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Regina Ziegler Rote Teppiche und rote Zahlen

 ·  Sie ist die Grande Dame des deutschen Films - und eine überzeugte Unternehmerin. Um Drehbücher zu verfilmen, riskiert Regina Ziegler immer wieder ihr Vermögen.

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Wer die Büroräume von Regina Ziegler betritt, fühlt sich sogleich in die Filmwelt versetzt. Ein roter Teppich führt durch den langgestreckten Flur der Altbauetage in Berlin-Charlottenburg. An den Wänden hängen Filmplakate, auf dem Samtsofa stapeln sich DVD-Schachteln. Die Szenerie wiederholt sich im Besprechungszimmer: auf dem Boden ein roter Läufer, an den Wänden Filmkunst. Als Regina Ziegler mit ihrem rotgefärbten Haarschopf und in einem wallenden schwarzen Hosenanzug mit lila Schal und lila Klunkern zum Gespräch erscheint, fehlt eigentlich nur noch das Blitzlichtgewitter der Fotografen für einen filmreifen Auftritt.

Die Achtundsechzigjährige ist so etwas wie die Grande Dame des deutschen Films. Vor fast vierzig Jahren gründete sie ihre Produktionsgesellschaft Ziegler Film. Heute ist ihr Name weithin bekannt, etwa durch Kinofilme wie „Fabian“ oder „Kamikaze 1989“, aber auch durch zahlreiche Fernsehserien wie „Weissensee“ und „Die Landärztin“. Die Liste der Auszeichnungen reicht vom Bundesverdienstkreuz über den Grimme-Preis bis hin zum amerikanischen Emmy. Doch in Regina Zieglers Karriere gibt es nicht nur glanzvolle Momente. Vom roten Teppich zu den roten Zahlen ist es nicht weit gewesen: Mehr als einmal blieb sie auf Verlusten sitzen, weil ein Film die Produktionskosten nicht wieder einspielte. „Ich habe das Haus meiner Mutter verkauft, mein eigenes Haus beliehen“, sagt sie mit ihrer rauchigen Stimme. Vom Weitermachen abgehalten hat sie das nie.

„Unsterblich in Mario Adorf verliebt“

Als Jugendliche ahnte sie von derlei finanziellen Widrigkeiten noch nichts, damals waren Filme für sie reinstes Vergnügen. Zieglers Mutter arbeitete nach dem Krieg für eine Lokalzeitung im Weserbergland und ging regelmäßig zu Filmvorführungen, um darüber zu berichten. Ihre Tochter durfte sie begleiten. „Mit zwölf habe ich mich unsterblich in Mario Adorf verliebt“, erinnert sich Regina Ziegler an diese Zeit. Seitdem ist ihre Leidenschaft für Filme entfacht. Für das Jurastudium, zu dem ihre Eltern sie später drängten, weil ihnen selbst eine akademische Ausbildung verwehrt geblieben war, entwickelte sie dagegen keine annähernd so große Leidenschaft: Nach einem Semester brach sie es ab.

Das lag gar nicht so sehr an der Materie, sondern in erster Linie am Studienort: „Berlin war so verführerisch“, erzählt Ziegler. „Ich hatte das Gefühl: Wenn ich Jura studiere, versaure ich im Gericht.“ Also vertrödelte sie einen Sommer in der Stadt und schlug sich mit diversen Jobs durch, nachdem sie von ihren enttäuschten Eltern kein Geld mehr bekam. Am Ende einigten sich beide Seiten auf einen Kompromiss: Ziegler erklärte sich bereit, eine Ausbildung zur Wirtschaftsdolmetscherin zu machen. Die Eltern waren zufrieden, und Regina Ziegler war es auch: Die Ausbildung dauerte nicht allzu lange und weckte in ihr die Hoffnung, danach im Ausland arbeiten zu können.

