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Sascha Lobo Ein Mann, zwei Seelen

 ·  Sascha Lobo ist der bekannteste und provokanteste Blogger in Deutschland. Ein Lehrstück über Eigenmarketing in der digitalen Welt.

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© Pein, Andreas Autor und ewiger Student: Sascha Lobo will nun doch noch seine Diplomarbeit abgeben.

So sieht das aus, wenn es einen Menschen zweimal gibt: Am Ende des Treffens im „Café Liebling“ in Berlin Prenzlauer Berg nimmt Sascha Lobo je ein Smartphone in seine Hände und wischt mit beiden Daumen gleichzeitig über die berührungsempfindlichen Bildschirme. Fast zwei Stunden war der Mann offline, den Medien mal den „Netzpapst“ und mal die „Internet-Ikone“ nennen.

Es gibt einiges nachzuholen – für den öffentlichen Sascha Lobo, dem das Android-Gerät in der einen Hand gehört, und für den privaten Sascha Lobo, der das Apple-Gerät sein Eigen nennt. Die Nummer des einen findet jeder im Internet, die Nummer des anderen ist geheim. „Ich glaube, es ist heute notwendig, zwei Persönlichkeiten zu führen“, sagt Lobo, als er mit dem Wischen fertig ist. Eine fürs Privatleben, eine für die Selbstvermarktung.

Einer, der im, mit und vom Internet lebt

Was das Eigenmarketing betrifft, ist Sascha Lobo Fachmann. Im Jahr 2006 veröffentlichte der ehemalige Werbetexter zusammen mit Holm Friebe sein Sachbuch „Wir nennen es Arbeit – die digitale Boheme oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“, eine Anleitung zur Selbständigkeit in Zeiten der Digitalisierung. Das Buch habe die Grundlage für ein Unternehmertum im basalen Sinne gelegt, sagt Lobo: „Freiberufliche Künstler oder Kulturschaffende vergeben Aufträge an sich selbst.“ Sie leben im, mit und vom Internet.

In seinem Fall ging es um das essayistisch angehauchte Schreiben eines Blogs. Er vergab also Aufträge an seine Finger und seinen Kopf. „Wir waren der Meinung, dass wir vom Bloggen leben können müssen.“ Erfolgreicher noch als das Bloggen wurde das zugehörige Buch, mit ihm wurden seine Autoren bekannt. Besser gesagt: Der eine, Holm Friebe, wurde bekannt, der andere, Sascha Lobo, startete richtig durch. Er ist wohl immer noch der prominenteste Blogger Deutschlands.

Klassensprecher oder Klassenclown?

Lobo hat selbst für diese Bekanntheit gesorgt, indem er bis heute ausdauernd als Fachmann bereitsteht, um im Fernsehen das Internet für Otto-Normaluser zu erklären. Die Tagesthemen blenden ihn zum Thema Google Street View ein, in Anne Wills Talkshow sitzt er, um über die Enthüllungsplattform Wikileaks zu reden. Er gilt als der „Klassensprecher“ der hiesigen Blogosphäre, der Szene der deutschsprachigen Blogger. Viele von ihnen hielten und halten Lobo allerdings eher für den Klassenclown.

Lobo selbst redet von all diesen Charakterisierungen als „Zuschreibungen“. „Ich war vielleicht nicht der Erste, aber einer der Lautesten, der die Zuschreibung Internet strategisch genutzt hat nach dem Motto: Jetzt besetze ich eine Lücke“, sagt Lobo. Er habe erkannt, dass solche Etiketten auch einen finanziellen Wert haben könnten.

Lobo bleibt im Gedächtnis – auch wegen seines Äußeren

Zur Marke Sascha Lobo gehört neben der Tätigkeit als Internet-Erklärbär der Nation auch sein Äußeres. Wie sehr man sich auch bemüht, es außen vorzulassen, es gelingt nicht, allenfalls lässt es sich hinauszögern. Nicht umsonst verweist fast jeder der vielen Texte über Lobo spätestens im zweiten Absatz auf seine Haargestaltung, meist verbunden mit dem ihm zugeschriebenen Zitat, er sei „Inhaber einer gutgehenden Frisur“.

