußball. Er ist Investor des 1. FFC Frankfurt, den er 1998 mitgründete. So etwas gab es in der amateurhaften Frauen-Bundesliga noch nie. Für die Überlassung der Vermarktungsrechte garantiert er dem Verein Jahr für Jahr eine Pacht zwischen 700.000 und 1,2 Millionen Euro. Je mehr Werbepartner er an Land zieht, desto besser seine eigenen Erlöse. Derzeit wird der Klub von 30 Unternehmen gesponsert und wirft eine Rendite ab. 18 Titel hat der 1. FFC Frankfurt mit Dietrich als Manager gewonnen. Der Verein hat den besten und teuersten Kader in Deutschland. Dietrich macht sich mit dieser Strategie nicht nur Freunde, Kritiker halten ihm Interessenkonflikte vor. Tauchen die Frankfurterinnen mit Dietrich bei Auswärtsspielen auf, werden schon mal Flugblätter verteilt mit dem Aufdruck: „Gesucht wegen Menschenhandels“. Es stellt sich jedoch auch heraus, dass der Frankfurter Erfolg anderen Vereinen Schwung verleiht. Zumindest in der Spitzengruppe entsteht ein ausgeglichener Wettbewerb. Dietrich ist ein Freund des Spiels der freien Kräfte. „Es war immer mein Ziel, dass wir uns gegenseitig hochschaukeln. Davon haben wir doch alle etwas.“
Persönlicher Karriereplaner
Der Kreis der Nationalspielerinnen arbeitet heute unter professionellen Bedingungen. Wo die besten Fußballerinnen früher gerade mal eine kleine Aufwandsentschädigung und Beteiligung am Benzingeld von ihren Klubs erhielten, verfügen sie nun über ein vierstelliges Monatsgehalt und meistens auch über Sponsorenverträge. Mehr und mehr werden sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Die Nationalelf fährt im Fernsehen durch ihren Erfolg bei den WM-Turnieren gute Quoten ein. Fußball ist in Deutschland zum erfolgreichsten und beliebtesten Mannschaftssport von Frauen geworden. In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der weiblichen Mitglieder um 17 Prozent gestiegen.
Dietrich nutzt das positive Erscheinungsbild. Es gelingt ihm, einzelne Spielerinnen wie die Weltfußballerin Birgit Prinz zumindest sporadisch als Werbefigur aufzubauen. Nia Künzer wird nach ihrem entscheidenden Tor während der WM 2003 zum „Golden Girl“ und profitiert bis heute von dem Hype, obwohl sie gar nicht mehr aktiv ist. In diesem WM-Jahr absolviert sie etwa 100 Auftritte in Seminaren, Talkrunden und Firmenveranstaltungen. Während der WM tritt sie als ARD-Expertin auf. Und immer wirkt Dietrich im Hintergrund mit. Er sorgt dafür, dass er und seine Fußballfrauen im Gespräch bleiben. Dietrich sieht sich auch als persönlicher Karriereplaner der Spielerinnen abseits des Fußballplatzes. Zuweilen ist er Psychologe und freundschaftlicher Berater. „Man muss viel Sensibilität zeigen. Frauen wollen viel mehr von einer Idee überzeugt werden als Männer.“ Dass sich DFB-Präsident Theo Zwanziger die Förderung des Frauenfußballs auf die Fahne geschrieben hat, hilft dem umtriebigen Manager. Dietrich hält engen Kontakt zu Entscheidungsträgern im Sport, aber auch in Politik, Wirtschaft und öffentlich-rechtlichen Sendern.
„Spiritus Rector des Frauenfußballs“
Wenn der 1. FFC Frankfurt wichtige Spiele bestreitet, überträgt der Hessische Rundfunk live im Fernsehen. Das kleine Stadion, in dem der Verein zu Hause ist, wird demnächst auf Kosten der Stadt renoviert. Seinen 50. Geburtstag feierte Dietrich im 49. Stockwerk des Commerzbank-Turmes in Frankfurt. Die Bank ist Hauptsponsor seines Vereins und auch im DFB engagiert. Der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus-Peter Müller nennt Dietrich den „Spiritus Rector des Frauenfußballs“.
Bald wird das breite Publikum bei der WM neue Gesichter kennenlernen. Vier Aktenordner mit der Aufschrift „Kim Kulig“ stehen in Dietrichs Büro im Schrank. Die 21 Jahre alte Schwäbin ist seine neueste Entdeckung. Sie wirbt für einen Elektroanbieter, Autohersteller und für Tierfutter. Wie ein Topmodel wurde die blonde Stürmerin zum Werbedreh nach Südafrika eingeflogen - das ist eine neue Dimension. Und wenn sie dann auch noch den Titel für Deutschland gewinnt, gibt es nicht wie einst ein Kaffeeservice, sondern der DFB zahlt jeder Spielerin 60.000 Euro.
Zur Person
Siegfried Dietrich wird 1957 in Marburg geboren. Er besucht in Frankfurt die Waldorfschule und absolviert eine Ausbildung zum Physiotherapeuten.
Seit Ende der achtziger Jahre betätigt er sich als Sportmanager, organisiert Eiskunstlauf-Galas fürs Fernsehen und Tennisturniere.
Mit der Gründung des 1. FFC Frankfurt 1998 unterstützte er den Durchbruch des Frauenfußballs.
Siggi Dietrich ist Investor und Vermarkter. Durch ihn erhalten Spielerinnen wie Birgit Prinz lukrative Werbeverträge.
Wer hat's erfunden?
Vera Heck (VeraHeck)
- 08.06.2011, 01:24 Uhr
