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Veröffentlicht: 29.10.2012, 06:00 Uhr

Philipp Klais Er bringt die Pfeifen zum Sprechen

Philipp Klais darf an den schönsten Orten der Welt arbeiten und schafft dort Skulpturen des Klangs. Seine Orgeln sind in Amerika so gefragt wie in China.

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© Schoepal, Edgar Zu Hause in der Werkstatt: Der Bonner Orgelbauer Philipp Klais spielte schon als Kind zwischen Pfeifen und Holzstämmen.

Er hat einen Lieblingsort in dieser Werkstatt. An dem bunten Graffito mit dem surrealistischen Orgelmotiv vorbei, durch das Tor der Gelbklinkerfassade des späten 19. Jahrhunderts hindurch, über das Kopfsteinpflaster des Innenhofs hinweg: Hier ist das Holzlager der Manufaktur von Philipp Klais. Hier hält sich Deutschlands renommiertester Orgelbauer am liebsten auf. Hier spürt er, was seinen Beruf ausmacht: der Respekt vor der Natur, vor den Traditionen, der kreative Umgang mit dem Material, das die Jahrhunderte haben entstehen lassen.

Philipp Krohn Folgen:

200 Jahre alt sind die Eichenstämme, die hier lagern. Gefällt zum richtigen Zeitpunkt - bei abnehmendem Mond. „Wenn der Mond Meere heben und senken kann, kann er auch Einfluss auf den Wasserhaushalt des Holzes haben“, sagt Klais voller Überzeugung. Wissenschaftliche Belege gibt es dafür nicht. Aber die Aufzeichnungen des 130 Jahre alten Familienunternehmens zeigen es: Wurde der optimale Termin zum Fällen gewählt, litten die Instrumente später seltener an Schädlingsbefall. „Wenn ein Stamm 200 Jahre für uns wächst, ist es nur fair, auf den richtigen Zeitpunkt zu warten“, sagt Klais.

Alles andere als ein esoterischer Sonderling

Nun ist der, der das sagt, aber alles andere als ein esoterischer Sonderling. Klais ist Deutschlands Vorzeige-Orgelbauer. Der jugendlich gebliebene Rheinländer hat seit seiner Amtsübernahme 1995 das gemacht, was viele „Hidden Champions“ aus Deutschland auszeichnet: den technologischen Vorsprung eines kleinen Nischenanbieters in die Welt hinausgetragen und dabei die kulturellen Eigenheiten der Kunden immer besser verstanden.

Es ist etwas anderes, eine Orgel in Peking zu bauen als im neuseeländischen Auckland. Im venezolanischen Caracas muss sie anders klingen als in Marburg. „Es kommt darauf an, die sprachlichen Besonderheiten als einen Akzent aufzufassen, der sich im Klang der Orgel wiederfinden muss“, erklärt Klais. Als Orgelbauer müsse er die Intonation auf den Kulturraum ausrichten. Der „spitze Stein“ in Norddeutschland könne genauso hörbar werden wie der gutturale Charakter des Schwyzerdütsch. „Man kann Pfeifen zum Sprechen bringen“, sagt Klais.

„Die Werkstatt als Spielplatz“

Was für den Bonner so selbstverständlich ist, geht auf das gesammelte Wissen und die Kunst seiner Familie zurück, die sie in vier Generationen entwickelt hat - seit sein Urgroßvater 1882 die Manufaktur unweit von Ludwig van Beethovens Geburtshaus gründete. „Als kleines Kind erlebte ich die Werkstatt als Spielplatz“, erzählt Klais. „An Geburtstagen spielten wir Räuber und Gendarm. Man durfte überallhin, es gab viele Orte zum Verstecken.“ So werden ihm die Gerüche des Holzes und des geschmolzenen Zinns für die Pfeifen vertraut. Während Verhandlungen seines Vaters sitzt er mit im Büro. In der Pubertät lernt er die Techniken der Restauration, als er erstmals selbst an einer historischen Orgel Hand anlegt.

Stärker als seine zwei älteren Schwestern lässt sich der heutige Firmeninhaber auf das Traditionshandwerk ein, er empfindet die Reisen zu den großen Kathedralen Europas als spannend. „Ich wollte es aber nie zugeben. Denn mir wurde immer die Frage gestellt, ob ich den Betrieb mal fortführe. So kam es zu einer extremen Ablehnungshaltung“, sagt er. Als Schüler jobbt er in einer Filmproduktion, als leidenschaftlicher Fotograf kann er sich auch vorstellen, Kameramann zu werden. Der Journalismus reizt ihn genauso wie der Gedanke, Pilot zu werden.

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So ist es denn auch die internationale Perspektive seines Berufs, die ihn am Ende packt. Nach dem Abitur bietet ihm der Vater an, für ein Jahr fern des Elternhauses selbständiger zu werden. Als Montagelehrling eines Orgelbauprojekts geht Klais für zwölf Monate ins australische Brisbane. „Ich war vom ersten Tag an dabei, den Prozess zu erleben“, erinnert er sich. „Es war eindrucksvoll zu erleben, wie ein in Bonn gebautes Instrument entsteht. Und dann konnte ich bei den Proben im Queensland Culture Centre dabei sein. Man weiß also, wie das Instrument mit Leben gefüllt wird.“ Nichts im Leben habe ihn so bereichert wie der Orgelbau. Die Faszination des Instruments liege darin, dass ein einziger Spieler ein Klangbild erschaffe, das sonst nur ein gesamtes Orchester erzeugen könne.

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