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Robert Davis Geldanlage im Stillen

 ·  Eine Krankheit kostete ihn sein Gehör. Heute berät der einstige Terminhändler Robert Davis Bankkunden, die mit ihrer Behinderung klarkommen müssen - und hofft auf Nachahmer in anderen Branchen.

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Wenn Robert Davis mit seinen Kunden spricht, ähnelt das einer kleinen Theateraufführung. Der 50 Jahre alte gebürtige Brite sitzt hinter seinem Schreibtisch mitten im imposanten, überdachten Innenhof der Düsseldorfer Hauptfiliale der Dresdner Bank an der Königsallee. Hinter ihm ragen eine denkmalgeschützte Fassade und ein gewaltiger oberirdischer Tresor empor. Und neben ihm verweist ein gut sichtbares Schild mit einem Ohr und einer schräg durchgezogenen Linie darauf, dass es sich um einen ganz besonderen Arbeitsplatz handelt. Denn Robert Davis ist seit mehreren Jahren gehörlos. Und er berät Kunden, die mit der gleichen Behinderung leben müssen, in der täglichen Geldanlage, spricht mit ihnen über Kontoeröffnungen, die Altersvorsorge oder die Abgeltungsteuer. „Gehörlose haben eine Menge an Kreativität, wenn sie miteinander kommunizieren. Das ist immer ein kleines Theaterstück“, sagt er. Und diesen Improvisationsgeist muss er auch haben, wenn es zum Beispiel darum geht, ein völlig neues Konzept wie die Riester-Rente erst einmal in die Gebärdensprache zu übersetzen und dann auch zu erklären.

Davis kann trotz seiner Behinderung mit jedermann ganz normal reden, denn der großgewachsene Finanzfachmann verlor sein eigenes Hörvermögen erst im Alter von 40 Jahren nach und nach; er weiß also, wie Sprache klingt. Aber er musste lernen, für immer in die Welt der Stille einzutauchen. Wenn er jetzt seinen Kunden gegenübersitzt, redet Davis mit seinen Händen (was er erst mühsam erlernen musste), seiner Mimik und auch mit Worten, falls sein Gegenüber von den Lippen lesen kann oder noch ein gewisses Hörvermögen besitzt. „Heute bin ich fast gehörlos und schwerbehindert, und ich bin selbst dafür verantwortlich, wie gut mein Tag verläuft“, sagt er mit durchaus zufriedener Miene.

Die Krankheit aus Angst lange verschwiegen

Der Sohn eines britischen Soldaten, der selbst einige unangenehme Jahre als Funker in der englischen Kriegsmarine verbrachte und mit 21 Jahren zufällig nach Deutschland kam, hat Glück gehabt, wie er selbst einräumt. Die Krankheit, die zum Hörverlust führte (eine Geschwulst im Ohr), hatte Davis lange Zeit verschwiegen, um seinen Arbeitsplatz als Makler für Termingeschäfte mit wohlhabenden, meist institutionellen Kunden nicht zu gefährden. Zwar machten ihm die Ärzte ziemlich schnell klar, dass Operationen unumgänglich seien, als er eines Morgens plötzlich aus den Ohren blutete. Doch statt sich zu offenbaren, benutzte Davis fortan ein Telefon mit Hörverstärker oder bat seine Geschäftspartner ständig, den Auftrag zu wiederholen. Immerhin ging es bei seiner früheren Tätigkeit um Geschäfte, die nicht selten einen Mindestbetrag von 1 Million Mark hatten. „Ich hatte ständig Angst vor Fehlern, jeden Morgen, wenn ich den Bildschirm eingeschaltet habe“, erzählt er. Aber dem Arbeitgeber von seiner Krankheit zu erzählen kam nicht in Frage, weil er den Verlust seines Jobs befürchten musste. „Im Normalfall ist nach solch einer Krankheit alles weg: der Beruf und auch der Partner, weil man einfach nicht mehr normal miteinander kommunizieren kann. Man fällt in ein sehr tiefes Loch.“

Aber Davis blieb nicht nur vor großen Fehlern als Händler bewahrt, er fand, als sich der Hörverlust irgendwann einfach nicht mehr verheimlichen ließ, mit Hilfe seiner Vorgesetzten auch einen neuen Weg, auf dem er sich seitdem mit großer Leidenschaft bewegt. Wie viele hörgeschädigte Menschen es in Nordrhein-Westfalen genau gibt, weiß niemand, aber die Schätzwerte reichen über eine Million hinaus. Und genau darin sah das regionale Dresdner-Bank-Management eine Geschäftschance: Wenn es gelingen würde, aus dem Terminhändler Robert Davis einen Kundenberater speziell für diese Klientel zu machen, dann könnte sich das für alle Beteiligten auszahlen, lautete die Devise.

Wer ihm nicht ins Gesicht schaut, sieht die gelbe Karte

„Anfangs waren viele Kollegen in der Schalterhalle überrascht, als ich plötzlich dasaß“, erzählt er. Doch das Team habe ihn schnell aufgenommen und mehr noch: den Weg mit ihm geteilt. Montagabends etwa übte die ganze Abteilung gemeinsam die Gebärdensprache. „Sie haben mich immer unterstützt“, sagt er. Und sich an seine kleinen Eigenheiten gewöhnt. Wer mit Davis redet und ihm dabei nicht ins Gesicht schaut, damit er die Lippen lesen kann, bekommt schon mal eine gelbe Karte gezeigt, die er immer in der Hemdtasche bei sich trägt. Und im Wiederholungsfall wird dann auch mal zur roten Karte gegriffen, und er bricht ein Gespräch einfach ab.

