22.01.2007 · Er würde Millionär werden oder im Gefängnis landen, sagte ihm einst ein Lehrer voraus. Richard Branson gelang beides. Und obwohl er heute ein weitverzweigtes Firmenimperium leitet, sind ihm Manager-Allüren fremd.
Von Ulrich FrieseDie Rolle des Außenseiters liegt ihm. Im britischen Geschäftsleben genießt Richard Branson seit Jahren den Status des bunten Paradiesvogels. Die üblichen Machtspiele in der Chefetage sind ihm fremd, mit den Statussymbolen eines Managers hat er nichts am Hut. Stattdessen verkörpert der blonde Bartträger mit seinen lockeren Auftritten schon rein optisch das Kontrastprogramm zur kühlen Nadelstreifen-Welt der Londoner City. "Ich bin nicht des Geldes wegen Unternehmer, sondern weil ich etwas Kreatives schaffen will, auf das ich stolz sein kann", lautet sein Credo.
Um diesen Anspruch zu untermauern, will Branson sich künftig als Umweltpionier profilieren und so von seinem geschäftlichen Umfeld deutlich abheben. Als Gründer des innovativen Schallplatten-Labels "Virgin Records" schaffte er einst in der Musikbranche den Durchbruch. Wenige Jahre später etablierte er sich mit seiner pfiffigen Fluglinie "Virgin Atlantic" in der Luftfahrtbranche und grub dabei dem nationalen Marktführer British Airways Kunden und Marktanteile ab. Jetzt tritt Branson mit seinem neuen Projekt "Virgin Bio Fuels" den Beweis an, dass Ökologie und Ökonomie keine Gegensätze sind: "Nur wenn sich grüne Investments in Zukunft rechnen und von Unternehmen nicht mehr nur als gönnerhafte Wohltat deklariert werden, hat die Menschheit eine echte Chance zum Überleben", gibt sich der grüne Milliardär in einem Beitrag für "Newsweek" missionarisch.
Konzerneigenes Milliardenprogramm für den Klimaschutz
Vor drei Monaten sorgte der 56 Jahre alte Multi-Unternehmer für einen Paukenschlag, als er auf der New Yorker Konferenz der "Clinton Global Initiative" ein konzerneigenes Milliardenprogramm für den Klimaschutz ankündigte. Auf dem vom amerikanischen Ex-Präsidenten Bill Clinton gegründeten Forum schwor er seine Virgin Group darauf ein, in den nächsten 10 Jahren insgesamt 1,6 Milliarden Pfund (2,4 Milliarden Euro) in die Entwicklung von erneuerbaren Energien zu investieren. Die Mittel für Bransons ambitioniertes Projekt, das die kommerzielle Nutzung neuartiger, auf Alkohol basierender Bio-Treibstoffe vorsieht, speisen sich dabei aus den Gewinnen seiner Verkehrsunternehmen. Diese Palette reicht von Fluglinien ("Virgin Atlantic", "Virgin Express") und Eisenbahnen ("Virgin Trains") bis hin zum neuen Konzern-Ableger "Virgin Galactic", der ab 2008 steinreiche Touristen auf Kurzreisen ins Weltall schicken soll.
Dem britischen Wunderunternehmer gelingt fast immer, sich selbst und seine Marke "Virgin" wirkungsvoll in Szene zu setzen. Dafür musste er früher tief in die Werbe-Trickkiste greifen: Ob er einst fast nackt seine Autobiographie (Titel: "Wie ich meine Jungfräulichkeit verlor") vorstellte, als Transvestit für den Start des Brautmoden-Verleihers "Virgin Bride" die Trommel rührte oder gar als menschliche "Virgin Cola"-Dose den Marketing-Feldzug gegen den amerikanischen Branchenprimus einleitete - stets garantierten ihm die platten Solo-Auftritte die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit. Heute scheint die Ära der Selbstdarstellung vorbei. "Das Ziel, Virgin weltweit bekanntzumachen, ist erreicht", sagt er entspannt, "ich muss mich nicht mehr zum Affen machen, um für meine neuen Firmen zu werben."
Ein paar Stunden in der Zelle
Selbst Niederlagen im Geschäft steckt Branson jetzt locker weg, wenn er sich mit frischen Kräften der nächsten Herausforderung zuwendet. Dieser Umgang mit Rückschlägen zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere. Als er mit 16 Jahren die englische Privatschule in Stowe ohne Abschluss verließ, wagte sein damaliger Rektor die Prognose: "Du landest entweder im Gefängnis oder wirst Millionär." Die Anekdote belegt, dass Branson früh unterschätzt wurde. Denn er schaffte beides. Er zählt mit einem Vermögen von geschätzt 4,5 Milliarden Euro zu den zehn reichsten Einwohnern im Vereinigten Königreich. Und als er sich in seiner Startphase sowohl als Verleger der Uni-Postille "Student" wie auch als Gründer eines Direktversandes für Schallplatten versuchte, saß er wegen Zollbetrugs tatsächlich für einige Stunden hinter Gittern. Doch den Ärger mit den britischen Behörden legte der findige Geschäftsmann durch freiwillige Nachzahlungen rasch zu den Akten. Nicht von ungefähr ließ er sich in dieser Phase zum Markennamen "Virgin" inspirieren. Die Schöpfung sollte seine damalige Unerfahrenheit im harten Tagesgeschäft symbolisieren.
