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Roger Köppel Auf Angriff gebürstet

Roger Köppel ist der umstrittenste Journalist der Schweiz. Mit seiner „Weltwoche“ attackiert er den linksliberalen Mainstream - und geht ein hohes Risiko ein.

© Michael Hauri Vergrößern Roger Köppel

Besonders schweizerisch sieht es im Konferenzraum nicht aus. Statt Heidi-Postern hängen riesige Fotos von exotischen Models an den Wänden. Auf den Holztisch in der Mitte hat Roger Köppel einen Stapel der aktuellen „Weltwoche“ gelegt. Er hat die Zeitschrift völlig umgekrempelt, modernisiert und von links nach rechts gedreht. Für seine Leser repräsentiert sie die besten Seiten der Schweiz. Für viele Intellektuelle ist sie ein rotes Tuch. Manche hassen Köppel. „Ist ein Journalist nicht links, muss er entweder krank, gekauft, ferngesteuert oder auf andere Weise defekt sein“, sagt er ironisch. Die Angriffe spornen ihn eher an, noch mehr gegen den Mainstream zu schwimmen.

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Ohne Zweifel ist der 46 Jahre alte Journalist heute der größte Unruhestifter der Schweizer Medienszene. Und auch in deutschen Talkshows besetzt er häufig die Position des politisch Unkorrekten. Wer Köppel in der Förrlibuckstraße im Nordwesten Zürichs besucht, in einem eher tristen Gewerbebau aus Beton und Glas, wo auch der Springer-Verlag seine Schweizer Magazine produzieren lässt, der trifft einen smarten, hellwachen, auch angespannt wirkenden Mann. Seine kleinen Augen blitzen, er holt mit den Armen weit aus, klopft auf den Tisch und schiebt das markante Kinn vor, wenn er von seiner Mission als Verleger der „Weltwoche“ redet. „In der Demokratie haben Zeitungen die Aufgabe, Meinungsvielfalt herzustellen, aber faktisch haben wir wenig Meinungsvielfalt, die meisten Journalisten schreiben konformistisch über bestimmte Themen.“

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Köppel liebt die heißen Eisen, die andere für politisch unkorrekt oder zu sensibel halten. Er sieht sich nicht als „rechts“, sondern als klassischen Liberalen. Keine andere deutschsprachige Zeitschrift schreibt derart scharf gegen den Steuer- und Wohlfahrtsstaat, der die Bürger entmündige. Gegen Sozialleistungsmissbrauch, den die Linke schweigend dulde. Gegen eine unkontrollierte Zuwanderung, welche schwer zu integrieren sei. Köppels Zeitschrift hat Sarrazins Buch gegen Kritiker verteidigt und den Minarett-Entscheid der Schweizer als legitimen Ausdruck direkter Demokratie gefeiert.

Anpasser und Problemverdränger

Seine Kritiker sagen, Köppel betreibe Polemik und schüre Angst. Köppel sieht das ganz anders: Die meisten Journalisten seien Anpasser und Problemverdränger. „Wir sind der Stachel im Fleisch der ganzen medialen Szene, und wir kümmern uns nicht um politisch korrekte Meinungsdiktate.“ Die Rolle des kritischen Journalisten vergleicht er mit der eines Arztes: „Wenn der Patient zum Arzt geht, will er auch nicht gerne hören, dass er eine Krankheit hat, aber der Arzt muss ihn darauf aufmerksam machen.“ Köppel sucht fieberhaft nach Enthüllungsgeschichten. So hat die „Weltwoche“ jüngst durch aggressive Berichte den Fall des Notenbankpräsidenten Philipp Hildebrand herbeigeführt, der über dubiose Devisengeschäfte stolperte.

Das Interesse an der Politik hat Köppel erst spät entwickelt. Seine Familie beschreibt er als völlig unpolitisch. Der Vater arbeitete hart. Nach einer Maurerlehre gründete er bei Zürich ein Bauunternehmen, das in seinen besten Tagen etwa 150 Arbeiter beschäftigte. Die Mutter machte die Buchhaltung. Als sich die Eltern scheiden ließen, zog Köppel mit der Mutter. Als er 13 Jahre alt war, starb seine Mutter; fortan lebte er beim zehn Jahre älteren Bruder.

Berufswunsch Musiker

Dass diese Kindheit nicht leicht war, darüber verliert Köppel im Gespräch kein Wort. Vielmehr erzählt er vom Hockeytraining und vom Schlagzeug-Spielen. Als Jugendlicher hatte er den Berufswunsch Musiker. Dafür reichte sein Talent nicht, merkte er dann, doch noch heute liebt er Jazz. Vom Journalismus war damals keine Rede. Nur eine Lehrerin habe ihm prophezeit: „Der Roger wird bestimmt mal Reporter.“

Dass es so kam, ist ein Zufall. Ein Regionalblatt sucht einen freien Mitarbeiter, Philosophiestudent Köppel sieht die Anzeige und probiert es als Nebenjob. Später schreibt er für den Sportteil der „Neuen Zürcher Zeitung“. Im Studium widmet er sich vor allem der politischen Philosophie. Besonders angetan haben es ihm die schottischen Aufklärer wie David Hume und Adam Smith sowie moderne klassische Liberale. Er schätzt Hayek mehr als Habermas.

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Veröffentlicht: 19.01.2012, 12:40 Uhr