Home
http://www.faz.net/-gyl-6ytfj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Sascha Lobo Ein Mann, zwei Seelen

Sascha Lobo ist der bekannteste und provokanteste Blogger in Deutschland. Ein Lehrstück über Eigenmarketing in der digitalen Welt.

© Pein, Andreas Autor und ewiger Student: Sascha Lobo will nun doch noch seine Diplomarbeit abgeben.

So sieht das aus, wenn es einen Menschen zweimal gibt: Am Ende des Treffens im „Café Liebling“ in Berlin Prenzlauer Berg nimmt Sascha Lobo je ein Smartphone in seine Hände und wischt mit beiden Daumen gleichzeitig über die berührungsempfindlichen Bildschirme. Fast zwei Stunden war der Mann offline, den Medien mal den „Netzpapst“ und mal die „Internet-Ikone“ nennen.

Martin Gropp Folgen:

Es gibt einiges nachzuholen – für den öffentlichen Sascha Lobo, dem das Android-Gerät in der einen Hand gehört, und für den privaten Sascha Lobo, der das Apple-Gerät sein Eigen nennt. Die Nummer des einen findet jeder im Internet, die Nummer des anderen ist geheim. „Ich glaube, es ist heute notwendig, zwei Persönlichkeiten zu führen“, sagt Lobo, als er mit dem Wischen fertig ist. Eine fürs Privatleben, eine für die Selbstvermarktung.

Einer, der im, mit und vom Internet lebt

Was das Eigenmarketing betrifft, ist Sascha Lobo Fachmann. Im Jahr 2006 veröffentlichte der ehemalige Werbetexter zusammen mit Holm Friebe sein Sachbuch „Wir nennen es Arbeit – die digitale Boheme oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“, eine Anleitung zur Selbständigkeit in Zeiten der Digitalisierung. Das Buch habe die Grundlage für ein Unternehmertum im basalen Sinne gelegt, sagt Lobo: „Freiberufliche Künstler oder Kulturschaffende vergeben Aufträge an sich selbst.“ Sie leben im, mit und vom Internet.

In seinem Fall ging es um das essayistisch angehauchte Schreiben eines Blogs. Er vergab also Aufträge an seine Finger und seinen Kopf. „Wir waren der Meinung, dass wir vom Bloggen leben können müssen.“ Erfolgreicher noch als das Bloggen wurde das zugehörige Buch, mit ihm wurden seine Autoren bekannt. Besser gesagt: Der eine, Holm Friebe, wurde bekannt, der andere, Sascha Lobo, startete richtig durch. Er ist wohl immer noch der prominenteste Blogger Deutschlands.

Klassensprecher oder Klassenclown?

Lobo hat selbst für diese Bekanntheit gesorgt, indem er bis heute ausdauernd als Fachmann bereitsteht, um im Fernsehen das Internet für Otto-Normaluser zu erklären. Die Tagesthemen blenden ihn zum Thema Google Street View ein, in Anne Wills Talkshow sitzt er, um über die Enthüllungsplattform Wikileaks zu reden. Er gilt als der „Klassensprecher“ der hiesigen Blogosphäre, der Szene der deutschsprachigen Blogger. Viele von ihnen hielten und halten Lobo allerdings eher für den Klassenclown.

Lobo selbst redet von all diesen Charakterisierungen als „Zuschreibungen“. „Ich war vielleicht nicht der Erste, aber einer der Lautesten, der die Zuschreibung Internet strategisch genutzt hat nach dem Motto: Jetzt besetze ich eine Lücke“, sagt Lobo. Er habe erkannt, dass solche Etiketten auch einen finanziellen Wert haben könnten.

Lobo bleibt im Gedächtnis – auch wegen seines Äußeren

Zur Marke Sascha Lobo gehört neben der Tätigkeit als Internet-Erklärbär der Nation auch sein Äußeres. Wie sehr man sich auch bemüht, es außen vorzulassen, es gelingt nicht, allenfalls lässt es sich hinauszögern. Nicht umsonst verweist fast jeder der vielen Texte über Lobo spätestens im zweiten Absatz auf seine Haargestaltung, meist verbunden mit dem ihm zugeschriebenen Zitat, er sei „Inhaber einer gutgehenden Frisur“.

Wie prägnant Lobos Kopf ist, zeigt sich im „Café Liebling“. Lobo hat gerade Platz genommen, da treten die Schriftsteller Tillmann Rammstedt und Thomas Pletzinger durch die Tür – der eine Bachmannpreisträger, der andere gefeiert für sein Romandebüt. Da stehen also drei Autoren, alle Jahrgang 1975, plaudern kurz über Basketball, und am Ende werden der unrasierte Rammstedt und der kahlgeschorene Pletzinger wieder aus dem Kurzzeitgedächtnis der übrigen Gäste verschwunden sein. Lobo aber bleibt: schwarzer Anzug, weißes Hemd, rote, hochgegelte Haarspitzen. Innerlich habe er schon immer diesen Irokesenschnitt mit sich herumgetragen, sagt Lobo. Äußerlich legte er ihn sich 2006 zu, um „Wir nennen es Arbeit“ auf der Frankfurter Buchmesse zu bewerben.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Shitstorm-Interpreten Berechtigter Protest oder pure Aggression?

Die Kritik am Shitstorm sei eine Diffamierung der Netzszene meint der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Offenbar weiß nicht jeder einen Shitstorm von berechtigter Kritik zu unterscheiden. Mehr Von Michael Hanfeld

22.07.2015, 14:57 Uhr | Feuilleton
Rumänien Ein Kater zum Chef

Boss", ein Kater im Anzug, ist das neue Gesicht einer kleinen Firma mit Sitz in Bukarest, die Geschenkartikel verkauft. In Rumänien ist Boss bereits ein Internet-Star. Mehr

20.06.2015, 10:55 Uhr | Gesellschaft
Bernhard Pörksen zu Shitstorms Empörung hat stets ein Doppelgesicht

Haben Shitstorms ihr Gutes? Wohl kaum. Doch ist nicht jeder Aufschrei ein Shitstorm. Wie unterscheiden wir zwischen Großprotest und Hasskundgebung? Mehr Von Michael Hanfeld

24.07.2015, 13:05 Uhr | Feuilleton
Cyber-Angriffe Tipps für Unternehmen gegen Internet-Attacken

Verlust von Kunden- oder Unternehmensdaten, Betriebsstörungen durch Computerschädlinge, bis hin zum Imageverlust: Deutlich mehr Unternehmen haben mit Angriffen aus dem Internet zu kämpfen. Aber investieren Unternehmen genug in die IT-Sicherheit? Joachim Bühler vom Branchenverband Bitkom gibt Antworten. Mehr

17.02.2015, 10:18 Uhr | Wirtschaft
Einlassverbot im Hofbräukeller Die Rache der ungeliebten Gäste

Mit einem Reservierungsverbot für Studentenverbindungen handelte sich der Wirt des Münchner Hofbräukellers einen deftigen Shitstorm ein. Mehr Von Albert Schäffer, München

23.07.2015, 19:08 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 02.04.2012, 06:00 Uhr