Er hat einen Lieblingsort in dieser Werkstatt. An dem bunten Graffito mit dem surrealistischen Orgelmotiv vorbei, durch das Tor der Gelbklinkerfassade des späten 19. Jahrhunderts hindurch, über das Kopfsteinpflaster des Innenhofs hinweg: Hier ist das Holzlager der Manufaktur von Philipp Klais. Hier hält sich Deutschlands renommiertester Orgelbauer am liebsten auf. Hier spürt er, was seinen Beruf ausmacht: der Respekt vor der Natur, vor den Traditionen, der kreative Umgang mit dem Material, das die Jahrhunderte haben entstehen lassen.
200 Jahre alt sind die Eichenstämme, die hier lagern. Gefällt zum richtigen Zeitpunkt - bei abnehmendem Mond. „Wenn der Mond Meere heben und senken kann, kann er auch Einfluss auf den Wasserhaushalt des Holzes haben“, sagt Klais voller Überzeugung. Wissenschaftliche Belege gibt es dafür nicht. Aber die Aufzeichnungen des 130 Jahre alten Familienunternehmens zeigen es: Wurde der optimale Termin zum Fällen gewählt, litten die Instrumente später seltener an Schädlingsbefall. „Wenn ein Stamm 200 Jahre für uns wächst, ist es nur fair, auf den richtigen Zeitpunkt zu warten“, sagt Klais.
Alles andere als ein esoterischer Sonderling
Nun ist der, der das sagt, aber alles andere als ein esoterischer Sonderling. Klais ist Deutschlands Vorzeige-Orgelbauer. Der jugendlich gebliebene Rheinländer hat seit seiner Amtsübernahme 1995 das gemacht, was viele „Hidden Champions“ aus Deutschland auszeichnet: den technologischen Vorsprung eines kleinen Nischenanbieters in die Welt hinausgetragen und dabei die kulturellen Eigenheiten der Kunden immer besser verstanden.
Es ist etwas anderes, eine Orgel in Peking zu bauen als im neuseeländischen Auckland. Im venezolanischen Caracas muss sie anders klingen als in Marburg. „Es kommt darauf an, die sprachlichen Besonderheiten als einen Akzent aufzufassen, der sich im Klang der Orgel wiederfinden muss“, erklärt Klais. Als Orgelbauer müsse er die Intonation auf den Kulturraum ausrichten. Der „spitze Stein“ in Norddeutschland könne genauso hörbar werden wie der gutturale Charakter des Schwyzerdütsch. „Man kann Pfeifen zum Sprechen bringen“, sagt Klais.
„Die Werkstatt als Spielplatz“
Was für den Bonner so selbstverständlich ist, geht auf das gesammelte Wissen und die Kunst seiner Familie zurück, die sie in vier Generationen entwickelt hat - seit sein Urgroßvater 1882 die Manufaktur unweit von Ludwig van Beethovens Geburtshaus gründete. „Als kleines Kind erlebte ich die Werkstatt als Spielplatz“, erzählt Klais. „An Geburtstagen spielten wir Räuber und Gendarm. Man durfte überallhin, es gab viele Orte zum Verstecken.“ So werden ihm die Gerüche des Holzes und des geschmolzenen Zinns für die Pfeifen vertraut. Während Verhandlungen seines Vaters sitzt er mit im Büro. In der Pubertät lernt er die Techniken der Restauration, als er erstmals selbst an einer historischen Orgel Hand anlegt.
Stärker als seine zwei älteren Schwestern lässt sich der heutige Firmeninhaber auf das Traditionshandwerk ein, er empfindet die Reisen zu den großen Kathedralen Europas als spannend. „Ich wollte es aber nie zugeben. Denn mir wurde immer die Frage gestellt, ob ich den Betrieb mal fortführe. So kam es zu einer extremen Ablehnungshaltung“, sagt er. Als Schüler jobbt er in einer Filmproduktion, als leidenschaftlicher Fotograf kann er sich auch vorstellen, Kameramann zu werden. Der Journalismus reizt ihn genauso wie der Gedanke, Pilot zu werden.
