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Reinhard Gorenflos Vom Juso zur Heuschrecke

07.05.2007 ·  Als Student trat Reinhard Gorenflos der Juso-Hochschulgruppe bei und wollte in der internationalen Politik arbeiten. Heute gehört er zu den wichtigsten Managern des amerikanischen Unternehmenskäufers KKR.

Von Daniel Schäfer
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An der Oberfläche unterscheidet sich Reinhard Gorenflos nicht von anderen Managern der allzu häufig stromlinienförmigen Finanzbranche: Der mit dezenten Nadelstreifen versehene dunkle Anzug sitzt ebenso akkurat wie der geschwungene Seitenscheitel und der höfliche Umgangston des 45 Jahre alten Beteiligungsmanagers. Doch das Gespräch mit ihm offenbart schon nach wenigen Minuten, dass Gorenflos mehr zu bieten hat als das gängige Klischee des Firmenjägers, der durch ein ebenso hochfliegendes wie kaltherziges Gebaren auffällt. „Des Lebens Ruf wird niemals enden“ ist das von Hermann Hesse adaptierte Motto des belesenen Managers. In seinem Fall ist das keine aufgesetzte Prahlerei mit aus Zitatensammlungen zusammengeklaubten Weisheiten. Sondern es spiegelt die Vita eines genauso sprachbegabten wie wandlungsfähigen Menschen.

„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“ – so heißt es in dem von Gorenflos zitierten bekannten Hesse-Gedicht „Stufen“. Aus Aufbruch und Reise bestand das Leben des Diplomatensohns von Anfang an. Die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte er in Thailand, anschließend siedelte die Familie in die Stadt Ouagadougou um, Hauptstadt des afrikanischen Staates Burkina Faso, der damals noch Obervolta hieß. Dort besuchte er die französische Schule. Erst im Alter von zehn Jahren führte ihn der „Lebensruf“ in sein Heimatland Deutschland. Diese Rastlosigkeit und Internationalität von früher Kindheit an prägt. „Ich war immer offen, wollte Dinge kennenlernen und testen“, sagt er.

Stete Suche nach dem aufregenden Neuen

Die stete Suche nach dem aufregenden Neuen führte Gorenflos nicht von ungefähr in die schillernde Welt der Beteiligungsbranche. Denn dort wird der rasche Wandel zum geschäftlichen Grundprinzip erhoben. Vor fünf Jahren hat er als Manager bei der amerikanischen Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) und damit bei einer der renommiertesten Adressen der Private-Equity-Branche angeheuert. Binnen drei Jahren ist der passionierte Bergwanderer dort die Karriereleiter emporgestiegen: Seit dem Jahr 2005 ist er einer der Partner und gehört damit der exklusiven europäischen Führungselite an.

Dabei hatte der junge Gorenflos noch gänzlich andere Ideen von seiner Zukunft: Mehr als die schnöde Wirtschaft interessierte ihn als Student Geschichte. „Das war mein eigentliches Interessengebiet.“ An den Universitäten Freiburg und Paris studierte er Geschichte und Volkswirtschaftslehre. In dieser Zeit paarte sich eine Prise Idealismus mit der Weltläufigkeit, die Gorenflos als Kind erfahren durfte: Politisch gestalten wollte er damals, am liebsten in einer internationalen Organisation wie der Weltbank. Dieses Interesse an wirtschafts- wie außenpolitischen Themen mündete unter anderem in der kurzzeitigen Mitarbeit in einer Juso-Hochschulgruppe. Ein Vierteljahrhundert später mutet das wie eine Ironie seiner Lebensgeschichte an, die zu journalistischen Verkürzungen geradezu einlädt: vom Sympathisant derjenigen Partei, die Beteiligungsfonds wie KKR als Wanderinsekten brandmarkte, zum Firmenjäger – vom Juso zur Heuschrecke.

Für Politik zu ungeduldig

Dieses Bild ist dem verheirateten Familienvater sichtlich unangenehm. Denn die Juso-Episode ist für ihn allenfalls eine Randnotiz seiner bewegten Vita. Für die Gremienarbeit der Politik sei er zu ungeduldig gewesen, sagt er. Mit seinem Wissensdurst hat er als umtriebiger Student nicht nur die hitzige Luft einer jungen Parteiorganisation geschnuppert. Auch der Journalismus reizte ihn eine Zeitlang. Er hospitierte bei einer überregionalen Tageszeitung und rannte als rasender Reporter einer Regionalzeitung von Termin zu Termin. Irgendwo zwischen örtlichem Sportfest und dem Jahrestreffen des Kleintierzüchtervereins reifte die Erkenntnis, dass seine Talente auf anderen Feldern liegen: „Mir fehlte einfach die Geduld dazu, die Dinge zu beschreiben. Ich hatte den Wunsch zu gestalten.“

Also folgte ein weiterer Ausbruch aus der lähmenden Gemütlichkeit eines mit dem Lineal gezogenen Karriereweges. Nach der in gewohnt internationaler Manier über die brasilianische Schuldenkrise geschriebenen und vor Ort recherchierten Diplomarbeit zog es Gorenflos nach Amerika. Damals noch mit der internationalen Politik liebäugelnd, absolvierte er einen Master of Public Administration an der Universität Harvard. Die Zeit dort brachte den entscheidenden Wendepunkt. Statt des eigentlich geplanten Praktikums bei der Weltbank verbrachte er die Sommermonate an der Wall Street. In den Büroräumen der Investmentbank Merrill Lynch schmeckte Gorenflos eine Prise des frenetischen und süchtigmachenden Tempos der wilden achtziger Jahre. In diesem „Jahrzehnt der Gier“ jagten die Pioniere unter den Firmenjägern dem Wall-Street-Establishment gehörig Angst ein – allen voran Gorenflos’ späterer Arbeitgeber KKR mit seiner legendären Übernahmeschlacht um den Tabak- und Nahrungsmittelkonzern RJR Nabisco.

