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Robert Dekeyser Er kann nur angreifen

08.12.2011 ·  Als Fußballprofi begann seine Karriere. Eine schwere Verletzung beendete sie jäh. Seitdem baut Robert Dekeyser Rattanmöbel - mit großem Erfolg.

Von Peter-Philipp Schmitt
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© Pilar, Daniel Robert Dekeyser

Vor einiger Zeit gab es im französischen Fernsehen einen Bericht über Robert Dekeyser, den so erfolgreichen Möbelhersteller aus Deutschland. Selbstverständlich wurde in dem Bericht auch darauf hingewiesen, dass der gebürtige Belgier einst ein erfolgreicher Profi-Fußballspieler war, der unter anderem beim FC Bayern München im Tor stand. So weit, so richtig - auch wenn er als Ersatztorhüter beim deutschen Rekordmeister nicht mehr als einen Einsatz im DFB-Pokal-Achtelfinale 1986 absolvieren konnte. Dann aber erlagen die Fernsehjournalisten einer beliebten Verwechslung: Dekeyser sei außerdem als Teamchef mit der deutschen Nationalmannschaft Fußballweltmeister geworden, behaupteten sie. Das hat in Deutschland bislang jedoch nur einer geschafft: der Kaiser, Franz Beckenbauer.

Dass Robert Dekeyser nicht Franz Beckenbauer ist, hat schon so manches Mal für Irritationen gesorgt. „Vor allem in Asien kommt es vor, dass ein Fußballfan bei meinem Namen hellhörig wird und glaubt, der Kaiser persönlich komme auf Besuch“, sagt Dekeyser und lacht. Weltmeister wie Beckenbauer ist Dekeyser aber nie geworden, und international ist er auch längst nicht so bekannt wie der Spieler aller Spieler aus Deutschland. Allerdings war die Profikarriere des Belgiers - der 1986 mit seinem Wechsel zu Bayern München innerhalb von Tagen auch deutscher Staatsbürger wurde - auch ziemlich früh beendet.

Im Sommer 1990, Dekeyser war gerade 26 Jahre alt und stand inzwischen beim TSV 1860 München im Tor, zertrümmerte ihm ein Spieler die linke Gesichtshälfte mit dem Ellenbogen. Dekeyser wurde schwer verletzt, verlor fast sein Auge, lag wochenlang im Krankenhaus. Er haderte mit sich und seiner Zukunft. „Ich habe dann aus der Zeitung erfahren, dass mein Verein schon längst einen Nachfolger für mich engagiert hatte.“ Der Rekonvaleszent schloss daraufhin im besten Fußballspieleralter mit seiner Sportlerkarriere ab. Und das, obwohl er immer nur eines wollte: als Fußballer Karriere machen.

Torwartkünste in der Tiefgarage

Für diesen Berufswunsch habe es einen einfachen Grund gegeben, erzählt der heute 47 Jahre alte Dekeyser: „Frauen.“ So verkündete er mit gerade mal 15 Jahren im Englischunterricht, dass die Schule nichts für ihn sei. Er schmiss hin, weil er Profifußballspieler werden wollte, denn so, das hatte der Pubertierende erkannt, kam er „an die tollen Mädchen“ ran. „Ich wollte so schnell wie möglich die Frau fürs Leben finden und heiraten.“ Und das gelang ihm auch.

Zunächst aber wurde er ein ziemlich guter Torwart, der nach einer zufälligen Begegnung mit Jean-Marie Pfaff in die Bundesliga wechseln konnte. Seinen belgischen Landsmann, damals Torhüter des FC Bayern München, traf er eines Tages in der Tiefgarage eines Hotels. Dort zeigte er Pfaff, was er konnte, kurz darauf wurde er schon vom Münchner Erfolgsclub unter Vertrag genommen. Mit den Bayern wurde Dekeyser 1987 deutscher Meister, allerdings ohne einen einzigen Bundesligaeinsatz.

