21.06.2010 · Vom PC-Konzern über die Hilfsorganisation zum Energieriesen: Regine Stachelhaus hat keinen geraden Weg hinter sich. Genau deshalb kann sie sich überall gut verkaufen.
Von Nadine BösDie Fotografie in ihrem Büro zeigt barfüßige Kinder auf einer staubigen Lehmstraße. Sie schleppen einen Wasserkrug durch die tropisch-dörfliche Kulisse, durch gleißendes Sonnenlicht. In welchem Land wurde diese Fotografie aufgenommen? Wer sind diese Kinder? Welche Schicksale verbergen sich hinter ihren lächelnden Gesichtern? Regine Stachelhaus weiß es nicht. Das Bild, nun ja, das hänge eben in ihrem Büro, weil sie es von ihrem Vorgänger übernommen habe. Anderthalb Jahre hat sie von ihrem Schreibtisch aus in diese unbekannten Gesichter gesehen, ohne sich je zu fragen, wer sie sind. Jetzt lohnt sich die Frage nicht mehr. Nächste Woche zieht Regine Stachelhaus in ein neues Büro.
Dass der Umzug sie ausgerechnet von Köln nach Düsseldorf führt, steht wie sinnbildlich für den Umbruch, den er für ihre Karriere bedeutet. Regine Stachelhaus gibt ihren Posten als Deutschlandchefin des Kinderhilfswerks Unicef auf und wird Personalchefin im Vorstand des Energieversorgers Eon – die erste Frau in der obersten Führungsetage des Konzerns. Warum sie den Begriff „Traumjob“, den sie noch vergangenes Jahr mit Unicef verband, nun auf einmal mit der gleichen Selbstverständlichkeit auf Deutschlands größten Energieversorger anwendet? Die Standardsätze hat sie parat. „Ich wechsle bei Unicef nur vom Hauptamt ins Ehrenamt“, sagt sie zum Beispiel oder: „Erst wer weiß, wie viele Kinder auf der Welt ohne Strom leben, erkennt, wie wichtig Energie ist.“
Im Beruf nie nach der Uhr schielen
Wer ihren Karriereweg jenseits solcher Sätze verstehen will, muss in die Vergangenheit schauen. Ins schwäbische Böblingen der sechziger Jahre, wo Regine Stachelhaus als Tochter des Oberbürgermeisters eine behütete Jugend erlebte. Wo Familienstreit sich allenfalls an der Frage entzündete, ob die Tochter ein Haustier halten durfte. Wo die Mutter Hausfrau war und sich ausschließlich um die Kindererziehung kümmerte. „Das war damals eben üblich“, sagt Stachelhaus. „Meiner Mutter war aber klar, dass sich die Zeiten geändert hatten, dass ich studieren und arbeiten sollte.“ So hielt die Mutter Regine Stachelhaus dazu an, Ferienjobs anzunehmen, um „in schwäbischer Tradition mitzubekommen, dass Geld nicht vom Himmel fällt“. Mal hütete sie die Nachbarskinder, mal jobbte sie in einer Großküche. „Das hat mir gezeigt, dass ich einen Beruf haben will, der mich nicht nach der Uhr schielen lässt“, sagt sie heute.
Sie studierte Jura mit Spezialgebiet Jugendstrafrecht, wurde mit der Juristerei aber nicht recht warm. Sie war genervt von der Fließbandartigkeit, mit der die Fälle durch den Gerichtsbetrieb geschleust wurden. „Man hatte das Gefühl, für den Einzelnen nur wenig bewegen zu können.“ Während eines Studentenjobs lernte Stachelhaus den Computerkonzern Hewlett-Packard kennen. Dort gefiel ihr auf Anhieb die Atmosphäre in den Großraumbüros, wo Chefs wie Praktikanten sitzen, „wo sich jeder einmischen darf“.
Wer „frägt“, kommt voran
So heuerte sie als Syndikusanwältin bei HP Deutschland an – und stieg Schritt für Schritt die Karriereleiter empor: Leiterin der Rechtsabteilung, Vertriebsdirektorin, schließlich Geschäftsführerin der Drucker- und Kamerasparte. Dass ihr für die vielen Ressortwechsel teilweise das Fachwissen fehlte, gibt sie unumwunden zu. „Ich habe kein Problem damit, bei meinem Team Rat zu suchen. Wer etwas nicht weiß, fragt halt.“ Leicht schwäbelnd sagt sie das, baut ein „frägt“ statt „fragt“ in den Satz, wie es ihr immer mal wieder passiert. Es ist ihr einerlei. Und letztlich ist es wohl diese freundliche, unschuldige Art, die Regine Stachelhaus schon bei HP in die Chefetage führte. „Bei mir beruht alles auf Kooperation“, sagt sie. „Weiblichen Führungsstil“ nennt sie das.
