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Rita Forst Die Frau für den Blitz

23.08.2010 ·  Sie gilt als mächtigste Automanagerin Europas. Mitten in der Krise ist Rita Forst Entwicklungschefin von Opel geworden - und Herrin über fast 6000 Ingenieure. „Es war nicht immer ein Zuckerschlecken“, sagt sie über die eigene Karriere.

Von Christoph Ruhkamp
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Eigentlich weiß Rita Forst, dass es für ihre Karriere durchaus eine wichtige Rolle gespielt hat, eine Frau zu sein. Sie spricht aber nicht allzu gerne darüber. Weil das Frausein nämlich alles ein kleines bisschen schwieriger gemacht hat. Oder mit ihren eigenen Worten: „Es war nicht immer ein Zuckerschlecken.“ Zum Beispiel damals, als sie ein halbes Jahr nach der Geburt des ersten von zwei mittlerweile erwachsenen Söhnen wieder zurück in den Betrieb kam. Da musste sie gleichsam zur Strafe für ihre Babypause erst einmal wieder relativ langweilige Arbeiten übernehmen - nachdem man ihr vorher schon ganze Projekte anvertraut hatte. „Ich musste mich um eine defekte Wasserpumpe kümmern. Das war nicht gerade prickelnd“, erzählt sie. Es sei offensichtlich gewesen, dass ihre Vorgesetzten vorübergehend enttäuscht waren, dass sie eine - wenn auch sehr kurze - Auszeit vom Job nahm. Deutlich leichter sei es nach dem zweiten Kind gewesen, da hatten sie bei Opel schon Vertrauen in ihr Durchhaltevermögen gefasst. „Man muss für die Betreuung der Kinder eine gute Infrastruktur schaffen. Ohne meinen Mann und meine Eltern wäre das nicht gegangen“, sagt sie und lehnt sich zurück.

In ihrem nicht besonders großen Büro im „Itez“, dem Internationalen Technischen Entwicklungszentrum - mit fast 6000 Ingenieuren so etwas wie das Gehirn von Opel in Rüsselsheim - gibt es keinerlei überkandidelten Statussymbole, dafür etliche Familienfotos und einen Schrank mit Glasvitrine, in dem ein paar berufliche Auszeichnungen ausgestellt sind. Darunter eine Kokosnuss, die ihr einer ihrer früheren Chefs schenkte, als sie die Dieselmotorenentwicklung übernahm - weil das „eine harte Nuss“ sei. Ihre Kleidung ist so einfach wie die Einrichtung: Weiße Bluse mit dunkelblauem Hosenanzug.

Größer ausbreiten möchte sie das Thema „Frau in einer Männerdomäne“ nicht. Sie will nicht allein auf die Rolle als einzige Frau auf einem Spitzenposten bei einem großen Autohersteller festgelegt werden. Wahrscheinlich, weil sie fürchtet, die Schilderung der Hürden auf dem Karriereweg könnte von ihren technischen Leistungen ablenken: Unter ihrer Leitung entstanden im gemeinsamen Dieselmotoren-Entwicklungszentrum mit Fiat in Turin die sparsamen und umweltfreundlichen Eco-Tech-Baureihen sowie die Sechs-Gang-Schaltgetriebe.

Humorvoll, tough, herzlich

Oder sie fürchtet wegen des Frauenthemas vielleicht einen weinerlichen Eindruck zu machen. Jedenfalls auf Leute, die sie nicht kennen. Denn Rita Forst, 55 Jahre alt, humorvoll und ebenso tough wie herzlich, ist alles andere als larmoyant. Die kleine, blonde Frau lacht gern und oft. Und sie weiß ziemlich genau, was sie will. Das gilt für das Privatleben wie den Beruf: Geheiratet hat sie mit Mitte zwanzig. Und im Beruf zeigte sich die Zielstrebigkeit sogar noch früher, nämlich gleich bei der Bewerbung. Sie hat nur eine einzige geschrieben - und die ging an die Adam Opel AG. Da war Rita Forst 22 Jahre alt, hatte aber schon eine Ausbildung als technische Zeichnerin und ein Maschinenbau-Studium auf dem zweiten Bildungsweg hinter sich - nicht ganz normal für ein Mädchen in diesem Alter und in dieser Zeit.

Die Leute von Opel wollten damals eine Stelle in der Getriebeentwicklung besetzen, aber Rita Forst interessierte sich für Motoren und machte das auch sehr deutlich. „Als sie es kapiert hatten, schickten sie mich kurz raus aus dem Zimmer, um zu beraten. Als sie mich wieder hereinholten, sagten sie mir, sie würden extra für mich die Stelle schaffen. Sie sind zwar eine Frau, sagten sie, aber wir würden es gern mit Ihnen probieren.“ Damals war das offensichtlich nicht selbstverständlich, und das ist es auch heute noch nicht: Die Frauenquote im Opel-Entwicklungszentrum beträgt 4 Prozent. Zum Vergleich: Mitte der Siebziger war Rita Forst an der Universität in Darmstadt eins von zwei Mädchen unter 120 Studenten.

