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Dienstag, 18. Juni 2013
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Polina Semionova Sie tanzt mit dem Kopf

 ·  Mit einem Zigeunertanz bewarb sich Polina Semionova an der Bolschoi-Ballettschule in Moskau. Mit 17 Jahren, einer Luftmatratze und einem Vertrag als Primaballerina kam sie nach Berlin. Heute ist sie eine der berühmtesten Tänzerinnen der Welt.

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Fast ein bisschen unspektakulär sehen sie aus, die berühmten Zehen. Gerötet zwar, vielleicht ein wenig geschwollen, aber immerhin blasenfrei und schon gar nicht blutig. Die Nägel sind mit einem pinkfarbenen Lack bemalt, der einen seltsamen Kontrast bildet zu dem klassischen Ballettsaal mit Spiegelwand, Stangen und schwarzem Flügel in der Ecke. Schnell werden die Zehen denn auch wieder verpackt: Polina Semionova umwickelt sie mit geübten Griffen mit langen gelben Stoffbinden, bevor sie sie hinabsenkt in die Enge ihrer hellrosa Spitzenschuhe.

Ohnehin mag es Polina Semionova nicht, auf ihre Zehen reduziert zu werden. Ihre Füße sind Werkzeuge für sie, wie alle anderen Teile ihres Körpers auch. „Es wird oft vergessen, dass gute Tänzer sehr viel mit dem Kopf arbeiten müssen“, sagt sie. „Wer wie bescheuert Hunderte Pirouetten am Stück trainiert, wird kaum Erfolg haben. Wer intelligent nach zwei oder drei Versuchen analysiert, warum es nicht klappt, hat hinterher noch Kraft, es besser zu machen. Man muss auch mit dem Kopf tanzen, nicht nur mit den Beinen.“

Es sind Einsichten wie diese, die Polina Semionova ganz nach oben geführt haben. Die Erste Solotänzerin des Berliner Staatsballetts ist weit über die deutsche Hauptstadt hinaus gefragt. Gastspiele von Mailand bis Tokio machten sie international bekannt; in diesem Frühjahr wird sie zweimal an der Metropolitan Opera in New York zu sehen sein. Und nicht nur innerhalb der Ballettwelt gilt die gebürtige Russin als Ausnahmetalent. Polina Semionova ist eine der wenigen klassischen Tänzerinnen, die auch Zuschauer fern dem etablierten Ballettpublikum in ihre Vorstellungen lockt. Seit sie im Jahr 2003 zusammen mit Herbert Grönemeyer das Musikvideo „Demo“ aufnahm, in dem sie auf Spitzenschuhen zu Grönemeyers Popmusik tanzt, wurde sie quasi über Nacht einem breiten Fernsehpublikum bekannt (Zum Grönemeyer-Musikvideo „Demo”). Per Internet verbreitete sich das Video auf der ganzen Welt. Bis heute gilt Semionova als erster Ballettstar des Web 2.0. Ihr internetaffines Image pflegt sie per Facebook - auf ihrer Seite tummeln sich fast 90.000 Fans.

Polina Semionova: Sie tanzt mit dem Kopf

Zum Ballett kam sie über eine Kette von Zufällen

Vielleicht findet Polina Semionova aber nicht zuletzt deshalb Zugang zu vielen Menschen außerhalb der Ballettwelt, weil sie selbst nicht aus dieser Welt stammt. Aufgewachsen ist die heute Sechsundzwanzigjährige im 11. Stock eines Plattenbaus am Stadtrand von Moskau. Ihre Mutter arbeitete als Englischlehrerin, ihr Vater als Biotechnologe. Keiner der beiden hatte je etwas mit Tanzen zu tun. Zum Ballett kam Polina Semionova über eine Kette von Zufällen: Ihr zwei Jahre älterer Bruder wurde beim Schlittschuhfahren auf einem See von einem Eiskunstlauftrainer beobachtet - und quasi auf der Stelle für den Profisport rekrutiert. Weil die damals sechs Jahre alte Polina ihrem Bruder fast alles nachmachte, bettelte sie, bis ihre Eltern sie ebenfalls zum Eiskunstlauf schickten. Und weil der Bruder nach einem Wachstumsschub die Empfehlung bekam, zum Ballett zu wechseln, wechselte auch Polina: „Unsere Eltern konnten nicht ständig zwei Kinder zum Training an entgegengesetzten Enden der Stadt fahren.“