Zu dieser Zeit hatte er bereits seine große Liebe gefunden, seine Frau Ann-Kathrin. Später, nach Dekeysers Verletzung und Fußball-Aus, schmiedeten sie gemeinsam Zukunftspläne. „Meine Frau und ich waren schon immer viel lieber im Garten und auf der Terrasse“, erzählt Dekeyser. „Unsere Rattanmöbel aber, die wir so sehr mochten, gingen wahnsinnig schnell kaputt.“ So erfand der Belgier die Flechtmöbel neu mit einem Material, mit dem schon sein Großvater beruflich zu tun hatte, einem Kunststoff, aus dem unter anderem Griffe für Waschmittelpackungen hergestellt werden. Bis heute wird in Lüneburg unter der Leitung seines Onkels, Seppi Hummer, an der wetterfesten, licht- und hitzebeständigen Dedon-Faser mit dem Namen „Hularo“ getüftelt. „Hu“ steht dabei für den Namen seiner kunststoffproduzierenden Familie mütterlicherseits (Hummer), „La“ für den Anwalt, der das Namensrecht anmeldete (Latscha), „Ro“ für „rotin“, französisch für Rattan.

„Ein Held wird schnell zum Depp“

Mit einer Rolle des neu entwickelten und inzwischen tausendfach kopierten Polyrattans machte sich der Jungunternehmer in Begleitung seiner Frau und ihrer drei kleinen Kinder vor 18 Jahren auf den Weg nach Cebu. Die philippinische Insel ist berühmt für ihre Flechtkünstler. In sechs Monaten entstand das erste Outdoor-Wohnzimmer, für das Dekeyser wenig später, zurück in Deutschland, seinen ersten Großabnehmer fand: 1000 Sessel für eine Hotelanlage auf den Bahamas. „Binnen weniger Monate gingen alle Möbel kaputt, Hotelgäste verletzten sich sogar“, erzählt Dekeyser. Er gab nicht auf. „Ich kann nur angreifen.“ Das habe er als Fußballspieler gelernt. Und noch eines: „Ein Held wird schnell zum Depp.“

Mittlerweile sind seine Möbel mindestens genauso zählebig wie er. Und sie sind ein Verkaufsschlager. Die Stühle, Tische und Bänke mit Namen wie „Barcelona“, „Daydream“ und „Orbit“ stehen bei Hollywoodstars wie Angelina Jolie und Brad Pitt genauso wie im jordanischen oder marokkanischen Königshaus. Sie schmücken die Anlagen so sternenreicher Hotelketten wie „Four Seasons“ und „Shangri-La“, und natürlich entspannt auch die deutsche Fußballnationalmannschaft bei großen Meisterschaften auf Dekeysers Möbeln. Sein „Nestrest“, ein überdimensionales Vogelnest zum Hinhängen oder -stellen, war in diesem Sommer das wohl meist abgebildete Gartenmöbel der Welt.

Der Erfolg hat Dekeyser verwöhnt, so sehr, dass sich der Unternehmer im Alter von 40 Jahren schon zunehmend anderen Leidenschaften widmen konnte. Dedons Wachstumsraten lagen bei bis zu 80 Prozent, davon können die meisten Möbelhersteller selbst in den besten Zeiten nur träumen. Doch die Wirtschaftskrise nötigte Dekeyser im Jahr 2008, sich wieder mehr in seinem Unternehmen zu engagieren. Es bestand die Gefahr, dass neue Investoren die von ihm eingeführten und kostspieligen Errungenschaften für seine weltweit rund 3200 Mitarbeiter wieder abschaffen könnten.

