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Nele Neuhaus : Die Krimikönigin aus der Vorstadt

Von der zweiten in die erste Reihe: Der Erfolg von Nele Neuhaus hat viele überrascht Bild: Rainer Wohlfahrt / F.A.Z.

Jahrelang stand sie beruflich in der zweiten Reihe. Doch plötzlich ist Nele Neuhaus eine der meistgelesenen Krimiautorinnen in Deutschland - und kann es selbst kaum fassen.

          Nele Neuhaus ist im Rausch, im Rausch des Erfolgs. Sie spricht viel und schnell. Sie lächelt, sie lacht, sie haut mit der Faust auf den Tisch, sie fasst sich ans Herz. „Wenn mir das jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, ach vor einem Jahr - ich hätte es niemals geglaubt. Es ist eine Sensation.“ Niemals hätte sie geglaubt, dass sie einmal eine der meistgelesenen Krimiautorinnen Deutschlands sein würde. Sie, die Bürgersfrau aus dem Vordertaunus, die in den vergangenen zwanzig Jahren ihre Vormittage in der Fleischfabrik ihres Mannes und ihre Nachmittage im Reitstall verbracht hat. Die mit Mann und Hund ein großzügiges Haus in einer ruhigen Wohngegend bewohnt, mit Marmorboden, weißen Ledersofas und Kunst an den Wänden.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Geschrieben hat sie auch, meistens am Abend. Beim Schreiben flüchte sie in eine andere Welt, sagt sie. Wie Urlaub sei das. Denn richtigen Urlaub hat sie schon seit zweiundzwanzig Jahren nicht mehr gemacht. Das sei nicht gegangen. „Die Selbständigkeit, die Pferde, die Reitturniere“, zählt sie auf. Weil sie menschliche Abgründe faszinierend findet, fing sie an, Krimis zu schreiben. „Das ist eine ganz andere Welt als die, in der ich lebe“, sagt sie. In ihrem ersten Roman, den sie vor acht Jahren geschrieben hat, reiste Neuhaus in Gedanken nach New York und tauchte ein in die Welt der Wirtschaftskriminalität und des Investmentbankings. Weil sie sich darin nicht auskannte, recherchierte sie gründlich. Sie las Bücher über Computer-Hacking und eignete sich Fachbegriffe an. Auf dem Stadtplan plante sie die Stationen der Handlung, denn sie kannte New York kaum. Als das Buch fertig gewesen sei, hätten ihr Fachleute bestätigt, dass alles stimme, sagt Neuhaus.

          Plötzlich könnte sich auch gut von ihrem eigenen Geld leben

          Sie sagt es nicht angeberisch; das liegt ihr fern. Eher ist sie zu bescheiden. „Das ist mein großes Problem“, bekennt sie. Bisher hat sie sich meistens in der zweiten Reihe aufgehalten: Sie hat ihrem Mann in der Firma geholfen, sie hat die Pferde gepflegt, die er auf Turnieren mit einigem Erfolg ritt. Doch plötzlich könnten sie auch von dem Geld leben, das sie mit ihren Büchern verdient. „Gut davon leben“, sagt sie. Für ihren Mann, der zwanzig Jahre älter ist als sie, sei es schwierig, dass sie nun eine Sache für sich habe. Zumal er, der noch nie ein Buch gelesen habe, nicht verstehe, warum sie schreibe. „Ständig hat er gesagt, mach doch etwas Gescheites.“ Das habe sie nicht abgehalten, sondern angespornt: „Ich musste es ihm beweisen.“ Dass sie nun in der ersten Reihe steht, gefällt ihr - und ist ihr unheimlich zugleich. Einmal ist sie voller Genugtuung darüber, „dass ich manchen nun zeigen kann, dass ich wirklich gut bin“. Dann steckt sie wieder zurück und sagt: „Ich will gar nicht im Vordergrund stehen.“

          Das ist freilich nicht mehr möglich: In vierzehn Sprachen soll ihr Bestseller „Schneewittchen muss sterben“ übersetzt werden. Die Filmrechte fürs Fernsehen sind auch schon verkauft. 360.000 Mal ist „Schneewittchen“ bisher verkauft worden. Es ist das vierte Buch einer Reihe, in der ein Ermittlerduo Kriminalfälle löst. Der Erfolg von „Schneewittchen“ hat auch den drei Vorgängerbänden großen Auftrieb gegeben; jeder von ihnen hat sich schon 100.000 Mal verkauft. Auch in das neue Buch von Nele Neuhaus, das im Mai erscheint, setzt der Verlag große Erwartungen.

          Als „Schneewittchen“ im Juni 2010 herauskam, landete das Buch rasch auf der Spiegel-Bestsellerliste, wo es sich 30 Wochen hielt. Ein halbes Jahr später steht es dort unter den meistverkauften zehn Taschenbüchern. Bei Amazon war Neuhaus' Krimi gut zwei Monate lang auf Platz eins der Verkaufsliste - bis das Buch von Thilo Sarrazin erschien.

          Fleisch, Wurst und Bücherkartons

          „Unter Haien“ wollte vor acht Jahren kein Verlag drucken. Also nutzte Neuhaus „Books on demand“: Wer ihr Buch haben wollte, ließ es sich von einem Dienstleister ausdrucken. Wegen der geringen Auflage kostete ein Exemplar rund 18 Euro. Das war nicht wettbewerbsfähig. Der Preis sank deutlich, wenn ein paar hundert Exemplare ausgedruckt wurden. Also ließ Neuhaus 500 Stück à drei Euro drucken. Dann organisierte sie in einer Gaststätte im Nachbarort eine Lesung und lud alle ein, die sie kannte. Es kamen 250, es war kurz vor Weihnachten, und alle 500 Bücher wurden verkauft.

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