An die Aufnahmeprüfung an der legendären Bolschoi-Ballettschule erinnert sich Semionova genau. „Erst wurden wir gewogen, dann wurden Beine und Füße vermessen. Ein Zeh durfte nicht viel länger als die anderen sein - sonst kann man später nicht stabil auf der Spitze stehen.“ Anschließend mussten die Kinder zu einem Musikstück den Takt klatschen. Schließlich sollte jeder einen eigenen Tanz vorzeigen. Da Polina bis dato keinerlei Balletterfahrung hatte, führte sie der überraschten Jury „eine Art wilden Zigeunertanz“ vor. „Die Jury war sich danach ein bisschen uneinig, was sie mit mir anfangen sollten.“ Schließlich beschloss man, die kleine Polina in eine vorläufige Ballettklasse aufzunehmen.

„Der Spagat zwischen zwei Stühlen war vergleichsweise harmlos“

Der Druck, sich ständig unter Beweis stellen zu müssen, bestimmte ihre Schulzeit. „Mein heutiger Alltag als Primaballerina ist natürlich sehr stressig“, sagt Semionova. „Trotzdem hatte ich als Kind noch deutlich mehr Stress.“ Zu einem langen Trainingstag kamen dann noch die Hausaufgaben. „Häufig saß ich bis Mitternacht am Schreibtisch.“ In der Freizeit stachelten sich die Bolschoi-Schüler außerdem zu ziemlich verrückten Trainingsmethoden an. „Der Spagat zwischen zwei Stühlen war da noch vergleichsweise harmlos“, erinnert sich Semionova. „Eine krasse Sache war, den 200 Meter langen Schulflur entlangzulaufen, indem man sich nur mit den Zehen am Boden festkrallte und sich zentimeterweise nach vorn schob. Wir glaubten, das würde unsere Füße stärken.“

Stand Polina als Kind beim Training oft eher in der Ecke, änderte sich das schlagartig im Alter von 17 Jahren. Vladimir Malakhov, heute Intendant des Staatsballetts Berlin, war damals zu Gast in Moskau und beobachtete das Mädchen während einer Übungsstunde. Spontan bot er ihr ein einjähriges Stipendium an - und ließ sie von diesem Zeitpunkt an nicht mehr aus den Augen. Im selben Jahr gewann Semionova völlig überraschend die Goldmedaille beim Internationalen Ballettwettbewerb und wurde erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Nach ihrem Abschluss an der Ballettschule wäre die normale Karriere für eine Schülerin wie sie ein Engagement am Bolschoi-Theater gewesen. Gruppentänzerin, halbe Solistin, Solotänzerin, Primaballerina - so verläuft der Aufstieg unter Ballerinen normalerweise. Und so wäre er in ihrem Fall womöglich in Moskau verlaufen. Semionova aber erhielt ein außergewöhnliches Angebot aus Deutschland: Vladimir Malakhov, der gerade in Berlin mit dem Staatsballett eine völlig neue Kompanie gründete, engagierte sie vom Fleck weg als Erste Solotänzerin.