Der Zufall lenkte sie in eine andere Richtung

Als Dolmetscherin gearbeitet hat Ziegler gleichwohl nie. Just als sie auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch war, lenkte sie der Zufall in eine andere Richtung: Sie half einer Frau, die auf der Straße gestürzt war, ins Krankenhaus. Die hatte Kontakte zum Sender Freies Berlin (SFB), wo Ziegler bald darauf als Redaktionsassistentin anheuerte, oder als „Aktenschwanz“, wie sie es nennt. Es fing damit an, dass sie Kaffee kochte und Interviewgästen das vereinbarte Honorar brachte. Nach und nach bekam sie wichtigere Aufgaben übertragen, aber zufrieden war sie nicht: „Ich ackerte wie ein Berserker, aber die Lorbeeren durften immer die anderen ernten.“

So reifte der Entschluss, sich als Produzentin selbständig zu machen. 1973 war es so weit. Das Geld für ihren ersten Film, 100000 Mark, bekam sie unter anderem von ihrer Mutter, die sich mit den beruflichen Ambitionen ihrer Tochter mittlerweile arrangiert hatte. Die mentale Unterstützung kam von Wolf Gremm, einem Regisseur, den sie im SFB kennengelernt hatte und der heute ihr zweiter Ehemann ist. Gremm war es auch, der das Drehbuch zu Zieglers erstem Film schrieb und Regie führte. „Ich dachte, ich wäre tot“ erzählt die Geschichte eines Mädchens, das nach einem missglückten Selbstmordversuch sein Leben neu angeht. Der Film wurde sogleich mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet.

Seitdem wiederholt sich im Leben von Regina Ziegler das immer gleiche Arbeitsmuster. Es fängt damit an, dass sie ein interessantes Buch liest und sich die Filmrechte sichert, sofern sie noch zu haben sind. Dann setzt sie einen Drehbuchautor auf den Stoff an und sucht nach einem Abnehmer, spricht beispielsweise mit Fernsehsendern. Als „Treppenterrier“ bezeichnet sie sich in dieser Rolle. „Vielen Menschen ist es unangenehm, irgendwo anzuklopfen. Aber es gehört zu diesem Job dazu.“ Ebenso wie das stete Auf und Ab: Gespräche, Interesse, weitere Gespräche, doch kein Interesse, neue Gespräche.

Und in fast jedem Gespräch geht es früher oder später um das Thema Geld. Je nach Filmlänge und Medium wird ein bestimmtes Budget ausgehandelt. Für einen 90-minütigen Fernsehfilm hat sie beispielsweise knapp 1,5Millionen Euro zur Verfügung. Für den Kinofilm „Frisch gepresst“, der kommende Woche in den deutschen Kinos anläuft, waren es 4,5Millionen Euro. Es ist in der Branche üblich, dass die Produzenten einen gewissen Eigenanteil beisteuern. Allein dadurch kommt oft schon eine sechsstellige Summe zusammen, die erst einmal finanziert werden will. Nicht zu vergessen die Lücken, die sich immer wieder auftun: „Man beantragt 400.000 Euro bei der Filmförderung, bekommt nur 300.000 bewilligt - und schon hat man 100.000 Euro an der Hacke.“ Oder eine Woche Dauerregen legt die Dreharbeiten lahm. Oder ein Schauspieler fällt kurzfristig aus. Oder alles zusammen. Ziegler hatte schon so manches unangenehme Gespräch mit ihrem Bankberater.

Sosehr sich Regina Ziegler auch für die Kunst des Filmemachens begeistert, für gelungene Schnittfolgen oder fesselnde Stimmen - in erster Linie ist sie Unternehmerin. Man merkt ihr an, wie sie ständig Aufwand und Ertrag gegeneinander abwägt. Als der Fotograf sie in verschiedenen Positionen ablichtet, wird sie mit der Zeit spürbar ungeduldig. Wie viele Einstellungen er noch machen wolle? Was für ein Aufwand für ein einziges Foto.

Die wohl größte Niederlage in ihrer Karriere erlebte Regina Ziegler mit einem Film, der ihr von allen mit am meisten bedeutet: „Henri 4“, ein Historiendrama nach der Romanvorlage von Heinrich Mann. Rund 20 Millionen Euro verschlang die Produktion, doch in Deutschland wollten gerade einmal 40000 Zuschauer den Film im Kino sehen - viel zu wenig, um die Produktionskosten zu decken. Die vergangenen Jahre verzichtete Regina Ziegler deswegen auf ihr Geschäftsführergehalt und steckte ihre Altersvorsorge in die Firma. Nun hofft sie, dass der Film im Ausland mehr Geld einspielt.