Mit reichlich straffer Taktung

Nach diesem Sommer wusste Gorenflos: Nicht das große Ganze der politischen Bühne, sondern das dynamische Umfeld der globalen Wirtschafts- und Finanzwelt war sein Metier. Dort tobte er sich fortan aus – mit reichlich straffer Taktung und in der gewohnten Vielfalt. Nach dem Studium ging er für zwei Jahre zu einer auf Übernahmen spezialisierten Londoner Unternehmensberatung. Doch der Wille, selbst zu gestalten, trieb ihn vom beratenden in das operative Geschäft. Es folgten mehrere Jahre als Geschäftsführer einer Entsorgungsgesellschaft des Thyssen-Konzerns. Mit Anfang dreißig hatte er Personalverantwortung für mehrere Tausend Mitarbeiter. Die Neugier und der Wunsch nach Wandel ließen ihn auch hier nicht ruhen. Nach fünf Jahren wechselte er zur Otto Gruppe, wo Gorenflos den Unternehmensbereich Umwelt leitete und die Mentalität eines mittelständischen Unternehmens kennenlernte.

Auf dieses gut zweijährige Intermezzo folgte eine Position als Finanzvorstand von Aral. Als dieser Mineralölkonzern wenige Jahre später von der britischen BP übernommen werden sollte, war Gorenflos schon in Gesprächen mit einer schillernden Branche, die er laut eigenem Bekunden bis dahin nur aus der Ferne kannte: Beteiligungsfonds, neudeutsch Private Equity. Damals, Anfang des neuen Jahrtausends, war Private Equity in Deutschland nur wenigen ein Begriff. „Viele aus meinem beruflichen und persönlichen Umfeld haben das mit großem Erstaunen aufgenommen“, berichtet er schmunzelnd. „Heute herrscht eine gänzlich andere Einstellung vor: Viele meiner Bekannten fragen mit großem Interesse nach meiner Arbeit.“ Die Entscheidung, abermals einen unbequemen Wechsel anzustreben und das Etablierte aufzugeben, war nicht zuletzt durch die prägende Zeit in Amerika beeinflusst. „Mich hat die pragmatische Anpack-Mentalität der Amerikaner zutiefst beeindruckt.“ Ebenjene Mentalität fand Gorenflos auch bei KKR wieder. Die Schnittmenge zwischen seinem Charakter und dem Beteiligungsfonds ist groß: Das ständige Infragestellen des Erreichten gehört für den Firmenkäufer KKR zum Geschäftsalltag und für Gorenflos zur Karriere.

Neuausrichtung als Geschäftsmodell

Die in Deutschland oft zu findende lähmende Gewöhnung an festgezurrte Strukturen hat Gorenflos nie verstanden. „Mich hat es nie überzeugt, wenn Manager an Unternehmensbereichen festhalten, nur weil sie in einer neuen Struktur eventuell ihren Posten verlieren könnten.“ In der berechnenden Welt der Finanzinvestoren ist das anders. Dort gehört die unablässige Neuausrichtung zum Geschäftsmodell: Beteiligungsgesellschaften kaufen mit ihren milliardenschweren Fonds Unternehmen, restrukturieren sie und geben sie gewinnbringend wieder ab – mitunter schon nach zwei oder drei Jahren.

Der Reiz daran: „Es ist die Faszination des Tempowechsels. Man muss sich extrem kurzfristig auf Sachverhalte einstellen, aber dabei dennoch sehr langfristig denken.“ Beim Kauf eines Unternehmens fließt eine Menge Adrenalin, es gilt rasch zu handeln, um konkurrierende Bieter auszustechen. Gleichzeitig müssen Beteiligungsmanager einen kühlen Kopf bewahren und die langfristige Strategie des Unternehmens im Blick haben. Gorenflos hat schon bei vielen „Deals“ mitgemischt. Ein Beispiel ist der Erwerb des Konglomerats Demag von Siemens im Jahr 2002. KKR restrukturierte Demag, spaltete die sieben Einzelgesellschaften schließlich auf und trennte sich durch Verkäufe und einen Börsengang wieder davon. Gorenflos schätzt die hohe Arbeitsqualität, die Finanzinvestoren seiner Ansicht nach trotz der enormen Geschwindigkeit liefern. „Wir sind sehr kleine Teams mit hochqualifizierten Leuten.“

Derzeit erlebt die Beteiligungsbranche so etwas wie eine Rückkehr der wilden Jahre. Gesellschaften wie KKR drehen ein immer größeres Rad mit einem immer höheren Tempo. „Es ist ein High-Energy-Job, man muss sehr viel arbeiten können.“ Gorenflos, der im Laufe seines Lebensweges fünf Fremdsprachen in sich aufgesogen hat, schafft es dennoch, weiterhin seine Begeisterung nicht nur für deutsche, sondern auch für französische und spanische Literatur zu befriedigen: „Ich lebe sehr intensiv und lese sehr viel.“

Zur Person

Reinhard Gorenflos kam am 30. Juli 1961 in Bangkok zur Welt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die Schulzeit verbrachte er in Thailand, Obervolta und Deutschland. Anschließend studierte er Volkswirtschaftslehre und Geschichte in Freiburg und Paris. Darauf folgte ein Master of Public Administration in Harvard.

Nach Lehrjahren bei einer Unternehmensberatung war er als Geschäftsführer bei der Thyssen Handelsunion, der Otto Gruppe und schließlich als Finanzvorstand bei Aral beschäftigt.

Seit 2002 arbeitet er für die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR), vor zwei Jahren wurde er dort zu einem der Partner ernannt.

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