„Meine ersten Tage in Deutschland waren sehr schwierig“, erinnert sich Semionova. „Ich war noch minderjährig, durfte keinen Mietvertrag unterschreiben und kein Bankkonto eröffnen.“ Davon abgesehen sprach sie ausschließlich Russisch. Kollegen leisteten schließlich die nötigen Unterschriften, und Semionova zog mit ihrer Luftmatratze und ihrem Hartschalenkoffer, den sie als Tischchen nutzte, in eine kleine Wohnung. „Möbel hatte ich keine“, sagt sie. „Mein letztes Geld ging für die vielen Hotelübernachtungen drauf, die nötig waren, bevor ich die Wohnung gefunden hatte. Die erste Gage nach einem Monat war wie ein Vermögen für mich.“ In Berlin fühlte sich Semionova anfangs einsam. „Die Stadt kam mir im Vergleich zu Moskau ausgestorben vor. Und wenn ich aus dem Theater nach Hause kam, war auch dort niemand. Keine Eltern, keine Geschwister. Das war ich nicht gewohnt.“

„Manche Tänzer schlucken jeden Tag Voltaren“

Die deutsche Presse allerdings feierte sie nach kürzester Zeit als „Baby Ballerina“. Semionova wurde zur gefragten Interviewpartnerin, weil sie ungeschminkt über den Profitänzer-Alltag erzählte: Von den Risiken, sich die Zähne auszuschlagen, wenn der Partner die Tänzerin bei Hebungen nicht richtig festhält. Oder von den ständigen Muskelschmerzen. „Manche Tänzer schlucken jeden Tag Voltaren“, sagt sie. Das Schlimmste aber sei, wenn Ballettmeister ihre Schüler als faul oder fett beschimpften. „Mit dem Gewicht hatte ich zum Glück nie ein Problem - ich kann essen, was ich will, und nehme nicht zu.“ Mit dem Beschimpftwerden allerdings hat auch sie in ihrer Schulzeit zur Genüge Erfahrungen gemacht.

Heutzutage freilich sind solche Probleme längst Vergangenheit. Heutzutage fordert man nicht mehr von ihr, dass sie sich Mühe gibt - man gibt sich Mühe mit ihr. In Berlin genehmigt man ihr jedes internationale Gastspiel bereitwillig. „Sonst könnten wir jemanden wie Polina gar nicht bei uns halten“, sagt Marie-Therese Volkmer vom Berliner Staatsballett. „Dann wäre sie längst auf und davon.“ Denn Semionova plagt schon eine neue Sorge: „Ich bin jetzt 26 - das ist noch ganz o.k.“, sagt sie. Ab 30 aber gilt eine Ballerina bereits als alt. Länger als bis 40 dauert kaum eine Karriere. Vorher will Semionova so viel wie möglich mitnehmen. Es gehe dabei um den Applaus, sagt sie, nicht ums Geld. Die Zahlen sprechen jedoch eine leicht andere Sprache: Im Durchschnitt verdient eine Solotänzerin nach Angaben des Staatsballetts etwa 4200 Euro im Monat. Sehr gute Solisten handeln ihre Gagen auf etwas mehr als 6000 Euro hoch. Kaum genug, um mit 40 ausgesorgt zu haben.

Einen Plan B für ihr Leben nach dem Profitanz hat Polina Semionova bis jetzt noch nicht. „Ich will auf jeden Fall eine Familie und Kinder.“ Zum Ballett schicken allerdings wird sie ihre Kinder nicht. „So gut mein Weg bislang verlaufen ist - Tänzerkarrieren stecken voller Risiken und Qualen. Das einmal in seinem Leben durchzumachen ist ok. Zweimal wäre mir zu viel.“

Zur Person

Polina Semionova wird 1984 in Moskau geboren. Mit acht Jahren beginnt sie an der Bolschoi-Schule mit dem Ballettunterricht.

Noch während der Schulzeit gewinnt sie die Goldmedaille beim Internationalen Ballettwettbewerb.

2002 wird sie von der Schule weg als Erste Solotänzerin des Staatsballetts Berlin engagiert. Ein Jahr später tritt sie im Video zu Herbert Grönemeyers „Demo“ auf.

Ihr älterer Bruder Dmitry tanzt ebenfalls am Staatsballett Berlin. Ihre jüngere Schwester Ksenia studiert Musik am Konservatorium in Moskau.

Buchtipp: Gerhard Haase-Hindenberg: „Polina - Von der Moskauer Vorstadt auf die großen Bühnen der Welt“

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1980, Redakteurin in der Wirtschaft.

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