Sie entscheidet nach Bauchgefühl

Regina Ziegler ist jemand, der nach Bauchgefühl entscheidet, anders als ihre Tochter Tanja, die nach ihrem Studium an der Filmhochschule ebenfalls im Unternehmen arbeitet und der Ziegler mittlerweile die Mehrheit der Anteile übertragen hat. „Meine Tochter ist sehr viel klarer. Ich dagegen lasse mich gerne verführen.“ Zu Reibereien kommt es deswegen selten. Mutter und Tochter betreuen jeweils ihre eigenen Filmprojekte. Und während Regina Ziegler gerne in der Welt herumreist, hält Tanja in Berlin die Stellung.

„Es war immer mein Traum, dass die Firma nicht verschleudert wird, wenn ich einmal tot bin“, sagt Regina Ziegler. Entsprechend erleichtert ist sie, dass es ihre Tochter ins gleiche Metier gezogen hat. Und noch ein Traum ist in Erfüllung gegangen: Seit dem vergangenen Jahr betreiben die beiden ein kleines Kino in Berlin, „Filmkunst 66“. Es ist nicht irgendein Kino, sondern eines mit Geschichte: Hier hatte 1973 Zieglers erster Film Premiere. Manchmal ist das Leben fast so schön wie im Film.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit...

...einem Frühstück mit meinem Mann, das englische Ausmaße mit thailändischen Einschlägen hat.

Die Zeit vergesse ich,...

...wenn ich einen Film im Kino sehe. Einen großen wie „Ziemlich beste Freunde“, aber auch einen eher kleinen wie Ulrike Schamonis „Abschied von den Fröschen“.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will,...

...braucht eine gute Nase, ein sehr gutes Gedächtnis und das Glück, das für den Tüchtigen bekanntlich kein Problem ist.

Erfolge feiere ich...

...so, dass mir viele dabei zusehen können. Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Es bringt mich auf die Palme,...

...wenn jemand weniger liefert, als er könnte, weniger verantworten will, als er müsste, und Versprechungen macht, die er eigentlich nicht halten will.

Mit 18 Jahren wollte ich...

...erst Journalistin werden wie meine Mutter, dann Staranwältin beim Schwurgericht.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal...

...dem Irrglauben erliegen, dass Erfolg und Qualität zwei Worte für dieselbe Sache sind.

Geld macht mich...

...natürlich nicht glücklich. Aber es schafft Spielräume, die dem Armen ein Leben lang verschlossen bleiben.

Rat suche ich ...

...bei zwei oder drei ziemlich besten Freundinnen und Freunden, die auch meinen Rat suchen.

Familie und Beruf sind...

...inklusiv. Sie durchdringen sich in jedem Augenblick.

Den Kindern rate ich,...

...sich gelegentlich vorzustellen, wie sie in fünfzig Jahren leben wollen.

Mein Weg führt mich...

...mal gerade, mal krumm, mal abwärts, mal bergauf zu einem Punkt, der nicht das Ende sein kann.

Zur Person

  • Regina Ziegler wird 1944 in Quedlinburg geboren. Auf Wunsch der Eltern studiert sie nach dem Abitur zunächst Jura, bricht aber nach einem Semester ab. Danach lernt sie Dolmetscherin.
  • Nach einigen Jahren als Assistentin beim Sender Freies Berlin macht sie sich mit 29 Jahren als Produzentin selbständig. Gleich ihr erster Film „Ich dachte, ich wäre tot“ gewinnt 1973 den Bundesfilmpreis.
  • Im Jahr 2000 steigt ihre Tochter Tanja aus erster Ehe ins Unternehmen ein, 2006 gibt Ziegler die Mehrheit der Anteile an sie ab.
  • Regina Ziegler lebt mit ihrem zweiten Mann Wolf Gremm in Berlin.
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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