Inzwischen betreut Robert Davis einen Stamm von fast 500 Kunden, die mit ihrer Behinderung zum Teil von weither anreisen, und geht mit ihnen auch ins Gespräch mit anderen Bankberatern, wenn es um Themen geht, die er fachlich nicht betreut – Bausparverträge zum Beispiel. Zögerlich ist er bei Wertpapieranlagen oder Fonds, das sei für den Großteil seiner Kunden die falsche Geldanlage, meint er. Denn viele Hörgeschädigte, die zu ihm kommen, zählen zu den Geringverdienern.

Einsames Leben des Gehörlosen überwinden

„Hörgeschädigte Menschen haben eine große Hemmschwelle, überhaupt in eine Bank zu gehen“, sagt Heribert Klein, der Sprecher der Dresdner Bank in Nordrhein-Westfalen. Denn für eine Finanzberatung müssen sie erst einmal einen Übersetzer finden und ihm ihre Vermögenslage offenlegen, um das Gespräch führen zu können. Robert Davis soll ihnen diesen Gang wesentlich erleichtern. Im Jahr 2004 startete die Bank das Pilotprojekt Gehörlosenberater, 15 Monate später war man vom Gelingen überzeugt, und seitdem ist der Brite in der Düsseldorfer Hauptfiliale, die Passanten auch als Durchgang auf ihrem Einkaufsbummel dient, für jedermann sichtbar täglich im Dienst. Mehr noch: Inzwischen hat er Unterstützung bekommen. Eine weitere Bankangestellte in Solingen, die die Gebärdensprache beherrscht, kümmert sich in Teilzeit um die dortigen Kunden.

Aber der Job als Bankberater reicht Davis schon längst nicht mehr aus. Er will über seine Arbeit hinaus aufklären und die Gesellschaft auf die Benachteiligung Gehörloser aufmerksam machen. Deshalb geht er in Schulen und hält dort Vorträge, oder er zeigt der Polizei in Düsseldorf, wie man sich mit Gehörlosen verständigt. Auch ein Netzwerk von Fachleuten aus anderen Berufen – Steuerberater, Anwälte, Ärzte – hat er mit aufgebaut; Menschen, die sowohl hören können als auch die Gebärdensprache beherrschen und die ihren Teil dazu beitragen, beide Welten einander näherzubringen. Zu ihnen kann er seine Kunden auch mal schicken, wenn sie in anderen Lebensfragen als der Geldanlage Rat benötigen. „Wir wollen der Welt zeigen, dass man von Hörgeschädigten keine Angst haben muss und sie nicht isolieren darf“, sagt er. „Das Leben als Gehörloser ist verdammt einsam. Man wird immer wieder weggeschickt.“

Übernahme könnte Projekt gefährden

Zwar haben viele seiner Kunden eine Arbeit, aber meist handelt es sich dabei um eine Stelle irgendwo in einer Verwaltung, wo man sie nicht sieht. Dabei wäre es doch viel sinnvoller, wenn Gehörlose auch Arbeitsplätze hätten, „wo sie in der Öffentlichkeit stehen“, sagt er. Die Kaufhauskonzerne zum Beispiel könnten zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommen wie sein Arbeitgeber und gehörlose Verkaufsberater einstellen, die die Gebärdensprache beherrschen, um den vielen betroffenen Menschen damit einen besseren Service zu bieten – und den Umsatz zu steigern.

Er selbst hat sich mit seiner Behinderung inzwischen arrangiert. Ein Implantat sorgt dafür, dass Davis zumindest einige Geräusche wahrnehmen kann, „so ähnlich wie Unterwasserhören“, beschreibt er es. Aber die Hoffnung, dass die Medizintechnik ihm eines Tages sein Hörvermögen wieder zurückgeben könnte, will er erst gar nicht hegen. „Ich habe gelernt, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind. Anderenfalls würde ich nur immer wieder enttäuscht.“ Die nächste große Veränderung in seinem Leben könnte Robert Davis in Bälde allerdings bevorstehen. Wie alle anderen Dresdner-Bank-Mitarbeiter muss er nach der Übernahme durch die Commerzbank bangen, ob sein Job erhalten bleibt oder ob er am Ende zu den Fusionsopfern zählen wird. Gespräche habe es noch keine gegeben, bis zum Herbst soll aber Klarheit herrschen, sagt er. Um sich selbst mache er sich keine Sorgen, „aber es wäre sehr traurig, wenn das Team auseinandergerissen würde“, fügt Davis hinzu. „Wir haben hier eine sehr gute Basis aufgebaut. Es wäre traurig nicht nur für die Welt der Hörgeschädigten, sondern auch für die hörende Welt.“

Lesen Sie auch: Ich über mich: Robert Davis

Zur Person:

- Robert Davis wird am 19. März 1959 auf einem britischen Militärstützpunkt geboren.

- Mit 21 Jahren kommt er nach Deutschland. In die Finanzbranche rutscht er durch Zufall, als ausgebildeter Funker wird er von Merrill Lynch angeheuert, um Aufträge zur Ausführung an die verschiedenen Börsenplätze zu schicken. In Abendkursen bildet er sich zum Börsenmakler weiter. Nach Stationen bei amerikanischen Brokerhäusern sowie der WGZ-Bank landet Davis 1990 bei der Dresdner Bank.

- Im Jahr 1999 wacht er eines Morgens mit blutenden Ohren auf, wird mehrfach operiert und verliert dennoch sein Hörvermögen. Davis lässt sich zum Finanzberater umschulen und betreut in Düsseldorf gehörlose Kunden der Dresdner Bank.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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