http://www.faz.net/-gyl-6ytfj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 02.04.2012, 06:00 Uhr

Sascha Lobo Ein Mann, zwei Seelen

Sascha Lobo ist der bekannteste und provokanteste Blogger in Deutschland. Ein Lehrstück über Eigenmarketing in der digitalen Welt.

von
© Pein, Andreas Autor und ewiger Student: Sascha Lobo will nun doch noch seine Diplomarbeit abgeben.

So sieht das aus, wenn es einen Menschen zweimal gibt: Am Ende des Treffens im „Café Liebling“ in Berlin Prenzlauer Berg nimmt Sascha Lobo je ein Smartphone in seine Hände und wischt mit beiden Daumen gleichzeitig über die berührungsempfindlichen Bildschirme. Fast zwei Stunden war der Mann offline, den Medien mal den „Netzpapst“ und mal die „Internet-Ikone“ nennen.

Martin Gropp Folgen:

Es gibt einiges nachzuholen – für den öffentlichen Sascha Lobo, dem das Android-Gerät in der einen Hand gehört, und für den privaten Sascha Lobo, der das Apple-Gerät sein Eigen nennt. Die Nummer des einen findet jeder im Internet, die Nummer des anderen ist geheim. „Ich glaube, es ist heute notwendig, zwei Persönlichkeiten zu führen“, sagt Lobo, als er mit dem Wischen fertig ist. Eine fürs Privatleben, eine für die Selbstvermarktung.

Einer, der im, mit und vom Internet lebt

Was das Eigenmarketing betrifft, ist Sascha Lobo Fachmann. Im Jahr 2006 veröffentlichte der ehemalige Werbetexter zusammen mit Holm Friebe sein Sachbuch „Wir nennen es Arbeit – die digitale Boheme oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“, eine Anleitung zur Selbständigkeit in Zeiten der Digitalisierung. Das Buch habe die Grundlage für ein Unternehmertum im basalen Sinne gelegt, sagt Lobo: „Freiberufliche Künstler oder Kulturschaffende vergeben Aufträge an sich selbst.“ Sie leben im, mit und vom Internet.

In seinem Fall ging es um das essayistisch angehauchte Schreiben eines Blogs. Er vergab also Aufträge an seine Finger und seinen Kopf. „Wir waren der Meinung, dass wir vom Bloggen leben können müssen.“ Erfolgreicher noch als das Bloggen wurde das zugehörige Buch, mit ihm wurden seine Autoren bekannt. Besser gesagt: Der eine, Holm Friebe, wurde bekannt, der andere, Sascha Lobo, startete richtig durch. Er ist wohl immer noch der prominenteste Blogger Deutschlands.

Klassensprecher oder Klassenclown?

Lobo hat selbst für diese Bekanntheit gesorgt, indem er bis heute ausdauernd als Fachmann bereitsteht, um im Fernsehen das Internet für Otto-Normaluser zu erklären. Die Tagesthemen blenden ihn zum Thema Google Street View ein, in Anne Wills Talkshow sitzt er, um über die Enthüllungsplattform Wikileaks zu reden. Er gilt als der „Klassensprecher“ der hiesigen Blogosphäre, der Szene der deutschsprachigen Blogger. Viele von ihnen hielten und halten Lobo allerdings eher für den Klassenclown.

Lobo selbst redet von all diesen Charakterisierungen als „Zuschreibungen“. „Ich war vielleicht nicht der Erste, aber einer der Lautesten, der die Zuschreibung Internet strategisch genutzt hat nach dem Motto: Jetzt besetze ich eine Lücke“, sagt Lobo. Er habe erkannt, dass solche Etiketten auch einen finanziellen Wert haben könnten.

Lobo bleibt im Gedächtnis – auch wegen seines Äußeren

Zur Marke Sascha Lobo gehört neben der Tätigkeit als Internet-Erklärbär der Nation auch sein Äußeres. Wie sehr man sich auch bemüht, es außen vorzulassen, es gelingt nicht, allenfalls lässt es sich hinauszögern. Nicht umsonst verweist fast jeder der vielen Texte über Lobo spätestens im zweiten Absatz auf seine Haargestaltung, meist verbunden mit dem ihm zugeschriebenen Zitat, er sei „Inhaber einer gutgehenden Frisur“.

Wie prägnant Lobos Kopf ist, zeigt sich im „Café Liebling“. Lobo hat gerade Platz genommen, da treten die Schriftsteller Tillmann Rammstedt und Thomas Pletzinger durch die Tür – der eine Bachmannpreisträger, der andere gefeiert für sein Romandebüt. Da stehen also drei Autoren, alle Jahrgang 1975, plaudern kurz über Basketball, und am Ende werden der unrasierte Rammstedt und der kahlgeschorene Pletzinger wieder aus dem Kurzzeitgedächtnis der übrigen Gäste verschwunden sein. Lobo aber bleibt: schwarzer Anzug, weißes Hemd, rote, hochgegelte Haarspitzen. Innerlich habe er schon immer diesen Irokesenschnitt mit sich herumgetragen, sagt Lobo. Äußerlich legte er ihn sich 2006 zu, um „Wir nennen es Arbeit“ auf der Frankfurter Buchmesse zu bewerben.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Graffito zu Flüchtlingsjungen Tod und Teddys

Ist das ein angemessener Umgang mit dem Grauen der Flucht? Das Graffito des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi an der Frankfurter Osthafenmole wirft Fragen auf. Mehr Von Matthias Trautsch, Frankfurt

13.07.2016, 10:24 Uhr | Rhein-Main
Entlegene Regionen Facebook testet Drohnen für bessere Internet-Verbindung

Mit Hilfe von unbemannten Drohnen will Facebook die Internet-Qualität besonders in entlegenen Regionen verbessern. Der Name dieses Prototyps lautet Aquila. Wie die Firma verkündete, sei nun in Yuma im amerikanischen Bundesstaat Arizona ein 96-minütiger Testflug gelungen. Mehr

22.07.2016, 15:16 Uhr | Wirtschaft
Repressionen in Russland Putins kalte Flamme

Putin möchte von seinen Untertanen gefürchtet werden, und sie liefert ihm die Instrumente dazu: Die Abgeordnete Irina Jarowaja sorgt für den gesetzlichen Rahmen der staatlichen Repressalien. Mehr Von Kerstin Holm

21.07.2016, 11:27 Uhr | Feuilleton
Madagaskar Slam Poetry gibt Frauen eine Stimme

Mit ihren kritischen Texten über die Globalisierung oder Gewalt an Frauen ist die madagassische Slam-Poetry-Sängerin Caylah zum Internet-Hit geworden. Sie nutzt ihre neue Berühmtheit, um mit ihrer Kunst anderen Frauen zu helfen. Mehr

15.07.2016, 10:29 Uhr | Feuilleton
Wormser Nibelungen-Festspiele Komm, mein Schwert, und tanz mit mir für König Gunther

Wettstreit der Egos, Plastikdrachen für die Premierengäste: Nuran David Calis inszeniert die Uraufführung von Albert Ostermaiers Komödie Gold zur Eröffnung der Nibelungen-Festspiele. Mehr Von Kerstin Holm

20.07.2016, 10:32 Uhr | Feuilleton