26.07.2010 · Nach einem Jahr in der Einsamkeit wusste Ranga Yogeshwar, was er wollte: Aufklären und damit die Welt ein Stück verändern. Dafür nimmt der Physiker und Fernsehjournalist so manches Risiko in Kauf.
Von Sven AstheimerAm Anfang war das Ei. Und die Neugierde. Die Neugierde auf das Ei. Ranga Yogeshwar kramt aus einem Stapel ein Blatt Papier mit einer langen Formel hervor. "Durch diese Diffussionsgleichung versteht man, was beim Kochen eines Eis passiert", erklärt er dem Besucher. Aha! Braucht man dazu wirklich eine komplizierte Formel? Zugegeben, die Mathematik mache die Sache manchmal etwas kompliziert, aber sie sei eben die Strickleiter, auf der man sich auf die nächste Stufe der Erkenntnis hangele. "Dahinter schimmert immer ein größerer Plan - und der reizt mich." Wie beim Ei. Mit der Formel verstehe man, wie viel Energie für die Denaturierung, sprich das Kochen, von Eiweiß draufgehe. Erst danach wird es gefährlich für das wertvolle Eigelb. Die Natur habe da einen genialen Schutzschirm erfunden, schwärmt der Physiker. "Das finde ich cool."
Neugierde und Enthusiasmus teilt Yogeshwar mit vielen Naturwissenschaftlern. Den meisten Kollegen hat er aber eines voraus: Der Einundfünfzigjährige kann mit der Begeisterung eines Kindes erzählen und Zuhörer in seinen Bann ziehen. Man folgt automatisch seinem Blick, wenn er mitten im Satz abbricht, weil er "etwas Faszinierendes" im Garten vor seinem Bürofenster in Hennef entdeckt hat. Ein andermal steht Yogeshwar vor selbstgemalten Bildern und ist wieder "fasziniert" von der Strahlkraft der Blautöne. Die Aura wirkt auch im Fernsehen.
Der Bublath des 21. Jahrhunderts
Mit Sendungen wie "Kopfball", "Quarks & Co." und "Wissen vor 8" ist Yogeshwar zum medialen Chefaufklärer über die großen und kleinen Wunder der Natur geworden. Von der fünfminütigen Vorabendreihe bis hin zur Unterhaltungsshow bedient der Joachim Bublath des 21. Jahrhunderts nahezu alle Fernsehformate. Yogeshwar verankert in den paar Minuten vor dem Wetterbericht mitunter mehr Wissen in den Köpfen als mancher Pädagoge in einer Doppelstunde.
Wenn es um seine TV-Präsenz geht, kommt er ohne Umschweife auf den Punkt. "Was ich im Fernsehen mache, hat viel mit Sendungsbewusstsein zu tun: Ich möchte die Welt verändern. Sonst würde ich nicht vor eine Kamera treten. Das kann ich nur, wenn ich was zu sagen habe. Wenn ich nichts zu sagen habe, dann bin ich froh, wenn ich das nicht muss." Dieses Sendungsbewusstsein habe er schon früh entdeckt. "Ich war Klassensprecher, das ist ja auch so ein spezieller Typus Mensch." Einer, der sich für andere einsetze, aber auch mal unbequem werde.
Null Bock auf Star Wars
Dabei will der Sohn einer luxemburgischen Kunsthistorikerin und eines indischen Ingenieurs in seiner Jugend zunächst in eine ganz andere Richtung gehen. Er erhält am Konservatorium in Luxemburg eine Klavierausbildung und gibt als ersten konkreten Berufswunsch den des Malers an. Nach der Schule reizen ihn jedoch auch Naturwissenschaften. "Ich war unsicher und neugierig", sagt Yogeshwar. "Ich habe nicht Physik studiert, um Physiker zu werden, sondern um wissenschaftliche Zusammenhänge zu erfahren." Also schreibt er sich an der renommierten Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen ein.
Es sind die frühen achtziger Jahre, geprägt vom Wettrüsten der Supermächte im Kalten Krieg, das die nuklearen Arsenale rund um den Globus rasant anschwellen lässt. "Star Wars" steht zu dieser Zeit nicht nur für ein epochales Sciene-Fiction-Werk, sondern auch für ein gigantisches Waffenprojekt, mit dem der amerikanische Präsident Ronald Reagan der sowjetischen Bedrohung Herr zu werden hofft. Der junge Yogeshwar hält es für Wahnsinn, was sich zwischen Washington und Moskau abspielt. Viele seiner Kollegen werden von der Rüstungsindustrie für viel Geld abgeworben. Die Gefahr eines Atomkrieges erscheint ihm riesengroß. "Da musste ich als Bürger einfach etwas tun." Aber was?
Das nukleare Arsenal sichtbar gemacht
Die Friedensbewegung gleicht in seinen Augen mehr eine Art "Karnevalsbewegung", parteipolitisch ist er nicht engagiert. Er will eine andere Kultur schaffen, und dafür braucht er Aufklärung. Also ruft er eine Ringvorlesung an der Hochschule über die Gefahren von Atomkraft ins Leben. "Spinnst du?!", bekommt er von arrivierten Wissenschaftlern am Institut zu hören, damit verbaue er sich einiges. Doch die Warnungen interessieren ihn nicht, er bucht einen der größten Hörsäle und legt los. "Der Saal platzte bald aus allen Nähten", sagt er heute und holt aus dem Regal ein Buch aus dem Jahr 1983, das schon ein bisschen auseinanderfällt. Er hat es begleitend zu den sechs Vorlesungsreihen herausgegeben. Man merkt ihm den Stolz auf dieses Frühwerk an. Er schlägt eine Grafik auf mit vielen schwarzen Punkten - jeder steht für die gesamte im Zweiten Weltkrieg eingesetzte Sprengkraft. "Wir haben das nukleare Arsenal einfach mal sichtbar gemacht." Was heute gang und gäbe ist, war damals Grundlagenarbeit.