So ist es denn auch die internationale Perspektive seines Berufs, die ihn am Ende packt. Nach dem Abitur bietet ihm der Vater an, für ein Jahr fern des Elternhauses selbständiger zu werden. Als Montagelehrling eines Orgelbauprojekts geht Klais für zwölf Monate ins australische Brisbane. „Ich war vom ersten Tag an dabei, den Prozess zu erleben“, erinnert er sich. „Es war eindrucksvoll zu erleben, wie ein in Bonn gebautes Instrument entsteht. Und dann konnte ich bei den Proben im Queensland Culture Centre dabei sein. Man weiß also, wie das Instrument mit Leben gefüllt wird.“ Nichts im Leben habe ihn so bereichert wie der Orgelbau. Die Faszination des Instruments liege darin, dass ein einziger Spieler ein Klangbild erschaffe, das sonst nur ein gesamtes Orchester erzeugen könne.
Nach dieser Erfahrung steht der Entschluss fest. Seine Ausbildung als Orgelbauer beginnt Klais mit 20 Jahren im Elsass. Unterbrochen vom Zivildienst, schließt er die Ausbildung fünf Jahre später im elterlichen Betrieb ab. Parallel sammelt er an der Bonner Universität alle Scheine für ein Studium der Kunstgeschichte, des Städtebaus und der christlichen Archäologie. „Den Professoren begegnete ich oft in ihren zwei Funktionen: als Lehrer und als Denkmalpfleger. In den Vorlesungen hörte ich etwas über die Sünden moderner Menschen und war Stunden zuvor einer derer, die diese Sünden als Restaurator begehen wollten.“
„Ich reise sehr gern“
Das Studium schließt er nicht ab, weil er früh Vater wird und der eigene Vater zunehmend auf seine Fähigkeiten setzt. Jeden Tag tauschen sie sich beim Frühstück aus. „Vorher hatten wir zwei Meinungen, danach eine“, sagt er schmunzelnd. Drei Jahre später überträgt ihm Hans-Gerd Klais die volle Verantwortung - früher als gedacht.
Was seine Vorgänger vorgedacht haben, führt Philipp Klais nun fort: Mit der Manufaktur, die unter anderem den Kölner Dom ausgestattet hat, expandiert er in die weite Welt. „Ich bin sprachenlustig und ein bisschen ein Zigeuner: Ich reise sehr gern. Und durch die modernen Kommunikationsmöglichkeiten ist die Welt kleiner geworden“, sagt er. 180 Tage im Jahr ist Klais unterwegs. In Dänemark für ein Projekt, in London für eine Ausschreibung, in China mit Kunden, die seine Arbeiten im National Grand Theatre von Peking oder in der Christian Church von Hongkong schätzen.
„In den schönsten Räumen der Welt“
Seine Orgeln sehen so unterschiedlich aus wie die Orte, an denen sie stehen: bombastisch-kühl in Peking, futuristisch in der Marburger Elisabethkirche, verspielt im Athener Konzerthaus. „Wir wollen individuelle Orgeln, die auf die Architektur abgestimmt sind, aber auch die Sprache, die Kultur und die Musik“, sagt er. Es gebe keine standardisierte Klais-Orgel, die in jeden Raum hineinpasse. Jedes Projekt passt er an die räumlichen und klanglichen Gegebenheiten an. Dafür hält er sich mit seinen Mitarbeitern lange in den alten Kirchenräumen oder modernen Konzertsälen auf. „Wir haben das Glück, in den schönsten Räumen der Welt zu arbeiten. Und wir arbeiten mit den Schöpfern dieser Räume zusammen, die oft klare Vorstellungen haben“, sagt Klais. Zumeist kann er erst Jahre nach dem Bau den Klang eines Instruments unbefangen genießen, wenn einer der Virtuosen die Pedale und Tasten bedient.