Wie prägnant Lobos Kopf ist, zeigt sich im „Café Liebling“. Lobo hat gerade Platz genommen, da treten die Schriftsteller Tillmann Rammstedt und Thomas Pletzinger durch die Tür – der eine Bachmannpreisträger, der andere gefeiert für sein Romandebüt. Da stehen also drei Autoren, alle Jahrgang 1975, plaudern kurz über Basketball, und am Ende werden der unrasierte Rammstedt und der kahlgeschorene Pletzinger wieder aus dem Kurzzeitgedächtnis der übrigen Gäste verschwunden sein. Lobo aber bleibt: schwarzer Anzug, weißes Hemd, rote, hochgegelte Haarspitzen. Innerlich habe er schon immer diesen Irokesenschnitt mit sich herumgetragen, sagt Lobo. Äußerlich legte er ihn sich 2006 zu, um „Wir nennen es Arbeit“ auf der Frankfurter Buchmesse zu bewerben.

Bis heute lebt er auch im buchstäblichen Sinne von seinem Kopf. Er selbst nennt sich „Autor und Strategieberater“. Einen Großteil seines Einkommens verdient er mit Vorträgen, die er meist für Konzerne hält. Im vergangenen Jahr habe er am häufigsten für Siemens auf der Bühne gestanden. Auch dann geht es wieder darum, andere in die Geheimnisse des Internets einzuweihen. „Ich erkläre, wie sie die Mechanismen der digitalen Welt für ihre Geschäftsmodelle ausschöpfen können.“ Die Zusammenarbeit mit den Konzernen habe darstellenden Charakter. Die Unternehmen böten ihm ein Podium, spielten in seinen Vorträgen aber keine Rolle.

Er hat gelernt, die Antipathie ins Verhältnis zu setzen

Weniger Applaus gab es, als Lobo vor einigen Jahren sein Gesicht für eine Kampagne des Mobilfunkkonzerns Vodafone hergab. Werbung ist unter Bloggern generell verpönt. Doch dann auch noch die Produkte eines Unternehmens zu Markte tragen, das sich kurz zuvor für Netzsperren ausgesprochen hatte, brachte die Bloggerseelen zum Lodern.

Bereuen sei das falsche Wort, sagt Lobo, wenn er heute auf dieses Engagement blickt. „Ich fand es damals richtig mitzumachen.“ Auch aus finanzieller Perspektive: Ein großer Teil des Honorars sei in die Internetseiten geflossen, die er mit dem von ihm mitgegründeten Blogvermarktungsunternehmen „Adnation“ unterstützte. „Ich habe immer sehr viel Wert darauf gelegt, mir meine Meinung oder mein Schweigen nicht abkaufen zu lassen.“

Einige Menschen im Netz waren da anderer Meinung und beschworen einen Shitstorm herauf: einen Sturm, bei dem Nutzer in Online-Foren Beleidigungen über dem Bestürmten auskippen. Der Vodafone-Shitstorm war nicht der erste und wird auch nicht der letzte in Sascha Lobos Karriere sein. „Ich war von Anfang an und absichtlich eine kontroverse Figur im Netz. Es gibt immer einen bestimmen Anteil an Leuten, die laut aufschreien, fast egal, was ich mache“, schrieb Lobo kurz danach in seinem Blog.

“Am Anfang hat das weh getan“, sagt Lobo heute. „Das waren undifferenzierte Reaktionen von Menschen, die sich null mit Inhalten beschäftigt haben.“ Irgendwann hat er gelernt, die Antipathie ins Verhältnis zu setzen zur Zustimmung – oder wenigstens zur schweigenden Mehrheit. „Wenn man über Twitter oder Facebook Zehntausende Menschen erreicht, und 30 schreiben eine Hassmail, dann lernt man irgendwann zu abstrahieren.“

