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Nikolaus Gelpke : Der Taucher im Speicher

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Die Zeit in Halifax. „Das war ziemlich unglaublich.“ Seminare an der Universität besuchte Gelpke nur sporadisch. Dafür sammelte er Erfahrungen bei der Frau, für die Thomas Mann, im ersten Jahr nach ihrer Geburt, 1919 den „Gesang vom Kindchen“ erdichtet hatte. Bei einer Idealistin.

Elisabeth Mann Borgese: 1970 das einzige weibliche Gründungsmitglied im „Club of Rome“, Autorin des alarmierenden Sachbuchs „Das Drama der Meere“, Kopf der „Pacem in maribus“-Symposien und beteiligt an der Ausgestaltung eines neuen Seerechts. Eine linksliberale Botschafterin der Ozeane, wie man nach ihrem Tode 2002 schrieb. Nikolaus Gelpke brach auf die Nachricht hin zusammen. „Was ich ihr zu verdanken habe . . . “ Er schließt den Satz nicht ab. „Sie braucht das Meer, und das Meer braucht sie. Beide um zu überleben – und um ihrer Freiheit willen.“ So schrieb er es einmal. Er erkannte in ihr wohl sich selbst.

Schubert in Halifax gehört

Abends, wenn er auf den Atlantik hinausblickte im einsamen Haus in Halifax, hörte er sie Schubert spielen. Und kichern. Schlief die alte Dame ein, im Sessel, ein Weinglas in der Hand, suchte er es rechtzeitig vor dem Aufprall auf den Boden aufzufangen. Er suchte ihr Gespräch, wo immer es möglich war. Erst recht, nachdem ihre Bibliothek umgestürzt war: „Ich musste sie komplett neu ordnen. Ein System finden für diese Riesensammlung. Fast alle Bücher handelten vom Meer.“ In dieser Bibliothek will er erstmals gemerkt haben, wie endlos und vielfältig die Geschichten sind, die das Meer erzählt.

Die Mentorin überredete ihn zu einem Studium der Meereskunde in Kiel. Sie stellte ihm, wenn sie in Europa war, Persönlichkeiten vor wie Jacques Picard – „Ich durfte in einem seiner U-Boote später als Kopilot arbeiten“ – oder Michael Gorbatschow. Und sie hätte es gern gesehen, wenn Gelpke nach der Promotion bei ihr im Institut eingestiegen wäre.

Aber dazu kam es nicht. Zwar schrieb er eine Arbeit über den „Einfluss von Licht auf die Verfügbarkeit von Eisen für Phytoplankton“, war auch auf diversen Forschungsschiffen mit von der Partie. Doch vor der entscheidenden Prüfung war da diese Idee, entstanden beim Durchblättern einer „Spiegel“-Ausgabe: „Der ‚Spiegel‘ teilt die Welt auf in verschiedene Sparten“, er hat diese Geschichte schon oft erzählt, „ich fragte mich, ob sich nicht ganz ähnlich auch die Vielfalt des Meeres abbilden ließe. Mit einer Zeitschrift, die sich nur dem Meer widmet.“ Gemeinsam mit drei Freundinnen trieb er die Idee voran, bis aus ihr 1997 die erste Ausgabe von „Mare“ geworden war. Ohne die Frauen, sagt er, „wäre wohl nur ein Mitteilungsblatt für Meeressüchtige herausgekommen“.

Ein Himmelfahrtskommando

Eine monothematische Zeitschrift, zu einem Zeitpunkt, da Deutschlands Verleger jeden Glauben an lange Kulturreportagen und eine ruhige Optik über Bord warfen? Eigentlich ein Himmelfahrtskommando. Warum das trotzdem funktionierte, immer wieder preisgekrönt, mit Titelthemen wie „Muschel“, „Welle“, „Blau“ oder „Eis“: Es waren wohl die Optik, der Tonfall und die Sehnsucht, natürlich. Die Schwerpunktausgaben, an die man sich bis zur Umstrukturierung Ende 2006 hielt, sind längst zu Sammlerstücken geworden, oft vergriffen.

Der Artikel, den Gelpke selbst für die Erstausgabe von „Mare“ schrieb, nannte sich „Atlantische Sehnsucht“. Dass die Ausgabe auch ein Gelpke-Stück über Elisabeth Mann Borgese enthielt, so wie später auch der „marebuchverlag“ mit einem Buch von ihr eröffnete, verstand sich von selbst.

Es ist spät geworden im Eckbüro des Sandthorquaihofes. Gelpkes Haare sind zerzaust. Er hätte gern mehr erzählt, vom „International Ocean Institute“ vor allem, das Elisabeth Mann Borgese einst gegründet hatte, dessen Stiftung er vorsteht. Doch heute geht das nicht. Erst ein Bewerbungsgespräch. Dann die Klausurtagung der Redaktion in Hiddensee. Und hinter ihm, auf einem Sofa, hängen Druckfahnen über der Lehne. Es sind große, blaue Aufnahmen vom Horizont. Und von Stränden, die Gelpke am liebsten im Winter mag, wenn sie einsam sind und leer. Das ist es, das „Mare“-Gefühl. Dreiviertel dieser Welt bestehen aus Wasser. Viel Raum für die Suche nach Freiheit, Stille, Schwerelosigkeit.

Zur Person

  • Nikolaus Gelpke wird 1962 in Zürich geboren. Er wächst in der Schweiz und in Italien auf. Nach dem Abitur lebt er bei der Seerechtlerin Elisabeth Mann Borgese in Kanada.
  • Ab 1984 studiert er in Kiel Meeresbiologie, arbeitet aber auch als Taucher etwa für Jacques Piccard.
  • 1997 gründete Nikolaus Gelpke die Kulturzeitschrift „Mare“, die alle zwei Monate erscheint. Hinzu kamen später der „marebuchverlag“ und „mare tv“.
  • Gelpke ist verheiratet und lebt in Kiel - am Meer, natürlich.

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