Seine Internationalisierung hat der Orgelbaumanufaktur Klais das Überleben erleichtert. Viele der noch rund 150 Wettbewerber in Deutschland tun sich schwerer. Doch auch das eigene Entwicklungspotential ist begrenzt. Mit seinen 65 Mitarbeitern kann Klais vier größere Neubau- oder Restaurationsprojekte im Jahr stemmen. Zwischen fünf und sechs Millionen Euro Umsatz erzielt er dabei. Doch selbst bei seinem Renommee strampelt er noch gehörig, um an Aufträge zu kommen. Für eine Zusage muss er sich an vier bis fünf Ausschreibungen beteiligen.
Das Unternehmen soll ein Familienbetrieb bleiben
Erfolgreich war sein Werben um den Auftrag in der Hamburger Elbphilharmonie. Zwar verschiebt sich der Baubeginn immer weiter nach hinten. Aber Klais ist anzumerken, wie er sich auf diese Orgel freut. „Es ist ein gewaltiger Mut einer Stadt, ein Gebäude der Kultur an die Spitze der Stadtentwicklung zu stellen“, sagt er begeistert. Wenn Touristen und Besucher interessiert das Gebäude anschauten, bestünde auch eine große Chance, das Interesse an der Orgelkunst zu wecken, hofft der vierfache Familienvater.
Über das Fortbestehen seines Unternehmens auch in der fünften Generation macht sich Klais keine Sorgen. Mehrere seiner Kinder hätten schon Interesse signalisiert. „Meine Kinder haben den Orgelbau mit der Muttermilch aufgesogen. Ich wünsche mir aber, dass sie erst einmal sehen, wie bunt und vielfältig die Welt ist“, sagt er. Schon genug konfrontiere sie die Außenwelt mit der Nachfolgefrage. Keines der Kinder solle dazu gedrängt werden. Zudem nimmt Klais auch Druck von ihnen, weil er selbst vor 17 Jahren so früh eingestiegen ist, dass er bis zum gesetzlichen Rentenalter theoretisch noch zwei Jahrzehnte Zeit hat. „Ich wünsche mir aber, dass die Übergabe nicht in zu weite Ferne rückt“, sagt er. Denn vielleicht packt auch ihn noch die Lust, sich in einem ganz anderen Beruf zu versuchen. Ideen und Neugier hat er genug.
Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...
... guter Laune, ausgeschlafen und mit viel Begeisterung für die Arbeit.
Die Zeit vergesse ich ...
... viel zu selten, nehme mir das aber fest für die Zukunft vor.
Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...
... der versteht es nicht als Geschäft.
Erfolge feiere ich ...
... mit meiner Familie und meinem Team.
Es bringt mich auf die Palme, ...
... wenn sich Mittelmäßigkeit aus Bequemlichkeit durchsetzt.
Mit 18 Jahren wollte ich ...
... alles werden außer Orgelbauer.
Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...
... wetten, dass der 1. FC Köln Deutscher Meister wird.
Geld macht mich ...
... unabhängig, aber nicht glücklich.
Rat suche ich ...
... bei vielen lieben Menschen und so gut wie nie im Internet.
Familie und Beruf sind ...
... nicht unvereinbar.
Den Kindern rate ich, ...
... viel Obst und Gemüse zu essen und sich für das Leben zu begeistern.
Mein Weg führt mich ...
... über viele Berge ans Ziel.
Zur Person
- Philipp Klais wird 1967 als Sohn des Orgelbauers Hans-Gerd Klais in Bonn geboren.
- Er wächst in der Manufaktur seines Vaters auf. Mit 20 beginnt er eine Orgelbaulehre im Elsass und in Deutschland. Parallel studiert er Kunstgeschichte, Städtebau und christliche Archäologie.
- Klais hat Orgeln in Kuala Lumpur, New York, Caracas und Peking gebaut. Eines der nächsten Werke entsteht in der Elbphilharmonie in Hamburg.
- Er lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Bonn.
