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Paola Antonelli Einmal Himmel und zurück

 ·  Designfans pilgern ins Museum of Modern Art. Das Sagen dort hat Paola Antonelli. Über eine Italienerin, die ins Weltall wollte und in New York landete.

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Mit 48 hat man noch Träume. Zum Beispiel den Traum, eine Boeing 747 zu besitzen, jenes Flugzeug, das während seiner Entwicklung in den sechziger Jahren Avantgarde und Luxus verkörperte und heute eines der meistgenutzten auf der Welt ist. Das Entfernungen zwischen Städten schrumpfen lässt und Fernweh heilt. Dieses Flugzeug mit dem charakteristischen Buckel hat es Paola Antonelli angetan. Nur zu gerne hätte sie eines davon in ihrer Sammlung, nicht physisch, es soll weiter fliegen, mit einer Ordnungsnummer auf der Außenhaut. Bislang aber wollte sich keine Fluggesellschaft auf so eine Kooperation einlassen. Paola Antonelli muss vorerst weiter träumen.

Es ist nicht leicht, noch Träume zu haben, wenn man in seinem Berufsleben schon so viel erreicht hat wie die Frau mit den langen, dunkelblonden Haaren und der orangen Handtasche, ihrer Lieblingsfarbe. Paola Antonellis Arbeitsplatz ist das New Yorker Museum of Modern Art, kurz MoMA. 11 West 53 Street, mitten in Manhattan, ein Ort, der Kunstfreunde aus aller Welt magisch anzieht. Antonelli hat dort eine Schlüsselposition inne: Sie leitet die Abteilung für Design und Architektur, konzipiert die Ausstellungen, sucht nach neuen Objekten für die Sammlung des Museums.

Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, wenn sie mit großer Selbstverständlichkeit die Namen von bekannten und weniger bekannten Designern herunterrattert, in fließendem Englisch, aber mit italienisch gerolltem „r“, erwartet man nicht, dass ihr Weg dorthin von Irrtümern gesäumt war. Dass es einst ihr Traum war, Astronautin zu werden. Dass sie, das kleine Mädchen aus Sardinien, sich im Alter von neun Jahren bei der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa bewarb. „Sie schrieben mir sehr nett zurück, dass ich Mathe oder Physik studieren und auf meine Zähne achten solle.“ Begründung: Plomben hielten dem Druck im All nicht stand. „Mit elf Jahren hatte ich das erste Loch. Ich war niedergeschmettert.“

Danach änderten sich ihre Berufspläne im Jahresrhythmus. Zwei Jahre studierte sie in Mailand Wirtschaftswissenschaften, dann wechselte sie zu Architektur. Doch auch dort wurde sie nicht glücklich. „Ich habe ein halbes Jahr als Architektin gearbeitet, und ich habe es gehasst“, erzählt sie. „Das dauert alles so lange. In Italien gilt man immer noch als junger Architekt, wenn man 65 ist.“ Nach dieser Erkenntnis fing Antonelli an, über das zu schreiben, was sie studiert hatte. Als freie Journalistin der Zeitschriften „Domus“ und „Abitare“ empfand sie zum ersten Mal so etwas wie Spaß für ihre Arbeit.

Spiegel der Wirklichkeit

„Meine Aufgabe ist es, mir die Wirklichkeit anzuschauen und den Menschen zu spiegeln.“ So hat sie es damals als Journalistin gemacht, so macht sie es auch heute im Moma. Menschen entwerfen über das Internet T-Shirts nach persönlichen Vorlieben – Antonelli zeigt eine Ausstellung über die Materialvielfalt (1995). Alte Fabriketagen werden zu Bürolofts mit Kickertischen – Antonelli zeigt die neue Arbeitswelt (2001). Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 herrscht Angst – Antonelli zeigt, welche absurden Formen das Sicherheitsbedürfnis zuweilen annimmt (2005). „Designer sind mehr als reine Formgeber, sie schreiben Drehbücher für Gespräche. Ich will die Leute dort berühren, wo es weh tut.“

Das MoMA komme dem Paradies ziemlich nahe, hat Antonelli mal gesagt. Ihre Begeisterung für diese Arbeit, für diesen Arbeitsplatz ist ungebrochen. „I love MoMA“, das sagt sie mehr als einmal. Ein Traumjob, von dem sie nie geträumt hat. Dass sie überhaupt Kuratorin wurde, hat sie schlicht einer Stellenanzeige des Museums zu verdanken. 1994 war das, im „I.D. Magazine“, einer Designzeitschrift. Antonelli war zu dieser Zeit nach Amerika umgezogen. Sie hatte einen Lehrauftrag an der University of California in Los Angeles, sie hatte sich durch ihre Arbeit als Autorin einen Namen gemacht, aber keine Pläne, wo das alles einmal hinführen sollte. Mehr aus einer Laune heraus schickte sie eine Bewerbung los – und war überrascht, als sie nach dem Vorstellungsgespräch die Zusage bekam. „Das war sehr mutig, ich hatte ja noch nie in einem Museum gearbeitet.“

Erste Amtshandlung: einen Mac fordern

Das hinderte Antonelli nicht daran, gleich anzuecken. Der Allerwelts-Computer auf ihrem Schreibtisch missfiel ihr. Also schrieb sie ein zweiseitiges Memo an ihren Vorgesetzten, in dem sie um einen Rechner von Apple bat. Sie bekam ihren Mac, sehr zum Ärger der IT-Abteilung, die sich damit nicht auskannte. Frechheit siegt? „Es war ein sehr respektvolles Memo“, betont Antonelli. „Ich habe nicht geschrieben: Ich will einen Mac. Sondern: Ich benötige einen Mac, weil Designer mit Macs arbeiten. Das ist ein großer Unterschied.“ Heute gehören Macs im MoMA zur Standardausstattung der Mitarbeiter.