„Ich weiß, dass ich von vielen als Role Model betrachtet werde. Und ich nehme diese Herausforderung auch an“, sagt Forst. Sie engagiere sich im Hochschulrat der Universität Darmstadt. Und Opel beteilige sich regelmäßig am „Girl's Day“, wenn jungen Frauen die beruflichen Perspektiven in technischen Jobs näher erläutert werden. Von einer regelrechten Frauenquote hält sie nichts. Frauen sollten von Männern lernen, sich frühzeitig einen Karriereplan zu machen. Von den deutschen Ingenieursmännern wünscht sich Rita Forst etwas mehr Respekt für die weiblichen Kollegen. Als Vorbild empfiehlt sie ausgerechnet die als Machos geltenden Italiener: „Bei denen ist eine ernsthafte Wertschätzung zu spüren“, erzählt sie aus ihrer Zeit in Turin. Das sei wohl einer der Gründe dafür, dass die Frauenquote unter italienischen Entwicklern mit 15 Prozent viel höher ausfalle als in Deutschland.

Dass man sie bei Opel nach einiger Zeit voll akzeptierte, hat vielleicht für die ungewöhnliche Treue zum Unternehmen gesorgt. Jedenfalls gehört Rita Forst zum Opel-Urgestein. Seit 33 Jahren arbeitet sie ununterbrochen für die Traditionsmarke aus Rüsselsheim. Nur einmal, in der Zeit mit der defekten Wasserpumpe, hat sie kurz überlegt, ob sie Lehrerin werden soll. Nicht einmal vor einem Jahr, als alle glaubten, Opel würde an den Zulieferer Magna verkauft, wurde sie schwach. Eine Allianz aus deutschen Betriebsräten, Managern und Politikern betrieb damals die Loslösung vom Mutterkonzern. GM sollte Opel in die Unabhängigkeit entlassen. „Aber ich wusste - wie alle meine Ingenieurskollegen -, dass General Motors uns niemals verkaufen würde. Dafür ist das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim einfach zu wichtig.“ Immerhin werden hier alle kleinen, kompakten und spritsparenden Autos entwickelt. Die Deutschen sind die Spezialisten für Antriebe, Diesel und Fahrzeugkonzepte - die Amerikaner für Pritschenwagen, Geländewagen und die schweren Vollhybrid-Modelle.

Überhaupt die Amerikaner: Opel-Betriebsratschef Klaus Franz malt ja gern ein Bild, in dem deutsche Opel-Ingenieure als fleißige Tüftler erscheinen und das Herz des Unternehmens sind. Während die amerikanischen GM-Manager einzig auf Finanzkennzahlen, Gewinn und Börsenerfolg aus seien. Ihnen wird die Rolle der bösen Kapitalisten und Spekulanten zugeteilt. Außerdem sei die GM-Zentrale von faulen, wie Beamten arbeitenden Managern übervölkert, heißt es immer wieder. Diese Sicht teilt Rita Forst ganz und gar nicht. Sie weiß aber gleichzeitig um die Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern. Spätestens seit sie selbst mit Anfang 30 ein Jahr lang ein Trainee-Programm bei GM in Detroit absolviert hat, in dem jungen Führungskräften aus aller Herren Ländern Kompetenzen im Management beigebracht wurden. Die Amerikaner, sagt sie, hätten einen guten Blick fürs große Ganze, würden sich nicht wie die Deutschen in zahllosen Details aufreiben. „Die Behäbigkeit ist bei GM nicht größer als anderswo. Allen großen Konzernen mangelt es an Schnelligkeit.“

„Ich wusste, dass ich von der ganzen Mannschaft getragen würde“

Als man sie im Januar dieses Jahres fragte, ob sie den Job als Entwicklungschefin übernehmen würde, hatte sie keine Angst, dass es Neider geben könnte. „Ich wusste, dass ich von der ganzen Mannschaft getragen würde. Die wissen: Rita Forst hat jahrzehntelang gute Basisarbeit geleistet.“ Dass sie nicht alles notwendige Wissen von Anfang an habe, sei ganz normal. „Ich suche mir meine neue Aufgabe immer so aus, dass ich 50 Prozent dazulernen muss.“

Auch wenn dem amtierenden Opel-Chef Nick Reilly immer wieder nachgesagt wird, er werde nicht lange bleiben, da er ja Brite ist und als Sanierer gilt: Auf sein Nachfolge spekuliert sie nicht. Eher könnte sie sich eines Tages eine Stelle im Entwicklungsteam des Mutterkonzerns GM in Detroit vorstellen. Vorerst aber hat sie große Pläne für neue Modelle bei Opel: „Wir werden elektrisch fahren.“ Dass Batterien nicht allzu weit reichen und teuer sind, soll dabei nicht im Wege stehen. Deshalb kommt Opel nächstes Jahr mit dem Ampera an den Markt, in dem ein Verbrennungsmotor einspringt, wenn die Batterie zur Neige geht. Außerdem strebt Rita Forst die Rückkehr in die Oberklasse an: „Ich will ein Modell oberhalb der Mittelklasse-Limousine Insignia - vielleicht mit einem Brennstoffzellenantrieb.“

Zur Person

Rita Forst wird am 31. März 1955 in Wiesbaden geboren und interessiert sich schon als Kind für Technik. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

Nach einer Lehre als technische Zeichnerin studiert sie auf dem zweiten Bildungsweg an der Hochschule Darmstadt Maschinenbau.

1977 fängt sie bei Opel in der Motorenentwicklung an, geht 1984 für ein Jahr als Trainee zu GM nach Detroit und wird 2001 Chefin der Getriebeentwicklung in Turin.

Seit Januar 2010 ist sie Entwicklungschefin des gesamten Unternehmens.

Lesen Sie auch: Ich über mich: Rita Forst

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft.

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