Aus dem Erfolg als Direktversender schlug er jedoch umgehend Kapital. Er nutzte seine direkten Drähte zur Schallplattenindustrie sowie den Zeitgeist der "Flower-Power"-Generation, um in der Musikmetropole London sein neuartiges Konzept "Virgin Megastore" zu testen. Der Versuch glückte. Seine Ladenkette im populären Hippie-Stil, bei der schon mal Musiktipps und Hasch-Pfeifen die Runde machten, expandierte rasch landesweit mit neuen Ablegern. Nach diesen Etappen war der Start von "Virgin Records" nur ein folgerichtiger Schritt. Dort landete Branson einen Coup, als er 1973 den bis dahin unbekannten Künstler Mike Oldfield exklusiv verpflichtete.
Erster Verkaufsschlager: Oldfields „Tubular Bells“
Der introvertiert und leicht verschroben wirkende Musiker aus Wales freundete sich mit dem umtriebigen Hippie-Unternehmer schnell an und verschaffte ihm mit dem musikalischen Geniestreich "Tubular Bells" auch noch einen weltweiten Verkaufsschlager. Für Branson markiert der Glücksgriff mit Oldfield bis heute eine Zäsur in seinem Geschäftsleben, wenngleich er sein Label längst an den Rivalen EMI veräußerte, um so frisches Geld für sein Luftfahrtgeschäft zu erhalten.
Dank pfiffiger Ideen und eiserner Disziplin setzt Branson etablierte Konkurrenten in Zugzwang und testet dabei auch eigene Grenzen aus. Eine Fähigkeit, die der Sohn einer Stewardess und eines Rechtsanwaltes den seltsamen Erziehungsmethoden seiner Mutter zuschreibt. Die hielt den kleinen Richard durch eine Art Überlebenstraining früh zur Selbständigkeit an, indem sie ihn im Alter von 4 Jahren bei einer Stadttour aussetzte und dann den Heimweg selbst finden ließ. Das anfängliche Trauma bewältigte Branson junior offenbar mit Bravour: Als er nach Stunden zu Hause ankam, sei er mit großem Hallo empfangen worden, berichtet er heute stolz.
Prinzip "Versuch und Irrtum"
Branson steht heute an der Spitze eines Firmenimperiums, das wohl aus 210 Gesellschaften besteht und mit seinen 55.000 Mitarbeitern rund 42 Milliarden Dollar umsetzt. Dabei weist die Dachgesellschaft Virgin Group, die das weltweite Netz der Beteiligungen steuert, für 2006 einen Jahresgewinn von 2,4 Milliarden Dollar (1,9 Milliarden Euro) aus. Für Außenstehende ist das weitverzweigte Konglomerat an Unternehmen allerdings kaum zu durchschauen. Finanzfuchs Branson, der gerne zwischen der familieneigenen Londoner Stadtvilla im Holland Park und seiner Karibikinsel Necker pendelt und sich mindestens 250 Tage im Jahr außerhalb Großbritanniens aufhält, steuert sein Firmenreich vorzugsweise über eine Vielzahl an steuersparenden "Offshore-Trusts".
Branson rühmt sich, stets auf das Prinzip "Versuch und Irrtum" zu setzen. In der mehr als 40 Jahre langen Schaffensperiode des "Selfmademan" lassen sich daher nur wenige Geschäftsideen aufzählen, die er nicht auf Marktreife abklopfte oder zum unternehmerischen Selbstversuch freigab. Dabei machte er um den Zukunftsmarkt Internet ungewöhnlich lange einen großen Bogen. "Mit Computern oder Geldautomaten tue ich mich schwer, und in technischen Fragen bin ich wenig versiert", begründete er sein Zaudern. Doch das änderte sich Ende 2005, als die strategischen Weichen bei "Virgin Mobile" zu stellen waren und ihm der Befreiungsschlag durch die Fusion seines Mobilfunkers mit NTL glückte. Durch den Schulterschluss mit Großbritanniens größtem Kabelnetzbetreiber schuf er einen integrierten Medienkonzern, der als "Virgin Media" junge Kunden künftig für eine Kombination aus Fernsehen, Telefon- und Internetdiensten begeistern soll.
Der Zufluss an neuen Ideen scheint ungebrochen. Fast belustigt berichten Geschäftsfreunde und enge Vertraute, dass sie zum "elitären Klub der Markttester" gehören, die der umtriebige Branson stets mit der Fülle neuer Geschäftsideen konfrontiert. "Was dann von uns mit dem Daumen nach unten aussortiert wird, hat nie wieder bei ihm noch im Markt eine Chance", glaubt ein Virgin-Manager.
Zur Person:
- Richard Branson wird am 18. Juli 1950 als Sohn eines Rechtsanwalts und einer Stewardess in der englischen Grafschaft Surrey geboren
- Mit 16 Jahren beendet Branson die Schule ohne Abschluss. Mit einem Schallplattenversand startet er 1969 seine Karriere als Unternehmer
- 1971 eröffnet Branson seinen Musikladen "Virgin Megastore". Ein Jahr später verpflichtete er Mike Oldfield für "Virgin Records"
-1984 hebt "Virgin Atlantic" zum Jungfernflug ab. Um die Expansion seiner Fluglinien zu finanzieren, verkauft er "Virgin Records" an EMI
-1986 plaziert Branson seine "Virgin Group" an der Londoner Börse. Das Projekt scheitert. Zwei Jahre später zieht er sich dort zurück
-1999 steigt Branson ins Mobilfunkgeschäft ein. Später fusioniert er "Virgin Mobile" mit dem britischen Kabelnetzbetreiber NTL, um den Internetkonzern "Virgin Media" zu formen
-2006 will "Virgin Media" den britischen Privatsender ITV übernehmen. Bransons Plan wird von Rupert Murdoch durchkreuzt
Richard Branson als Schoolboy
Fionn Huber (fionn)
- 22.01.2007, 11:54 Uhr