Auch in der 4500 Objekte umfassenden Designsammlung des Museums finden sich etliche aus dem Hause Apple. Antonelli ist technikaffin. Besonders stolz ist sie darauf, das @-Zeichen von Ray Tomlinson zum Teil der Sammlung gemacht zu haben. Schon die Mönche im Mittelalter hätten diese Verbindung der Buchstaben a und d genutzt. Antonellis Begeisterung alleine reicht jedoch nicht aus, um etwas mit dem MoMA-Stempel zu adeln. Daran ändert auch nichts, dass sie inzwischen zur Chefkuratorin aufgestiegen ist. Sie kann nur Vorschläge machen, die Entscheidung obliegt dem Akquisitionskomitee, auch wenn ein Objekt wie das @ nichts kostet, weil es Allgemeingut ist. Antonellis Arbeitstage bestehen aus Überzeugungsarbeit, aus Besprechungen. Dazwischen hetzt sie schnell für eine halbe Stunde ins Fitnessstudio. „Typisch New York, verrückt eben.“ Die besten Ideen kommen ihr in der Luft, wenn sie im Flugzeug sitzt, nicht erreichbar ist. „Ich kann dort sehr gut denken.“

Auf der Suche nach Skurrilitäten

In ihren Ausstellungen zeigt Antonelli nur wenige Stücke aus der Sammlung des Museums, stattdessen stöbert sie überall auf der Welt nach Skurrilitäten. Bevorzugt in den Abschlussklassen der einschlägigen Hochschulen, etwa dem Royal College of Art in London. Beigebracht hat ihr diese Vorgehensweise niemand. „Learning by doing“, sagt sie lapidar, „jeder Kurator arbeitet anders.“ Ende Juli startet ihre neue Ausstellung. „Talk to Me“, der Titel ist, wie so oft, eine Anlehnung an einen Film, in diesem Fall „Talk to Her“ von Pedro Almodóvar. Es geht um die Kommunikation zwischen Mensch und Technik; gerade hat Antonelli dafür einen Gebetsteppich für Muslime entdeckt, der aus lauter kleinen LED-Lämpchen besteht. Sie leuchten, wenn sich der Gläubige in die richtige Richtung, also gen Mekka, verneigt.

Wie viele Besucher eine Ausstellung sehen ist für Antonelli kein Gradmesser des Erfolgs. „Es kommen immer viele, weil es das MoMA ist“, sagt sie. Eher interessiert sie, was andere über ihre Ausstellungen schreiben. Nicht Journalisten, die hält die ehemalige Journalistin für nicht mehr so wichtig. Was sie interessiert, sind die Einträge in Blogs und auf Twitter. Diese verfolgt sie eifrig. Sie selbst hält sich in den sozialen Netzwerken zurück. „Ich habe einen Facebook-Account, aber ich nutze ihn nicht. Ich bekomme 300 Mails am Tag, das reicht.“

Ein Schreibtisch für 50 Dollar

Abends schaltet sie in ihrer Wohnung ab, die – so sagt Antonelli es zumindest – keineswegs einem Möbelkatalog gleiche. Viel Orange („damit fühle ich mich gut“), viel Holz. Eines der wenigen Designerstücke sei eine Arco-Lampe, vom italienischen Designer Achille Castiglioni. Ihr Schreibtisch dagegen stammt aus einem Hotel. Dem Dorset Hotel, um genau zu sein, das früher einmal dort stand, wo heute das MoMA steht. 50 Dollar hat Antonelli für den Tisch gezahlt. Er ist ein gutes Beispiel dafür, was sie unter gutem Design versteht: eine Geschichte, keine glänzende Oberfläche.

Gibt es ein Leben nach dem MoMA? Wovon träumt sie heute, mal abgesehen von dem Jumbo? „Das ist das große Problem“, sagt Antonelli und zuckt ratlos die Schultern. Ein anderes Museum reizt sie nicht, ein Direktorenposten auch nicht. Zu viel Verwaltungsarbeit. Vielleicht mal eine Ausstellung mit Karl Lagerfeld machen, er sei so neugierig, so offen für die Welt. „Neugierde ist das Wichtigste überhaupt. Intelligenz wird überbewertet.“ Oder vielleicht ein Forschungsinstitut, überlegt Antonelli weiter, wo sie Designer und Politiker zusammenbringen könnte. Aber dann schiebt sie wieder ein „I love MoMA“ hinterher, und damit ist das Thema erledigt.

Zur Person

Paola Antonelli kommt 1963 auf Sardinien zur Welt. Sie studiert Architektur in Mailand, schreibt später für „Domus“ und „Abitare“.

1994 fängt sie beim Museum of Modern Art (MoMA) in New York an. Seit 2007 ist sie Chefkuratorin für Architektur und Design.

Zu ihren bekanntesten Ausstellungen zählt „Safe“, eine Dokumentation des Sicherheitsbedürfnisses nach den Anschlägen von 2001.

2010 gewinnt Antonelli den mit 50 000 Euro dotierten Lucky Strike Designer Award. Sie ist verheiratet und lebt in New York.

Lesen Sie auch: Paola Antonelli: Ich über mich

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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