Ironie und ein gesunder Abstand zu sich selbst hätten geholfen, Etiketten wie „Blogwurst“ abzustreifen. Lobos Wiedererkennbarkeit ist Fluch und Segen zugleich. „Sie kann die Sympathie fördern.“ Aber der erste Eindruck, den manche Menschen hätten, reiche auch aus, um abgelehnt zu werden, sagt Lobo und zitiert frei nach Goethe: „Man erkennt die Absicht und ist verstimmt.“

Die „kontrastierende Lächerlichkeit“ eines Irokesen im Anzug

Den öffentlichen Lobo habe er trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen geschaffen, weil es für ihn wichtig sei, kontrastierende Lächerlichkeit herzustellen: einen Irokesen mit einem Anzug zu kombinieren, zum Beispiel. „Wenn man Lächerlichkeit einplant und damit umgehen kann, hat man weniger Angst zu scheitern“, sagt Lobo. „Den Mut zu haben, sich zum Horst zu machen, ist wichtig für die Seelenhygiene.“ Offen bleibt, um welche seiner beiden Seelen es in solchen Sätzen geht.

Dann muss der öffentliche Sascha Lobo weg, weil der private unter Zeitdruck steht. Nach „gefühlten 3000 Semestern“ will er doch noch eine Diplomarbeit im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Berliner Universität der Künste einreichen. An diesem Samstag läuft die Frist aus. Er sei inzwischen längst über den Punkt hinaus, ob er bestehe oder nicht: „Es geht jetzt nur noch darum, wie gut die Arbeit wird.“ Lobo untersucht, wie große Bewegungen im Internet zustande kommen. Wie das Netz dazu beiträgt, dass bestimmte Eindrücke hängenbleiben.

Die „Zensursula“ zum Beispiel – das vom Internet geprägte Bild der damaligen CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen. Sie wollte mit Internetsperren gegen Kinderpornographie vorgehen. Kritiker warfen ihr vor, sie sorge dafür, Meinungsfreiheit einzuschränken. „Der Wahrheitsgehalt ist dabei zweit- oder drittrangig“, sagt Lobo und klingt so, als ob er das mit Blick auf seine eigenen Stürme am besten wüsste.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt ...

... mit Kaffee.

Die Zeit vergesse ich ...

... selten – außer bei Dingen, die ich überhaupt nicht kann, die mir aber trotzdem Spaß machen.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... muss herausfinden, was mein Geschäft ist: Strategieberatung, Bücher, Vorträge. Hilfreich sind dabei viel Freude am Auswerten von Informationen und Gespür fürs Publikum. Das Wichtigste bleibt aber die Frisur.

Erfolge feiere ich ...

... oft und gern, häufig schon bevor sie sich überhaupt einstellen.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn Technik nicht funktioniert. Menschen gegenüber bestehe ich meistens aus purem Zen.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... Autor werden. Heute bin ich: Autor. Passt ganz gut.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

...  – ich würde alles noch einmal machen, nur ganz anders.

Geld macht mich ...

... direkt satt und indirekt glücklich. Man kann auch ohne Geld glücklich sein, es ist nur unglaublich anstrengend, weil dann wenig Zeit bleibt für Liebe, Freunde, Familie.

Rat suche ich ...

... bei meiner Frau und Freunden.

Familie und Beruf sind ...

... bei mir sehr gut zu vereinbaren – aber das ist ein großer Luxus und alles andere als selbstverständlich.

Den Kindern rate ich ...

... beim Geborenwerden viel Glück zu haben. Geburtsort und Status der Eltern entscheiden immer noch weitestgehend über ihre Chancen.

Mein Weg führt mich ...

... ins Ungewisse, aber immerhin bereitet es mir währenddessen Freude. 

 

Zur Person

Sascha Lobo wird am 11. Mai 1975 in Berlin geboren. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Argentinier.

Lobo studiert unter anderem Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin und gründet eine auf den Neuen Markt spezialisierte Agentur, die 2001 pleitegeht.

Über diese Erfahrung hat er 2010 den Roman „Strohfeuer“ geschrieben. Gemeinsam mit anderen Autoren hat er zudem vier Sachbücher veröffentlicht. -Er ist einer der bekanntesten Twitterer Deutschlands und lebt als Autor und Strategieberater in Berlin.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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