„Kuschelkapitalist“

Wer etwas über das Betriebsklima bei Dedon erfahren möchte, besucht Dekeyser am besten um die Mittagszeit. Der Chef sitzt mit seinen Mitarbeitern in der Kantine - und alle sitzen selbstverständlich auf Möbeln aus der eigenen Kollektion. Die Arbeit ruht, wie jeden Mittag von 12.30 Uhr an. Für die Küche bei Dedon ist die Sizilianerin Adriana Vinci verantwortlich. Heute gibt es Pasta Gorgonzola mit Pfifferlingen und Rinderfiletstreifen. Das Essen kostet die Angestellten nichts, genauso wie einige andere Annehmlichkeiten, die Teil der Dedon-Philosophie sind. Dazu gehören zum Beispiel Tango-, Yoga- und Fitnesskurse, jeweils mit einem „Personal Trainer“, die im unternehmenseigenen Sport- und Wellnessbereich meist nach Feierabend stattfinden. Hinter dem Firmengebäude gibt es selbstverständlich auch einen Fußballplatz, auf dem regelmäßig gekickt wird.

„Ich möchte, dass alle gerne zur Arbeit kommen“, sagt Dekeyser. Darauf hat der Mann, der schon mal als „Kuschelkapitalist“ bezeichnet wird, sein Unternehmen ausgerichtet. Darum hat er selbst auch kein Büro, um möglichst erst gar nicht das Gefühl einer hierarchischen Struktur im Betrieb aufkommen zu lassen. Keiner wird bevorzugt, jeder im Team sitzt auf dem gleichen Stuhl und an dem gleichen Schreibtisch. Der Chef geht, wenn er denn in Lüneburg ist - an 300 Tagen im Jahr ist er meist im eigenen Flugzeug unterwegs -, von Büro zu Büro.

Outdoor-Paradies für Gutbetuchte

Als seine Frau Ann-Kathrin im vergangenen Jahr nach fast 25 Jahren Ehe plötzlich starb, stürzte Dekeyser in seine größte Lebenskrise. Zu dieser Zeit hatte er gerade die Verantwortung für Dedon wieder ganz übernommen. Doch er lässt sich nicht hängen, baut das Dedon-Imperium weiter aus. Er hat auf einer Philippinen-Insel ein Outdoor-Paradies für gutbetuchte Touristen aufgebaut. Im Meer vor Siargao kann der Gast seinen Fisch erst selbst fangen, um ihn abends dann mit einem Sternekoch zuzubereiten. Mit Dedon-Travel, Reisebüro und Reiseveranstalter in einem, will Dekeyser Traumurlaube bieten: zum Beispiel in einem Zelt am Ningaloo-Korallenriff in Australien oder beim Eislochfischen in Lappland.

Und noch einen Traum hat sich Dekeyser erfüllt: Über seine Stiftung Dekeyser & Friends vergibt er Stipendien an junge Menschen, die mit Prominenten wie der Schimpansenforscherin Jane Goodall oder dem Skilauf-Olympiasieger Markus Wasmeier Kultur-, Sport- und Sozialprojekte umsetzen. Im vergangenen Jahr errichteten Jugendliche ein Dorf auf Cebu. 30 Familien, die bislang auf einer Müllhalde und von den dort eingesammelten Abfällen lebten, wurden umgesiedelt. Im nächsten Jahr können junge Torwarttalente in Hamburg lernen, wie weit einen der Fußball im Leben bringen kann. Das Projekt leitet allerdings nicht Dekeyser - er hat sich dafür den früheren Nationaltorhüter Jens Lehmann ausgesucht.

Zur Person

Robert „Bobby“ Dekeyser kommt 1964 in Leuven in Belgien zur Welt. Mit 15Jahren verlässt er die Schule, um Profifußballspieler zu werden.

Von 1986 an spielt er in der Bundesliga, bis ein schwerer Unfall vorzeitig seine Karriere beendet.

Später entwickelt er Rattanmöbel aus einer Kunstfaser und gründet sein Unternehmen Dedon. Es zählt heute zu den größten Möbelherstellern in Deutschland.

Dekeyser, der im Januar mit seinen drei Kindern nach New York ziehen will, hat in diesem Jahr den Reiseveranstalter Dedon-Travel gegründet.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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