Regine Stachelhaus sammelt Wissen und hat die Gabe, es hinterher exzellent zu verkaufen. So war es auch, als sie begann, sich bei HP für ihre persönliche Herzensangelegenheit einzusetzen: die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Nach ihrer eigenen Schwangerschaft und der Geburt ihres Sohnes Moritz kehrte sie nach nur vier Monaten zurück an den Schreibtisch. Die Kindererziehung überließ sie ihrem Mann, der damals noch studierte und später neben dem Hausmann-Dasein als Musiker tätig war. Regine Stachelhaus erregte Aufsehen, als sie in den Pausen ihr Baby in einem Konferenzraum stillte und offensiv die damals unübliche Haltung vertrat, dass Männer ebenso gut waschen, wickeln und Kinderwagen schieben können. Sie engagierte sich in einem Kreis von HP-Mitarbeiterinnen, die eine Betriebs-Kita planten. Und natürlich war es am Ende Stachelhaus, die der Führungsriege das Konzept glaubhaft verkaufte. „In einer Mappe, die wir auf dem Deckblatt mit einem Schnuller dekoriert hatten“, erinnert sie sich. Später machte sich Stachelhaus weit über die HP-Flure hinaus einen Namen als Kämpferin für mehr Frauen und Mütter in der Chefetage.
„Da kommt die Managerin aus der Wirtschaft“
Dass die Managerin Glaubwürdigkeit symbolisiert und dass sie neue Konzepte verkaufen kann, führte wohl letztlich dazu, dass das Kinderhilfswerk Unicef sie Ende 2008 für die Position der Deutschland-Geschäftsführerin zu sich holte. Damals steckte die Organisation tief in der Krise: Ein Spendenskandal hatte das Vertrauen erschüttert, das Spendensiegel war verlorengegangen, neue Transparenz tat not. Dass Stachelhaus das Angebot annahm, rührte aber nicht nur daher, dass sie, wie sie damals sagte, „bei HP alles erreicht“ hatte und an diesem Punkt ihrer Karriere „noch mal etwas Gutes tun“ wollte. Es hing auch mit ihrer privaten Geschichte zusammen: Seit zwei Jahren hat Familie Stachelhaus neben Sohn Moritz ein zweites Kind. Von der Öffentlichkeit unbemerkt, entschlossen sich Regine Stachelhaus und ihr Mann damals, den 16 Jahre alten Kibrom, einen unbegleiteten Flüchtlingsjungen aus Eritrea, bei sich aufzunehmen. „Was wir durch ihn erlebt und gelernt haben, hat mir die Augen geöffnet“, sagt Stachelhaus.
So gut es ging, unterstützte die Familie den Jugendlichen dabei, eine neue Heimat zu finden. Heute geht Kibrom zur Schule, will Abitur machen. Regine Stachelhaus ihrerseits wurde durch die Erfahrung mit dem Pflegekind dazu motiviert, „etwas für das große Ganze zu tun“, wie sie sagt. Und so stürzte sie sich mit Leidenschaft in die neue Tätigkeit beim Kinderhilfswerk, ließ die Unicef-Satzung ändern, um mehr Transparenz zu schaffen, setzte durch, dass der Geschäftsbericht die Spendenverwendung offenlegt. Anfangs wurde sie in der Branche kritisch beäugt. „Da kommt die Managerin aus der Wirtschaft“, hätten die Leute getuschelt, erzählt sie. Doch der Erfolg stellte sich schnell ein. Mittlerweile steigen sowohl das Spendenaufkommen als auch die Zahl der Fördermitglieder wieder.
„Ich konnte einfach nicht ablehnen“
Beinahe wären die tuschelnden Kritiker verstummt – da verkündete Regine Stachelhaus den nächsten Berufswechsel, diesmal in die Eon-Vorstandsetage. Sie sei eben doch knallhart und karrieresüchtig, mäkelten böse Zungen in der Helferbranche. In der Wirtschaft aber kam die Nachricht gut an; unmittelbar nach der Verkündung stieg der Kurs der Eon-Aktie. Die kooperative Managerin, die Verkäuferin von Glaubwürdigkeit, die Frau, die in der eigenen Biographie bewiesen hat, dass sie für Frauenrechte, Kinderrechte, Ausländerrechte eintritt – Stachelhaus verkörpert geradezu das neue Credo der Vielfalt in der Personalpolitik. Sie habe nicht aktiv nach einem neuen Posten gesucht, beteuert Stachelhaus. „Ich wurde angesprochen.“ Viel zu umtriebig sei sie, um das Angebot auszuschlagen. „Mein Leben lang habe ich mich für mehr Frauen in den Vorständen eingesetzt, da konnte ich selbst einen Vorstandsposten doch nicht ablehnen.“
Was sie inhaltlich vorhat bei Eon, das lässt sie allerdings im Dunkeln. Frauenquote? Betriebs-Kita? Großraumbüros? Die Managerin sagt dazu nichts, will in alter Stachelhaus-Manier zunächst in dem neuen Unternehmen herumfragen, Wissen sammeln. Zunächst werden bei Unicef erst mal die Umzugskisten gepackt. Die tropische Fotografie in ihrem Büro wird Regine Stachelhaus hängen lassen – für den Nachfolger. Ansonsten, so findet sie, hinterlasse sie einen aufgeräumten Laden. „Unicef kann heute gut ohne mich.“
Lesen Sie auch: Ich über mich: Regine Stachelhaus
Zur Person:
- Regine Stachelhaus wird 1955 in Böblingen geboren. Nach dem Jurastudium startet sie ihre Karriere im Computerkonzern HP, wo sie zur Geschäftsführerin aufsteigt. Dort setzt sie sich für mehr Frauen und Mütter in Chefpositionen ein.
- 2008 wechselt sie zum Kinderhilfswerk Unicef - als Krisenmanagerin nach einem Spendenskandal.
- Am kommenden Mittwoch startet sie ihre neue Aufgabe als Personalvorstand im Energiekonzern Eon.
- Regine Stachelhaus ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn sowie einen Pflegesohn.