Als er zum Tag des Friedens am Forschungszentrum in Jülich einen Vortrag vor Auszubildenden über die Gefahr von Atomkraft halten soll, schreckt ihn auch die Warnung des damaligen Bundesinnenministers Friedrich Zimmermann nicht ab, dass politische Betätigung an diesem Tag am Arbeitsplatz eine sofortige Kündigung rechtfertige. "Ich redete trotzdem, und mein Hemd war durchgeschwitzt. Anschließend kam der Personalchef auf mich zu. Ich dachte, das war's." Doch statt der Kündigung kommt die Anfrage, ob er den Vortrag nicht demnächst noch einmal halten will. Diese Erfahrung sei ihm geblieben: "Ich habe immer wieder im Leben gemerkt, dass Systeme einen konform halten wollen. Oft habe ich dem widersprochen."
Ein Jahr Einsamkeit im Himalaja
Im Jahr 1985 stellt sich Yogeshwar die Frage, wohin sein Weg ihn weiter führen soll. Er ist erschöpft und kündigt in Jülich, erfüllt sich einen Jugendtraum: ein Jahr auf Wanderschaft im Himalaja. Die Einsamkeit soll ihm helfen, sich über seine Ziele klarzuwerden. Dabei wochenlang keinem Menschen zu begegnen, bedeutet Grenzerfahrungen für den jungen Mann. Der Vorteil: "Nach einem Jahr des freien Denkens weiß man sehr genau, was man will und was nicht."
Unter dem Dach der Welt reift die Erkenntnis, etwas tun zu wollen, was gesellschaftlich relevant ist und langfristig die Perspektive bietet, nicht in Routine und Engstirnigkeit zu erstarren. Außerdem gefällt ihm die Perspektive des Brückenbauers zwischen zwei Welten. Vollkommen rational analysiert er die in Frage kommenden Berufsbilder: Politiker, Unternehmensberater oder Journalist.
Die Entscheidung nimmt ihm letztlich der Zufall ab. Es ist der 26. April 1986, der Tag seines Rückflugs nach Deutschland - und der Tag der Katastrophe von Tschernobyl. Yogeshwar sitzt in der Abflughalle des Flughafens von Delhi, als er über BBC World News die Nachricht vom Reaktorunglück erfährt. In Köln angekommen, greift er zum Telefon und bietet den alten Kontaktleuten vom Fernsehen seine Mitarbeit an. Die nehmen das Angebot dankbar an - die Fernsehkarriere beginnt.
Herzenssache Bildungschancen
In der Sache bleibt er hart. Eine Sendung über Ufos findet er wissenschaftlich derart hanebüchen, dass er in eine Schaltkonferenz der ARD-Chefredakteure platzt und eine "Gegensendung" fordert. Die Vorgesetzten sind überrascht, aber die Argumente scheinen zu überzeugen. Jedenfalls bekommt er seine Plattform. Bis heute sei er zu leidenschaftlich, sagt Yogeshwar. Einen Plan B hat er in solchen Fällen nicht. "Manchmal würde ich mir wünschen, ich wäre da ein bisschen gelassener."
Heute liegen dem Vater von vier schulpflichtigen Kindern vor allem die Themen Bildung und Bildungschancen am Herzen. Aus dem Stand wartet er mit einer Fülle von Fakten auf. Dass in Deutschland jährlich rund eine Milliarde Euro für Nachhilfeunterricht ausgegeben wird, was fast dem Etat des Bundesumweltministeriums entspricht, versetzt ihn in Erstaunen. Und dann sind da noch die 60.000 Schulabgänger jedes Jahr ohne Abschluss, und der Bildungszugang, der in Deutschland vor allem von der Kassenlage des Elternhauses bestimmt wird, und und und. "Da darf man eigentlich nicht mehr ruhig sein", sagt Yogeshwar.
Derzeit steckt er viel Energie in eine Wissensplattform im Internet, die vor allem Kindern und Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien den Zugang zu "guten Erklärern" ermöglicht - Experten, die Yogeshwar organisiert. Ein Geschäftsmodell habe er nicht, auch keine kommerziellen Interessen. "Das Ganze führt mich so langsam an meine Grenzen", räumt er ein, der Aufwand sei enorm. Aber er hat sich in das Projekt verbissen, im November will er die Seite ins Netz stellen - und das werde er auch schaffen, sagt Ranga Yogeshwar. Aufgeben gilt nicht.
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Zur Person:
-Ranga Yogeshwar wird am 18. Mai 1959 in Luxemburg als Sohn einer Kunsthistorikerin und eines indischen Wissenschaftlers geboren.
-Nach dem Abitur studiert er an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen Physik und spezialisiert sich auf das Gebiet Elementarteilchen- und Astrophysik.
-Anschließend forscht er am Cern in Genf und am Kernforschungszentrum Jülich. Während des Kalten Krieges bemüht er sich um Aufklärung über Risiken von Atomenergie.
-Nach einer einjährigen Auszeit im Himalaja steigt er 1986 als Wissenschaftsredakteur beim WDR ein. Bis heute erzielt er in immer neuen Formaten hohe Einschaltquoten.
-Yogeshwar lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Hennef.
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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